15. Kap./2 * Zur Einführung des Suggestionbegriffs

Erst Hippolyte Bernheim, dem Begründer der „Schule von Nancy“, gelang es im Gegenzug zu Jean-Martin Charcot, den Hypnotismus auf dem Boden seiner Suggestionslehre zu einer anerkannten Behandlungsmethode, ja zum Kernstück der Psychotherapie schlechthin zu machen. Seine Bedeutung für die Entwicklung der modernen Psychotherapie ist kaum zu überschätzen. Er war für Freud wahrscheinlich der bedeutendste Vordenker. Es sei hier nur erwähnt, dass Bernheim die Bedeutung der Wortsuggestion für die hypnotische Technik bei einem Kollegen in Nancy kennengelernt hatte, nämlich dem praktischen Arzt Ambroise August Liébeault, den Freud in seiner „Traumdeutung“ als den „Erwecker der hypnotischen Forschung in unseren Tagen“ bezeichnete.[1] Diesem „Erwecker“ wollen wir uns zunächst zuwenden.

Liébeault hatte bereits 1866 sein nachhaltig wirkendes Buch „Le sommeil et les états analogues“ veröffentlicht, dessen neue Auflage von 1889 ins Deutsche übersetzt wurde.[2] Darin dankte er seinen wissenschaftlichen Unterstützern, den „gelehrten Professoren“, allen voran Bernheim: „vor zwanzig Jahren war dies Buch ein Anachronismus; wie ich es jetzt herausgebe, verdankt es seinen wirklichen Eintritt in die strenge Wissenschaft den Arbeiten der gelehrten Professoren von Nancy“.[3] Selbstbewusst begrüßte er die „Morgenröthe des Ewachsens der öffentlichen Meinung“ und stellte fest, dass er nur eine neue Entwicklung dessen eingeleitet habe, „was man bereits unter der Bezeichnung: Einfluss des Geistes auf den Körper kannte. Ich habe als einer der Ersten seine wichtigste Bedingung, nämlich den künstlichen Schlaf, und als Erster seine mächtige Heilkraft angedeutet, die in der unmittelbaren oder mündlichen Suggestion während jenes Zustandes liegt.“

Liébeaults Schlüsselbegriff war die Aufmerksamkeit, die er auch als „Nervenkraft“ und als „wirkliche Schöpferin“ bezeichnete.[4] Sie fließe vom Gehirn in zwei großen Strömen auseinander: „einerseits bewusst, als Grundlage der animalen, andererseits unbewusst als Grundlage der vegetativen Lebenserscheinungen.“ Sie ermögliche, dass Sinneseindrücke, Wahrnehmungen und Empfindungen vor sich gehen, aber auch von den Gegenständen losgelöste Vorstellungen als „Früchte der Wahrnehmungen“ sich im Gedächtnis niederlegen und dort „Wirklichkeit annehmen“. Es komme zu zweierlei Empfindungen: Wenn Erinnerungsbilder wieder auftauchen, entstehen „centrifugale oder reproducirte Empfindungen“ bis hin zu Halluzinationen; wenn der Sinneseindruck und die Wahrnehmung zusammengehen, komme es zur einfachen oder „centripetalen Empfindung“. Bernheim übernahm offensichtlich dieses Modell von Liébeault. Die im Gedächtnis oder in Büchern niedergelegten Vorstellungen waren für Liébeault die „Elemente des Denkens“: „Denken heisst die Aufmerksamkeit auf die von den Sinnen gekommenen und in das Gedächtnis eingeprägten Stoffe wirken lassen; die Aufmerksamkeit ist die treibende Kraft, die Vorstellung ist der Stoff und das Gedächtnis der Herd.“[5] Diese Konstellation von Kraft, Stoff und Herd erinnert an die Arbeitsweise der Alchemie. Die Seelenarbeit wurde jedoch nicht in den Bauchorganen, etwa zwischen Magen und Milz wie bei Johan Baptista van Helmont, lokalisiert, sondern im Gehirn. Das Gedächtnis sei der Ofen, in dem die Vorstellungen als Stoffe nach Maßgabe der Aufmerksamkeit bearbeitet und verwandelt würden.

