18. Kap./4 * Das Unbewusste als weibliche Natur

Nacht, Schlaf und Tod waren (und sind) in der Kulturgeschichte assoziativ miteinander verbunden. Der Tod erschien als „Schlafes Bruder“, eine Vorstellung, die erstmals in der „Ilias“ von Homer explizit formuliert wurde. Hypnos und Thanatos treten dort als Zwillingsbrüder auf, die den toten Achill in seine Heimat zurücktragen.[1] Schlaf, Tod, Heimkehr und ewiges Leben standen in der romantischen Naturphilosophie im Mittelpunkt. Die „Hymnen an die Nacht“ von Novalis machen dies besonders deutlich. Dabei erhielt der Schlaf auch als „Beischlaf“ erotische Qualitäten und Liebe und Tod gingen eine besondere Liaison ein. So wurde der Orgasmus auch als „kleiner Tod“ (la petite mort) bezeichnet. In einem mesmeristischen Lehrbuch des frühen 19. Jahrhunderts zeigt das Titelbild die den Tod (thanatos) und den Schlaf (hypnos) gebärende Nacht, der sich der Heilgott Asklepios nähert, um den Schlaf an seine Hand zu nehmen. (Abb. [i]) Diese Vignette, die Jahrzehnte vor Einführung des Begriffs der Hypnose entstand, enthält alle naturphilosophischen Merkmale des Unbewussten: Die Nacht als gebärende Frau, hypnos als heilbringender Schlaf und die Indienstnahme dieser Naturheilkraft durch die Medizin. In der Bildlegende wird die Nacht als „die Erzeugerinn alles Schönen und Furchtbaren [sic], Dunkeln und Geheimnißvollen, und daher die Mutter der Brüder Schlaf und Tod“ vorgestellt. Äskulap bemühe sich, „den dem Schooße der Mutter schon entrückten Schlaf aus seiner dunkeln Hülle hervorzuziehen und mit sich fortzuführen.“[2]

In der Freud-Rezeption gilt das Unbewusste bis heute zumeist als Reservoir der („dunklen“) Triebwelt und als gefährliches Reich verdrängter Wünsche und Sehnsüchte. Tatsächlich aber sprach ihm Freud – in keiner andern Schrift so eindeutig wie in der „Traumdeutung“ – auch künstlerische Schöpferkraft zu. Wir sind hier gleichsam mit Freud, dem Krypto-Romantiker, konfrontiert. In der Tat erinnert Freuds Theorie der Traumarbeit an Gotthilf Heinrich Schuberts Beschreibung eines inneren, „versteckten Poeten“ in seiner „Symbolik des Traumes“ (1814), die im Traumdeutungsbuch trotz Freuds strategisch wirkender Distanzierung recht positiv erwähnt wird.[3] Denn das Unbewusste bedeutete bei Freud wie bei Schubert (der den Begriff des Unbewussten freilich noch nicht explizit verwendete) eine poetische Kraft, die sich im Traum zum Ausdruck bringe und dem Wachbewusstsein verschlossen sei und unverständlich bleibe. Nirgends wird Freuds Nähe zur romantischen Naturphilosophie deutlicher als im Begriff der Traumarbeit.

