15. Kap./ 4 * Neuerziehung der Einbildungskraft

Der Genfer Psychoanalytiker und Coué-Schüler Charles Baudouin verband Freuds Psychoanalyse und Jungs Psychologie mit der Suggestionslehre der „Neuen Schule von Nancy“. Sein 1926 auf Deutsch erschienenes Standardwerk „Psychologie der Suggestion und Autosuggestion“ umriss noch einmal die Bedeutung dieser Lehre weit über den medizinischen Bereich hinaus. Die Gliederung ist wohlüberlegt und hat programmatischen Charakter. „A. Die unwillkürliche Suggestion, die bei jemandem ohne Dazwischenkunft eines Suggerierenden auftritt und ohne daß dies der Betreffende beabsichtigt. […] B. die willkürlich angewandte Suggestion, die absichtlich in einer erzieherischen oder Heilabsicht ausgeübt wird und wieder in zwei Kategorien zerfällt: 1. die bei anderen hervorgerufen Suggestion [durch Wachsuggestion oder Hypnose] […] 2. die nach innen gewendete Suggestion, die man absichtlich in sich selber auslöst; das ist im eigentlichsten Sinne Autosuggestion, durch die jedermann hoffen kann, Herr über seinen Geist, seine Neigungen, seine Nerven zu werden und zu einem guten Teile sogar seinen Organismus in die Gewalt zu bekommen.“[1]

Er verglich die „Zielstrebigkeit der Suggestion“ mit einem Magneten, der „auf eine ganze
Kette von Gedanken gleichsam mit magnetischer Anziehungskraft einwirkt. […] So
zeigt die Suggestion eine Zielstrebigkeit, die mit der des Willensaktes vergleichbar ist, mit
dem Unterschiede, daß das Auffinden und die Zusammenordnung der Mittel hier
unbewußt erfolgen.“[2]Die wirksame Autosuggestion beruht nach Baudouin auf einer geistigen Konzentration, die im Zustand der Entspannung erfolgt, einem Mechanismus, den er als „Selbstspan­nung“ (contentation) bezeichnete. Diese Aufmerksamkeit im Zustand der Entspannung entsprach offenbar dem Zustand der „kritiklosen Selbstbeobachtung“, wie Freud ihn für die analytische Technik der freien Assoziation vorschrieb. Aber während Freud unbe­wußte, pathogene Gedanken, die verdrängt worden waren, freisetzen wollte, schlugen Coué und Baudouin eine gegenläufige Marschroute ein: Sie wollten bewußte therapeutische Gedanken ins Unbewußte eingeben, quasi versenken, um die Einbildungskraft auf ein gewünschtes Ziel hinzulenken. Solche positiven Suggestionen sollten den Menschen unmittelbar aufrichten und gesünder machen. Nicht deuten nach rückwärts, sondern träumen nach vorwärts, so könnte man den Ansatz der „neuen Schule von Nancy“ charakterisieren. Die Leistung der Autosuggestion, der Einbildungskraft, ähnelt derjenigen der „Traumarbeit“ in der Freudschen Traumtheorie. In beiden Fällen werden die Energien des Unbewussten benutzt, um ein gewünschtes Resultat hervorzubringen – im ersteren Fall direkt im Dienste des Bewusstseins, im letzteren im Dienste des Unbewussten, was indirekt zu einer Bewusstseinerweiterung führen soll.

Vom Freudschen und Jungschen Denken gleichermaßen beeinflusst hob Baudouin die schöpferische Gestaltungskraft des Unbewussten hervor. Hier setzte auch seine Kritik an Pierre Janets Theorie des psychischen Automatismus an, die für die Suggestion nicht zutreffe. „Wer die Suggestion als etwas Automatisches auffaßt, verkennt jedenfalls ihre erfinderische Art. […] Aber das Unterbewußte beschränkt sich nicht auf ein bloß automatisches Unterbewußtes im Sinne Janets […].“ Es sei ein „dynamisches Unter- oder Unbewußtes, das beständig erfindet und tätig ist.“[3]

