19. Kap./2 * Wortmagie als Kraftübertragung [+ Audio]

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Es gibt keine bessere Einführung in die Ideengeschichte der Wortmagie als das Gedicht „Wünschelrute“ (1838) von Josef von Eichendorff:

Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.

Der Dichter hat hier in vollendeter Form an der Schwelle zur Moderne noch einmal – in dieser Intensität vielleicht zum letzten Mal, Novalis war schon lange tot – das romantische Lebensgefühl beschworen, bei dem Schlaf und Traum, Lied und Zauberwort eng beieinander liegen. Die Metapher der Wünschelrute zeigt dabei wunderbar die Wirkungsweise der natürlichen Magie an. Im Grunde schläft in allen Dingen ein Lied, die Welt ist voller träumender Musik, die zum Gesang erweckt werden kann, wenn wir das Zauberwort treffen. Eichendorff, der es in seiner Dichtung getroffen hat, verrät dem Leser nicht, wie er treffen kann. Der Topos vom Lesen in der Bibel der Natur, vom Entziffern ihrer Signaturen, mit denen sie die Dinge zeichnete, ging von einer Natursprache als Zeichensprache aus, die semiotisch zu entschlüsseln sei. Wer die Sprache der Natur versteht, so die Vorannahme, etwa die Konstellationen der Gestirne oder die Kennzeichen der Heilpflanzen oder die Physiognomik der menschlichen Gestalt kann daraus für die Behandlung und Verhütung von Krankheiten Nutzen ziehen. In Eichendorffs Gedicht geht es jedoch nicht um die Lektüre einer Naturschrift, sondern um das Provozieren, Hervorrufen einer den Naturdingen innewohnenden Musik durch ein Zauberwort, durch die Magie des Wortes. Das Zauberwort wirkt hier nicht wie im griechischen Mythos von Narziss und Echo, wo Narziss ruft und die unglückliche Nymphe Echo nur dessen letzte Silbe wiederholen kann. Vielmehr regt es die träumende Natur zum Singen eines eigenen Liedes an.

Die Vorstellung, dass in der Natur selbst eine Musik von erotischer Qualität verborgen sei, entsprach dem romantischen Empfinden. Sie erlebte im Kontext der Sexualwissenschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts eine neue Blüte. So untersuchte der Berliner Autor Alexander Elster die Beziehung von „Musik und Erotik“ in seinem gleichnamigen Buch, das in die zweite Auflage des „Handwörterbuchs der Sexualwissenschaft“ (1926) integriert wurde.[1] Der „Urquell“ der Musik sei der „Ton in der Natur“.[2] Im Hinblick auf die Brunst der Tiere stehe der  „Schrei […] der sexuellen Sphäre überaus nahe“.[3] Elster unterschied drei  Möglichkeiten der Ekstase: die „religiöse“, die „sexuelle“ und die „musikalische Ektstase“.[4] Die Musik habe eine „vebindende Rolle“ zwischen der organischen Ekstase, dem Orgasmus, und der religiösen Ekstase, der religiös-mystischen Verzückung, zu übernehmen. Die musikalische Ekstase zeigen sich nämlich „als eine Brücke zwischen organischer und transorganischer Ekstase.“  Melos und Rhythmus seien die speziellen Elemente der „Sexualsoziologie der Musik“.[5] Damit war die Festellung „zweier biologischer Ingredienzien der Musik“ gemeint: „des Rhythmus im Blutkreislauf und des Animalischen in der Tonfärbung“.[6] Es ist bemerkenswert, dass sich selbst in eine solchen sexualwissenschaftlich motivierten Studie des 20. Jahrhunderts noch Anklänge der magia naturalis zu vernehmen sind, insbesondere die Zuordnung der Musikalität zum weiblichen Geschlecht. Es gebe zwar allgemein weniger unmusikalische Frauen als Männer, „aber trotzdem fast ausschließlich nur bei den Männeren produktive Musikgenies.“[7] Dies sei dadurch zu erklären, dass es zum Komponieren „außer melodiöser Erfindung noch eines straffen rhythmischen, also männlichen Organisationsplanes“ bedürfe. Die besondere Nähe der Frau zu Natura, ein großes Thema in der frühneuzeitlichen Wissenschaft, Literatur und Kunst (Kap. 38), wird auch in diesem Zusammenhang beschworen: „Es singt und klingt euphorisch viel stärker in der Frau als in dem Manne. Die Seele macht sich ungezügelter in ihr gelten, ist liebevoller, hingebender, naiver, mehr mit dem All verbunden.“[8]

