19. Kap./1 * Zur „Entdeckung“ der Übertragung

„Entdeckungen“ und „Meilensteine“ sind in historischen Darstellungen des wissenschaftlichen Fortschritts beliebte und für Buchtitel geeignete Wörter. Dabei gerät in der Regel die Dialektik von Entdecken und Verdecken aus dem Blickfeld. Denn das Erkennen bestimmter Zusammenhänge ist zumeist mit dem Ignorieren anderer verbunden. Die Entdeckung der „Übertragung“ (the Discovery of „Transfer“), die Anne Harrington, eine US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin, der Metalloskopie im Kontext der Pariser Schule Charcots zugeschrieben hat, wäre hierfür ein Beispeil.[1] So eindrucksvoll die experimentellen Funde der nervösen Übertragung durch die einstige Metallotherapie von Victor Burq auch erscheinen mögen, so wenig stellen sie die originäre „Entdeckung“ der Übertragung dar. Denn der klassische Mesmerismus hatte bereits mit dem Begriff des rapport ausgiebig Übertragunsphänomene geschildert (Kap. 22), abgesehen von den sympathetisch-magnetischen Kuren der frühneuzeitlichen magia naturalis, die ja nichts anderes als Techniken der Übertragung darstellten (Kap. 32). Nur wenn man diesen historischen Hintergrund ausblendet, scheint tatsächlich Ende des 19. Jahrhunderts die Übertragung (ebenso wie das Unbewusste) „entdeckt“ worden zu sein.

Doch die Vorstellung von Übertragung ist in der theoretischen und praktischen Medizin aller Zeiten allgegenwärtig, nicht nur bei Infektionskrankheiten und Seuchen, sondern auch bei sozialpsychologischen Erscheinungen und psychosomatischen Vorgängen. Eine psychosomatische Übertragung hatte Friedrich Schiller in seiner Dissertation von 1780 vor Augen, in der er die „wunderbare Sympathie“ zwischen Seele und Körper schilderte (Kap. 26). Er sprach hier von der gegenseitigen Übertragung von „geistigen“ und „thierischen Empfindungen“: „Nun ist das, was von Uebertragung der geistigen Empfindungen auf thierische gesagt worden, auch vom umgekehrten Fall, von Uebertragung der thierischen auf die geistigen gültig. Krankheiten des Körpers, mehrentheils die natürlichen Folgen der Unmäßigkeit strafen an sich schon durch sinnlichen Schmerz, aber auch hier mußte die Seele in ihrem Grundwesen angegriffen werden, daß der gedoppelte Schmerz ihr die Einschränkung der Begierden desto dringender einschärfe. Eben so mußte zu dem sinnlichen Wohlgefühl der körperlichen Gesundheit auch die feinere Empfindung einer geistigen Realverbesserung treten, daß der Mensch um so mehr gespornet werde seinen Körper im guten Zustande zu erhalten.“[2] Daraus leitete Schiller das „Gesez der gemischten Naturen“ ab, „daß die allgemeine Empfindung thierischer Harmonie die Quelle geistiger Lust, und die thierische Unlust die Quelle geistiger Unlust seyn sollte.“

Die psychodynamische Definition der Übertragung wurde von Bernheim geprägt, der sich vor dem Hintergrund des Hypnotismus mit den Phänomenen der Suggestion befasste. So betonte er, dass die Suggestion des Arztes, d. h. die verbale Übertragung betimmter Vorstellungen auf den Patienten, nur dann wirksam werde, wenn sie die pathogenen Autosuggestionen des Kranken überwinde. Dort, wo diese Autosuggestion übermächtig sei, wo der Patient nicht mehr in den „Rapport“ eintreten könne, handele es sich um unheilbare „Autosuggestionisten“, wozu er vor allem die Geisteskranken rechnete.[3] Übrigens waren „Suggestion“ und „Übertragung“ (transfert) für Bernheim Synonyme. So lesen wir in der Freud’schen Übersetzung: „Ich kann […] durch Suggestion Transfert [Übertragung] machen […]. Wenn ich ihm [der Versuchsperson] eine vollständige Taubheit suggerire, behauptet er, die Uhr nicht zu hören, die an sein Ohr angelegt ist; durch Suggestion übertrage ich die Taubheit auf die andere Seite.“[4] „Je transfère“ und „je suggère le transfert“ bedeuteten also bei Bernheim dasselbe. Bernheim führte in diesem Zusammenhang bereits den Begriff des Widerstands ein, den Patienten gegenüber der Suggestionstherapie aufbringen können, und bezeichnete sie als „force de résistance[5], „résistance involontaire“ und „résistance inconsciente[6], was Freud mit „unwillkürlicher Widerstandslust“ übersetzte.[7] Wir werden sehen, dass dieser Begriff bereits bei James Braid auftauchte und ein Grundproblem der hypnotischen Praxis markierte, die ja nur soweit gelingen konnte, als sie den Widerstand des zu Hypnotisierenden überwand.