Baudouin thematisierte das „Dilemma der Eigensuggestion“, nämlich die „Entspannung und Selbstspannung“, die einen scheinbar „unlösbaren Widerspruch“ bilden.[4] Eine Vorstellung ruft unwillkürlich die dazugehörige Gegenvorstellung hervor: „Denn je mehr wir uns anstrengen, an die gute Vorstellung zu denken, desto heftiger wird uns die schlechte Vorstellung bedrängen.“ So setze die willkürliche Anstrengung notwendig „die Vorstellung eines zu überwindenden Gegenstands voraus. Sie ist immer zugleich Wirkung und Gegenwirkung.“[5] Es komme so zu zwei Suggestionen, „die sich ganz oder teilweise aufheben werden.“[6] Baudouin zitierte als Lösung dieses Problems Coués Aussage, dass „bei praktischer Erprobung der Autosuggestion der Wille keinerlei Rolle spielen“ solle.[7] Nach Coué gehe es nämlich nicht um eine „Neuerziehung des Willens“, als vielmehr um eine „Neuerziehung der Einbildungskraft“. Als Ziel sah Baudouin eine Aufmerksamkeit, bei der die Willensanspannung wegfällt, einen Zustand, der „bei Liébault [sic] Bezauberung, in den amerikanischen und englischen Schulen Konzentration, bei dem Pädagogen Jules Payot meditierende Reflexion, bei Dr. Bonnet Autohypnose“ heiße.[8] Diese „reflektierte Autosuggestion“ bestehe demnach aus einer Aufmerksamkeit ohne jede Anspannung. Diese Entspannung sei psychologisch gesehen „ein Zutagetreten des Unterbewußten, ein Nachlassen der Aufmerksamkeit.“[9] Baudouin führte hier den Begriff der Selbstspannung ein: „Jener Zustand ist nicht eigentlich eine Form der Aufmerksamkeit (zielgemäße Anspannung) und ist auch keine Entspannung (Auflösung jener Anspannung). Bei der Selbstspannung spannt sich […] die Idee in sich selbst […], ohne daß wir dazu eine merkliche Anstrengung zu machen brauchten.“[10] So habe die Entspannung im Zustande der Suggestibilität nur die Aufgabe, die Selbstspannung vorzubreiten.

Jedenfalls war für Baudouin die Autosuggestion der primäre Akt, der „Urtypus jeder Suggestion“.[11] Sie konnte von jedermann zum eigenen Wohle praktisch ausgeübt werden, wie es Baudouin eindrucksvoll als Ratgeber „für die praktische Ausübung der Autosuggestion“ beschrieb.[12] Ausdrücklich unterstrich er Coués Formel: „Dieser Satz soll etwa zwanzigmal wiederholt werden, so daß er zu jener andauernden und eintöngien Reizung wird, deren Wert uns bekannt ist.“[13] Dieses Wiederholen sei mit einer „Massage des Gehirns mittels einer Idee“ zu vergleichen. Das von Coué empfohlene Verfahren, 20 an den Fingern oder an einer mit 20 Knoten versehen Schnur abzuzählen erinnere an das Rosenkranz-Beten der Katholiken.

Baudouin hatte vor allem die kreative Leistung des Unbewussten bzw. Unterbewussten, wie er es zumeist nannte, im Auge, die auch bei der Suggestion mitwirke. Er kritisierte deshalb Pierre Janets Vorstellung vom Unterbewußten als „etwas dem Automatischen ganz Nahestehendes“, wonach „die Suggestion selber als automatische Tätigkeit“ zu betrachten sei.[14] Vielmehr zeige die unterbewußte Tätigkeit eine Zielstrebigkeit und erwecke den Eindruck „von intelligentem, erfinderischem Verhalten bei dieser Tätigkeit, die, wenn einmal das Ziel bestimmt ist, es auf sich nimmt, die Mittel zu finden, ohne daß das Bewußtsein eingreift“. Die Nähe zu Freuds „Traumarbeit“ ist hier evident. Schließlich forderte Baudouin eine Vervollständigung der modernen Naturwissenschaft:  „Über einem allzu eifrigen Studium der Außenwelt haben wir unsere eigene Person vergessen.“[15] Er zitierte den von ihm verehrten Philosophen Afrikan Spir (Kap. 20). Nach dessen Ausspruch „beherrschen wir die Natur nur von außen her, von innen her sind wir ihre Sklaven.“