Für Liébeault hatte der Organismus eine doppelte Funktion: Er war einerseits „Bindeglied zwischen dem denkenden Wesen und der Aussenwelt“ und anderseits ein „Doppelgänger“, der „geschriebene Ausdruck“ des herrschenden Gedankens im Gehirn, „der unbewusst den Körper nach seinem Bilde zu formen und ihn unter Umständen bewusst und willkürlich zu verändern vermag.“[6] Hier zeigt sich eine Dichotomie zwischen Innen und Außen, bewusst und unbewusst. Die Aufmerksamkeit kann in ihrer normalen Verteilung durch einen Reiz oder das Denken aus dem Gleichgewicht geraten und sich „auf eine bestimmte Gehirnthätigkeit oder ein Organ des animalen Lebens richten und sich hier verdichten.“ Sie kann sich aber auch „auf die vegetativen Functionen ergiessen“. Sie kann sich „nach Art eines flüssigen Körpers“ örtlich sammeln und die Wirkung der betreffenden Organe steigern. Dieses Modell der Energieverteilung hatte bereits Johann Christian Reil in seiner Lehre von der „Lebenskraft“ entworfen. Doch nicht ihn zitierte Liébeault, sondern den französischen Physiologen François Bichat, der als „Grundgesetz der Vertheilung der Nervenkräfte“ festgestellt hatte, „dass sie in dem ganzen übrigen Körperhaushalt abnehmen, wenn sie in einem seiner Theile anwachsen“. Während des Schlafs oder ähnlicher Zustände komme es zu einer „Trägheit“ durch Verdichtung der Aufmerksamkeit, welche die Einwirkung des Gedankens auf den Körper wachsen lasse.

Liébeault behauptete, dass der gewöhnliche und der künstliche Schlaf auf ähnliche Weise entstünden. Der „Einschläferer“ bediene sich gegenüber dem „Medium“ derselben „geistigen Mittel“, durch die man auch in den gewöhnlichen Schlaf gelange: „die Ueberzeugung schlafen zu können, die Einwilligung in das Schlafen, die Abschliessung der Sinne, die Sammlung der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Gegenstand oder Gedanken, und zwar gewöhnlich auf den Gedanken an das, was der Geist selbst erstrebt.“[7] Entscheidend sei das „Haften der Aufmerksamkeit an der Vorstellung des Schlafens“, wobei das Schlafbedürfnis nur „einen gelegentlichen Vorläufer“ bilde. Insofern seien gewöhnlicher und künstlicher Schlaf gleichermaßen auf die „Wirkung eines geistigen Vorgangs“ zurückzuführen, nämlich dem „Haften der Aufmerksamkeit an der Vorstellung des Schlafs“. So seien alle organischen Erscheinungen des Schlafs „Folge einer Bewegung der Aufmerksamkeit auf eine Vorstellung hin, die h. Folge einer Denkthätigkeit.“[8] Wesentliche Ursache des Schlafs ist die „centripetale Bewegung der Aufmerksamkeitskraft“, die sich von den Gefühlsorganen löst und auf eine Vorstellung sammelt. Im Falle des künstlichen Schlafs zeigen die Erscheinungen ein „tiefes fortschreitendes Vorrücken der Aufmerksamkeit nach dem Gehirn.“[9] Nacheinander werden bestimmte Funktionen gestört oder gelähmt, nach Erschlaffen der Muskulatur und dem Erlöschen der Hautgefühle, fallen die Sinnesfunktionen in bestimmter Reihenfolge nacheinander aus: Gesicht, Geschmack, Geruch, Gehör und schließlich Gefühl. Dass dieses zuletzt ausfalle, begründete Liébeault mit eigenen Erfahrungn als Geburtshelfer: „ich habe Frauen entbunden, die vorher in somnambulen Zustand versetzt waren und nun lebhaft genug die Geburtsschmerzen fühlten, während sie für die umgebenden Geräusche und an sie gerichteten Fragen taub waren.“

