15. Kap./3 * Innere Natur dienstbar machen

Bernheim war primär an der ärztlichen Psychotherapie interessiert. Die Fremdsuggestion des Arztes sollte sich in die Autosuggestion des Patienten verwandeln und dadurch die heilsamen, korrigierenden Impulse freisetzen. Dass der Patient sein eigener Arzt wird, indem er sich selbst suggeriert, dass also gewissermaßen Fremd- und Autosuggestionen in ein und derselben Person zusammenfallen können, stand für ihn als Klinikarzt nicht im Mittelpunkt des Interesses. Dieser Ansatz der suggestiven Selbsttherapie wurde erst eine Generation nach ihm populär. Der Apotheker Émile Coué aus Nancy, der bei Liébeault und Bernheim in die Schule gegangen war, begründete um 1912 seine Methode der autosuggestiven Selbstbehandlung. Sein katechismusartiges Büchlein „Selbstbemeisterung durch bewußte Autosuggesionen“ wurde weltweit zu einem Bestseller.[1] In ihm stützte er sich ganz auf Bernheims Definition von Suggestion und Autosuggestion.[2] Seine Position ist für unsere Thematik deshalb interessant, weil er die Autosuggestion als eine mächtige Naturkraft im Unbewussten des Menschen auffasste. Die Magie der Natur, so könnte man sagen, erschien ihm als Macht des Unbewussten, der Einbildungskraft, die bei jedem Menschen wirksam werden könne. Diese sei wild, unberechenbar, fortreißend wie „ein Gießbach oder ein wildes Pferd“, könne aber gezähmt werden. Coué veranschaulichte dies mit der beliebten Metapher von Ross und Reiter. Die Einbildungskraft sei als wildes Pferd „ohne Zaum noch Zügel“ zu denken. „Was bliebe da einem Reiter übrig als sich dahin tragen zu lassen, wohin es dem Pferde beliebt? Und wenn dieses durchgeht, wird der Ritt leicht im Graben enden. Gelingt es aber dem Reiter, seinem Tiere Zügel anzulegen, so sind die Rollen gleich vertauscht. Mit dem freien Herumschweifen des Pferdes ist’s vorbei: der Reiter lenkt es jetzt.“ [3]

Die Metaphorik von Ross und Reiter hat ihre ideengeschichtliche Wurzel in Platons „Phaidros“, wo die Seele als ein geflügelter Wagen dargestellt wird, der von einem gutwilligen und einem widerborstigen Pferd gezogen und von einem Wagenlenker gelenkt wird. Es sei für diesen deshalb sehr mühsam und verdrießlich, die Zügel zu halten.[4] Platons Metaphorik ist also etwas komplizierter als bei Coué und auch bei Sigmund Freud, der das Verhältnis von Ich und Es mit dem Reiter verglich, „der die überlegene Kraft des Pferdes zügeln soll, mit dem Unterschied, dass der Reiter dies mit eigenen Kräften versucht, das Ich mit geborgten“.[5] Möglicherweise hatte Freud, der die französische Fachliteratur und insbesondere die Publikationen der Schule von Nancy bestens kannte, das Gleichnis von Ross und Reiter von Coué übernommen. Der Bonner Philosoph und Kulturanthropologe Erich Rothacker, der auffallenderweise sowohl Platon als auch die moderne psychodynamische bzw. psychoanalytische Literatur von Bernheim und Coué bis Sigmund Freud mit keinem Wort in seiner grundlegenden Monographie „Die Schichten der Persönlichkeit“ (Erstauflage 1938) erwähnte, bemühte dieselbe Metapher: „Das Ich ist mit einem Reiter zu vergleichen, der auf dem ‚Es‘ wie auf einem Pferd reitet. Er läßt, soweit er zum Reittier Vertrauen hat, dieses mit losem oder leicht gespanntem Zügel gehen, bis es gilt, aufzuwachen und aufzupassen. Die Wendung der Alltagssprache sagt hier plastisch: Ich muß mich, d. h. mich mitsamt dem Pferd, ‚zusammennehmen’.“[6] Auch an anderer Stelle griff Rothacker dieses „Bild vom Reiter und Pferd“ wieder auf, um die Verschmelzung von animalischem und ichhaftem Sein in der Gesamtpersönlichkeit zu illustrieren. Die Kraft liegt freilich beim Pferd, dem „Es“: Auch wenn der Reiter noch so bewusst und kunstvoll das Pferd lenkt, „dann ist es trotzdem noch das Pferd das weiterläuft.“[7]  

