17. Kap./6 * „Lucider Schlaf“

Freilich war auch Braid nicht „der Erste“, der die Quelle der magnetischen Phänomene nicht im Magnetiseur und seiner Fluidum-Übertragung erblickte, sondern im Magnetisierten selbst. Bereits Jahrzehnte vor ihm hatte der aus dem indisch-portugiesischen Goa stammende Priester José Custódio de Faria („Abbé Faria“; portugiesisch: Abade Faria)  die moderne Erklärung der magnetischen Phänomene im Sinne der Neurophysiologie und Suggestionslehre antizipiert, wahrscheinlich beeinflusst vom indischen Brahmanismus, den er in Goa kennengelernt hatte.[1] Für Bernheim war mit Farias Demonstrationen in Paris ab 1815 „die Lehre von der Suggestion in’s Leben getreten“, ein interessanter Aspekt in der Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse.[2] Farias Schlüsselbegriff war der „luzide Schlaf“ (sommeil lucide), worüber er 1819 eine Monographie veröffentlichte, der er ein Sendschreiben an den von ihm verehrten Marquis de Chastenet de Puységur voranstellte.[3] Er hoffte trotz ihrer unterschiedlichen Auffassungen auf dessen öffentliche Unterstüztung. Der Somnambulismus stelle dasselbe Phänomen wie der luzide Schlaf dar. Dieser sei aber kunstvoll entwickelt, klug gelenkt und umsichtig kultiviert, vergleichbar einer Pflanze in einem kultivierten Garten im Verhältnis zu einer Pflanze in der Wildnis.[4] Seine Hauptkritik an der Doktrin des Mesmerismus richtete sich gegen die widersinnige Annahme (l’absurdité), dass ein „äußerer Wille“ (volonté externe) den luziden Schlaf hervorrufen könne. Die heftigen Gegenangriffe eines Mesmeristen wertete er als Ausdruck eines Magnétismomane.[5] Niemand werde zum Somnambulen – Faria benutzte hierfür die griechische Bezeichnung épopte –ohne natürliche Anlage (épopte naturel). Faria bezog sich hier auf die Tradition der Eleusinischen Mysterien, bei denen die völlig Eingeweihten als „Epópten“, Schauende oder Seher bezeichnet wurden.[6] Kein Magnetiseur der ganzen Welt könne jemanden einschläfern, ohne dass dieser die erforderlichen Dispositionen dazu habe. Er spielte die einzelnen Szenarien durch um zu beweisen, dass kein äußerer Wille den luziden Schlaf bewirken könne. Aus der Tatsache, dass Somnambule (époptes) ohne Willensbekundung des Magnetiseurs – Faria bezeichnete diesen auch als concentrateur – durch dicke Wände und über weite Distanzen erfolgreich magnetisiert werden könnten und einschliefen, habe man voreilig ohne genauere Beweisführung geschlossen, dass der luzide Traum allgemein von einem äußeren Willen verursacht werde[7]. So sei der berühmte Spruch „Croyez et veuillez“ (Puyeségur) beim Studium des luziden Schlafs für allein zutreffend gehalten worden. Allerdings zeige die Erfahrung, dass man die époptes, die sich weit entfernt von ihren concentrateurs befinden, mit und ohne deren Willen, ja, sogar gegen ihn, sofern er nicht ausgedrückt werde, einschläfern könne.[8] Denn die époptes würden den Ideen folgen und nicht der unwirksamen Aktion eines äußeren Willens (volonté externe).

Faria formulierte eine Theorie der Überredung (persuasion). Diese sei nur ein Anhängen des Geistes an den Glauben (adhésion de l’esprit à sa foi). Auf keinen Fall beruhe dieses Anhängen auf einem inneren Zwang. Es folge nur den Gepflogenheiten und Vereinbarungen. Keine äußere Aktion könne jemals den Menschen seiner inneren Freiheit berauben, sondern nur der natürlichen Grundlagen (causes naturelles).[9] Die Seele herrsche souverän in ihrem Bereich, könne aber niemals außerhalb des Körpers ohne den Körper agieren.[10] Wie könne also ein äußerer Wille nicht nur den luziden Schlafe, sondern auch noch die entsprechenden Bewegungen der Somnambulen verursachen? Wie könne ein Magnetiseur diese beherrschen, ohne seine eigenen kontrollieren zu können? Oder wie könne er wissen, was bei den Antipoden passiere, wenn er nicht einmal wisse, was sich hinter seinem Rücken befinde? Faria bezweifelte, dass der menschliche Wille über die Entfernungen hinweg in der gleichen Weise wirken kann wie die Elektrizität, die (magnetische) Anziehung und der Galvanismus.[11] Er argumentierte bisweilen sophistisch, um die direkte Wirksamkeit des äußeren Willens zu widerlegen. Dieser sei nichts anderes als eine absolute Macht gegenüber einem anderen ohne dessen Wissen und trotz seines ganzen Widerstands (dépit de toute sa résistance). Wenn man aber unterstelle, dass dieser Tyrann nur mit Einverständnis des Patienten herrschen könne, negiere man ihn als wirksame Ursache.[12] Farias Urteil war apodiktisch: Die Aktion eines äußeren Willens ist ebenso befremdlich, wie die Landwirtschaft im Hinblick auf die Kriegskunst. Die Quelle des luziden Schlafs sei einzig und allein in den Somnambulen selbst (les époptes mêmes) zu suchen.[13] Die Magnetiseure hätten nicht die Macht einzuschläfern, wenn die Betreffenden es nicht wollten: „L’ordre des concternateurs n’est donc qu’une cause occasionelle et non efficiente.[14] Diese Idee, durch die Wirkung eines äußeren Willens den luziden Schlaf zu induzieren, schien ihm völlig absurd zu sein. So fielen Klienten bereits beim Betreten seinen Salons in Schlaf, wenn sie ihn nur sähen, bevor er sie überhaupt bemerkt habe.[15] Auch während seiner Vorlesungen seien zahlreiche Personen nur wegen seiner Anwesenheit in Schlaf gefallen, während er andere eingeschläfert habe.

