16. Kap./2 * Suggestibilität als Angelpunkt

Um 1890 war die Grundsatzdebatte über die wissenschaftliche Erklärung des Hypnotismus entschieden. Einflussreiche ärztliche Autoren hatten sich der Schule von Nancy um Liébeault und Bernheim angeschlossen, unter ihnen der schwedische Psychiater Otto Wetterstrand, der wohl als erster schwedischer Arzt die Suggestionstherapie einsetzte. Er widmete sein 1891 auf Deutsch erschienenes Buch über den Hypnotismus dem „hochverehrten Herrn Dr. Liébeault in Nancy in tiefer Bewunderung seines Genies“, dessen gemeinsam mit Bernheim entwickelten psychotherapeutischen Ansatz er in allen Punkten bekräftigte. „Möchten doch die deutschen Herren Collegen […] nicht ohne Prüfung“ eine Methode verwerfen, die zunehmend Anerkennung bei den Ärzten gefunden habe, schrieb er im Vorwort. In seine Darstellung fügte er 128 Fallbeispiele von Suggestionsbehandlung bei allen möglichen Indikationen ein, die an Bernheims eindrucksvolle Krankengeschichten erinnern.

Voraussetzung der Hypnose sei, so Wetterstrand, die Suggestibilität, welche bei den allermeisten Menschen anzutreffen sei. Er hielt „Liébeault’s Ansicht, dass fast alle Menschen empfänglich sind, für die richtige, wenn auch die Tiefe des Schlafes bei verschiedenen Individuen ungleich ist.“[1] Er wies die Pariser „Schule der Salpêtrière“ grundsätzlich zurück, die den Hypnotismus mit der Hysterie in Verbindung gebracht hatte. Durch die Fokussierung der Experimente auf die Hysterischen habe man „einen hohen Grad von Dressur“ erhalten. Die „Nancyschule“ dagegen habe „an Menschen jeden Alters, sowohl gesunden, wie mit verschiedenen Krankheiten behafteten“ experimentiert. Für Wetterstrand war das Ergebnis seiner eigenen Erfahrungen eindeutig: Fast alle Menschen könnten „durch eine richtig angepasste Methode beeinflusst werden“.[2] Das klassische Problem der Hypnose war, dass es Menschen gab, die sich nur schwer oder überhaupt nicht hypnotisieren ließen. Damit hatte sich bereits James Braid auseinandergesetzt (siehe unten). Der Begriff des Widerstands, genauer gesagt: des unbewussten Widerstands, wurde nun zum Angelpunkt der hypnotischen Behandlungstechnik.

So stellte Wetterstrand die Frauge: „Gibt es für diese [nicht Hypnotisierbaren] Mittel, welche im Stande sind, die Empfänglichkeit zu heben oder den unbewussten Widerstand zu brechen?“[3] Die Frage, aus welchen Motiven dieser Widerstand im Einzelnen herrührte, interessierte nicht, sie wurde erst von Freud zum Angelpunkt der Psychoanalyse gemacht. Chloroform bot sich nun als geeignetes Mittel an, den Widerstand zu brechen. Seine Anwendung war schon von einigen Hypnoseärzte in Europa empfohlen worden: „Ich will nachstehend einige Beispiele liefern, wie dieser und jener mittelst Chloroform ein guter Somnambuler geworden, nachdem er sich vorher vollkommen unempfänglich gezeigt hatte.“ Liébeault hatte fünf Grade des Schlafs voneinander unterschieden, von der Schläfrigkeit bis zur absoluten Gefühllosigkeit, in der man Operationen vornehmen konnte.[4] Wetterstrand wollte nun die fünf Grade Liébeaults auf drei reduzieren, indem er die ersten vier Grade in jeweils zwei zusammenfasste. Die Verbalsuggestion („Liébeaults Verdienst“) war entscheidend: „Diese Methode besteht darin, dass man dem Patienten den Gedanken an seine Genesung gleichsam einimpft […].“[5]

Die Hauptindikation der Suggestionstherpie waren die „functionellen Nervenerkrankungen“, ferner „functionelle psychische Neurosen“ und alle Krankheiten, „wo der Wille geschwächt ist“. [6] Die Suggestionstherapeuten der ersten Generation wollten nicht nur Krankheiten heilen oder Leiden lindern, sondern auch die Menschen moralisch bessern. Der pädagogische Eifer, den die Medizin in der Aufklärung an den Tag gelegt hatte, kehrte jetzt in einem feineren Gewand wieder. Die psychische Behandlung könne, so Wetterstrand, was von seinen Vorbildern und ihm selbst bewiesen sei, „auf den Charakter bessernd“ einwirken. Als charakterliche Übel erschienen unter anderen Trunksucht, Nikotinabusus und Onanie. Dauerhafte  Heilungen seien durch Suggestionstherapie möglich, und wenn Rückfälle aufträten, „darf man deshalb nicht die Methode anklagen, sondern eher die Beschaffenheit der Krankheit“[7] Ähnlich wie Freud den Widerstandsbegriff auf zwei unterschiedlichen Ebenen einsetzte – auf der therapeutischen und auf der wissenschaftsstrategischen – sprach auch Wetterstrand vom „Widerstand“, „auf welchen merkwürdigerweise die suggestive Therapie hier und da noch stösst“. Er führte sie auf die „Unwissenheit“ über die Behandlungsmethode und die Identifizierung der Suggestion mit der Einbildung zurück. Er wiederholte Bernheims Kritik an der Medizin, die glaube, „alle Geheimnsisse des Lebens durch mechanische, physische, chemische Gesetze erklären zu können“ und die nicht bedenken wolle, „dass der Geist auch etwas im menschlichen Organismus zu bedeuten hat“.[8]


[1] Wetterstrand, 1891, S. 2. [2] A. a. O., S. 3. [3] A. a. O., S. 5. [4] A. a. O., S. 6 f. [5] A. a. O., S. 8. [6] A. a. O., S. 118 f. [7] A. a. O., S. 120. [8] A. a. O., S. 121.

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