Liébeaults Problematisierung des „Voraussehens“ diente ihm zur klaren Abgrenzung gegenüber dem Mesmerismus. Was sich als „prophetischen Anschein“, als „übernatürliche Fähigkeit der Somnambulen“ ausgebe, offenbare nichts anderes als „den Mechanismus einer ‚Suggestion auf lange Sicht’“.[10] Er formulierte hier auf psychosomatischem Feld ein Analogon zu dem, was ein Jahrhundert später dem soziologisch beschriebenen Mechanismus der self- fulfillung prophecy entsprechen sollte.[11] Wir sind hier generell mit dem Problem des suggestiven Zirkels im menschlichen Verhalten konfrontiert. (Kap. 1) Das scheinbar vorausgesehende Ereignis würde durch einen „besonderen Gedankentrieb“ im Körper entwickelt, „was man sich bewusst oder unbewusst suggeriert hat.“[12] Liébeault führte eine Reihe von Beispielen aus der Literatur für das Voraussagen des eigenen Todes oder den von anderen an, was durchaus an den später so genannten Voodoo-Tod erinnert (Kap. 2). Er stellte fest: „man kann durch Voraussehung nicht nur sterben, sondern auch krank werden. Die Krankheiten durch Voraussehung sind häufiger als man vermuthet.“[13] Im somnambulen Zustand können Krankheitssymptome vorausgesehen werden, die sich durch die Suggestion nachträglich entwickeln können. Da sie durch Gedanken entstünden, seien sie leicht zu heilen: „Man lässt sie während des Schlafes ebenso verschwinden, wie sie gekommen sind, nämlich durch Suggestion.“[14] Suggestionen können insofern heilsam wirken, als die Aufmerksamkeit von der Krankheitsproduktion abgelenkt wird. Sie können aber auch bei krankhaften Vorstellungen präventiv eingesetzt werden. Liébeault war verblüfft von der Tatsache, dass Schwangere offenbar das Geschlecht ihrer Leibesfrucht voraussagen konnten. Seine Erklärung ist interessant. Die Fähigkeit könne nur darauf beruhen, „dass es ihnen gelingt, einen unbewussten Gedanken in einen bewussten überzuführen. Beide Arten von Gedanken haben als gemeinsamen Herd das Gehirn.“[15] Eine in der Tat interessante tiefenpsychologische Erklärung!

Liébeault leitete das Verhältnis von Wachen, Schlafen und Träumen dynamisch von der „Kraft“, d. h. Nervenkraft, ab, die von der „Aufmerksamkeit“ dirigiert werde. Somit erklärte er den Schlaf: „aus dem Zurücktreten dieser Kraft, die der Grund der Erscheinungen des animalen Lebens ist, auf eine bestimmte Vorstellung ergibt sich also das Erlöschen der Sinne und das Erschlaffen der Muskeln, kurz das Aufhören der gesammten äusseren Lebensthätigkeit. […] Schlafen heisst im Grunde so viel wie die gesammte Aufmerksamkeit im Gehirn auf eine oder mehrere Vorstellungen verdichtet haben und behalten“.[16] Doch mit der Erholung der Kräfte wärend des Schlafs werde auch die Aufmerksamkeit wieder rege, sie teile sich und bleibe einerseits untätig, wende sich aber anderseits wieder neuer Tätigkeit – dunklen Empfindungen und schwankenden Denkbewegungen – zu.[17] So entstehe der Traum.

Der Spiritismus und das Phänomen der tanzenden Tische waren für Liébeault nur Ausdrucksformen der eigenen unbewussten Kräfte der Akteure, einer „unbewusst hervorgerufenen Bewegung“: „Die vernünftigsten Anhänger der Geheimwissenschaft sehen darin das Ergebnis der Wirkung eines Fluidums, die thörichtsten entdecken darin ein Dazwischentreten übernatürlicher Wesen.“[18] Das spiritistische Medium verhalte sich genauso wie ein Träumender, „der sich mit unwirklichen Personen unterhält und an sie glaubt, so lange er nicht erwacht ist.“[19] Die „Epidemie des Tischrückens“ erschien Liébeault als eine neue Religion von „Sectirern“. Nach ihrem Vorbild könne jeder in einen „verzückten Verzauberungszustand“ versinken, „der die wahre gemeinsame Grundlage jener Träume bildet, von denen aller menschliche Aberglaube ausgeht.“[20] Die „neue Religion“ des Spiritismus biete allerdings etwas ganz neues, das keiner anderen Religion bisher zur Verfügung gestanden habe, „nämlich dass ein Jeder das Geheimnis besitzt, sich in den geeigneten Zustand zu setzen, um Offenbarungsgeister zu beschwören und ihrem Erscheinen als Tempel zu dienen.“ Spiritistische Medien sind für Liébeault nichts anderes als Somnambule, träumende Schläfer. Rätselhafte Erscheinungen, von denen etwa der bedeutende englische Naturwissenschaftler und Mediumismus-Forscher (Sir) William Crookes berichtet habe, die sich einer solchen Erklärung entzögen, habe er nie beobachten können und möchte sie nicht beurteilen. Er verharre deshalb „im philosophischen Zweifel“.[21]

