16. Kap./1 * Tod durch Suggestion

Es sei hier an die alte Erkenntnis erinnert, dass Kleinmut und Verzweiflung anfällig für grassierende Seuchen, etwa Pest oder Cholera, machen können. Auch die Vorstellung, dass Einflüsterungen des Teufels den betreffenden Menschen ins Verderben führen, war noch in der Neuzeit verbreitet. Die Redewendung vom „kleinen Mann im Ohr“, die jedoch nicht primär auf eine böse Beeinflussung gemünzt war, personifizierte die verführerische „innere“ Stimme. Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts konnte Suggestion auch „Einblasen“, „Einflüsterung“ bedeuten, wobei vor allem der Teufel als Akteur ins Auge gefasst wurde. So meinte der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeinde Graf von Zinzendorf, religiöse Prinzipien müssten höher stehen als das, „was der satan suggeriren“ könne.[1] Aber auch von Gott werde gelegentlich gesagt, dass er den Menschen suggerieren könne, etwa den Predigern auf der Kanzel[2], die ja ihrerseits als Suggestus bezeichnet wurde (Kap. 15). In einer 1492 publizierten Schrift des Astrologen Johannes Lichtenberger wird die Teufelseinflüsterung auf einem Holzschnitt dargestellt. (Abb.)[3]

Diese Abbildung ist im Supplementary News Blog reproduziert; sie wird aus Layout-Gründen leider nicht im gedruckten Buch enthalten sein; deshalb hier der Link.

Der Teufel sitzt auf der linken Schulter eines Mönchs, der als ein Prophet mit außerordentlicher Kraft angekündigt wird. Obwohl dieser viele Zeichen und Wunder tun werde, solle man ihm nicht folgen. Dass der Teufel hier als Suggestor fungiert, ist seiner Haltung zu entnehmen. Dass der Mönch ihm sein (linkes) Ohr leiht, machen die Neigung seines Kopfes und das von der Kappe nicht bedeckte Ohr deutlich, dass dem Einflüsterer zugewandt ist. Dass die Beeinflussung von der linken Seite augeht, entspricht deren traditionellen Zuordnung zum Bösen.

Anmerkung vom 9.08.2015

Zur Ikonografie der bösen Einflüsterung gibt es ein eindrucksvolles Beispiel in der St. Marienkirche Frankfurt (Oder): Das Anitchristfenster (Glasmalerei). Näheres siehe mein Supplementary News Blog.

Eine Federzeichnung aus einer Handschrift des 12. Jahrhundert zeigt eine analoge Situation: Auch hier sitzt ein Dämon auf der linken Schulter einer prophezeienden weiblichen Person, der er ins Ohr flüstert. (Abb. [i]) Sie soll die tiburtinische Sybille darstellen, welche die Träume der römischen Senatoren zu deuten pflegte und in Mittelalter und Renaissance  laut „Schedel’scher Weltchronik“ (1493) als „vornehmeste Weissagerin galt.[4] In der Renaissance gab es eine umfangreiche systematische Ikonographie der Sybillen.[5]

Ein noch eindrücklicheres Beispiel findet sich in einem medizinischen Traktat über die hypochondrische Melancholie der Frau aus dem 17. Jahrhundert. (Abb. [ii]) Der Titkelkupfer, zu dem es keine Legende gibt, zeigt eine melancholische Frau, der ein chimärenhafter Dämon mit dem Blasebalg „Grillen“ suggeriert, wie seinerzeit krankhafte Phantasien, unnütze Gedanken oder speculationes genannt wurden. Inwieweit dessen Rüssel und Zähne ihn selbst als eine Grille darstellen sollen, sei dahingestellt. Geflügelte Insekten umschwirren den Kopf der Dame, die sich ihren „Grillen“, dem „Grillen-Fangen“ im süßen Schlummer hingibt.[6] In Siegerpose hat ein vornehm gekleideter Herr – offenbar der Autor als Vertreter der medizinischen Wissenschaft – seinen Fuß auf den Unterleib der Frau gesetzt, auf die er mit ausgestrecktem Arm in belehrender Geste hinweist. In der Abhandlung wird nun keineswegs die Dämonologie zur Krankheitserklärung bemüht. Sie argumentiert voll und ganz im Sinne der klassischen Humoralpathologie, wonach die betreffende Krankheit auf eine Verstopfung der Organe im Hypochondrium zurückzuführen sei. So gebe es eine Siedehitze, „alsdann viel grobe dicke Dünste in den Kopff steigen / und nicht allein nach Beschaffenheit der Dünste grösser Kopffwehe verursachen / sondern auch den Menschen also schwermütig / trawrig unnd bestürzt machen / daß jhm die gantze Welt will zu eng werden “.[7] Das Bild wurde in diesem Sinne als „eine Allegorie der Trägheit“ interpretiert.[8]