Kommen wir nach diesem kleinen Exkurs zur erotischen Bedeutung Musik noch einmal auf Bernheims Generalformel zurück: „Das Wort allein genügt“. Sie ist tief verwurzelt in der abendländischen Ideengeschichte. Das „Fiat Lux“ der Schöpfungsgeschichte kann man als Urknall aller Magie ansehen Im Alten Testament (Gen 1, 1-5) heißt es: „(1) Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. (2) Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. (3) Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. (4) Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis (5) und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.“[9] An Viktor von Weizsäckers Schrift „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ sei hier nur am Rande erinnert.[10] Dieser Urknall wurde durch ein Machtwort Gottes ausgelöst, das als unüberbietbarer Wortzauber buchstäblich alles bewirkt. Der Imperativ „Es werde Licht!“ hat in unserer Kultur- und Wissenschaftsgeschichte ein unüberhörbar vielstimmiges Echo hervorgerufen und begleitet die verschiedenen Zeitströmungen, gerade diejenigen, die mit ideologisch-sozialen oder wissenschaftlich-technischen Revolutionen einhergehen, bis auf den heutigen Tag.

Die physiko-theologische Faszination zum Beispiel, die von der Erfindung der künstlichen Elektrizität im 18. Jahrhundert ausging, war auch ein Reflex auf dieses Fiat Lux, die als Licht- und Funkenspektakel in Szene gesetzt und zum Inbegriff der Aufklärung, des enlighenment, wurde. Im ausgehenden 19. Jahrhundert, dem nervösen Zeitalter, wurde es dann möglich, das nächtliche Dunkel mit Hilfe des elektrischen Stroms und der Glühbirne zuverlässig und flächendeckend zu vertreiben. Der Mensch konnte nun die „Kräfte der Natur“ zu seinem Nutzen bändigen und die Nacht wenigstens stellenweise zum Tag machen.[11] Das Umlegen des Lichtschalters ermöglichte es jedermann, ein klein wenig im profanen Raum den lieben Gott zu spielen, allerdings ohne zusätzliche Zauberworte rezitieren zu müssen, die technisch überflüssig geworden waren.

Die Tradition des Wortzaubers begleitet die Geschichte der Heilkunde von Anfang an. Denn das gesprochene Wort spielt in der therapeutischen Praxis von Jeher eine oft entscheidende Rolle auch jenseits der jüdisch-christlichen Tradition. Man denke an die babylonischen Beschwörungsformeln, etwa zur Vertreibung des Zahnwurms. Die ägyptischen Besprechungsrituale begleiteten therapeutische Handlungen. Sie sind in Zaubertexten überliefert, die bei einer Krankheit oder einem Unfall angewandt wurden und eine „Analogie zwischen Götter- und Menschenwelt“ herstellten.[12] Die Merseburger Zaubersprüche sind das bekannteste Beispiel aus unserem Kulturkreis. Das „Corpus der deutschen Segen- und Beschwörungsformeln“ (CSB) umfasst mehr als 28000 Einheiten.[13] Sie dienten der „Wiederherstellung der Ordnung“, vor allem auf dem Gebiet der Heilkunde.[14] Es mag paradox erscheinen, dass ausgerechnet Bernheim, der Magie und Okkultismus mit seiner Suggestionslehre endgültig überwinden wollte, gänzlich auf die Macht des gesprochenen Wortes setzte, die gerade bei religiösen Ritualen und magischen Heilpraktiken eine Schlüsselrolle gespielt hatte.

