17. Kap./1 * „Nervöser Schlaf“

James Braid definierte in seinem oben erwähnten Buch „Neurypnology“ (1843) erstmals den „Hypnotismus“. Er sprach nicht mehr vom „magnetischen“, sondern vom „nervösen Schlaf“ (nervous sleep), der den „hypnotism“ kennzeichne. Damit wollte er den Mesmerismus und Somnambulismus wissenschaftlich entzaubern und seine Phänomene neurophysiologisch erklären. Braid führte den hypnotischen Zustand durch seine Methode der Fixation der Augen auf einen Punkt ein, was einen „Monoideismus“ hervorrufe. Während des nervösen Schlafs konnten die „nervösen Energien“ vom Hypnotiseur im Organismus des Hypnotisierten so gelenkt werden, dass sie bestimmte physiologische Reaktionen hervorriefen, beispielsweise die Muskelspannung oder die kapillare Durchblutung veränderten. Braid verwarf die Fluidumtheorie des Mesmerismus und hatte auch mit dem tiefenpsychologisch orientierten Konzept des Somnambulismus wenig im Sinn.

Interessant ist die Entdeckungsgeschichte, die Braid in „Neurypnology“ ausführlich schilderte  und die sein deutscher Anhänger und Übersetzer Wilhelm Preyer später zusammengefasst hat.[1] Im Novemer 1841, so berichtete Braid, habe er sich vorgenommen, die Behauptungen des Mesmerismus zu erforschen und seine Fehlerquelle (source of fallacy) bei bestimmten Phänomenen aufzudecken.[2] Er hatte von den Aufsehen erregenden mesmeristischen Demonstrationen (conversazioni) des französischen Magnetiseurs Charles Lafontaine gehört und besuchte eine davon am 13. November 1841.[3] Er sah seine Vorbehalte bestätigt. Bei einer zweiten Demonstration sechs Tage später fiel ihm auf, dass ein Patient (patient) die Augenlider nicht geöffnet halten konnte. Er sah dies als ein reales Phänomen an, dessen physiologische Ursache er erforschen wollte. Einen Tag später beobachtete der bei einer weiteren Sitzung dasselbe Phänomen und war sich sicher, die Ursache entdeckt zu haben, wollte damit aber nicht an die Öffentlichkeit gehen, bevor er nicht selbst entsprechende Experimente und Beobachtungen angestellt hätte. Zwei Tage später begann er in Anwesenheit seines Freundes „Captain Brown“ und seiner Familie mit einer Versuchsserie. Er wollte die Richtigkeit seiner Theorie beweisen, dass durch ein fortgesetztes fixiertes Blicken die Nervenzentren des Auges und seines muskulären Anhangs gelähmt würden, das nervöse Gleichgewicht verloren gehe und dadurch die Phänomene des Schlafs hervorgerufen würden. Die Unmöglichkeit, die Augen zu öffnen, wurde seiner Meinung nach durch eine Lähmung der Lidhebermuskeln als Folge des andauernden Fixierens verursacht und hatte somit einen  physischen Grund.[4] In einer Fußnote betonte Braid ausdrücklich, dass seiner Meinung nach die Unmöglichkeit, die Augen zu öffnen, nicht nur eingebildet (only imaginary) sei, also eine mentale Ursache habe, sondern eine physische Ursache („physical cause“) habe. Als Chirurg, der zahlreiche Schieloperationen durchgeführt hatte, war Braid besonders für die Funktion der Augenmuskeln sensibilisiert.

So stellte er ein weiteres Experiment an, womit die Methode der Augenfixation evaluiert werden sollte.  Preyer umschrieb es folgendermaßen: „Ein junger Mann in sitzender Stellung in Braid’s Zimmer wurde ersucht, starr die Mündung einer Weinflasche zu fixieren, welche so hoch und so nahe gestellt war, daß es eine beträchtliche Anstrengung der inneren geraden Augenmuskeln und Augenlidheber erforderte, sie stetig anzusehen. Nach drei Minuten senkten sich die Lider, ein Thränenstrom lief über die Wangen, sein Kopf neigte sich, sein Gesicht verzerrte sich etwas, er stöhnte und verfiel sogleich in einen tiefen Schlaf, wobei die Athmung sich verlangsamte, vertiefte und pfeifend wurde, während der rechts Arm umd Hand leichte krampfhafte Bewegungen machten. Nach 4 Minuten wurde daher der Versuch abgebrochen.“[5] Diese Erscheinungen bestätigten Braid: „I had got the key to the solution of mesmerism“.[6] Braids Frau war über die heftige Reaktion des jungen Mannes sehr erstaunt, zumal ihr Mann von diesem entfernt war und ihn in keiner Weise berührte. Sie stellte sich als weitere Versuchsperson zur Verfügung, um den Anwesenden zu zeigen, dass sie nicht so leicht beeindruckbar war. Braid hielt ihr eine chinesische Zuckerdose genau in derselben Position über die Augen, wie die Weinflasche im vorherigen Experiment. Nach zweieinhalb Minuten schloss sie die Augenlider krampfartig (convulsively), ihr Mund verzog sich, sie seufzte tief und entwickelte offenbar einen hysterischen Krampfanfall (hysteric paroxysm), wobei ihr Puls auf 180 Schläge pro Minute anstieg. Auch weitere Experimente mit anderen Personen ergaben ähnliche Resultate. Damit sah sich Braid völlig in seiner Auffassung bestätigt, das die Phänomene des Mesmerismus grundsätzlich auf einer Störung (derangement) der cerebro-spinalen Zentren und einer dadurch induzierten Störung des Gefäß-, Atmungs- und Muskelsystems beruhten.[7]

