17. Kap./4 * Mesmerismus in der Chirurgie

Ein illustres Kapitel in der Geschichte der Anästhesiologie stellte die mesmeristische Narkose zu chirurgischen Zwecken dar. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, nach Einführung der Inhalationsnarkose mit Äther und Chloroform, die zunächst mit erheblichen Nebenwirkungen belastet war, schien der animalische Magnetismus eine Alternative zu bieten. Größtes Aufsehen erregte der britische Arzt James Esdaile, der 1845 als Chirurg in einem kleinen Krankenhaus in Calcutta (Indien) damit begann, Patienten im magnetischen Schlaf zu operieren. Er selbst hatte weder nähere Kenntnisse von Mesmerismus und Hypnotismus, der als neues Konzept von James Braid gerade inauguriert worden war, noch entsprechende praktische Erfahrungen. In einem Brief an Braid, den dieser im Oktober 1851 erhielt, schilderte Esdaile das von ihm angewandte Verfahren. Seine Bemerkung, er habe nach Braids Methode nie mesmerisieren können, konterte dieser mit dem Argument, er habe wohl das Fixieren der Aufmerksamkeit übersehen.[1] Esdaile behauptete, er habe in den letzten sechs Jahren 300 verschiedenartige, „zum Theil sehr schwere Operationen“ an mesmerisierten Patienten ausgeführt. Die Mesmerisierung geschah freilich ohne Kenntnis der Patienten und wurde nicht von ihm selbst, sondern von seinen Gehilfen, einem “Muselmann” oder “Hindu” in einem abgedunkelten Zimmer sechs bis acht Stunden lang u. a. durch Anblasen des Körpers ausgeführt.[2] Wenn der Schlafzustand für die anstehende Operation noch nicht tief genug erschien, wurde das Mesmerisieren täglich wiederholt: „In der Regel wurde dann die Operation am 4. oder 5. Tage ausgeführt.”[3] Auch innere Krankheiten seien auf diese Weise geheilt worden. James Braid dagegen zog das Chloroform dem Mesmerisieren zur Narkose vor: „Ich selber muß allerdings auf Grund meiner Erfahrungen mich zu Gunsten des Chloroforms aussprechen, da seine Anwendung bei uns wenigstens von einem rascheren und sicheren Erfolg bei den Patienten begleitet ist.“[4]

Esdailes Erzählung hatte märchenhafte Züge. So berichtete er, dass in der „Irrenanstalt von Calcutta“ eine große Anzahl Geisteskranker in mesmeristischen Schlaf versetzt worden sei „und während desselben an einem Manne eine Operation vollzogen [wurde], der sich die Kehle durchgeschnitten hatte.“ Ebenso märchenhaft klingt Esdailes Bericht, dass es ihm gelungen sei, Patienten ohne deren Wissen durch die Wand hindurch „unempfindlich wie Statuen zu machen“.[5] Für ihn war es eine greifbare Tatsache, dass eine physische Kraft, das Fluidum, vom Experimentator auf die Versuchsperson, vom Arzt auf den Patienten übergehe. „Es war ein von mir in der Hospitalpraxis ganz gewöhnlich eingeschlagenes Verfahren die Patienten durch Trinkenlassen mesmerisirten Wassers in Schlaf zu versetzen, wenn ich ihre Rachenschleimhaut mit Salpetersäure ätzen wollte.“[6] Auch Gedankenlesen und Übertragung von Geschmacksempfindungen gehörten für Esdaile „zu den gewöhnlichsten mesmeristischen Erscheinungen höherer Ordnung“. Dies konnte er sich offenbar nur „durch Übertragung eines nervösen Fluidums vom Experimentator auf die Versuchsperson“ erklären, „so daß dem Fluidum die Gedanken und Empfindungen des Experimentators gewissermaßen eingeprägt sind.“