Faria diskutierte auch telekinetische Experimente. So habe la baronne de Staël von Versuchen in Deutschland berichtet, den Willen oder die Seele auf Metalle einwirken zu lassen, etwa auf einen aufgehängten Goldring, um ihn in eine gewollte Richtung zu bewegen.[16] Da die Seele aber nicht außerhalb des Körpers wirken könne, sondern nur durch einen Mittelköprer (intermédiaire), kämen wohl nur Luftbewegungen durch Stimmen oder Gesten in Frage. Dies hätte absolut nichts zu tun mit dem Einschläfern auf Distanz und durch alle Hindernisse hindurch. Wenn Frauen regelmäßig beim Anblick von Mäusen, Spinnen oder Reptilien in Ohmmacht fielen oder Personen beiderlei Geschlechts angesichts der Todesstrafe durch Köpfen sich verkrampften, so würden die widerwärtigen Emfindugen doch auch nicht durch den Willen der Mäuse, Spinnen, Reptilien oder der hingerichteten Verbrecher hervorgerufen.[17]

Faria wies auch die Annahme eines „magnetischen Fludiums“ (la supposition d’un fluide magnétique) als widersinnig zurück.[18] Ein Fluidum sei ein flüssiger Körper, der sich gleichmäßig über der Erdoberfläche verteile. Magnete und Elektrisiermaschine produzierten Effekte, die sich als besondere Emanationen zu erkennen gäben, aber keineswegs Flüssigkeiten (fluides) seien. Die Magnetiseure propagierten mit ihrem magnetischen Fluidum eine gigantische Idee, nämlich die eines Ozeans, der aus dem Universum entspringe. Sie behaupteten, dieses Fluidum, das die Kraft zum Einschläfern habe, durch ihren Willen lenken zu können. Wie aber, so fragte Faria, kann der menschliche Wille eine Flüssigkeit (fluide) lenken, die ohnehin schon alles untertaucht, das existiert? « L’eau, qui a la vertu de mouillir, mouille tout ce qui s’y plonge sans aide d’aucune action externe. »[19]Wenn also das magnetische Fluidum alles, was eingeschläfert werden kann, umschließt – wie kann dann ein äußerer Wille nach Belieben auf jemanden wirken, der ohnehin schon durch das Fluidum mit jedermann verbunden ist?[20] Die Beobachtung, dass das magnetische Fludium sehr unterschiedlich auf die Menschen wirkt, wurde von den Magnetiseuren damit erklärt, dass es nur auf Kranke Einfluss habe. Dem widersprach Faria, denn unter seinen èpoptes befanden sich auch solche in gesundem Zustand und unter denen, die sich nicht Einschläfern ließen, waren Kranke, die an Verstopfung litten. Faria zog daraus einen radikalen Schluss: Wenn das magnetische Fluidum, durch den äußeren Willen lenkbar, nicht gleichermaßen auf alle wirke, so nicht deshalb, weil es nicht die geeigneten Subjekte finde, sondern weil es in der Natur (dans la nature) gar nicht existiere.[21] Der common sense lehne es ab, dass Emanationen aus dem Körper und Gedankenlesen – was durchaus möglich sei – Schlaf bei anderen induzieren könne, wie die Magnetiseure behaupteten.[22]