Liébeault definierte die Suggestion als „Uebertragung der Vorstellung, die man durch Wort oder Geberde einem Schlafenden eingibt“: „Es genügt, eine physiologische Erscheinung, die im Körper eines Schlafenden vor sich gehen soll, vor seinen Ohren auszusprechen, um die Erscheinung gemäß der seinem Geist eingeflössten Vorstellung eintreten zu lassen. Er folgt der Versicherung ohne jeden Widerstand, die Nervenkraft gehorcht dem Gedanken und strömt in der gewünschten Menge und in dem angegebenen Sinne dem Theile des Körpers zu, dessen Verrichtung man steigern oder herabsetzen will.“[22] Das Einschläfern gelinge besonders leicht bei Arbeitern, Bauern, Kindern und früheren Soldaten, „die sämmtlich ans Gehorchen gewöhnt sind“ und auf den Befehl „Schlafen Sie!“ die Augen von selbst schlössen. Die Überwindung des Widerstands, die durch eine „geistige Verdichtung“ der Aufmerksamkeit erzielt werden konnte, erschien als technisches Hauptproblem beim Hypnotisieren. Doch Liébeault konnte, wie er stolz feststellte, neun Zehntel seiner Kranken durch die „passive Beschaulichkeit mit Hilfe des Blicks“, durch mündliche „Suggestion des Schlafens“ und durch den „Nachahmungstrieb“, d. h. Hypnose in der Gruppe, in künstlichen Schlaf versetzen.[23] Liébeault wandte also eine gewisse Faszinationsmethode an, indem er sich von den Einzuschläfernden in die Augen blicken ließ, im Unterschied zu Bernheim, der „nur durch Suggestion“ [d. h. Wortsuggestion] einschläfere und sein Ziel ebenso schnell erreiche.[24]

Der Hypnotismus zeigte fließende Übergänge zu parapsychologischen Phänomenen. So stellte Liébeault 1886 zusammen mit dem französischen Schriftsteller und Okkultisten Stanislaus de Guaita Versuche zur Erforschung der Telepathie an. Er berichtete von einem solchen Experiment der „geistigen Suggestion“. Ein „Fräulein Luise L.“ wurde im magnetischen Schlaf aufgefordert, eine Frage zu beantworten, die nur „geistig“ an sie gerichtet würde. „Dr. Liébeault legte seine Hand auf ihre Stirn“ und richtete seine Frage im Geiste an sie („Wann werden Sie geheilt sein?“), die sie sofort beantwortete („Bald“).[25] Dieses erstaunliche „Lesen im Gehirn der Magnetiseure“ wurde von den Experimentatoren sorgfältig protokolliert und veröffentlicht. Es ist in den Kontext der zeitgenössichen parapsychologischen Forschungen (psychical research) einzordnen, die vor allem die 1882 gegründete englische Society for Psychical Research anstellte. An einen ihrer Protagonisten, den Altphilologen und Schrifsteller Frederic Myers, schickte Liébeault „einige dieser Fälle“. Besonders eindrucksvoll waren Versuchsreihen, in denen Brandblasen suggestiv hervorgerufen wurden, „als Folge der Einwirkung des Denkens auf den Körper während des künstlichen Schlafs“.[26] Der Effekt gehöre in die „Gruppe der Reflexerscheinungen“ und sei „krankhafter Ausdruck des Gesetzes der Nervenreflexthätigkeit“: Denn der Reflex gehe nicht von den peripheren „Empfindungsnerven“, sondern vom Gehirn als „Centrum der Ueberlegung und des Denkens“aus. Hier würden die Vorstellungen durch Suggestionen geweckt und so Bewegungen in den motorischen Nerven an der Körperstelle veranlasst, die zuvor dazu bestimmt gewesen sei.