Das Modell der Selbsthypnose war im frühen 20. Jahrhundert besonders attraktiv. Es bot scheinbar die Möglichkeit, sich gleichsam wie der Baron Münchhausen am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen − ohne alle religiösen, magischen und sonstigen medizischen Heilkräfte und Hilfestellungen von außen. Alle Ressourcen schienen im Organismus selbst zu liegen, sie mussten nur gezielt genutzt werden. Die Natur schrumpfte zum „Unbewussten“ oder zum „Es“ eines Individuums zusammen oder schien dort wie in einem Schwarzen Loch zu verschwinden. Die Autonomie, die Herrschaft über die ungezähmte Triebnatur des Menschen schien greifbar nahe, sei es auf autosuggestivem, sei es auf psychoanalytischem Wege. Dies entsprach der Frohen Botschaft der Psychotherapeuten aller Couleur: „Ja, Ihr könnt, wenn Ihr nur mit Hilfe Eures Unbewussten wollt!“ In den 1920er Jahren begründete der Psychiater und Hypnosearzt I. H. (Johannes Heinrich) Schultz die inzwischen weltweit bekannteste Methode der Selbsttherapie: das Autogene Training, das eine besondere Form der Selbsthypnose darstellt. Schon um 1920 hatte sich Schultz der Psychotherapie als wichtiger ärztlicher Heilmethode zugewandt. Sie sollte eine dreifache Anpassung – an sich selbst und die Realität, seine Lebensaufgabe und an seine Umgebung – bewirken.[16] Zugleich sei der Kranke zu führen: „vom ungesunden Überich zur vollwertigen, nach innen und außen gründigen und festgefügten Persönlichkeit.[17] In dieser Wortwahl deutete sich seine spätere Bejahung der nationasozialistischen Ideologie an, seine idealistische Schwärmerei für den moralischen Aufbau von Kämpfertypen für das neue Deutschland, wie er sie während des „Dritten Reichs“ zu Papier brachte. Wer im Sinne eines echten Idealismus  „Kämpfer einer Idee ist, ist unbesiegbar und schafft aus dem Nichts eine Welt.“[18] Die „Gemeinschaftsforderung“, so Schultz, laute: „Glied zu werden der untadeligen Kämpfer für ein großes neues Deutschland.“[19] Schon Mitte der 1920er Jahre plädierte Schultz für ein Zusammengehen der verschiedenen psychotherapeutischen Schulen, da die Ziele bei allen kritischen Vertretern sämtlicher „Richtungen“ identisch sei. Eine „allgemeine Organisation aller Psychotherapeuten“ sei heute prinzipiell möglich – vor dem Hintergrund einer „universellen Psychotherapie“.[20] Nach der Vertreibung der Freudschen Psychoanalyse aus Deutschland war er ab 1936 Vizedirektor des Berliner Instituts für psychologische Forschung und Psychotherapie unter Matthias Heinrich Göring, einem Vetter des Reichsmarschalls. Schultz befürwortete die „Euthanasie“ und beteiligte sich an der Kriminalisierung der Homosexuellen, die, wenn er sie für „heilbar“ hielt, sogar zu therapieren versuchte.[21]

„Das Autogene Training“ von I. H. Schultz erschien in der ersten Auflage 1932 und sollte zu einem medizinischen Best- und Longseller werden.[22] Die Methode wurde als „konzentrative Selbstentspannung“ definiert, wobei der Autor den sachlich zutreffenden Terminus „Selbsthypnose“ im Buchtitel vermied, um den nach wie vor zwielichtigen Begriff der Hypnose zu vermeiden.[23] Gleich zu Anfang würdigte Schultz den renommierten Hirnforscher Oskar Vogt als Wegbereiter seiner neuen Therapiemethode. Dieser habe die Möglichkeiten der „Autohypnose“ erkannt und „in seinen grundlegenden hypnotischen Studien darauf hingewiesen, daß es bei gebildeten und kritischen Versuchspersonen angängig sei, die Umschaltung in den hypnotischen Ausnahmezustand der Selbstentscheidung der Versuchsperson zu unterstellen und teilte eine Reihe von Beobachtungen mit, […] eine ‚Autohypnose’ bei sich herbeizuführen. O. Vogt betonte schon damals (1893-1900) die praktische Bedeutung dieser Befunde und konnte neben Allgemeinwirkungen positiver Art insbesondere auch die erhöhte Fähigkeit seinere Versuchspersonen zu aufklärender psychologischer Selbstbeobachtung dartun.“[24] Das Autogene Training versetzte die Personen in einen Zustand, der dem der „Selbstspannung“ bei der Autosuggestion (Baudouin) oder dem der „freischwebenden Aufmerksamkeit“ bei der Selbstanalyse (Freud) entsprach.

