17. Kap./2 * Die Erklärung „magnetischer“ Phänomne

Braid bezog sich positiv auf die große Abhandlung über Magie und Geheimwissenschaften („History of Magic“) des schottischen religiösen Schriftstellers John Campbell Colquhoun, dessen Beispiele „ein starke Stütze“ für seine eigene Theorie bildeten.[1] Dieser Autor hatte zudem ein zweibändiges Werk über den animalischen Magnetismus unter dem vielsagenden Titel „Isis revelata“ verfasst.[2] Die kultische Verehrung der Isis als Personifizierung der Natur und der Wahrheit sowie die Metapher des Tempels als Ort der Naturforschung war auch noch im 19. Jahrhundert verbreitet (Kap. 11). Das Titelblatt zum ersten Band zeigt jedoch im Unterschied zu anderen bildlichen Darstellungen und auch zu Schillers Ballade „Das verschleierte Bild zu Sais“ eine Göttin, die selbst den Schleier anhebt, so dass sich ihr Gesicht zeigt. (Abb. [i]) Im linken Arm hält sie einen geflügelten Stab mit zwei Schlangen, einen so genannten Hermesstab. Das Bildmotiv des Titelblatts ist nicht weiter erstaunlich, wenn wir berücksichtigen, dass der Autor in Isis eine Heilgöttin sah und vermutete, dass der „Tempelschlaf in den Heiligthümern der Isis“ wohl durch „magnetische Proceduren“ hervorgebracht worden sei.[3] Überhaupt erschienen dem Autor alle „heiligen Mysterien“ in der Religionsgeschichte, namentlich der indische Brahmaismus und die Lehren Zoroasters, die von den Griechen aufgenommen und an die Römer weitergegeben wurden, bis hin zu Athanasius Kircher sowie Pater Hell und Franz Anton Mesmer in Wien, Zeugnisse für „das hohe Alter der Doctrin vom animalen Magnetismus“.

Colquhoun erblickte im Magnetismus „die primitive, die Urheilkunst“.[4] Mesmer könne man nun „den modernen Entdecker oder Wiederentdecker des animalen Magnetismus“ nennen.[5] Unglücklicherweise habe Mesmer die von ihm hervorgerufenen Tatsachen mit einer zweifelhaften Theorie verbunden, auf welche sich die Gegner eingeschossen hätten. Colquhoun plädierte für eine wissenschaftliche vorurteilsfreie Erforschung dieses universellen Heilmittels. Sein Argument glich dem, was bereits von Vertretern der frühneuzeitlichen magia naturalis gegen alle möglichen Gegner ins Feld geführt worden war: Die empirische Forschung sollte, „nach philosophischen und psychologischen Principien, viele erstaunenswerthe Erscheinungen erklären […] können, welche früher als geheimnißvoll, als übernatürlich und daher als außerhalb des Bereiches menschlicher Speculation stehend, betrachtet wurden“.[6]

Während Colquhoun sich im Namen wissenschaftlicher Redlichkeit noch relativ offen für die mesmeristischen Spekulationen zeigte, war Braids Antwort auf alle spekulativen Anmutungen des Mesmerismus und der Magie einfach und radikal: Es handele sich bei allen Phänomenen stets um Rückwirkungen des eigenen Gemüts auf den Körper. Wie sollten auch anders die „Krampfanfälle in St. Medard“ am Grab des Abbé Pâris zu erklären sein, die angeblich von dessen Asche ausgingen?[7] Braid bezog sich hier auf das Massenspektakel um 1730, das ekstatische Frauen (convulsionaires) über Jahre hinweg auf dem Friedhof der Kirche Saint-Médard einem großen Publikum darboten. Solche „neuen Formen von Erregungszuständen“ ließen sich „ohne die Annahme der Übertragung eines verborgenen Einflusses von einem Menschen auf den anderen erklären“. [8] Hoffnung und Vertrauen, nicht Kraftübertragung seien die Ursache: „Ich glaube nicht, daß in solchen Fällen A soviel Kraft verliert, als B gewinnt.“ Die magnetischen Phänomene hätten also subjektive, keine objektive Ursachen. Seine Experimente könnten den Beweis liefern, „daß solche subjektiven Zustände allein schon hinreichen, die ersteren hervorzurufen, ohne daß ein besonderer Einfluß von einer Person auf die andere im Spiel ist. Auf der anderen Seite sind die Mesmeristen außer Stande, zu beweisen, daß solche subjektive Ursachen während der Ausübung des Mesmerisirens nicht in Wirksamkeit sind.“[9]