In der Literatur über Hypnose und Suggestion wurde immer wieder die Macht der Einbildung an konkreten Beispielen illustriert. So nahm ein Studentenulk einen tragischen Ausgang, als zahlungsunfähige Studenten ihren geizigen Vermieter zum Schein fesselten und ihn in einem gespielten Femegericht zum Tode verurteilten. Ihm wurden die Augen verbunden, er musste sein Haupt auf einen Hackklotz legen, nachdem ein Kommilitone zuvor ein Beil in der Luft schwang. Einer der Studenten berührte den Hals des Mannes mit einem nassen Tuch, dieser zuckte blitzartig zusammen – und war tot.[9] Über einen besonders spektakulären Menschenversuch berichtete ein Zeitungsartikel in den 1920er Jahren. Da er sowohl in psychologischer als auch medizinethischer Hinsicht höchst interessant ist, sei die Passage ausführlich zitiert: „Amerikanische Ärzte hatten jüngst Gelegenheit, die Macht der Suggestion experimentell zu erforschen. Ein zum Tode Verurteilter durfte sich die Todesart selbst wählen. Die Aerzte suggerierten dem Todeskandidaten nun, daß das Aufschneiden der Pulsader die angenehmste Todesart sei. Der Schnitt löse nur ein leises Druckgefühl aus, dann würde das Blut heraustreten und der Veurteilte in kurzer Zeit ganz schmerzlos sein Leben beenden. Der Mann befolgte die mit großer Eindringlichkeit gegebenen Ratschläge und wählte diese Todesart. Am Hinrichtungstage verband man ihm die Augen, ließ ihn sich auf einen Stuhl setzen und band seine Arme leicht an die Seitenlehnen. Am linke Arm wurde ein Blutdruckmeßapparat angebracht, währen sein rechter Unterarm mit der stumpfen Seite eines Messers berührt wurde. Dann ließ man Wasser, auf Körpertemperatur erwärmt, über seine Hand tropfen, um so den allmählich zunehmenden Blutverlust vorzutäuschen. Die Aerzte konnten am Meßapparat eine starke Abnahme des Blutdrucks feststellen. Noch vor Ablauf einer Minute setzte das Herz aus, der Mann war tot.“[10] Leider fanden sich in der mir zugänglichen Literatur keine näheren Angaben zu diesem denkwürdigen Experiment, das vemutlich um 1900 durchgeführt wurde und vermutlich auch dem russischen Psychiater Wladimir Bechterew bekannt geworden war (siehe unten).

Dies erinnert an ein ähnliches Experiment, das ähnlich legendäre Züge aufweist. Es sei, wie Erwin Liek berichtete, vor langer Zeit in Montpellier durchgeführt worden. Die Ärzte sagten einem zum Tode verurteilten Verbrecher, „sie würden seine Halsschlagader öffnen und ihn so einen schmerzlosen und schnellen Tod sterben lassen. Dem Unglücklichen wurden die Augen verbunden, am Hals aber nur ein ganz oberflächlicher harmloser Schnitt gemacht. Ein kleiner Springbrunnen in der Nähe täuschte das Geräusch des entströmenden Blutes vor. In kurzer Zeit war der Mann tot.“[11] Eine analoge Geschichte erzählte Bechterew ohne Quellenangabe: „Eine Tastsuggestion lag vor bei jenem zum Tode verurteilten Verbrecher, dem man bei geschlossenen Augen gesagt hatte, dass er aus einer geöffneten Vene blutete. Es war nur warmes Wasser, was an ihm herabfloss, und doch fand man den Mann nach einigen Minuten tot.“[12] Die drei soeben skizzierten Scheinhinrichtungen unter ärztlicher Beteiligung ähneln sich stark, haben aber angeblich zu unterschiedlichen Zeiten stattgefunden. Möglicherweise handelt es sich um Variationen einer Legende der Medizingeschichtsschreibung, die vermutlich einen wahren Kern aufweist. Als ob er einen Kommentar zu solchen Scheinhinrichtungen hätte verfassen wollen, schrieb Michel Montainge einst in seinem Essai „Über die Macht der Phantasie“: „ Es gibt Menschen, die aus übermächtiger Angst der Hand des Henkers zuvorkommen. Einen, dem man seine Begnadigung zu verlesen, auf dem Schafott die Binde von den Augen nahm, streckte die bloße Einbildung, dies sei das Ende, wie ein Blitzstrahl zu Boden, wo er mausetot liegenblieb.“[13] Interessanter als solche anekdotischen Horrorgeschichten waren für die Medizin Überlegungen zur krankmachenden Phantasie oder Einbildungskraft, wogegen Ärzte zu allen Zeiten anzukämpfen hatten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte man schließlich mit dem Begriff der Autosuggestion eine psychodynamische Erklärung gefunden, die grundsätzlich auch heute noch gilt.


[1] Zit. n. Deutsches Wörterbuch, Bd. 20, 1942, Sp. 1006 f. [2] Ebd. [3] Lichtenberger, 1492, Kap. XXXIII; → Abb. Lichtenberger 1942. [4] http://de.wikipedia.org/wiki/Tiburtinische_Sibylle#cite_note-5 (3.04.2012). [5] Dempsey, 2006. [6] Zedler, 1732-1754, Bd. 11 (1735), Sp. 923. [7] Ebd. S. 10. [8] Klibansky et al., S. 428. [9] G. Fischer, 1926. [10] Ebd. [11] Liek, 1933, S. 81. [12] Bechterew, 1905, S. 35. [13] Essais, I, 23; zit. n. Montaigne, Ed. Stilett, 1998, S. 53.


[i] Hülsmann, 2001, S. 880; → Abb. Sybille mit Dämon [LB Stuttgart Cod.hist.fol.411_1v] [ii] Freitag, 1643; → Abb. Freitag 1643 Titelblatt

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