Faria war offenbar ein begnadeter Erwecker des „luziden Schlafs“. Er übte seine Kunst auf Massensitzungen aus, auf denen er viele neue èpoptes gewann. Ein einziges Wort „dormez“ oder eine einzige Geste mit der Hand genügten schon, um mehrere Personen in den luziden Schlaf zu versetzen, so dass sie fähig waren, ihre Mitteilungen (consultations) zu machen.[23] Die angeblich von einem épopte gesehenen Strahlen, die von den Fingern des concentrateur auszugehen schienen, wurden nun als Beispiel für die in der Natur zu beobachtenden elektrischen Lichterscheinungen in der Atmosphäre gedeutet, die willentlich von den concentrateurs gelenkt werden konnten.[24] Nach Faria könne man nicht, wie es der animalische Magnetismus tue, von einem fluidalen Ozean ausgehen, in den alles eingetaucht sei, sondern müsse die sehr unterschiedlich aufgeladenen Teilen berüksichtigen, die sich stärker an Gewässern konzentrierten als im Binnenland. Da das leuchtende Fluidum (fluide lumineux) allen Menschen zukomme und nur von solchen époptes wahrgenommen würde, die den einschläfernden Einfluss erwarteten, sei es weder „magnetisch“ noch „animalisch“, da es selbst bei sich aneinander reibendenden Mineralien zu beobachten sei.[25] Die Funktionen der inneren Sinne (sens internes) die auf den Gebrauch der äußeren Organe reagieren, würden auf einer innerlichen Überzeugung (conviction intime) und nicht auf einem magnetischen Fluidum beruhen.[26] Freilich seien diese inneren Sinne keineswegs organischer Natur. Sie seien auch keine Eigenschaft der menschlichen Seele, sondern gehörten zum Körper als ein Zusatz (addition), der den Gipfel der Vollkommenheit seines Aufbaus ausmache.[27] Denn sie entwickelten sich in allen Körperteilen. So zog Faria den Schluss, dass die inneren Sinne eine unumstössliche Tasache darstellten und die Annahme eines magnetischen Fludiums in jeder Hinsicht gänzlich absurd (tout-à-fait absurde) sei.[28] Gleichwohl hatte Faria doch die Vorstellung einer Art psychischen Infektion, eines contagion humaine:  Die époptes würden manchmal ihre eigenen Leiden verstärken und ihre Luzidität verlieren, wenn sie Kranke berührten. Wegen ihrer gesteigerten Sensibiltität könnte der leichteste Einfluss von äußeren Miasmen (miasmes externes) zu einem heftigen Anfall führen, da sich nichts dem Eindringen der flüchtigen Substanzen (substances volatiles) durch ihre Poren entgegenstelle.[29]

In der Wissenschaftsgeschichtsschreibung wurde Faria seit dem Aufkommen des Hypnotismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts als wichtiger Wegbereiter der modernen Psychotherapie gefeiert.[30] Hippoyle Bernheim erblickte in ihm den Ersten, der das Phänomen des Somnambulismus aus dem „Infantilismus“ der Magie und des Truges herausgelöst und das Phänomen des Hypnotismus richtig erkannt habe. Wie später Liébeault habe Faria gewusst, dass der Glaube und die psychische Beeindruckbarkeit den hypnotischen Schlaf verursachen würden. Es ist erstaunlich, wie diese Einordnung Farias in die wissenschaftliche Fortschrittsgeschichte der medizinischen Psychologie auch gegenwärtig noch anhält – ohne das Problem zu berühren, dass mit dem Hypnotismus bestimmte („parapsychologischen“) Phänomene, die der Mesmerismus ausgiebig studiert und dokumentiert hat, weitgehend aus dem Gesichtsfeld der Wissenschaft verbannt wurden. In dieser Perspektive erscheint Faria schlicht als „the sole and true founder of the doctrine of suggestion in hypnotism.”[31]


[1] Stubbe, 2000 [a]. [2] Bernheim, 1888, S. 102; Stubbe, 2000 [b]. [3] Faria, 1819. [4] Faria, ed. Carrer, 2004, S. 89. [5] Faria, 1819 [Vorwort]. [6]http://www.zeno.org/Brockhaus-1911/A/Ep%F3pten (10.11.2010). [7] Faria, 1819, S. 403. [8] A. a. O., 404. [9] A. a. O., S. 406. [10] A. a. O., S. 409. [11] A. a. O., S. 410. [12] A. a. O., S. 411. [13] A. a. O., S. 413. [14] A. a. O., S. 415. [15] Faria ed. Carrer, 2004, S. 277. [16] Faria, 1819, S. 420. [17] A. a. O., S. 423. [18] A. a. O., S. 430. [19] A. a. O., S. 431. [20] A. a. O., s. 432. [21] A. a. O., S. 433. [22] Faria, ed. Carrer, 2004, S. 297. [23] A. a. O., S. 436. [24] A. a. O., S. 437. [25] A. a. O., S. 439. [26] A. a. O., S. 460. [27] A. a. O., S. 461. [28] A. a. O., S. 463. [29] A. a. O., S. 451. [30] Carrer, 2004, S. 82-88. [31] Ebd., S. 87.