18. Kap./1 * „… die Unterwelt aufrühren“

Wenn Freud neue Begriffe und Modellvorstellungen einführte, bediente er sich gerne analoger Beschreibungen in Mythologie, Philosophie, Literatur und Kunst. Offenbar boten ihm solche Referenzen bei seinen gewagten Spekulationen eine innere wie äußere Sicherheit. Dies lässt sich mustergültig bei seinem Hauptwerk beobachten. Er nannte es selbstbewusst „Die Traumdeutung“, um an eine lange kulturhistorische Tradition, in erster Linie die klassische Antike, anzuschließen: „Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt offenbar der Traumdeutung bei den Völkern des klassischen Altertums zugrunde“, schrieb er gleich zu Beginn seines Buches.[1] Er erwähnte u. a. Aristoteles, Hippokrates und Artemidor von Daldis, verwies aber auch  in einem übertrieben distanzierten Ton auf den „deutlichen Nachklang“ der antiken Traumauffassung „von seiten mancher Philosophenschulen“, wobei er auf die „Schellingianer“, Kant, Fichte, G. H. Schubert und andere Autoren zu sprechen kam. Aber auch die Bibel diente ihm als Bezugspunkt: Den Traum wollte er als sinnvolles Gebilde wie einen „heiligen Text“ behandeln und entschlüsseln.[2] Schließlich identifizierte er sich sogar direkt mit Joseph, dem biblischen Traumdeuter.[3]

Es wäre weit gefehlt, würde man Freud als einem Kind des Bildungsbürgertums extravagente kultur- oder literaturhistorische Spezialforschungen unterstellen. Es ging ihm weniger um die Auslegung der Quellen, als vielmehr um die Konstruktion und Ausschmückung seiner eigenen Argumentation mit Hilfe literarischer Zeugnisse von unzweifelhaftem Rang. Denn alles, was er beispielsweise zur antiken Traumdeutung studiert hatte, war vermutlich das eingängige Büchlein von Bernhard Büchsenschütz „Traum und Traumdeutung im Alterthume“ aus dem Jahr 1868, das auch heute noch angenehm und schnell lesbar ist.[4] Besonders eindrucksvoll war sein strategischer Umgang mit Stücken der Weltliteratur bei der Einführung des Ödipus-Komplexes im fünften Kapitel der „Traumdeutung“. Das Drama „König Ödipus“ von Sophokles diente ihm lediglich zur Erläuterung des kindlichen Wunsches, den Vater zu töten und die Mutter zu heiraten. „König Ödipus, der seinen Vater Laios erschlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunscherfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem, insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, unsere Eifersucht gegen unsere Väter zu vergessen.“[5]

Die tragische Enthüllung der Wahrheit durch Ödipus sei vergleichbar mit der Arbeit einer Psychoanalyse, welche die unbewussten Motive aufdeckt, meinte Freud in diesem Zusammenhang. Der springende Punkt aber ist – was von den meisten Interpreten übersehen wird –, dass der Ödipuskomplex sich als ein Komplex des Hamlet offenbart, der im Freudschen Familienszenario die Rolle des normalen, erwachsenen Neurotikers zu spielen hat. Wiederum griff Freud auf Weltliteratur zurück, diesmal auf Shakespeares’ Drama, um das zögerliche Verhalten von dessen Titelhelden zu deuten: „Hamlet kann alles, nur nicht die Rache an dem Mann vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle eingenommen hat, an dem Mann, der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinderwünsche zeigt.“[6] Diese kunstvolle Montage von Sophokles und Shakespeare entsprang vermutlich keinen besonderen literaturwissenschaftlichen Recherchen. Vielmehr konnte Freud bereitliegendes Material seiner humanistischen Bildung aufgreifen, um seiner Konstruktion ein ästhetisches Gepräge zu verleihen.

Das Motto der „Traumdeutung“ „Flectere si nequeo superos, acheronta movebo“ entstammte keinem geringeren Werk als Vergils „Aeneis“ (Kap. 9). Er hatte es freilich nicht von dort direkt übernommen: „Ich hatte das Zitat von Lasalle entlehnt“ schrieb er in einem Brief von 1927 und übersetzte ausdrücklich: „die Unterwelt aufrühren“.[7] Indem Freud hier bildlich gesprochen in die Unterwelt hinabsteigen und diese „aufrühren“ wollte, kehrte er die Bewegungsrichtung um, wie sie von der neuzeitlichen Naturphilosophie mit der klassischen Metapher der Himmels- oder Jakobsleiter als Aufstieg zum Göttlichen visualisiert wurde (Kap. 34). Freud blickt also nicht im Sinne der (früh)neuzeitlichen Naturforschung nach oben in himmlische Gefilde, sondern nach unten in die dunkleren Verließe des Unbewussten. Es ist bemerkenswert, wie er die Jakobsleiter unter dem Eindruck des zeitgenössischen Biologismus sexualisierte: Leitern, Treppen und das Auf- und Absteigen auf ihnen – einst als Auf- und Absteigen der Engel gesehen – wurden nun als „symbolische Darstellungen des Geschlechtsaktes“ aufgefasst und die Stiege im Traum als „sicheres Koitussymbol“ gedeutet.[8] Dabei war der Blick bei der Deutungsarbeit nicht nach vorne in die Zukunft, sondern zurück in die Vergangenheit gerichtet. Gleichwohl war die mühselige Arbeit der Entschlüsselung der verborgenen Natur in beiden Fällen von derselben fundamentalen Bedeutung: Sie sollte den Menschen von den Fesseln seines irdischen Elends wenigstens „ein Stück weit“, wie Freuds beliebte Redewendung lautete, befreien. Doch die verbreitete Vorstellung vom Unbewussten als einem dunklen und üblen Verschlag böser Triebe, die den Menschen immer wieder überwältigen und leiden machen, verfehlt einen entscheidenden Tatbestand. Sie suggeriert, dass es Freud primär darum gegangen sei, wie mit einem Scheinwerfer ein dunkles Kellergewölbe auszuleuchten, nach seinem bekannten Wahlspruch „Wo Es war, soll ich werden“ und dem erklärenden Zusatz, es gehe dabei um „Kulturarbeit etwa wie die Trockenlegung der Zuydersee.“[9] Sie übersieht dabei, dass er das Unbewusste zugleich als schöpferische Kraft auffasste, als Agent der inneren Natur des Menschen.


[1] Freud, 1900, S. 2. [2] A. a. O., S. 588. [3] A. a. O., S. 488. [4] Büchsenschütz, 1868. [5] Freud, 1900, S. 269. [6]A. a. O., S. 272. [7] Freud [1872-1939], 1960, S. 390 [Brief an Werner Achelis vom 30.1.1927]. [8]Freud, 1900, S. 360; Freud, 1916-1917, S. 159 und 166 f. [9] Freud, 1933, S. 86.

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