Bernheims Entdeckung der „Suggestion“ entsprang bestimmten ärztlichen Heilexperimenten mit physikalischen Heilmitteln seiner Zeit, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Nervenheilkunde, nicht zuletzt in der Pariser neurologischen Schule Charcots, eingesetzt wurden: Elektrizität, Metallotherapie und Magnettherapie. So veröffentlichte er zu Beginn der 1880er Jahre therapeutische Fallgeschichten, „als ich die Suggestion noch nicht kannte“ und erzielte Heilwirkungen, die er erst einige Jahre später als „rein suggestive“ auffasste.[8] Mit dieser von ihm so genannten „suggestiven Psychotherapie“ antizipierte er auch die gegenwärtig diskutierte Placebo-Therapie (Kap. 6).

Freuds geläufige Redeweise von der „Technik“ der psychoanalytischen Behandlung war keine zufällige Metapher. In der Tat ging es bei der pathologischen wie therapeutischen „Übertragung“ um Vorgänge, die technischen Prozessen der Kraft- und Energieübertragung nachempfunden waren. Vor allem unter der Ägide des Pariser Neurologen Jean Martin Charcot kam es zu entsprechenden Experimenten. Vor allem durch die Metallotherapie (metalloscopie) des französischen Arztes Victor Burq lebten mesmeristische Spekulationen wieder auf.[9] In den 1880er Jahre wurden nämlich in der so genannten „Pariser Schule“ um Charcot Versuche angestellt, die beweisen sollten, daß bei Hysterischen mit Hilfe von Magneten hypnotisch induzierte Störungen auf rein neurophysiologischem Wege übertragen werden könnten, wie beispiels­weise Taubheit, Lähmung oder Anästhesie der Haut von einer Körperhälfte auf die andere, ja sogar von einem Indiviuum auf das andere. Hierfür sei sofort der Begriff „transfert“ eingesetzt worden, merkte Charcot seinerzeit an.[10] Dumontpallier, ein Pari­ser Klinikchef, der bei der experimentellen Erforschung der Metalloskopie betei­ligt war und später die Technik der Hemi-Hypnose, die angeblich getrennte Hyp­nose der beiden Hirnhälften, entwickelte, sprach als erster vom „Gesetz der Über­tragung“. Ein Besuch bei seiner Bank, bei dem er einen Geldbetrag von einem Konto auf ein anderes überwiesen hatte, inspirierte ihn zu dieser Metapher: Trans­fert heißt nämlich im Französischen auch Banküber­weisung.[11] Auch Freud gebrauchte einmal beiläufig eine analoge Metapher aus der Geldwirtschaft, um die Übertragung der Triebkraft auf die Vorstellungsinhalte (den „Tagesrest“) bei der Traumbildung zu erläutern. In der „Traumdeutung“ ver­glich er den Tagesrest mit einem Unternehmer, der „doch ohne Kapital nichts ma­chen“ könne.[12] Dieser brauche einen Kapitalisten, „der den psychischen Aufwand für den Traum bereitstellt“, nämlich den Wunsch aus dem Unbewußten. So erschien ihm die Traumbildung als eine Art von Kapitaltransfer.

Es lohnt sich, das Ineinandergehen von mesmeristischen, hypnotischen und neurophysiologischen Momenten bei der „Entdeckung“ der Übertragung in den späten 1870er und frühen 1880er Jahren genauer in den Blick zu nehmen. Im Umfeld der „Pariser Schule“ von Charcot wurden die Phänomene des transfert diskutiert, experimentell untersucht und auch therapeutisch eingesetzt. Explizit nahm Charcot zu den Ergebnissen Stellung, u. a. vor der „Société de Biologie“, verfasste hierzu Artikel und setzte sich in Vorlesungen damit auseinander. Die betreffenden Texte sind im neunten Band seiner Œuvres complètes enthalten.[13] In einem Exposé von 1883 würdigte Charcot die Forschungen über métalloscopie und métallotherapie, die Burq seit mehr als 25 Jahren betrieben habe. Eine Untersuchungskommission der „Société de Biologie“ stellte in ihrem Bericht von 1877 über die métalloscopie die Entdeckung einer wichtigen physiologischen Tatsache (fait physiologique) fest: die Übertragung (le transfert).[14] Die Übertragung könne durch unterschiedliche Agentien (à l’aide d’agents divers) bewirkt werden. Die Frage sei nun, was die allen gemeinsam zugrundeliegende physische Eigenart (condition physique) sei, die diese physiologischen Veränderungen hervorrufe. Damit stelle sich ein doppeltes Problem: physisch und physiologisch (physique et physiologique).