In seiner progammatischen Abhandlung „Mesmerism in India” stellte er “mesmeristische Tatsachen” (mesmeric facts) dar und listete die von ihm innerhalb von acht Monaten durchgeführten „schmerzlosen Operationen“ und mesmeristischen Behandlungen internistischer Fälle auf.[7] Insgesamt 73 Operationen führte er mit mesmeristischer Anästhesie durch, darunter eine Arm- und zwei Penis- sowie sieben Hydrocelenoperationen. 18 internistische Fälle wurden mesmeristich behandelt, darunter dreimal „nervöse Kopfschmerzen“ und zweimal rheumatische Lähmungen. Er verstand den Mesmerismus als Anwendung einer Naturheilkraft, die in keinem Falle schädlich sein könne. Hierbei argumentierte er physiologisch: Die mesmeristische Ruhigstellung von Gehirn und Nerven (mesmeric torpor of the brain and nerves) entstünden nicht durch Blutstauungen im Gehirn und der Zustand der Mesmerisierten unterscheide sich nicht vom normalen Schlafzustand.[8]

Esdaile war absolut von einer phykalischen Kraft überzeugt, die zum Wohle der Menschheit und insbesondere zur schmerzlosen Chirurgie eingesetzt werden könne. Unermüdlich warb er dafür, den Mesmerismus als die Naturheilkunde anzuerkennen. Die Lebenskraft unserer Körper, schrieb er, sei keinesfalls auf diesen begrenzt: „On the contrary, there is good reason to believe that the vital fluid of one person can be poured into the system of another, upon which it has various effects, according to constitutional peculiarities, the demand for it as a remedy, and the manner and extent to which it is exhibited in order to answer different purposes.“[9] Gott habe eine mitteilbare, lebensspendende Heilkraft im menschlichen Körper eingepflanzt (ingrafted). So könnte von zwei Menschen, auf sich allein gestellt, von denen der eine gesund und der andere krank sei, der Gesunde dem Kranken helfen, indem er ihm von seiner Lebenskraft etwas abgebe. Überhaupt könnten die reinen Naturkräfte der leidenden Menschheit in aller Welt Hilfe und Erleichterung bringen.[10] Sie seien wissenschaftlich, nach den anerkannten Gesetzen der Evidenz zu erforschen.[11] Freilich war Esdaile skeptisch im Hinblick auf die Einsichtsfähigkeit der professionellen Mediziner. Deshalb sollte die Öffentlichkeit mit gesundem Menschenverstand und nüchternem Urteil (common sense und sober judgment) die „Fakten“ zur Kenntnis nehmen und dann den Ärzten nahebringen.[12]

Eine Besonderheit der Esdaile’schen Methode bestand darin, dass er seine Assistenten das Magnetisieren lehrte und ihnen dann die Aufgabe übertrug, die zu operierenden Kranken damit zu anästhesieren. Um die Patienten ins „coma“ zu versetzen, wurden manchmal mehrere Stunden benötigt und es waren bis zu 14 Versuche nötig. Seine Verehrung der Natur hatte religiöse Untertöne: Sie würde ihre „geheimen Schätze“ nur jenen offenbaren, „who courts her with earnestness, sincerity, and resolution.“[13] Die physischen und moralischen Qualitäten eines „natürlichen Magnetiseurs“ (natural mesmeriser) waren für Esdaile klar und eindeutig: ein aktives Nerven- und Herzkreislauf-System, Willensstärke und Entschlossenheit, Wahrheits- und Menschenliebe. Gesunde junge Personen könnten das Mesmerisieren ohne allzu große Mühe erlernen. Offenbar hatte Esdaile gute Erfahrungen gemacht, als er unter seinen Mitarbietern im Krankenhaus ein Dutzend junger „Hindoos and Mahomedans“ zu Magnetiseuren ausbildete.[14] Die mesmeristische Kraft sei eine allgemeinere Naturgabe, als bisher angenommen, lautete seine optimistische Botschaft: „Mesmerism is the ‚Medicine of Nature’; and she [Nature] refuses, very wisely, to take it when it is not needed“.[15] Dem entsprechend lehnte Esdaile das Mesmerisieren von Gesunden zu Demonstrationszwecken kategorisch ab.


[1] Braid [1852], 1882, S. 157. [2]http://en.wikipedia.org/wiki/James_Esdaile (16.03.2010). [3] Braid [1852], 1882, S. 158. [4] A. a. O., S. 160. [5] A. a. O., S. 158. [6] A. a. O., S. 150. [7] Esdaile, 1846, S. XXII f. [8]A. a. O., S. XXV. [9] A. a. O., S. 3. [10] A. a. O., S. 4. [11] A. a. O., S. 6. [12] A. a. O., S. 9. [13] A. a. O., S. 10. [14] A. a. O., S. 12. [15] A. a. O., S. 13.

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