Braid glaubte an die objektive Wirksamkeit gewisser Arzneimittel, „ganz unabhängig von den physischen und geistigen Eigenthümlichkeiten wie von den Manieren der ordinirenden Person.“[10] Insbesondere wies er die Theorie von einem besonderen „magnetischen Temperament“ zurück, das ihm die Mesmeristen persönlich unterstellten. Die Wirksamkeit der Hypnose beruhte nach seiner Auffassung nicht auf einer Art Placebo-Effekt, wie man heute sagen würde. Aus Sicht der Mesmeristen „müßte die Wirksamkeit der angewendeten Mittel ganz und gar dem magnetischen Temperament und dem energischen Willen wie den guten Absichten der mesmerisirenden Person oder des ordinirenden Arztes zugeschrieben werden.“[11] Braid machte sich über das ihm unterstellte „magnetische Temperament“ in einer Anekdote lustig. Er habe einmal einen „Häuptling aus den Reihen der Mesmeristen“ besucht, der Braids Erfolge „dem Besitz eines ungewöhnlich wirkungsvollen magnetischen Temperaments zugeschrieben“ habe und zur Überzeugung gelangt sei, „daß ich ein großes Gehirn, eine weite, geräumige Brust und beträchtliche geistige Energie, d. h. einen determinirten Willen besitzen müsse.“ Seine Vermutungen seien beim Anblick von Braid bestätigt worden. Dieser gab zu bedenken: „Ich habe indessen meine Erfolge ganz anderen und weniger mystischen oder absonderlichen Ursachen zugeschrieben.“ Eine interessante Konstellation: Der Mesmerist erklärte den Hypnotiseur zu einem Magnetiseur, der Hypnotiseur erklärte den Magnetiseur zu einem Hypnotiseur.

Interessanterweise hat der katholische Publizist Joseph Görres in Anlehnung an den Mesmerismus den „spontanen Somnambulismus” als einen „Rapport mit sich selbst“ begriffen: ”Gibt es nämlich magische Rapporte zwischen dieser Persönlichkeit und Allem, was näher oder ferner sie umsteht und umströmt; Rapporte, die von ihr aus in mit ihren Gegenständen sich erweiternden Sphären sich aufthun; dann wird, da sie selbst, zugleich Unterwurf und Gegenwurf, sich gegenübersteht, auch ein engster Rapport zwischen dem Subjectiven und Objectiven in ihr eintreten können, indem sie sich selbst, von einem zum andern magisch bestimmt, und in außergewöhnliche Zustände sich versetzt.” Görres kam hier der Idee der Autosuggestion recht nahe, wobei er den gefährlichen, krankmachenden Rapport als ein Rapport mit dem moralisch Bösen charakterisierte, der eine „Zaubersünde“ darstelle (Kap. 19 und 27).