Die Macht der Worte (vis verborum) wurde vor allem in Renaissance und früher Neuzeit – vor allem im Kontext der jüdischen und christlichen Kabbala – thematisiert. Sie bildet einen ideengeschichtlich wichtigen Hintergrund der praktischen Heilkunde. Denn mit Wörtern konnte Heil und Unheil angerichtet, geheilt und krank gemacht werden. Ich möchte hier nicht im Einzelnen auf die maßgeblichen Autoren wie Ficino, Pico, Reuchlin oder Agrippa von Nettesheim eingehen. Sie vereinigten in ihrem Werk zwei unterschiedliche Sprachwelten: Sie waren nicht nur auf der Suche nach der heiligen Ursprache der Schöpfung, die sie nach der Tradition der Kabbala im Hebräischen erblickten, sondern versuchten zugleich die göttliche Offenbarung im „Buch der Natur“ mit Hilfe der Signaturen der Naturdinge zu entziffern. Alida Assmann brachte es auf den Punkt: „Diese geheimnisvollen Schriftzeichen der Natursprache, die Signaturen, sind die christliche Entsprechung zu den wirkmächtigen Buchstaben der hebräischen Bibel.“[15] Die Bibel habe sich damit quasi verdoppelt: in die Bibel der Heiligen Schrift und die Bibel der Natur. Beiden Zugängen, dem kabbalistischen wie dem naturphilosophischen, gehe es „um einen unmittelbaren Zugang zur Macht Gottes mit dem Ziel einer menschlichen Teilhabe an dieser Macht.“ Die Sprache der Natur offenbarte in dieser Sicht nur das Wort Gottes. Johannes Reuchlin hatte in seiner berühmten Schrift „Über das wundertätige Wort“ (De verbo mirifico; 1494), einem fiktiven Gespräch zwischen einem christlichen, jüdischen und heidnischen, d. h. griechischen Gelehrten (Capnion, Baruchias bzw. Sidonis) die Wundermacht des Gottesnamens im Sinne der christlichen Kabbala herausgestellt. Sie sollte für den neuzeitlichen Diskurs über die Wortmagie grundlegend werden.[16]

Das wundertätige Wort war zunächst das hebräische Tetragramm, der unaussprechliche Namen Gottes: IHVH. Das neue Testament vollendete unter Hinzufügens eines weiteren Schriftzeichens das Tetragramm zum Pentagramm: IHSVH, das nun zum aussprechbaren wundertätigen Wort wird: „Jesus“.[17] Das Wort Gottes schuf die Welt, ja, Gott sei die Welt. Niemand solle es deshalb wagen, das „Gottes Wort zu verändern.“ Es bleibe in Ewigkeit und alles Geschaffene müsse ihm gehorchen. „Dieses Wort verflüssigt den Kristall, macht den Menschen lebendig, heilt Kranke, tötet Übertreter: all dies hat die Heilige Schrift kundgetan. Es steht daher über der Natur und ist gleichsam in einem Reich von weitester Ausdehung eingesetzt“.[18] Das Wort wurde von Reuchlin als „Sohn des Herrn“ bezeichnet, weswegen es „Gott, Lenker und Ursache der Welt“ sei.[19] Unter Hinweis auf Platon identifizierte Reuchlin Gott und das Wort miteinander: „Beide sind Gott, beide ewig, beide vor jeder Zeit. Gott hat immer gesprochen, das Wort ist immer gesprochen worden; das Wort ist dem Sprecher gleichwertig, und der Sprecher ist des Wortes Vater.“[20] Anders ausgedrückt: „Das Wort ist also der Sohn, dessen Vater ‚Herr’ genannt wird.“ Der Sohn werde „von den Lateinern ‚verbum’ […], von den Griechen aber viel bezeichnender […] ‚logos’ genannt“.[21] Jesus als das fleischgewordene Wort habe sich mit uns, dem „ganzen Sauerteig, d. h. unserer Natur“ vereint, sodass wir durch seine Gärung erhöht würden: „das wir, nachdem das Hindernis der von den Vorvätern verschuldeten und weitervererbten Verdammung gefallen ist, durch den Namen dieses Sohnes göttlich werden und unter die Götter versetzt werden können.“[22]

