16. Kap./3 * „Unwillkürliche Autosuggestion“

Charles Baudouin, der sich als Psychoanalytiker auf Freud und Jung stützte, spitzte die Suggestionslehre mit markanten Formulierungen zu (Kap. 15). Er brachte die Wirkung der Suggestion auf die Formel: „die Vorstellung einer Bewegung ruft dies Bewegung hervor.“[1] Die Suggestion beschleunige das Einnisten einer Gewohnheit bis hin zu deren Unwiderstehlichkeit etwa bei der Trunksucht. Überhaupt seien Süchte und Abhängigkeiten von Opium, Äther, Morphium, Tabak durch „unwillkürliche Autosuggestionen“ gebahnt, auch das Wirken des Geschlechtstriebs, wie etwa „in seiner pervertierten Form […] in Gestalt der Onanie.“[2] Baudouin lieferte eine simple Graphik, um die Wirkungsweise der „unwillkürlichen Autosuggestion“ zu verdeutlichen: Die erste Stufe des Einsuggerierens, „das Bewegung auslösende Wortbild“, bleibe unbewußt, im Gegensatz zur willkürlichen, bewussten Autosuggestion.[3] Die betreffenden Schemata sind hier nachgezeichnet:

bewußt________/C

unbewußt  A ──/ B

bewußt____A \__/_C__

unbewußt          \/B

Damit hatte er eine Erklärung für den Mediumismus zur Hand, der in der zeitgenössischen Parapsychologie intensiv studiert wurde. Ein Medium sei nicht Träger eines fremden Geistes, sondern folge lediglich seiner eigenen unwillkürlichen Autosuggestion: „Die Hand schreibt Sätze, die der Betreffende nicht voraussieht, die ihn völlig überraschen und mit seinen bewußten Neigungen und Gedanken im Widerspruche stehen, aber doch seinem tiefsten Wesensgrunde entstammen.“ Überhaupt böten spiritistische Sitzungen für solche unwillkürlichen Suggestionen günstigen Nährboden, „einmal wegen des Zustandes geistiger Entspannung, der von den Anwesenden gefordert wird, sodann wegen der Aufregung, die das Herannahen von etwas Geheimnisvollem immer verursacht, endlich wegen der vorgefaßten Meinung, daß derartige Phänomene sich zeigen werden.“[4] Mit dem Schlüsselbegriff der unwillkürlichen Suggestion wollte Baudouin aber nicht nur spiritistische Erscheinungen, einzelne Gewohnheiten und Süchte erklären, sondern auch den menschlichen Charakter schlechthin. Gerade das Nachahmen von Vorbildern, die im Unterbewussten versunken seien, galten für ihn als wesentliches Moment von Erziehung und Bildung. In spiritistischen Halluzinationen wie in den kleinen alltäglichen Handlungen komme es zum „Einfluten des Unterbewußten ins Bewußte“, so dass wir uns in der Furcht des Misslingens einer Handlung „um so sicherer einem Mißerfolge aussetzen, je mehr wir uns um den Erfolg bemühen.“[5] Baudouin zitierte in diesem Zusammenhang den US-amerikanischen Schriftsteller und Unitarier Ralph Waldo Emerson, der einmal geäußert hatte, es gebe keine Philosophie der Welt, „die jemandem zum Erfolge verhelfen kann, der immer an seinen Fähigkeiten zweifelt.“[6]

Bernheim hatte eine Generation zuvor die Suggestion „im weitesten Sinne“ definiert: « Je définis la suggestion dans le sens le plus large: c’est l’acte par lequel une idée est introduite dans le cerveau et accepté par lui. »[7] Dieser Glaubensakt „im Gehirn“ der suggerierten Person betraf sowohl heilsame als auch krankmachende Suggestionen. Auch die metaphorische Darstellung der Suggestion als ein Keim (germe), den das psychische Umfeld befruchte, betraf beide Kategorien der Suggestion: « La suggestion implique l’impression primière, c’est le germe; et l’élaboration de cette impression, c’est le terrain psychique, qui le féconde. […] chaque terrain ne mûrit pas également tous les germes, […] que les germes adaptés à sa [du cerveau] constitution. »[8]In diesem Sinne konnte sich nach Bernheim also eine krankmachende Idee, aber auch eine verbrecherische, wie ein Tumor im Gehirn festsetzen und seine zerstörerische Wirkung entfalten. Mit Blick auf den Aufsehen erregenden Fall des Serienmörders Jean-Baptiste Troppmann, der 1870 hingerichtet wurde, meinte Bernheim eine psychologische Erklärung für Mord und Selbstmord gefunden zu haben. Er bediente sich dabei einer organpathologischen Metaphorik: „Wie ein bösartiger Tumor, der sich in einem Organ entwickelt, hat sich dieser ungeheurliche krankhafte Gedanke [seine Familie zu ermorden wie im Fall Troppmann] in seinem Gehirn festgesetzt, so wie sich bei Anderen grundlos die fixe Idee des Selbstmordes einnistet. Und durch eine unvermeidliche Verketttung hat sie ihm die Waffe in die Hand gedrückt, um diese teuflische That zu vollziehen.“[9]