Es ist das Verdienst von James Braid, mit der Idee der Selbstbeeinflussung den späteren Begriff der Autosuggestion im Kern vorweggenommen zu haben. Der Erfolg hänge weder vom Willen und Vorstellen, noch von den physischen Bemühungen des Hypnotiseurs ab, „sondern lediglich von dem Einfluß […], den das Gemüth der Kranken auf ihren eigenen Körper auszuüben im Stande war“.[12] Selbstverstänlich lehnte Braid Fernwirkungen, Hellsehen und Ähnliches ab. Sie seien „lediglich das Resultat concentrirter Aufmerksamkeit, eines lebendigen Gedächtnisses und der Erregung der Sinnesorgane, verbunden mit Selbstvertrauen und sorgfältigen Erwägungen über die mögliche Gestaltung der Zukunft“.[13] Der hypnotische Schlaf zeichne sich im Gegensatz zum gewöhnlichen Schlaf durch die Fähigkeit aus, seine Aufmerksamkeit zu konzentrieren.[14] Braid gab eine praktische Anleitung zur Induktion der Hypnose, die als klasisches Verfahren in die Geschichte der Psychotherapie einging: „Dem bequem sitzenden oder stehenden Kranken wird irgend ein kleiner glänzender Gegenstand [B. benutzte gewöhnlich ein Lanzettfutteral] 10-12 Zoll vor und über die Mitte der Stirn gehalten, so daß es seinerseits einer kleinen Anstrengung bedarf, um das Objekt gleichmäßig und ruhig und mit möglichst concentrirter Aufmerksamkeit zu fixieren. Gleichzeitig ermahne ich den Kranken, sobald er Neigung zum Schlaf verspürt, derselben nachzugeben.“[15] Braid antizipierte den späteren Begriff der Suggestibilität, indem er eine unterschiedliche „Empfänglichkeit gegenüber hypnotisirenden Einflüssen“ feststellte.[16]

In diesem Zusammenhang tauchte der Begriff des Widerstands auf, der sowohl für die Bernheim’sche Suggestionslehre wie für die Freud’sche Psychoanalyse, wenn auch mit unterschiedlicher Blickrichtung, von zentraler Bedeutung werden sollte – eine Tatsache, die in der Historiographie der Psychiatrie und Psychoanalyse regelmäßig übersehen wurde. Es war schließlich Ellenbergers Verdienst aufzudecken, dass die Phänomene von „Widerstand“ und „Übertragung“ den Magnetiseuren und Hypnotiseuren durchaus bekannt waren – lange vor Freud, der sie dann als therapeutisches Hauptinstrument der Analyse nutzte.[17] Die hypnotische Behandlung, so Braid, könne nur gelingen, wenn der Widerstand des Patienten überwunden werden könne: „Es ist daher, wenn die Patienten sehr widerstandsfähig sind, immer wünschenswerth, den Einfluss von Sympathie und Nachahmungstrieb, wie den von Einflüsterungen und von Erregung der Erwartung zur Geltung zu bringen, wobei der Arzt Zuversichtlichkeit im Ton und ihm Benehmen zur Schau tragen und dem Patienten so nachdrücklich als möglich die Überzeugung aufdrängen muß, daß er außer Stande ist, diesen Einflüssen Widerstand zu leisten.“[18] Für den Erfolg sei es günstig, wenn der Patient sich der Manipulation „gerne unterzogen oder […] wenigstens keinen Widerstand entgegengebracht hat.“

Doch wie finden äußere Einwirkungen Anklang im Subjekt? Braid griff auf die gängige Metaphorik der Sympathie zurück, nämlich die Resonanz von Saiten, um sich sogleich von dem romantischen Modell intersubjektiver Wechselwirkungen zu distanzieren: “Die Perception äußerer Einwirkungen und das Vermögen, dieselben durch Bildung gleichartiger Vorstellungen zu beantworten, sind außerordentlich geschärft. Jede Saite, die durch den Inhalt der gesprochenen Worte, wie durch den Ton, in welchem sie geäußert werden, angeschlagen wird, findet sofort in einer so überraschenden Weise Anklang, daß viele darin die Wirkung einer Art Intuition oder Inspiration zu erkennen glauben.“[19] Braids Erklärung der mesmeristischen Striche („ des tractim tangere der Römer“), etwa beim Handauflegen zur Schmerzlinderung, war eindeutig. Die Wirkung gehe nicht von einer Person auf die andere über. Sie entstehe vielmehr „dadurch, daß ein ausgedehnter Eindruck auf die Sinnesnerven der Körperoberfläche gemacht und damit die Aufmerksamkeit von der verletzten Stelle abgelenkt oder vertheilt wird. Auf diesem Wege erkläre ich mir die Wirksamkeit des tractim tangere oder der sanften Reibungen und Berührungen mittelst der menschlichen Hand.“[20]