Coué formulierte ein Modell, wonach die innere Natur des Menschen, sein „wildes“ Unbewusstes, durch die Autosuggestion, die ihrerseits eine Naturkraft darstelle, bewusst gelenkt werden könne: „dieser Naturkraft […] wohnt eine unerhörte Macht inne, deren Schranken bisher noch gar nicht aufgezeigt sind. […] Die geistige Beherrschung dieser inneren Gewalten bringt uns allen entschiedenen Vorteil; geradezu unentbehrlich ist solche Einsicht in das Wesen der Suggestion jedem Arzte, Richter, Anwalt oder Jugendbildner.“[8] Trotz aller methodischen Unterschiede entsprach dieses Modell der Selbstbeherrschung durchaus Freuds Verständnis von der Bändigung und Sublimierung des Es durch das Ich. Coué begriff die Einbildungskraft als „eine Seite des Unbewußten“, aus der alle menschlichen Handlungen flössen. Sie sei auf jeden Fall stärker als der Wille, was er an einem eindrucksvollen Beispiel veranschaulichte. Man stelle sich vor, über ein zehn Meter langes und 25 cm breites Brett zu laufen: einmal, wenn es auf dem Boden liegt, ein andermal, wenn es zwei Türme eines Domes überbrückt. In letzterem Fall könne niemand darüber gehen, da man sich einbilde, „man könne es nicht“. „Dachdecker und Zimmerleute bringen jenes Schreiten auf schmalen Planken nur darum zuwege, weil sie sich eben einbilden es zu können.“[9] Auch wenn Trunkenbolde und Gewohnheitsverbrecher angeblich gegen ihren Willen gezwungen würden zu handeln, wertete er dies „als deutlichsten Beleg für die gewaltige Macht der Einbidlungskraft, anders gesagt des Unbewußten, im Kampfe mit dem Willen.“[10]

Nur eine Marionette der Einbildungskraft zu sein, war für Coué das Hauptproblem, das er mit der Einführung der bewussten Autosuggestion lösen wollte: „Da pochen wir in stolzem Hochgefühl auf unsere Willensfreiheit […] und sind doch armselige Drahtpuppen, die nur von Gnaden der Einbildungskraft sich bewegen dürfen. Aber wir hören auf, uns wie erbärmliche Marionetten zu verhalten, sobald wir es verstehen, unsere Einbildungskraft bewußt zu lenken.“[11] Wie dies zu bewerkstelligen sei, wollte Coué möglichst einfach und für jedermann praktikabel darstellen. Im Grund handelte es sich bei der bewussten Autosuggestion um eine Art Selbsthypnose, die er folgendermaßen beschrieb: „Zunächst erwägt man sorgfältig, ob irgendeine Sache Gegenstand der vorzunehmenden Autosuggestion werden soll oder nicht; je nachdem diese vernunftgemäße Ueberlegung ausfällt, wiederholt man bei sich mehrere Male, ohne an anderes zu denken: ‚Dies oder jenes wird eintreten oder geschehen; das und das wird sein oder wird nicht sein’ usw. Hat das Unbewußte eine solche Suggestion angenommen, das heißt, in eine Autosuggestion umgewandelt, so wird sich das suggestiv Vorgestellte Punkt für Punkt verwirklichen. In dieser Auslegung fällt die Autosuggestion einfach mit dem zusammen, was ich unter Hypnotismus verstehe; ich definiere diesen mit den einfachen Worte: Einwirkung der Einbildungskraft auf das Seelische und das Körperliche des Menschen.[12]

Die Bedeutung der Autosuggestion für den Gesundheitszustand eines Menschen war selbstverständlich unter anderer Begrifflichkeit schon immer Diskussionsgegenstand innerhalb wie außerhalb der Medizin. Man sprach von „Gottvertrauen“, „Imagination“ oder „Einbildungskraft“. Es gibt unzählige Beispiel in der Literatur. So verfasste der englische Dichter Charles Churchill in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Strophe:

“The surest road to health, say what they will,

Is never to suppose we shall be ill;

Most of those evils we poor mortals know

From doctors and imagination flow.”[13]

Doch erst mit Coués Idee der „Selbstbemeisterung“ durch „Autosuggestion“ wurde diese Art von psychologischer Selbstkonditionierung im frühen 20. Jahrhundert in einer Penetranz verbreitet, die zuvor kaum denkbar war.

