17. Kap./5 * Kraft von außen oder innen?

Um die paradigmatische Bedeutung von Braids „Hypnotismus“ zu ersehen, ist es hilfreich, Esdailes Verteidigung des klassischen Mesmerismus zur Kenntnis zu nehmen, auf den wir im nächsten Hauptabschnitt näher eingehen werden (Kap. 22–28). Um 1850 griff Esdaile wie kein anderer Autor in jener Zeit noch einmal Mesmers Fluidum-Theorie auf: Die mesmeristische Beeinflussung geschehe durch die physische Kraft, die ein Lebewesen auf ein anderes ausübe. Er sprach hier sogar von einer „diabolic theory“. Die Patienten wurden mit geschlossenen Augen, in einem dunklen Raum liegend und gänzlich ohne Wissen, was man mit ihnen vorhatte, mesmerisiert.[1] Er berief sich auf den berühmten französischen Anatomen Georges Cuvier, der festgestellt hatte, dass ein menschlicher Körper einen anderen in seiner Nähe direkt beeinflussen könne. Dies sei auf eine Kommunikation der beiden Nervensysteme zurückzuführen.[2] Cuvier hatte tatsächlich in seinen Leçons d’Anatomie Comparées darauf hingewiesen, dass es sehr schwierig sei, die Imagination einer Person von dem physischen Effekt (effect réel) einer anderen, die auf erstere einwirkt, zu unterscheiden. Solche Effekte seien Ausdruck einer « communication quelqonque qui s’établit entre leurs systêmes nerveux. »[3]

Esdaile führte auch Beispiele von mesmerisierten Tieren ins Feld, um seine „diabolic theory“ zu untermauern, etwa indianische Gebräuche, um verwaiste Büffelkälber oder wilde Pferde durch Pferde-Flüsterer (horse-whisperers) einzufangen. Aber seine Hauptargumente bezog er aus seiner ärztlichen Praxis und seinen zahlreichen experimentellen Erfahrungen, die systematisch darauf angelegt waren, den direkten Einfluss unter Umgehung jeder Imagination, Erwartung oder Suggestion nachzuweisen. So berichtete er, wie er aus anderen Räumen und über größere Entfernungen hinweg Patienten in Trance versetzt habe, ohne dass diese von seinem Vorhaben etwas wissen konnten. Höhepunkt seiner Experimente stellte das Mesmerisieren eines blinden Mannes dar, „to test the imagination theory“.[4] Angeblich konnte Esdaile diesen innerhalb des Krankenhauses aus jeder Entfernung in Trance versetzen. Sein erster Versuch zielte darauf ab, diesen Blinden aus einer Entfernung von 20 Yards Abstand über eine Wand hinweg zu beeinflussen, während dieser sein Abendessen einnahm: „He gradually ceased to eat, and in a quarter of an hour was profoundly entranced and cataleptic.“[5] Deshalb könne die Theorie der Suggestion, Erwartung und Imagination (suggestion, expectation, and imagination) die Phänomene nicht befriedigend erklären. Die Wirkung des magnetisierten Wassers war für ihn ein weiterer Beweis dafür, dass dem Wasser ein lebendiges Fluidum (vital fluid) zugesetzt werden könne. Ausführlich zitierte er Karl von Reichenbachs Experimente mit Sensitiven (Kap. 28).[6] Und er verwies auf den antiken Sophisten Älian, der von den „Psylli“ als Wunderheilern berichtet habe, die gegen extreme Schmerzen bei Verwundungen Wasser zu trinken gaben, das sie zuvor selbst im Mund gehalten hatten.[7]

