19. Kap./4 * Hysterie und Affektübertragung

Es war für den späteren psychoanalytischen Krankheitsbegriff höchst bedeutsam, dass sich Breuer und Freud als Therapeuten mit ihren Patientinnen soweit identifizierten, dass sie in sich selbst deren „Alienation“ wiederentdecken konnten. Freud erklärte den Traum zum Analogon der Hysterie, eine wichtige Voraussetzung seiner „Metapsychologie“ vom „psychischen Apparat“, wie er sie im letzten Kapitel der „Traumdeutung“ beschrieb. Die Entdeckung der eigenen Selbstentfremdung war die Folie, auf der Freud dann seine Selbstanalyse ab Mitte der 1890er Jahre aufbaute. Wenden wir uns nun der Technik im Kontext der „Studien über Hysterie“ zu. Der Arzt habe bestimmte Hilfsmittel einzusetzen, um auf die hysterischen Patientinnen heilsam einzuwirken. Freud verglich dabei die Psychotherapie mit chirurgischen Operationen, bei­spielsweise der „Eröffnung einer eitergefüllten Höhle“.[1] Freilich gab er zu bedenken: „Eine solche Analogie findet ihre Berechtigung nicht so sehr in der Entfernung des Krankhaften als in der Herstellung besserer Heilungsbedingungen für den Ablauf des Prozesses“.

Die Spaltung des Bewusstseins bei der Hysterie erschien als Selbstent­fremdung oder „Alienation“, die vom Betroffenen selbst produziert werde. Psychoanalyse sollte nun nicht darin bestehen, einen pathogenen „Fremdkörper“ zu entfernen, sondern in Analogie zur chirurgischen Operation eher darin, „der Zirkulation den Weg in ein bisher abgesperrtes Gebiet zu bahnen“.[2] Wenn Hysterie als Selbstentfremdung begriffen wurde, so konnte Therapie nur darin bestehen, solche Heilungsbedingungen zu schaffen, die diese Selbstentfremdung aufhoben. Dieser Ansatz implizierte gewissermaßen die Selbsttherapie des Kranken. Anna O., die berühmt gewordene Patientein von Josef Bruer, war nicht nur Entdeckerin ihres „schlimmen Ich“, sondern zugleich Erfinderin der „talking cure“, des „chimney sweeping“; sie diagnostizierte nicht nur ihre Krankheit, sie therapierte sie auch. Insofern können wir hier von einer Selbstanalyse der Patientin sprechen, die Breuer in seiner Krankengeschichte zur Darstellung brachte. Dabei war ihre „talking cure“ für ihren Arzt durchaus nachvollziehbar. Die Vorstellung, dass eine Krankheit durch einen eingeklemmten Affekt bedingt ist und durch ein „Abreagieren“ desselben geheilt werden kann, ist dem alltäglichen Leben vertraut. So war denn die heilende Wirkung dieser „Methode der Psychotherapie“ den Autoren durchaus verständlich, wie sie in ihrem Text hervorhoben: „Sie [die Methode] hebt die Wirksamkeit der ursprünglich nicht abreagierten Vorstellung dadurch auf, daß sie dem eingeklemmten Affekte derselben den Ablauf durch die Rede gestattet, und bringt sie zur assoziativen Korrektur, indem sie dieselbe ins normale Bewußtsein zieht“.[3]

Dieses therapeutische Prinzip der „assoziativen Korrektur“ hat sein Analogon in der assoziativen Leistung des normalen Menschen, wenn dieser eine Kränkung zu verkraften hat. „Die Erinnerung an eine Kränkung wird korrigiert durch Richtigstellung der Tatsachen, durch Erwägungen der eigenen Würde u. dgl., und so gelingt es dem normalen Menschen, durch Leistungen der Assoziation den begleitenden Affekt zum Verschwinden zu bringen“.[4] Nicht nur die Therapie des „Abreagierens“ findet ihre Entsprechung im normalen Leben, sondern auch das Wesen der Hysterie selbst. Denn im Mittelpunkt der Betrachtung der Pathogenese steht „das affizierende Ereignis“ der „Kränkung“. Entschei­dend dafür, ob der betroffene Mensch hysterisch wird oder normal bleibt, sei der Umstand, ob er sich „austoben, ausweinen“ könne, oder ob die Reaktion auf die Kränkung unterdrückt und schweigend erduldet werde. So imponierte den Autoren die Hysterie als nicht verkraftete Kränkung, an deren Erinne­rung der Affekt haftet: „der Hysterische leide größtenteils an Reminiszen­zen“, lautete die kursiv gedruckte Formel der beiden Autoren.[5] „Reminiszenz“ deutet auf den Charakter dieser virulenten Erinnerung hin: Sie irritiert das Seelenleben als Rückbleibsel, als Quasi-Fremdkörper.

