# 18. Kap. Das Unbewusste: Überbleibsel der natürlichen Magie

Der Begriff des Unbewussten wird heute in der Regel der Psychoanalyse Sigmund Freuds und ihren tiefenpsychologischen Abkömmlingen zugeschrieben. Er hat eine unhinterfragte Verdinglichung erfahren, die allzu leicht vergessen lässt, dass es sich bei ihren Erklärungen nur um Konstruktionen, um „Hilfskonstruktionen“ oder „Gleichnisse“ handelt, wie Freud selbst sagte. So meinte er zum „psychischen Apparat“, man benötige zwar „Hilfsvorstellungen zur ersten Annäherung an etwas Unbekanntes“, dürfe aber „das Gerüste nicht für den Bau halten“.[1] Die ahistorische Begriffsdefinition des Unbewussten in Lexikon- und Lehrbuchartikeln fällt insbesondere dort auf, wo das topographische Modell der Psyche (Bewusstes, Vorbewusstes, Unbewusstes) dem späteren Strukturmodell (Ich, Es Über-Ich) schematisch gegenübergestellt wird. Seit dem epochalen Werk „Die Entdeckung des Unbewussten“ von Henri F. Ellenberger, das in der englischen Originalausgabe 1970 erschien, gehört es zum Repertoire der Geschichtsschreibung der Psychiatrie und Psychoanalyse, dass die wissenschaftliche Vorgeschichte der modernen Tiefenpsychologie mit dem „animalischen Magnetismus“ von Franz Anton Mesmer beginnt.[2] Der Terminus „Entdeckung“ suggeriert das Unbewusste als einen vormals unbekannten Gegenstand, der von der Wissenschaft dank Freud ans Tageslicht gebracht wurde. Magie, Schamanismus, Exorzismus und Geistheilung erscheinen dann früheste Belege für die Wirksamkeit des Unbewussten, während Mesmerismus und Hypnotismus schon zur unmittelbaren (quasi wissenschaftlichen) Entdeckung des Unbewussten gehören.

Wir wollen hier aber weniger verfolgen, wie die Magie im Sinne einer Fortschrittsgeschichte in die Psychologie des Unbewussten überführt wurde, als vielmehr, inwiefern der Begriff des Unbewussten selbst magische Dimensionen enthält. Es lässt sich nämlich zeigen, dass in ihm die Tradition der natürlichen Magie weiterlebt – mit überraschenden kosmologischen und anthropologischen Aspekten. So lässt sich das Unbewusste als ein Stück Naturphilosophie im Gewande moderner Psychologie verstehen. Dabei möchte ich weniger die ideengeschichtliche „Entwicklung“ des Unbewussten aus naturphilosophischen Vorläufertheorien erklären, als vielmehr umgekehrt durch eine Auseinandersetzung mit dem modernen Begiff einen Zugang zu früheren Positionen gelangen. Es entspricht einem evolutionistischen Geschichtsverständnis, Gegenwärtiges aus Vergangenem abzuleiten, eine „Entwicklung“, „Entfaltung“, „Ausdifferenzierung“ anzunehmen, wobei sich Späteres aus dem Früheren mehr oder weniger zwangsläufig zu ergeben scheint. Der in Philosophie und Soziologie gebräuchliche Begriff der „Kontingenz“, des Zufalls, widerspricht einer solchen kausalen Ableitung. Ich halte es für interessanter, nämlich das zunächst fremde und zu entdeckende Frühere durch das Spätere, durch das uns bekannte Gegenwärtige hindurch anzusehen, sodass uns Letzteres gewissermaßen verfremdet erscheint. Auf diesem Wege kann der bis in die Schulbücher hinein verdingtlichte Begriff des Unbewussten ein Stück weit aufgelöst werden und (wieder) historische Weite und Tiefe erlangen.

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