Braid sprach vom „doppelten Bewußtsein“, das er auch als „zweites“ oder „sekundäres Bewußtsein“ bezeichnete, lange vor der Diskussion über die multiple personality. „Alles was in dem geeigneten Stadium des Schlafs der Seele eingeprägt worden ist, vertieft sich zu Vortheil oder Nachtheil des Betreffenden und kann bei empfänglichen Naturen (nach dem Gesetz des doppelten Bewußtsein) wieder in das Gedächtniß zurückgerufen werden, sobald sie später wieder in das gleiche Stadium des Schlafs versetzt werden.“[21] Patienten, die in das „Stadium des tiefen Schlafs mit doppeltem Bewußtsein“ übergehen, könnten am wirksamsten beeinflusst werden. Die Hypnose mit ihrer gezielten Verfahrensweise sei dem Mesmerismus überlegen, da die Mesmeristen das besondere Schlafstadium übersehen und sich allzu sehr „auf die Wirksamkeit ihres vermeintlichen magnetischen oder odartigen Fluidums“ verlassen würden.[22]

Braid vertrat einen sensualistischen Standpunkt, um den Mechanismus der Hypnose zu erklären. Die Eindrücke müssten auf die Sinnesorgange oder sensiblen Nerven derart einwirken, dass bestimmte Ideen „dadurch auf dem Wege der Association geweckt werden.“[23] Deshalb sei der Einfluss auf beträchtliche Entfernungen hin wahrscheinlich eine Täuschung. Auch andere Beobachtungen der Mesmeristen stellte Braid in Abrede. So konnte er bei Hypnotisierten nie beobachten, dass diese durch die Annährung fremder Personen gestört worden seien („Gegenmesmerismus“).[24] Auch beim Voraussehen oder intuitiven Erkennen handele es sich um eine Täuschung. Sie komme durch Mitteilung anderer zustande oder durch Ideen, „welche lange Zeit in uns schlummerten und spontan während des Schlafs auftauchen, wenn gleichgestimmte Saiten des geistigen Lebens in Schwingungen versetzt werden.“ Auch hier benutzte Braid wieder die Metapher der musikalischen Resonanz. Er deutete an einer Stelle die Möglichkeit des später so genannten posthypnotischen Auftrags an, nämlich das Bedürfnis, „den stattgehabten Beeinflussungen gemäß zur entsprechenden Zeit zu handeln.“[25]


[1] Braid [1852], 1882, S. 120; Colquhoun, 1851 / [1853], 1971. [2] Colquhoun, 1836. [3] Colquhoun [1853], 1971, S. 518. [4] A. a. O., S. 519. [5] A. a. O., S. 520. [6] A. a.O., S. 524 f. [7] Braid [1852], 1882, S. 120. [8] A. a. O., S. 121. [9] A. a. O., S. 129 f. [10] A. a. O., S. 130. [11] A. a. O., S. 131. [12] A. a. O., S. 135. [13] A. a. O., S. 136. [14] A. a. O., S. 138. [15] A. a. O., S. 139. [16] A. a. O., S. 140. [17] Ellenberger, 1970, S. 490. [18] Braid [1852], 1882, S. 141. [19] A. a. O., S. 142. [20] A. a. O., S. 144 f. [21] A. a. O., S. 145. [22] A. a. O., S. 146. [23] A. a. O., S. 151. [24] A. a. O., S. 152 f. [25] A. a. O., S. 155.


[i] Colquhoun, 1836, vo. 2.: Titelblatt; → Abb. Isis revelata 1836

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