Im Grunde behauptete Esdaile, dass er auf eine Weise beeinflussen könne, die später als Telepathie oder Mentalsuggestion bezeichnet wurde (Kap. 21). Dabei argumentierte er elektrophysiologisch und evolutionsbiologisch. Wenn der elektrische Fisch Elektrizität absondern könne, „and project it in the direction desired by the will, why should not man possess a modification ot the same power?[8] Der Mensch enthalte alle niedereren Stufen der Natur in sich, die oft latent seien, die sich aber unter außergewöhnlichen Umständen plötzlich und überraschend manifestieren könnten. Vital fluid, nervous fluid und animal electricity waren für ihn analoge, voneinander kaum abgrenzbare Kräfte – Medien, Überträgersubstanzen. Wie der göttliche Geist (Divine Mind) nur durch verschiedene Medien wirken können, wie etwa Hitze, Licht, Magnetismus und Elektrizität, so müsse man auch ein Nerven-Fluidum (nervous fluid) annehmen, durch welches das Gehirn auf den Körper einwirkte.[9] Auf diesem Boden entwickelte Esdaile sein Modell, wie ein fremder Wille von außen so verinnerlicht wird, dass er die Herrschaft über den eigenen übernimmt. Das Nerven-Fluidum könne nämlich bei fortgesetzter Willensanstrengung in einem (aktiven) Nervensystem über den eigenen Körper hinausfließen und mesmeristische Phänomene (mesmeric phenomena) bei einem anderen (passiven) Nervensystem hervorrufen.[10] Die Nervenimpulse von außen würden dann an den äußeren Nervenendigungen genauso akzeptiert, als wenn sie von den zerbralen Endigungen im eigenen Gehirn kommen würden. Die Übersendung (transmission) fremder Nervenimpulse vom Gehirn des Magnetiseurs zum Gehirn des Patienten geschehe durch das Nervensystem des letzteren. Es komme also zu einer Verkehrung (inversion) des normalen nervösen Prozesses.[11] Der magnetische Schlaf (coma) erschien somit also Folge der unnatürlichen Ausrichtung (preternatural determination) des Nerven-Fluidums zum Gehirn, „the influence of the master-will“. Dieses werde dann gleichsam überflutet. Die elektrische Telegraphie, eine zeitgenössische technische Innovation, lieferte für Esdaile das Erklärungsmodell. Das Gedanken-modifizierte Nerven-Fluidum des aktiven Gehirns werde vom passiven Gehirn des Patienten reflektiert und verstanden −„exactly as the passive end of an electric telegraph records the impulses recieved from the active extremity of the battery“.[12]

Esdaile war ein Draufgänger, der mit handgreiflichen Experimenten den Mesmerismus als Tatsache demonstrieren und therapeutisch nutzen wollte. Für ihn offenbarten sich damit die großen Geheimnisse der Natur (Nature’s great secrets), deren Gesetze es zu entdecken galt.[13] Unvoreingenommen wollte er experimentieren – wie ein Chemiker, der von der Entdeckung eines neuen Elements gehört habe und dieses nun selbst nachweisen wolle.[14] Betrug und Täuschung sollten durch wiederholte Emperimente, Anwesenheit seriöser Zeugen und genaues Protokollieren der Vorgänge ausgeschlossen werden. Sein erstes Experiment, das er als Chirurg im April 1845 an einem hinduistischen Strafgefangenen vornahm, war bezeichnend für seine Einstellung. Dieser litt an einer doppelseitigen Hycrocele und spürte starke Schmerzen nach der Operation. Esdaile magnetisierte ihn mit Handstrichen, wie er sie aus der Literatur kannte. Er erzeugte damit nach einiger Zeit eine völlige Gefühl- und Bewusstlosigkeit. Selbst auf Schmerzreize reagierte der Patient nicht mehr, etwa auf das Stechen mit der Nadel und Brennen der Haut. Die „Nadelprobe“ diente ja von den Hexenprozessen bis zur modernen Neurologie als diagnostische Methode. Nach dem Erwachen klagte der Patient mehr über schmerzhafte Folgen des Stechens und Brennens, als über seine ursprünglichen Schmerzen im Scrotum.[15] Esdaile schämte sich seiner Ungläubigkeit: “I will never put a patient to the ‚question’ in this way.”

Der Mesmerismus war für Esdaile wie gesagt ein rein physikalisches Phänomen, eine Realität wie die Gravitation oder die Eigenschaften von Opium.[16] Für ihn stand unumstößlich fest, dass keine Imagination, keine geistige Sympathie (mental sympathy), kein Einverständnis (consent) zwischen den Beteiligten bestehen muss und die Augen des Patienten geschlossen bleiben können. Der Mesmerismus war für ihn eine natürliche Kraft des menschlichen Körpers, die Nerven und Muskeln beeinflussen, Schmerzen ausschalten, bei funktioneller Nervenschwäche helfen und auch Entzündungen besiegen kann. Er bestägte die mesmeristische Überzeugung, dass der Einfluss auch in die Ferne und durch dichte Materialien übertragen werden könne.[17]

Wir wollen nun noch einmal auf die Gegenposition von James Braid zurückkommen. Solche Spekulationen, wie sie Esdaile im Sinne des Mesmerismus bilderbuchmäßig vortrug, wollte er grundsätzlich widerlegen, wobei er manchmal ähnlich wie sein Gegenspieler, jedoch in entgegengesetzter Absicht, mit detektivischer Schläue vorging. In einer Abendgesellschaft sollte eine Dame, die angeblich versteckte Magnete an ihrer Ausstrahlung erkennen und fühlen konnte, ihre außerordentliche Fähigkeit unter Beweis stellen. Braid saß als geladener Gast neben der Dame mit einem doppelt so starken Magneten in der Tasche als derjenige, den die Dame vergeblich im Zimmer suchte, ohne dass diese etwas von Braides Magneten bemerkte – Beweis genug für ihn, dass die beeinflussende Kraft nicht von außen einstrahlte.[18] Was später als „psychische Epidemie“ diskutiert werden sollte, kannte Braid aus der medizinhistorischen Literatur. Er bezog sich vor allem auf die Darstellung der mittelalterlichen Epidemien durch den Berliner Internisten J. C. F. Hecker, der die „Tanzwut“ (Veits- und Taranteltanz) unter die „Psychopathien des Mittelalter“ rechnete und auf den „Trieb der Nachahmung“ zurückführte.[19] Braid merkte hierzu an: „Die wunderbare Macht, welche Sympathie und Nachahmungstriebe auf eine gewisse Klasse von Personen ausüben, ist jedem Arzte bekannt.“[20]

