18. Kap./3 * Das Unbewusste als finstere Höhle

Bei der Rezeption der Psychoanalyse wurde in Allgemeinen übersehen, dass Freud das „Unbewusste“ grundsätzlich ambivalent charakterisierte. Man sah es als die finstere, dunkle Seite des Seelenlebens an, die metaphorisch mit Keller, Höhle oder Nacht assoziiert wurde. Darüber vergaß man, dass es bei Freud auch die helle, lichte Seite gab, in der eine  schöpferische Kraft als weiblich gedachte Natur zum Ausdruck kam. Der Vorstellung vom Unbewussten als einer Art Unterwelt, Schattenreich, dunklem Verließ bedrohlich eingesperrter Triebkräfte etc. stand also eine andere gegenüber, für die sich in der Tradition der (paracelsischen) Alchemie eine beachtliche Entsprechung finden lässt. Denn die Erde wurde dort zwar als vergänglicher, irdischer Gegenspieler und Widerpart des ewigen, himmlischen Geistes angesehen,  zugleich aber barg das Erdinnere, insbesondere das Innere der Berge, Bodenschätze, Naturmächte, Elementargeister, und vor allem den vulcanus, der wie ein Schmied im Labor der Natur mit Feuerkraft die Metalle bereitet.[1] Die Natur schien gerade hier im Verborgenen als Magierin am Werk, quasi als inhärente Alchemistin – analog wie sie im menschlichen Leib als Lebensgeist (archeus) bei der Stoffverwandlung, insbesondere der Verdauung, tätig schien. Die alchemistische Forschungsperspektive wollte Licht in diese Unterwelt werfen, um der verborgenen Natur auf die Spur zu kommen – ähnlich wie später die psychoanalytische Deutungsarbeit ins Unbewusste vorzudringen versuchte, um die verdrängten Inhalte des Seelenlebens aufzudecken. Beiden Ansätzen geht es um die Suche nach der „Wahrheit“, das der irregeleitete menschliche Geist bisher nach Ansicht der jeweiligen Adepten verfehlt habe. Der bedeutende Alchemist Johan Baptista van Helmont schilderte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts diese Wahrheitssuche eindrücklich am Beispiel einer Vision, seines Traums vom „Grab der Wahrheit“, das tief in einer dunklen Höhle verborgen sei und das bisher kein Forscher zu erreichen vermochte. Die betreffende Illustration erinnert durchaus an Freuds Intention, verborgene („libidinöse“) Schätze im Unbewussten aufzudecken und ans Licht zu heben, zu „sublimieren“. (Abb. [i])Freilich sind es bei Freud keine positiven Schätze, die dem Menschen per se gut tun, sondern negative, die erst aufhören, ihn zu quälen, wenn sie ans Tageslicht gehoben sind. In beiden Fällen geht es jedoch um die Aufdeckung der „Wahrheit“.

Die Metaphern der Höhle und der Nacht bedeuten nicht das Dunkle schlechthin, sondern lenken die Aufmerksamkeit auf das, was im Dunkeln aufleuchtet. Es geht um das Licht in der Finsternis, um die Tagesreste in der Nacht, die dann zum Leben erwachen und wahrnehmbar werden, wenn ansonsten Dunkelheit und Ruhe herrscht. Die verschiedenen Traumlehren haben diesen Gesichtspunkt immer wieder hervorgehoben, von der Antike bis zur modernen Tiefenpsychologie, von Hippokrates und Aristoteles bis zu Sigmund Freud und C. G. Jung. Der Clou der Traumlehren ist aber woanders zu suchen, nämlich in der Unterstellung, dass das vermeintliche wache Tagleben selbst nur ein Trugbild vorgaukele und tatsächlich voller Verblendung und Dunkelheit sei, quasi einem Schlafzustand entspreche. Platons Höhlengleichnis in der „Politeia“ hat diese Dialektik von Licht und Schatten, Wahrheit und Trugbild, eindrucksvoll dargestellt und damit ein Denkmodell vorgelegt, das in der Idengeschichte wie kaum ein anderes rezipiert wurde. Die seit ihrer Kindheit in der Höhle angebundenen Menschen halten die an die Wand geworfenen Schattenbilder für die wahre Welt. Wenn man einen Gefangenen befreien und zwingen würde, sich umzudrehen, wäre er vom Feuer geblendet und würde an seinen alten Platz zurückkehren wollen. Wenn man einen Gefangenen aber zwingen würde, vor die Höhle zu treten, wäre er vom Sonnenlicht zuerst geblendet und würde dann erkennen, dass von ihm selbst die Schatten kommen. Er möchte nicht mehr in die Höhle zurück und wenn er doch zurückkäme, würde er den anderen wohl kaum seine Erkenntnis vermitteln können: „ […] wenn er wieder in der Begutachtung jener Schatten wetteifern sollte mit denen, die immer dort gefangen gewesen, während es ihm noch vor den Augen flimmert, ehe er sie wieder dazu einrichtet, und das möchte keine kleine Zeit seines Aufenthalts dauern, würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen von oben zurückgekommen und es lohne nicht, daß man auch nur versuche hinaufzukommen; sondern man müsse jeden, der sie lösen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur habhaft werden und ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen?“[2]