In dieser Perspektive konnten Krankheiten – analog zu Mord und Selbstmord – selbstverständlich nicht nur durch fixe Ideen im Sinne einer unwillkürlichen Autosuggestion verursacht werden, sondern auch durch entsprechende Fremdsuggestionen. Wir haben bereits an früherer Stelle auf die „iatrogene Krankheit“ als einen Sonderfall des Nocebo-Effekts hingewiesen (Kap. 2). Die von Ärzten ohne kriminellen Vorsatz krankmachende Behandlung von Patienten ist ein uraltes Thema der Medizingeschichte. Gerade die kontroverse Auseinandersetzung mit neuen Behandlungsansätzen hat immer wieder zu gegenseitigen Vorwürfen geführt. Beispielsweise wäre hier an die Kontroverse zwischen Galenisten und Paracelsisten in der frühen Neuzeit zu erinnern, die jeweils die gegnerische Seite wegen  ihrer lebensgefährlichen Therapieformen beschimpften. Eine extreme Position vertrat Ivan Illich, der die moderne Medizin schlechthin für krank machend hielt (Kap. 2). Die Übergänge von einer solchen Medizinkritik zu einer entsprechend radikalen Kultur- und Gesellschaftskritik sind fließend. Für solche kritische Positionen ist kennzeichnend, dass sie von einer von Natur aus vorgegebenen Gesundheit ausgehen, die durch die menschliche Kultur bzw. Zivilisation gestört oder gar zerstört worden sei.

Letztlich erschienen auch die krankmachenden „unwillkürlichen Autosuggestionen“ durch kulturelle Einflüsse erklärbar, die den gesunden Organismus mit spezifischen Keimen infizierten: durch autoritäre Erziehung, soziale Normen, unterdrückende Sachzwänge. Freuds „Über-Ich“ sollte dies plausibel machen. Nietzsche hoffte im Gegensatz zu Freud auf die Befreiung von dieser „modernen Krankheit“ als einem lähmenden Geisteszustand, für den er in seiner „Genealogie der Moral“ die „Priesterkaste“ verantwortlich machte, und sprach von der „großen Gesundheit“ als möglichem Erringen einer „höheren Gesundheit“ jenseits von Schmerzen, Leid und Krankheit.[10] Der Begriff der ekklesiogenen Neurose, der in den 1950er Jahren geprägt wurde, entsprach dieser Auffassung von der krankmachenden, neurotisierenden Potenz bestimmter kultureller Einrichtungen.[11] Hier erschien nun die Kirche (beider Konfessionen) mit ihren rigiden Moralvorschriften als Ursache des Übels, so etwa, wenn Kinder und Jugendliche beim Masturbieren ein schlechtes Gewissen hatten und ensprechende Störungen entwickelten – eine Problematik, die paradoxerweise erst im 18. Jahrhundert von den Ärzten der Aufklärung „erfunden“ wurde (Kap. 44).


[1] Baudouin, 1926, S. 46. [2] A. a. O., S. 47. [3] A. a. O., S. 48 f. [4] A. a. O., S. 50. [5] A. a. O., S. 54. [6] Zit. a. a. O, S. 55. [7] Bernheim, 1891, S. 24. [8] A. a. O., S. 30. [9] Bernheim, 1892, S. 111. [10] Decher, 2008. [11] http://de.wikipedia.org/wiki/Ekklesiogene_Neurose (30.10.2011).

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