Bei der Traumbildung treffen nach Freud zwei psychische Mächte aufeinander und produzieren den Traum, wobei die eine (der unbewusste Traumwunsch) agiere, die andere (die Traumzensur) reagiere. Der schöpferische Traumwunsch produziere den Traum nach Maßgabe der unterdrückenden Zensur. Der Vorgang der Traumschöpfung funktioniere insgesamt wie eine Übertragung: „Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Darstellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen und Fügungsgesetze wir durch die Vergleichung von Original und Übersetzung kennen lernen sollen.“[4] In diesem Zusammenhang formulierte Freud eine Metaphorik, die der romantischen Naturphilosophie besonders nahe kam. Das Unbewusste, gleichsam die Restnatur im Menschen, schlüpfe nämlich in die Rolle eines Literaten. Denn die Traumarbeit verwandle durch ihre Hauptmomente (Verdichtungsarbeit, Verschiebungsarbeit, Rücksicht auf Darstellbarkeit und die sekundäre Bearbeitung) die latenten Traumgedanken zum manifesten Trauminhalt. Der Träumer werde sozusagen zu einem Dichter, ohne sich dieser seiner Dichtkunst bewusst zu sein. Aber genau so, wie ein Traum nie vollständig gedeutet werden könne, entziehe sich auch ein Werk der Dichtkunst einer endgültigen Deutung. Die Metapher des Webens sollte das Wirken der Traumarbeit verdeutlichen. Freud zitierte zur Erläuterung der „Verdichtungsarbeit“ des Traumes eine Passage aus einer längeren Ausführung Mephistos aus Goethes „Faust“ („Studierzimmer“).[5] Dort heißt es:

„Zwar ist’s mit der Gedankenfabrik
Wie mit einem Weber-Meisterstück,
Wo ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“[6]     

Hauptergebnis der „Traumarbeit“ war für Freud die „Traumentstellung“, die vor allem durch die „Verschiebungsarbeit“ geleistet werde. Denn die Verschiebung führe zur Verstellung des ursprünglichen Textes, sie komme „durch den Einfluß jener Zensur, der endopsychischen Abwehr, zustande“.[7] Das Unbewusste kann sich demnach nur selbst darstellen, wenn es sich verstellt und vom Subjekt nicht mehr als eigenes Produkt erkannt werden kann. Freuds enges Verhältnis zur Literatur kam dort am deutlichsten zum Vorschein, wo er die Traumarbeit als einen Schriftsteller begriff, der die Zensurbehörden zu überlisten hatte: „Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der Stärke und Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, entweder bloß gewisse Formen des Angriffs einzuhalten, oder in Anspielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden, oder er muß seine anstößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Verkleidung verbergen, er darf z. B. von Vorfällen zwischen zwei Mandarinen im Reich der Mitte erzählen, während er die Beamten des Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto weitgehender wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche den Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten. Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen den Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen.“[8]

Das Zitat lässt klar erkennen, womit sich Freud identifizierte, nämlich mit dem schöpferischen Schriftsteller, der die politischen und gesellschaftlichen Reaktionäre, die an der Macht sind, überlistet. So ist auch sein bekannter Ausspruch zu deuten, man dürfe den (bösen) „Buben“ doch nicht alles sagen, dürfe also seine Geheimnisse nicht gänzlich preisgeben. In seiner Charakterisierung der im Ödipuskomplex wurzelnden Phantasien des neurotischen Menschen als „Familienroman“ – „Alle Neurotiker bilden den sogenannten Familienroman“, schrieb er an Wilhelm Fliess am 20. Juni 1898 – identifizierte er wiederum die Tätigkeit des Unbewussten mit der eines Schriftstellers.[9] Zugleich aber brachte Freud, insofern er ja selbst entsprechende Krankengeschichten verfasste, indirekt seinen Anspruch oder Wunschtraum zum Ausdruck, ein Schriftsteller im Dienste des Unbewussten zu sein. Man könnte auch sagen, dass Freud hier – von ihm selbst unausgesprochen – den klassischen naturphilosophischen Topos von der „Nachahmung der Natur“ aufgriff und auf die Psychoanalyse übertrug. In Anlehnung an die Freud’schen Begriffe des Primär- und Sekundärprozesses lässt sich Freuds Vorgehen folgendermaßen charakterisieren: „Primär“ schreibt das Unbewusste als die (verborgene) Natur im Menschen einen Roman, dessen Text verschlüsselt ist, und den Freud dadurch entschlüsseln zu können glaubte, indem er „sekundär“, der analytischen Deutung entsprechend, eine Krankengeschichte verfasste.