Doch wie stand es mit der Fremdsuggestion als therapeutischem Instrument? Das von Bernheim ausgerufene Programm der heilsamen Suggestion basierte auf der Annahme, dass alle psychosomatisch wirksamen Ressourcen bereits im einzelnen Organismus vorhanden seien. Sie mussten nur vom Arzt beziehungsweise Psychotherapeuten richtig angeregt und gelenkt werden. Die Neue Schule von Nancy mit Coué als Inaugurator spitzte dieses Programm weiter zu: Die Rolle des suggerierenden Therapeuten sollte von der Hilfe suchenden Person selbst übernommen werden. Damit wurde die höchste Verdichtung erreicht, die denkbar ist: Nicht nur die natürliche Heilkraft lag einzig im Unbewussten des Kranken oder Hilfe Suchenden, sondern auch die Möglichkeit seiner gezielten Anwendung und Nutzung konnte demnach von diesen selbst bewusst wahrgenommen werden. Interessanterweise erinnern Coués Schilderungen der bewussten Autosuggestion an die rituelle Praxis des Gebets, insbesondere des Rosenkranz-Betens. So war seine Anweisung höchst einfach und einleuchtend: „Jeden Morgen, beim Erwachen, und jeden Abend, gleich nach dem Zubettgehen, schließt man die Augen, um so die Aufmerksamkeit zu sammeln und wiederholt zwanzigmal hintereinander, indem man dabei die Lippen bewegt (das ist unerläßlich) und mechanisch die Anzahl der Wiederholungen an einer mit zwanzig Knoten versehenen Schnur abzählt, die Wort: ‚Mit jedem Tage geht es mir in jeder Hinsicht besser und besser.’ Dabei soll man an nichts besonderes denken, da sich die Worte ‚in jeder Hinsicht’ auf alles beziehen“.[25] Bei der Anwendung der Autosuggestion müsse jedoch, so Coué, „sorgfältig jede Willensanstrengung vermieden werden.“[26] Die Ausstrahlung der Coué’schen Methode der „Selbstbemeisterung“ war in den 1920er und 1930er Jahren gewaltig und erfasste wohl weniger die akademische Medizin, als vielmehr das weite Feld der Laienmedizin und hier vor allem die Heilpraktiker.


[1] Baudouin, 1926, S. 7 f. [2] Baudouin, 1926, S. 90. [3] A. a. O., S. 86. [4] A. a. O., S. 243. [5] A. a. O., S. 244. [6] A. a. O., S. 245. [7] Zit. a. a. O., S. 246. [8] A. a. O., S. 247. [9] A. a. O., S. 251. [10] A. a. O., S. 255. [11] A. a. O., S. 230. [12] A. a. O., S. 298-318. [13] Ebd, S. 299. [14] A. a. O., S. 423. [15] A. a. O., S. 434. [16] Schultz, 1919, S. 339 f. [17] Ebd. [18] Schultz, 1942, S. 86. [19] A. a. O., S. 88. [20] Schultz,  1925, S. 55. [21] Hager / Hofer, 2008, S. 104;   http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13687066.html (29.12.2012). [22] Schultz [1932], 1964. [23] Mündliche Mitteilung von Klaus Thomas (1980). [24] Schultz [1932], 1964, S. 1. [25] Coué, 1925, S. 145. [26] A. a. O., S. 146.

 
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