Das „Abreagieren“ war für Breuer und Freud das übergreifende Modell der therapeutischen Technik: Der normale Mensch hilft sich sozusagen selbst, es stehen ihm „vom Weinen bis zum Racheakt“ verschiedene Formen der Reaktion zur Verfü­gung. Der Hysteriker dagegen kann sich nicht abreagieren und wird gerade durch dieses Unvermögen zum Hysteriker. Seine Therapie besteht nun darin, daß er sich nachträglich abzureagieren lernt. Somit wurde das normale Abreagieren zum Vorbild der psychotherapeutischen Technik. „Wird die Reaktion unterdrückt, so bleibt der Affekt mit der Erinnerung verbunden. Eine Beleidigung, die vergolten ist, wenn auch nur durch Worte, wird anders erinnert, als eine, die hingenommen werden mußte. Die Sprache anerkennt auch diesen Unterschied in den psychischen und körperlichen Folgen und bezeichnet höchst charakteristischerweise eben das schweigend erduldete Leiden als ‚Kränkung’. […] Die Erinnerung an eine Kränkung wird korrigiert durch Richtigstellung der Tatsachen, durch Erwägungen der eigenen Würde u. dgl., und so gelingt es dem normalen Menschen, durch Leistungen der Assoziation den begleitenden Affekt zum Verschwinden zu bringen.“[6] Der „normale Mensch“ kann sich demnach also abreagieren, indem er sich gleichsam einer Technik der befreienden Assoziation bedient, die beim Hysterischen wegen des „Assoziationswiderstandes“ nicht funktioniert. Die therapeutische Aufgabe des Arztes besteht nun darin, diesen Widerstand zu überwinden, eine assoziative Korrektur zu erzwingen.

Freuds Überlegungen „zur Psychotherapie der Hysterie“ beruhten auf seiner therapeutischen Erfahrung mit hysteri­schen Patientinnen. Er habe er den Eindruck gewonnen, „es würde in der Tat möglich sein, die doch sicherlich vorhandenen pathogenen Vorstel­lungsreihen durch bloßes Drängen zum Vorschein zu bringen, und da dieses Drängen mich Anstrengung kostete und mir die Deutung nahelegte, ich hätte einen Widerstand zu überwinden, so setzte sich mir der Sachverhalt ohne weiteres in die Theorie um, daß ich durch meine psychische Arbeit eine psychische Kraft bei dem Patienten zu überwinden habe, die sich dem Bewußtwerden (Erinnern) der pathogenen Vorstellungen widersetze. Ein neues Verständnis schien sich mir nun zu eröffnen, als mir einfiel, dies dürfte wohl dieselbe psychische Kraft sein, die bei der Entstehung des hysterischen Symptoms mitwirkt und damals das Bewußtwerden der pathogenen Vorstellung verhindert habe.“[7]

Damit hatte Freud erstmals seine Theorie der Technik formuliert. Er ging von seiner eigenen therapeutischen Kraftanstrengung aus, die ihm die „Deutung nahelegte, ich hätte einen Widerstand zu überwinden“, die er dann in die „Theorie“ umsetzte. Diese begriff die „psychische Arbeit“ des Therapeuten als entscheidenden Hebel, um den Widerstand des Patien­ten zu überwinden. Der Therapeut hatte den Kampf gegen die Macht des „Assoziationswiderstandes“ aufzunehmen, „diesen Assoziationswiderstand durch psychische Arbeit zu überwinden“. Allerdings: „Dem ‚Assoziationswiderstande’ bei einer ernsthaften Hysterie ist das Drängen des fremden und der Sache unkundigen Arztes an Macht nicht gewachsen. Man muß auf kräftigere Mittel sinnen. Da bediene ich mich denn zunächst eines kleinen technischen Kunstgriffes. Ich teile dem Kranken mit, daß ich im nächsten Momente einen Druck auf seine Stirne ausüben werde, versichere ihm, daß er während dieses ganzen Druckes eine Erinnerung als Bild vor sich sehen oder als Einfall in Gedanken haben werde, und verpflichte ihn dazu, dieses Bild oder diesen Einfall mir mitzuteilen, was immer das sein möge.“[8] Freud bezeichnete dieses Vorgehen als „Technik des Drängens und der Druckprozedur“.[9] Dieser Kunstgriff sei wirksam und das „Suggestivste und Bequemste“, wodurch er „die Aufmerksamkeit des Kranken von seinem bewußten Suchen und Nachdenken, kurz von alledem, woran sich sein Willen äußern kann, dissoziiere, ähnlich, wie es sich wohl beim Starren in eine kristallene Kugel u. dgl. vollzieht.“[10]