Freud hielt sich von einer direkten Personifizierung des Unbewussten mit einer weiblichen Gestalt fern, wie sie in der frühen Neuzeit gängig war. Gleichwohl legte der ideengeschichtliche Kontext nahe, dass auch das Freud’sche Unbewusste als black box der Natur im Menschen weiblich gedacht war. So sprach er einmal davon, dass man bei er Traumdeutung eine Stelle im Dunkeln lassen müsse: „Dies ist dann der Nabel des Traums, die Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt.“[10] Das Unerkannte und Unerkennbare sei die „netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt“, aus der sich der Traumwunsch „wie der Pilz aus einem Mycelium“ erhebe. In uns schaffe die Natur den Traum, einem Embryo gleich, der über einen Nabel mit ihr verbunden sei – die Natur also als mütterlicher Organismus, aus dem das Seelenleben erwächst! Freud enthielt sich zwar jeder expliziten Spekulation über das Verhältnis von Mikrokosmos und Makrokosmos, aber die Metapher vom Nabel deutet auf ein solches Verhältnis hin. Sie erinnert an den „Nabel der Welt“ in der griechischen Mythologie: Der omphalós (Nabel) war ein Stein, ein vom Himmel gefallener Meteor, der im ádyton des Apollontempels in Delphi verehrt wurde und den Nabel der Welt bzw. der Erde markierte. Das Gemälde„Apóllon omphalós“ wurde von dem bildenden Künstler Michael Franke im Rahmen seiner Ausstellung „Dionysos und Apollon“ in Bonn 2011/2012 gezeigt.[11] Der „phallische Stein“, wie der omphalós in Lexikonartikeln und auch von Franke bezeichnet wird, ist freilich nicht evident. Seine Gestalt erinnert eher an eine Gebärmutter, als an einen Phallus.  

Im Gegensatz zu Freud hatte der deutsche Philosoph Eduard von Hartmann noch unverhohlen das „Unbewusste“ in weiblicher Gestalt imaginiert. In seiner monumentalen „Philosophie des Unbewussten“, deren erste Auflage 1869 erschien, heißt es: „Alles Bewusstsein ist rein passiv, bloss receptiv, und actionsunfähig; alles Unbewusste ist activ und productiv.“[12] Letzteres ordnete er dem „Weib“ zu, das er als Inbegriff der „echten Natur“ ansah: „Das Weib verhält sich nämlich zum Mann, wie instinctives oder unbewusstes zu verständigem oder bewusstem Handeln; darum ist das echte Weib ein Stück Natur, an dessen Busen der dem Unbewussten entfremdete Mann sich erquicken und erholen und vor dem tiefinnersten lauteren Quell alles Lebens wieder Achtung bekommen kann; und um diesen Schatz des ewig Weiblichen zu wahren, soll auch das Weib vom Manne vor jeder Berührung mit dem rauhen Kampfe des Lebens, wo es die bewusste Kraft zu entfalten gilt, möglichst bewahrt werden“.[13] Der Satz „Das echte Weib ein Stück Natur“ lasse sich auch umkehren: „Die echte Natur ein Stück Weib“. Die Entfremdung des Menschen wollte Eduard von Hartmann geschlechtsspezifisch auflösen: Der „dem Unbewussten entfremdete Mann“ solle sich in der Vereinigung mit der Frau-Natur erholen und Kräfte schöpfen. Diese Fixierung der Geschlechterrollen entsprach der bürgerlichen Vorstellung einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Von Hartmann fasste den „Werth des Unbewussten“ in diesem Sinne zusammen: (1) Das Unbewusste „bildet und erhält den Organismus“, (2) es „giebt im Instincte jedem Wesen das, was es zu seiner Erhaltung nöthig braucht“, (3) es „erhält die Gattungen durch Geschlechtstrieb und Mutterliebe“ und (4) „leitet die Menschen beim Handeln oft durch Ahnungen und Gefühle“.[14]