Ausdrücklich ist in diesem Kontext von der „Entdeckung der Übertragung“ (Découverte du transfert) die Rede: Wenn unter dem Einfluss des Metalls die sensorielle oder sensitive Anästhesie auf einer Körperseite aufgehoben werde, verschwinde die Sensibilität im symmetrische Bereich der Gegenseite.[15] Dieses Modell der Übertragung einer physiologischen Störung von einer Körperseite auf die andere war für Charcot der sinnfällige Beweis des „transfert“. Er berichtete, dass  „die englischen Physiologen“ die Burq’schen Experimente zwar wegen ihrer Exaktheit schätzten, die Wirkung der métalloscopie aber im Sinne von James Braid mit der konzentrierten Aufmerksamkeit (l’attention expectante) der Versuchspersonen bzw. Patienten auf eine Körperstelle erklärten.[16] Dieser Auffassung widersprach Charcot: Es handele sich nicht um l’attention expectante, sondern um transfert, wie er oben beschrieben wurde. Zudem seien die Kranken, die von den Wirkungen der Metallanwendung nichts wüssten, für unterschiedliche Metalle ganz unterschiedlich sensibel, was man wohl kaum mit einer bewussten Auswahl eines bestimmten Metalls erklären könne. Charcot ergriff hier also – medizinhistorisch gesehen –mit seiner Theorie der Übertragung einer äußeren Kraft gegen den Hypnotismus und für den Mesmerismus Partei. Hierzu passten die Übertragungsversuche mit dem Magneten – gelegentlich kamen auch Hufeisenmagnete zum Einsatz –[17], die Charcot an hysterischen Patientinnen ausführte und die immer zum selben Resultat führten: dem transfert einer neurologischen Störung von einer Körperseite auf die andere, worauf die ursprüngliche Störung verschwand.[18]

Doch nicht die mesmeristisch anmutenden Transfert-Experimente in der Schule Charcots wurden zum Schlüsselereignis für Freud, sondern deren psychologische Inter­pretation durch Bernheim, der ihm mit seinem Suggestionsbegriff die entscheidende Anregung liefern sollte. Freud übersetzte fast gleichzeitig Ende der 1880er Jahre die wichtigsten Schriften Charcots und Bernheims aus dem Französischen ins Deutsche. Bernheims Kritik an Charcot gab er im Deutschen folgendermaßen wieder: „Durch den Magneten [sollen] Anästhesien der Sinnesorgane und Hallucinationen des Geruchs, Gesichts, Gehörs, Geschmacks und Gefühls übertragen werden, und zwar wäre dieser Transfert eine einfache physische Erscheinung, bei der die Suggestion nicht in Betracht kommt, bei der also das Gehirn des Hypnotisierten als psychisches Organ keine Rolle spielt.“[19] Der komplementäre Begriff des Widerstandes weist ebenfalls eine reichhaltige Mephorik auf: Angefangen vom Widerstand gegen die Krankheitsübertragung im Kontext der magischen Medizin, wie etwa der Abwehr des Bösen – Freuds Begriff der „Gegenbesetzung“ ist diesbe­züglich bemerkenswert – durch Amulette und Gebetsformeln; über Mesmers De­finition der Krankheit als Ergebnis eines unnatürlichen „Widerstandes“ im Nerven­system und der Muskulatur; bis hin zur „force de resistance“ und zur „resistance inconsciente“ gegen die therapeutischen Suggestionen, wie Bernheim sie bezeichne­te.[20]


[1] Harrington, 1987, S. 171-182. [2] Schiller, 1780, S. 29 f. [3] Bernheim, 1888, S. 196. [4] A. a. O., S. 77. [5] Bernheim, 1884, S. 15 f. [6] A. a. O., s. 6 f. [7] Bernheim, 1888, S. 5. [8] Bernheim, 1892, S. 351. [9] Burq, 1854. [10] Zit. n. H. Schott, 1997 [b], S. 292. [11] Harrington, 1987, S. 172. [12] Freud, 1900, S. 566. [13] Charcot, 1890. [14] Charcot [1883], 1890, S. 214. [15] A. a. O., S. 216. [16] Charcot [1878 {a}], 1890, S. 237 f. [17] Charcot, 1890, S. 379. [18] Charcot [1878 {b}], 1890; Charcot [1878 {c}], 1900.[19] Bernheim, 1888, S. 77. [20] Bernheim, 1884, S. 15 bzw. 6.

 
Advertisements