Gerade vor dem Hintergrund der „Krise der Medizin“ (Kap. 4) und ihrer Diskussion im deutschen Sprachraum wurde die therapeutische Potenz der Coué’schen Autosuggestion stark beachtet. So setzte sich der Anhänger der Wandervogelbewegung Hans Blüher intensiv mit Coué auseinander. In seinem „Traktat über die Heilkunde“, dessen Erstauflage 1926 erschien, bezog er sich vor allem auf den Chirurgen August Bier, der sich damals in öffentlicher Rede ausdrücklich auf Paracelsus und die Homöopathie berufen hatte.[14] Blühers deutschnationale Gesinnung zeigte sich u. a. in spitzfindigen Begriffsdefinitionen wie seiner Differenzierung zwischen „Einbildung durch Intellekt“ und „Einbildung von der Natur“: „Das französische Wort ‚imagination’ berührt diese Schicht [Natur] nicht. So weit also wären wir in der deutsch-französischen Verständigung gekommen.“[15] Dies entsprach dem weit verbreiteten Klischee von der intellektullen Oberflächlichkeit romanischer („welscher“) Völker im Kontrast zur seelenvollen, naturnahen Tiefe der deutschen Seele. Dementsprechend kritisierte Bühler den Franzosen Émile Coué, der im Sinne der „Neuen Schule von Nancy“ die Autosuggestion als Hebel der „Selbstbemeisterung“ propagierte. Coué, „der vergnügte Leugner der Erbsünde aus Nancy“, habe die beiden Bedeutungen von „Einbildung“ durcheinander geworfen. Es sei frevelhaft, unwahren Suggestionen zu folgen und auch die Autosuggestion sei immer Heterosuggestion, also fremdbestimmt.[16] „[…] mag ich noch so sehr die willkommene Überzeugung annehmen, ich könnte seiltanzen, es bleibt eine gewöhnliche Suggestion, wenn es nicht die Wahrheit ist. Und wenn es nicht die Wahrheit ist, so werde ich früher oder später erwachen, und ich werde abstürzen. Etwas anderes gibt es nicht.“[17] Die gewöhnliche Suggestion erschien Blüher als naturwidrig. So sei Jeanne d’Arc nicht der Einbildung, sondern der Wahrheit gefolgt: „Wäre sie ein Hysterika gewesen, so hätte sie wohl auch manchen Erfolg gehabt, aber früher oder später wäre bei ihr und bei der französischen Nation genau das gleiche Erwachen eingetreten, wie bei einem suggerierten Nichtseiltänzer, der über die Kirchturmbretter läuft, dem Gesetze der Natur zuwider.“[18] Hypnose sei Lähmung, Autosuggestion „Selbstlähmung“ des psychischen Systems. Die „Kraft der Wahrheit“ sei etwas ganz anderes: „Die Wahrheit allein bewirkt historische Größe und Heilung der Krankheiten.“

„Wahrheit“ war für Blüher religiös aufgeladen und angesichts des Todes unausweichlich mit dem „Gesetz von Schuld und Sühne“ verknüpft.[19] Die pia fraus, der fromme Betrug à la Coué mochte durchaus nützlich bei vielen sein, nicht aber bei allen. Das medizinische Äquivalent für die Krankheit laute nicht „Ich bin nicht krank“ oder Coués Abwandlung „Mit jedem Tag…“, sondern „Deine Sünden sind dir vergeben“: „Wer einen solchen Satz von der Tiefe her verstehen und daran glauben kann […], der ist allerdings gerettet, steht auf und wandelt“. Auch die Gegenüberstellung von protestantischem und katholischem Weg, wie Blüher sie formulierte, entsprach der deutschnationalen Sichtweise. Während auf ersterem Weg das „Finden der wahrhaftigen Sühne“ auf der Tagesordnung stehe, werde auf letzterem die Lösung in die Hände der Priesterschaft gelegt. „Genau so nun, wie die katholische Kirche dem Menschen die Verantwortung für die Wahl der Sühne abnimmt, genau so die Methode Coué dem Kranken die Verantwortung für seine Krankheiten; denn auch sie müssen gesühnt werden, wenn man sich überhaupt entschließt [sic] den geistigen Weg der Therapie zu gehen.“[20] Blüher billigte Coués autosuggestiver Formel „ça passe“ (es geht vorüber) bei Schmerzzuständen eine magische Potenz zu.[21] Das „Zauberwort“ solle schnell heruntergebetet werden und einen „insektenartigen Ton“ ergeben. Aber nur im Französischen sei dies der Falle: „die Formel [ça passe] ruft einen alttestamentarischen Vorgang (Vorübergang) herauf: […] klingt genau so wie – ‚Passah’ in dauernder Widerholung. Das Fest des Vorüberganges. Man probiert das exercitium magicum an eigner Person.“ Ein wenig mitleidig äußerte sich Blüher zu Couè als einem „Pazifisten der Medizin“. Der „Weltfriedensfreund“ denke: „wenn alle Menschen so vernünftig über den Krieg dächten, wie ich, so gäbe es bald keinen mehr.“[22] Aber gegen die „Erbsünde“ komme man so nicht an. „Die Krankheit eines Menschen ist die Erbsünde, gesetzt unter das principium individuationis. Wer es durchschaut, besinnt sich, ob er zu einem Arzte geht, oder lieber sein Leid auf sich nimmt. Aber wer es durchschaut, ist auch schon geheilt.“


[1] Coué, 1925. [2] Bernheim, 1884, S. 16 f. [3] Ebd., S. 16. [4] Platon, 1940, S. 436. [5] Freud, 1923, S. 253. [6] Rothacker [1938], 1941, S. 15 f. [7] A. a. O., S. 42 f. [8] Coué, 1925, S. 5. [9] A. a. O., S. 9f. [10] A. a. O., S. 15. [11] Ebd. [12] A. a. O., S. 18. [13] Zit. n. Tuke, 1872, S. 384. [14] Blüher [1926], 1950, S. 9. [15] A. a. O., S. 124 f. [16] A. a. O., S. 127. [17] A. a. O., S. 128. [18] A. a. O., S. 129. [19] A. a. O., S. 130. [20] A. a. O., S. 133. [21] A. a. O., S. 135. [22] A. a. O., S. 136.