Aus heutiger Sicht mag es Braids größtes Verdienst gewesen sein, dass er am eigenen Leib Selbsthypnose und Autosuggestion einsetzte und damit die Bedeutung von Selbsterfahrung und Selbsttherapie unterstrich. So schilderte er seine bereits 1843 angegebene Methode, wie sich Patienten in vielen Fällen selbst in Schlaf versetzen könnten: „Sobald sie eine bequeme Lage im Bett eingenommen haben, schließen sie die Augenlider und geben den Augapfel [sic] eine solche Stellung, als wollten sie nach einem entfernten Objekt, etwa einem Stern sehen, der sich etwas über oder hinter der Stirn befindet. […] Noch sicherer wird bei manchen Individuen der Schlaf herbeigeführt, wenn sie in der nämlichen Richtung einen kleinen, hellen, von einer entfernten Lichtquelle beleuchteten Gegenstand mit anhaltender Aufmerksamkeit und bei etwas verhaltenem Athem fixiren.“ [21] Braid verwies unter anderem auch auf seinen schottischen Landsmann, den Physiker David Brewster, den Erfinder des Kaleidoskops, der an sich selbst erfolgreich diese Methode angewandt habe, um sich willkürlich in Schlaf zu versetzen. Die Beobachtung, dass Patienten sich gegenseitig wie beim „gewöhnlichen Mesmerisiren“ hypnotisieren können, war für Braid ein weiterer Beweis gegen die Annahme von „magnetischen Polen“ und einer Übertragung von magnetischen Kräften: „Ich habe einmal 22 Patienten sich im Halbkreis aufstellen und sich gegenseitig bei den Händen fassen lassen und sämmtliche 22 fielen rasch in Schlaf.“[22] Nach mesmeristischer Lehre, so Braid, hätten ja nur diejenigen in Schlaf versetzt werden können, in welchen sich die angebliche magnetische Kraft angehäuft hätte.

Als Wissenschaftler wollte Braid seinem Selbstverständnis nach induktiv vorgehen. Er beanspruchte für seine Lehre die Wahrheit: „Unter allen Umständen glaube ich annehmen zu können, daß meine Anschauungen einen Fortschritt bezeichnen und sich der Wahrheit mehr nähern als die Theorie der Mesmeristen und der Elektro-Biologen.“[23] Bei näherer Betrachtung der Braid’schen Lehre zeigt sich, wie scharfsichtig sie die Probleme der modernen Psychotherapie erkannte und deren Begrifflichkeit wie Suggestibilität, posthypnotischer Auftrag, Widerstand oder Autosuggestion vorwegnahm. Sie trug entscheidend dazu bei, das Menschenbild der modernen Medizin und darüber hinaus zu prägen. Der einzelne Organismus mit seinem Nervensystem als Schaltzentrale war nun die Grundeinheit, die scharf von seiner Umwelt abgrenzbar schien. Psychosomatik imponierte als bio-psychologisches Kräftespiel, das zwar von außen angestoßen wurde, aber immer im Einzelorganismus verblieb. Die Aufhebung seiner Individualität und Verschmelzung mit anderen, was für den Mesmerismus charakterisch war, schien völlig ausgeschlossen.


[1] Esdaile [1852], 1975, 222 f. [2] A. a. O., S. 223. [3] Cuvier, 1805, S. 107 f. [4] Esdaile [1852], 1975, S. 227. [5] A. a. O., S. 228: Fußn. [6] A. a. O., S. 230. [7] A. a. O., S. 231. [8] A. a. O., S. 233. [9] A. a. O., S. 234. [10] A. a. O., s. 235. [11] A. a. O., S. 236. [12] A. a. O., S. 238. [13] A. a. O., S. 35. [14] A. a. O., S. 59. [15] A. a. O., S. 54. [16] A. a. O., S. 58. [17] A. a. O., S. 271 f. [18] Braid, 1882, S. 164. [19] Hecker, 1865, S. 121. [20] Braid, 1882, S. 163. [21] A. a. O., S. 169 f. [22] A. a. O., S. 172. [23] A. a. O., S. 175.

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