Reuchlin spielte die verschiedenen Motive des Zusammengehens von Nacht und Licht durch, die er in der antiken Mythologie, bei den klassischen Dichtern und Schriftstellern und in der Heiligen Schrift vorfand. Mit dem wundertätigen Wort könnten wir Sterblichen „über die Natur und über das Schicksal herrschen und Naturwunder, Wunderzeichen und Mirakel [monstra, portenta, miracula] − Kennzeichen der Göttlichkeit“ vollbringen.[23] Die religiöse Aufladung naturgegebener Umstände ist eindrucksvoll. Vor allem die Sonne wurde in dieser Sicht als „Quelle des Lebens“ mit Göttlichem gleichgesetzt: „Der göttliche Philosoph [Platon] schrieb nämlich, daß für die intelligible Welt Gott das ist, was die Sonne für die Welt der Sinne. […] Wie aber die Sonne Kugelgestalt, Strahl und Licht aufweist und alles zusammen eine einzige Sonne ist, so ist Gott Vater, Sohn und Geist und alles zusammen ein einziger Gott.“[24] Der Geist aber sei Gott, „Zentrum der Natur, Mitte des Universums, Fortgang der Welt, Gestalt von allem, Maß und verknüpfendes Band der Welt“. Allein Gottes Allmacht sei „die Schöpferin der Wunder“, deshalb müsse man annehmen, „daß Gott selbst einem jeden wundertätigen Wort einen einzigartigen Strahl seiner Allmacht [omnipotentiae suae radium singularem] eingesenkt hat, welcher die wunderbare tätige Kraft [virtus operativa mirabilis] ist, die durch den Dienst der Engel bis zu uns transportiert worden ist“.[25]

Reuchlin sah in Jesus eine Potenzierung des wundertätigen Worts. Gott und Mensch in einer einzigen Person war ohne Vater, da von einer Jungfrau geboren, und ohne Mutter, da schon vor der Geburt erschaffen: „beides ein Merkmal von Göttlichkeit.“[26] Maria wurde vom Engel der Name „Ihsuh“ genannt, bevor er im Mutterleib empfangen war. Damit war der höchste und überragendste Namen gefunden: „Es gibt […] keinen anderen Namen, der heiliger und frömmer wäre: seine Buchstaben sind Gott, seine Silben Geist, sein ganzer Wortlaut ist Gott und Mensch.“ [27] Das ins Tetragramm eingefügte lateinische „’Es’ [=’S’]“ sei eine „göttliche Vokabel“ und könne mit „Feuer“ übersetzt werden: „Dies ist jenes große Feuer Gottes, das er uns auf Erden gleichfalls mit väterlicher Stimme zeigte, indem er sprach: ‚Dieser ist mein lieber Sohn’. Und dieser sagt: ‚ich bin gekommen, um an die Erde Feuer zu legen, und was will ich anderes als daß es entzündet werde?’“[28] Reuchlin breitete kabbalistische Buchstabendeutungen aus, um das neu gefundene Pentagramm „Ihsuh“ als das wundertätige Wort schlechthin zu preisen. So ähnele der hebräische Konsonant „Sin“ [S] der Lampe, „in der […] der Docht erstrahlt.“[29]

Damit war für Reuchlin das wundertätige Wort, das alles Widrige überwältigen kann, gefunden: „der Name, dem keine andere Kraft eines beliebigen Namens zu widerstehen vermag, vor dem die Mächte aller übrigen Beschwörungen, die Kräfte von Geheimlehren und Wirkungspotenzen von Künsten, der Name, dem die Sterne des Himmels, die Mächte der Unterwelt, die Elemente der Natur, die Stille der Nacht […] gehorchen.“[30] Dieser Name habe eine unermessliche Ausstrahlungskraft. Alle Zauberkunststücke und Beschwörungsformeln hätte ihm gegenüber keinen Wert, man solle diese verachten und hinter sich lassen. Die Wunderheilungen der Apostel sollten uns lehren, „daß in diesem einzigen Wort selbst den Menschen von Gott eine so große Macht [potestas] zu Ausführung bewunderungswürdiger Dinge gewährt und anvertraut worden war.“[31] So entwarf Reuchlin eine Art christliche Heilkunde, die an spätere theosophische Anschauungen erinnert. Alles solle „im Namen unseres Herrn Ihsuh Christus“ getan werden: „Dies ist das Heilbringende, dies das Medikament, oder vielmehr: dies ist unser Heil und Mittel der Gesundung.“[32] Das „Mysterium des wundertätigen Wortes“ sei das Kreuz: nämlich wie dieses „Wort des Kreuzes selbst [ipsum verbum crucis] beschaffen ist und was jene Vernunft [des Kreuzes] ist“.[33] Das dritte Buch von „De verbo mirifico“ endet damit, dass Capnion seinen beiden Gesprächspartner Sidonis und Baruchias dieses höchste wundertätige Wort als Geheimnis nur zuflüstert, ins Ohr haucht und ihnen verbietet, „es dem Volk preiszugeben.“ [34]