Wir werden sehen, wie eng sich Bernheim an Liébaults Werk anlehnte. Seine Leistung bestand weniger darin, neue Wege der Forschung und Theoriebildung zu gehen, als vielmehr Liébeaults Lehre als etablierter Universitätsprofessor in der wissenschaftlichen Welt sowohl durch gewichtige Publikationen als auch durch Korrespondenzen und persönliche Begegnungen bekannt zu machen. Es seien hier nur Sigmund Freud und August Forel genannt, die auch durch ihren persönlichen Kontakt mit Bernheim entscheidend im Sinne der Liébeault’schen Lehre beeinflusst wurden. Bernheim definierte die Suggestion als den „Vorgang, durch welchen eine Vorstellung in das Gehirn eingeführt und von ihm angenommen wird“.[27] Mit andern Worten: „Die Person muß sie glauben.“[28] Eine solche suggerierte Vorstellung, die Bernheim als „zentripetales Phänomen“ kennzeichnete, strebte danach, sich in „Handlung umzusetzen, zur Empfindung, zum Bild, zur Bewegung zu werden“, das heißt sich in einem „zentrifugalen Phänomen“ zu manifestieren.[29] Somit bedeutet für Bernheim die Suggestion eine „Vorstellungsdynamik“, die auch im Alltagsleben jedermann an sich erlebt, beispielsweise wenn die Vorstellung, dass man Ungeziefer an sich hat, wirkliches Jucken hervorbringt. Diese Dynamik der Suggestion sollte nun therapeutisch genutzt werden mit dem Ziel, „den Geist eingreifen zu lassen, um den Körper zu heilen“.[30] „Der menschliche Geist ist eine große Macht und der Arzt, der heilen will, soll sich dieser Macht bedienen.“[31] Hypnotisieren ist für Bernheim nichts anderes als rein spezifisches Suggerieren: nämlich, in welcher Form auch immer, die „Vorstellung des Schlafes“ in das Gehirn einführen. [32] Die Erfahrung lehre, dass das Wort das einfachste und beste Mittel dazu sei: „Das Wort allein genügt“, lautete seine Generalformel der Suggestion.

Bernheim veröffentlichte zahlreiche Fallbeispiele aus seiner Klinik, welche die Wirksamkeit seiner suggestiven Therapie dokumentieren sollten und ein breites Spektrum von internistischen, neurologischen und gynäkologischen Beschwerden bzw. Krankheiten betrafen. Ohne Übertreibung können wir sagen, dass Bernheims internistische Klinik in Nancy dem modernen Verständnis einer psychosomatischen Klinik grundsätzlich entsprach. Es ist kein anderes Beispiel aus dem 19. Jahrhundert bekannt, wo in einer Klinik somatische Beschwerden bzw. Krankheiten mit Hilfe einer expliziten „Psychotherapie“ behandelt wurden, die auf dem Paradigma der Suggestion aufbaute. Im Allgemeinen wird Bernheim als Urheber des Begriffs „Psychotherapie“ im heutigen Verständnis angesehen.[33] Tatsächlich aber definierte der englische Psychiater Daniel Hack Tuke „psycho-therapeutics“ bereits 1872 als eine „pracitcal application of the influence of the mind on the body to medical practice“− rund zehn Jahre vor Bernheims Einführung des Suggestionsbegriffs.[34]Tukes  frühen Erkenntnisse über die Placebo-Wirkung wurden bereits erwähnt (Kap. 6).


[1] Freud, 1900, S. 576. [2] Liébeault, 1892. [3] Ebd., S. VI f. [4] A. a. O., S. 1. [5] A. a. O., S. 3. [6] A. a. O., S. 4. [7] A. a. O., S. 9.  [8] A. a. O., S. 15. [9] A. a. O., S. 13. [10] A. a. O., S. 101. [11] Merton, 1948. [12] Liébeault, 1892, S. 102. [13] A. a. O., S. 104. [14] A. a. O., S. 105. [15] A. a. O., S. 109. [16] A. a. O., S. 141. [17] A. a. O., S. 142. [18] A. a. O., S. 163. [19] A. a. O., S. 164. [20] A. a. O., S. 165. [21] A. a. O., S. 169 [Fußn. 1]. [22] A. a. O., S. 190. [23] A. a. O., S. 191. [24] A. a. O., S. 192 [Fußn. 1]. [25] A. a. O., S. 196. [26] A. a. O., S. 202. [27] Bernheim, 1892, S. 16. [28] A. a. O., S. 17. [29] A. a. O., S. 21. [30] A. a. O., S. 32. [31] A. a. O., S. 33. [32] A. a. O., S. 60. [33] http://fr.wikipedia.org/wiki/Psychoth%C3%A9rapie (4.08.2012). [34] Tuke, 1872, S. 381.