Platons Höhlengleichnis eignete sich besonders für Mystiker aller Art, die ihre Erlebnisse und Erkenntnisse den Zeitgenossen glaubhaft machen wollten. Das gilt auch für einen „Naturmystiker“ wie Mesmer, der sich zumindest zeitweise als solcher zu erkennen gegeben hat. In seinem Gleichnis vom schlafenden Volk variierte er Platons Vorlage zwar erheblich, aber die Logik ist dieselbe: „Nehmen wir ein Volk an, welches, wie einige Thiere, beim Untergang der Sonne nothwendig einschliefe und vor ihrem Aufgang nicht wieder erwachte: einem solchen Volke würde natürlich nur das Daseyn der am Tage sichtbaren Gegenstände begreiflich seyn. Würde dasselbe nun benachrichtigt, daß einige Menschen unter ihm, die in jener Ordnung des Schlafs in ihrer Krankheit gestört des Nachts aufgewacht wären, und in einer unendlichen Entfernung unzählige leuchtende Körper, gleichsam neue Welten gesehen hätten; so würde es diese ohne Zweifel, ihrer so wunderbar abweichenden Ideen wegen, für Träumer halten.“[3]

In der Ideengeschichte des Unbewussten geht es also nicht um die dunkle Höhle oder die finstere Nacht an sich, sondern um das Erkennen eines neuartigen Lichtes, das dem Sensiblen („Sensitiven“) möglich wird und die als normal angenommene Lebenswirklichkeit als eine trügerische, falsche entlarvt. Der Konflikt entsteht dann zwischen dem wahrhaft Erleuchteten und seinen in Illusionen gefangenen und vom Schlaf umnachteten Mitmenschen. Das Erkennen des Unbewussten folgt somit einem diagnostischen Programm: Das Sehen des Sonnenlichts und der Sterne ermöglicht es, die Schatten an der Wand und den Schlaf mit seinen Träumen zu durchschauen. Insofern kritisiert das Wahrnehmen der unbewussten Traumwelt die Sicherheiten der bewussten Lebenswelt. Ein wichtiges Charakteristikum des Unbewussten kommt hinzu: Es wird selbst als eine schöpferische Kraft gedacht, die Bestimmtes produzieren, „gebären“ kann, etwa den Traum im nächtlichen Schlaf. So heißt es bei Hesiod in der „Theogonie“:

„Die Nacht aber gebar das verhaßte Ende

und die finstere Ker und den Tod.

Und gebar den Schlaf, gebar die Schar der Träume

keinem beigesellt gebar sie die Göttin,

die finstere Nacht.“[4]

Das Unbewusste übernahm als schöpferische Macht die Funktion einer Gebärerin und wurde insofern als weibliche Instanz imaginiert. Die Natur als göttliche Schöpferin war ein geläufiger Topos der Naturphilosophie, sie erschien, wie gerade die Emblematik der frühen Neuzeit zeigt, als Lichtgestalt in der Finsternis (Kap. 36).


[1]H. Schott, 1996 [a]. [2]http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=2027&kapitel=1#gb_found (1.02.2010). [3] Mesmer, 1814, S. 206. [4] Hesiod, 1970, S. 38 [Theogonie, 211-213].


[i] H. Schott, 1996 [b], S. 200; → Abb. Grab der Wahrheit

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