Der Glaube an die Macht des gesprochenen Wortes, wie sie von Reuchlin thematisiert wurde, war für die Geschichte der Therapeutik und vor allem für die der modernen Psychotherapie von großer Bedeutung. Man vermutete in der menschlichen Rede eine urtümliche Heilkraft, die schließlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts als „Suggestion“ begriffen wurde. Das Selbstgespräch wurde dementsprechend auch als Methode der Selbstbehandlung im Sinne einer heilsamen Augosuggestion aufgefasst. Paul Rabbow, ein in den gängigen biografischen Nachschlagewerken nicht verzeichneter Altphilologe, zeigte eindrücklich auf, welche Bedeutung rhetorische Formeln für die Seelenführung in der Antike hatten.[35] Er interpretierte die Schriftzeugnisse als Dokomente einer Art Selbstherapie durch die suggestive Macht des Wortes. In dieser Perspektive untersuchte er antike und christliche Schriftzeugnisse und begriff das „psychagogische Selbstgespräch“ als eine Methode der Selbstbeeinflussung durch verbale Akte.[36] Grundsätzlich seien hemmende und – in Anlehung an Freuds frühen Terminus – kathartische Verfahren voneinander zu unterscheiden.[37] Schließlich habe der Neuplatonismus, die „Mystik des sinkenden Altertums“, die Ableitung der Affekte angestrebt, „in dem die Psychagogie zur Mystagogie wurde“. Somit sei das kathartische Element in der Psychagogik heimisch gemacht worden. [38] Freilich habe sich die antike Psychagogik im Allgemeinen für die Affekthemmung entschieden, insbesondere Aristoteles und vor allem die Stoa.[39] Erst die Mystik mit ihrer Affektentladung konnte die Katharsis in die griechische Seelenheilung einführen und die Wirksamkeit des kathartischen Vorgangs in den „alten Kulten der Götter und Dämonen“ aufweisen. Aus medizinhistorischer Sicht können Affekthemmung und Affektentladung – auch unabhängig von Nietzsches „Geburt der Tragodie aus dem Geiste der Musik“, die den Gegensatz des „Dionysischen“ und „Apollinischen“ popularisierte – als psychodynamische Gegenspieler im menschlichen Seelenleben verstanden werden, als Apollon und Dionysos, wie sie sich bei der Interaktion zwischen Kopf und Bauch, Bewusstsein und Unbewusstem, Cerebral- und Gangliensystem bemerkbar.[40] Für die medizinischen Anthropologie zur Zeit des Mesmerismus war diese bipolare Modellvorstellung, die neurophysiologisch von Johann Christian Reil begründet wurde, fundamental (Kap. 24).


[1] Elster, 1925. [2] Ebd., S. 1. [3] A. a. O., S. 2. [4] A. a. O., S. 13. [5] A. a. O., S. 18-29. [6] Ebd. S. 26. [7] A. a. O., S. 47. [8] A. a. O., S. 48. [9] Lutherbibel 1912; http://www.bibel-online.net/buch/01.1-mose/1.html#1,3 (13.05.2009). [10] Weizsäcker, 1954 [b]. [11] Zöllner, 1877, S. 359; → Abb. Elektrische Beleuchtung 1877. [12] J. Assmann, 2010, S. 36. [13] http://www.deepdyve.com/lp/de-gruyter/monika-schulz-beschw-rungen-im-mittelalter -einf-hrung-und-berblick-h0uk8zebn4 (3.08.2012). [14] M. Schulz, 2000. [15] A. Assman, 1994, S. 33. [16] Reuchlin [1494], 1996. [17] Ebd., S. XIV [Vorwort der Herausgeber]. [18] A. a. O., S. 293. [19] A. a. O., S. 299. [20] A. a. O., S. 297. [21] A. a. O., S. 301. [22] A. a. O., S. 309. [23] A. a. O., S. 321. [24] A. a. O., S. 327. [25] A. a. O., S. 341. [26] A. a. O., S. 353. [27] A. a. O., S. 359. [28] A. a. O., S. 361. [29] A. a. O., S. 375. [30] A. a. O., S. 381. [31] A. a. O., S. 395. [32] A. a. O., S. 405. [33] A. a. O., S. 409. [34] A. a. O., S. 411. [35] Rabbow, 1914; 1954. [36] Ebd., S. 189-222; 307-312. [37] A. a. O., S. 289 bzw. 320. [38] A. a. O., S. 296.  [39] A. a. O., S. 297. [40] Schott, 2011 [a].