Von Hartmann verfocht freilich kein reines „Zurück zur Natur!“, da er von der „organischen Stufenordnung und dem Fortschritt der Geschichte“ ausging: „Überall, wo das Bewusstsein das Unbewusste zu ersetzen im Stande ist, soll es dasselbe ersetzen, eben weil es dem Individuum das Höhere ist“.[15] In der Erweiterung des Bewusstseins gegenüber dem Unbewussten bestehe „aller Fortschritt des Weltprocesses, alles Heil der Zukunft“. Zugleich warnte er aber davor, die „bewusste Vernunft“ überzubewerten. Denn sie sei um Gegensatz zum Unbewussten niemals „schöpferisch productiv, niemals erfinderisch“. Wenn der Mensch nicht mehr auf die Eingebungen des Unbewussten höre, verliere er „den Quell seines Lebens“. Insofern sang von Hartmann ein Loblied auf „das Walten des Unbewussten“, gewissermaßen als Gegengift gegen die „Unnatur und Verzerrung unserer gesellschaftlichen Zustände“. Folgerichtig wandte er sich dagegen, „das weibliche Geschlecht zu vernünftig machen zu wollen“, würde dies doch das Unbewusste zum Schweigen bringen.

Der Begriff des Unbewussten ist seit dem frühen 20. Jahrhundert wie kaum ein anderer mit dem Namen Sigmund Freuds verknüpft. Begriffsgeschichtliche Untersuchungen weisen auch auf seine Verwendung vor Freud hin, ohne jedoch seine Tragweite für die Geschichte der Naturphilosophie und damit auch der Wissenschaft zu erkennen. So ist in einem einschlägigen Lexikonartikel zu lesen: „Die Entstehung des Begriffs des Unbewußten in der europäischen Moderne […] fällt mit der Begründung der positiven Wissenschaften zusammen und setzt ad negationem mit René Descartes’ Gleichsetzung von Denken und Bewußtsein ein.“[16] Ein solcher Ansatz blendet die antike Mythologie und Wissenschaftsgeschichte bis weit in die frühe Neuzeit und insbesondere das Konzept der magia naturalis aus. Er sieht in der Romantik die erste Entfaltung des Unbewussten als Grundbegriff der Ästhetik, anstatt sie als letzte Hochzeit der natürlichen Magie und des von ihr terminologisch anders gefassten Bereichs des Unbewussten zu begreifen. Die Identifizierung des Unbewussten mit der weiblichen Natur, die erotische Naturmystik und die Entlarvung des falschen Bewusstseins durch die erleuchtende Erfahrung im unbewussten Zustand bleiben somit außer Betracht. Meine Kritik richtet sich gegen die verengte Sicht heutiger Betrachter, welche die überquellenden Zeugnisse der Geistesgeschichte nicht zur Kenntnis nehmen wollen oder können. Hesiods Theogonie und Platons Höhlengleichnis sind nur zwei Beispiele aus der Antike, die für die Ideengeschichte des Unbewussten von eminenter Bedeutung waren.


[1] Homer, 1961, S. 479 u. 569 [Ilias 14.231 u. 16.434]. [2] Kluge [1811], 1818. [3] Schubert [1814], 1968; Freud, 1900, S. 66 u. 357. [4] Freud, 1900, S. 283. [5] A. a. O., S. 289. [6] http://gutenberg.spiegel.de/buch/3664/7 (1.01.2013); Freud, 1900, S. 289. [7] A. a. O., S. 314. [8] A. a. O., S. 148 f. [9] Freud [1887-1902], 1950, S.273. [10] Freud, 1900, S. 530. [11] Franke, 2011, S. 100 f. [12] E. v. Hartmann, 1923, S. XXXVIII. [13] A. a. O., S. 359. [14] A. a. O., S. 355. [15] A. a. O., S. 358. [16] Wegener, 2002, S. 203.


[i] Kluge, 1818; → Abb. Kluge 1818

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