Mit seiner psychophysiologischen Argumentation wollte Braid den Hypnotismus wissenschaftlich begründen. Er war überzeugt, dass die hypnotischen Phänomene durch „Einfluß auf die Nervenzentren zustande kommen, ferner durch die körperliche und psychische Verfassung des Patienten, nicht aber durch die Ausstrahlung eines anderen. Denn jedermann kann sich selbst hypnotisieren, wenn er sich genau an die niedergelegten einfachen Regeln hält.“[8] (I feel confident that the phenomena are induced solely by an impression made on the nervous centres, by the physical and psychical condition of the patient, irrespective of any agency proceeding from, or excited into action by another — as any one can hypnotize himself by attending strictly to the simple rules I lay down”.)[9] Wenn Braid hier die Tatsache gegen den Mesmerismus ins Feld führte, man könne sich selbst hypnotisieren und deshalb sei die mesmeristische Vorstellung von einem Fluidum widerlegt, das von einer anderen Person ausstrahle, so kannte er offenbar nicht die Technik des „Selbstmagnetisierens“, wie sie u. a. im bekannten Lehrbuch des animalischen Magnetismus von C. A. F. Kluge erwähnt wurde (Kap. 25). Diese spielte zwar im klassischen Mesmerismus keine nennenswerte Rolle, da es hier in der Tat um die Übertragung des Fluidums vom Magnetiseur auf die zu magnetisierte Person(en) ging. Aber beim Somnambulismus als der psychologisch-romantischen Variante des animalischen Magnetismus imponierte das Sich-Selbst-Magnetisieren als eine besondere Art der Selbsttherapie. So verordnete sich Jusinus Kerners „Seherin von Prevorst“ (Friederike Hauffe) in der Regel selbst Art, Umfang und Zeitpunkt der „magnetischen Manipulationen“ und benutzte in eigener Regie den „Nervenstimmer“ als Sonderform eines magnetischen Kübels (baquet magnetique) (Kap. 24).[10]

Der Jenaer Physiologe Wilhelm Preyer war der wichtigste Anhänger des „Braidismus“ in Deutschland. 1881 stellte der die Entdeckungsgeschichte des Hypnotismus dar, im darauf folgenden Jahre veröffentlichte er ausgewählte Schriften von James Braid in deutscher Übersetzung.[11] Gerade in dieser Zeit entwickelten Liébeault und Bernheim die Suggestionslehre, die sich in den 1880er Jahren rasch durchsetzen konnte und neue Maßstäbe schuf. Preyer nahm davon kaum Notiz, so dass August Forel zu seinem 1890 erschienenen Buch „Der Hypnotismus“ kritisch anmerkte: „Liébeault und Bernheim werden darin nur flüchtig erwähnt! Preyer steht noch auf Braid’s Standpunkt.“[12] Braid grenzte in seiner Schrift „Magie, Hexerei, thierischer Magnetismus, Hypnotismus und Elektrotherpie“, die in dritter Auflage 1852 erschien, wiederum den Hypnotismus gegenüber dem Mesmerismus und anderen magisch anmutenden Konzepten ab. Diese Publikation sollte als Ersatz für eine Zweitauflage von „Neurypnology“ dienen. Die deutsche Übersetzung wich durch bestimmte Auslassungen – so sei „das rein Polemische“ fortgelassen worden – erheblich vom englischen Original ab.[13]


[1] Preyer, 1881, S. 6 f. [2] Braid, 1843, S. 2. [3] A. a. O., S. 16. [4] A. a. O., S. 17. [5] Preyer, 1881, S. 6. [6] Braid, 1843, S. 18. [7] A. a. O., S. 19. [8] Zit. n. H. Schott, 1984 [b], S. 40. [9] Braid, 1843, S. 32. [10] Schott, 2003. [11] Preyer, 1881; Preyer (Hg.), 1882. [12] Forel, 1891, S. X. [13] Preyer (Hg.), 1882, S. VIII [„Vorrede“], in: Braid, 1882.

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