In diesem Zusammenhang deutet sich bereits eine Art handfeste „Gegenübertragung“ an, die sich nicht mit dem späteren Begriff deckt. Ge­wöhnlich wird darauf hingewiesen, dass in jener Zeit die psychoanalytische Bedeutung der Gegenüber­tragung noch unbekannt gewesen sei, weswegen der Arzt beim psycho­therapeutischen Prozeß in die größten Schwierigkeiten geraten konnte, wie z.B. Breuer bei der Behandlung der Anna O. Definiert man im analytischen Verständnis die Gegenübertragung als „Gesamtheit der unbewußten Reaktionen des Analytikers auf die Person des Analysanden“, so stellte die oben genannte „Technik des Drängens und der Druckprozedur“ sicherlich etwas anderes dar, da ja das Unbewusste des Analytikers außer Betracht blieb. Vielmehr handelte es sich um eine bewußte Aktion des Arztes, um den Widerstand des Patienten zu überwinden, um die ärztliche Übertragung psychischer Kraft durch „psychische Arbeit“. Wenn der Therapeut Druck ausübt und seinen Patienten drängt, überträgt er gleichsam seine Kraft auf dessen unterdrückten und vom Bewußtsein dissoziierten Assoziationsbe­reich, der alleine zu schwach wäre, zum Bewusstsein vorzudringen. Diese „assoziative Korrektur“, die man auch als eine Nachhilfe bezeichnen könnte, ist am ehesten einer orthopädischen Maßnahme zu vergleichen, wo durch Druckausübung eine dislozierte Fraktur korrigiert wird.

Insofern sich die Kraftübertragung des Arztes gegen die Macht des Widerstandes beim Patienten wendet, gewissermaßen therapeutisch auf diese re-agiert, könnte man auch von einer „Gegenübertragung“ sprechen. Diese Art des Drängens und Drückens wurde auch beim Hypnotisieren und Suggerieren angewandt, um das kritische Bewusstsein zu auszuschalten. Freud befasste sich schon in den „Studien über Hysterie“ eingehend mit der „Übertragung auf den Arzt“. Er sah sie hier freilich nur in ihrer negativen Bedeutung als ein „Hindernis“ für die Therapie, das dann auftrete, „wenn die Kranke sich davor erschreckt, daß sie aus dem Inhalte der Analyse auftau­chende peinliche Vorstellungen auf die Person des Arztes überträgt.“[11] Diese Übertragung auf den Arzt geschehe „durch falsche Verknüpfung.“ Langjährig verdrängte Wünsche, die sich auf Personen der Vergangenheit bezogen und zu einer hysterischen Symptomatik führten, würden nun ohne Erinnerung an die ursprüngliche Situation „durch den im Bewußtsein herrschenden Assoziationszwang“ auf die Person des Arztes bezogen. Die spätere positive Bewertung der Übertragung für den analytischen Prozess klingt allerdings in diesem Kontext bereits an. Als ein Mittel, den Widerstand zu überwinden, erörterte Freud „ein affektives Moment, die persönliche Geltung des Arztes“: „Das ist hier nicht anders als sonst in der Medizin, und man wird keiner therapeutischen Methode zumuten dürfen, auf die Mitwirkung dieses persönlichen Moments gänzlich zu verzichten.“[12]

Die Übertragung als terminus technicus im Sinne der späteren Psychoanalyse spielte in den „Studien über Hysterie“ zwar noch keine Rolle, war aber durch den französischen Diskurs über den „transfert“ im Umfeld von Charcot und Bernheim (siehe oben) schon längst ins Blickfeld Freuds und seiner nervenärztliche Hypnose-Praxis geraten. Ein gewisses „Maß an Sympathie“ und eine „geduldige Freundlichkeit des Arztes“, sozusagen eine sanftere Art des Drängens und Drückens, wurden als Voraussetzungen für die Psychotherapie der Hysterie genannt, deren theoretische Pfeiler das „Abreagieren“ und die „assoziative Korrektur“ waren. Der Kampf gegen den Widerstand als „Kampf um die Erinnerung“ (Mitscherlich)[13] war also psycho-energetischer Kraftakt und logische Assoziationsarbeit in einem. Die Befreiung des „eingeklemmten Affekts“ ging einher mit der Überwindung der Dissoziation des Bewusstseins. In seiner Schrift „Der therapeutische Wert des Abreagierens“ stellte C. G. Jung diesen in Frage: Breuer und Freud hätten über der Technik des „Abreagierens“ die Behebung der Dissoziation vergessen. Bezug nehmend auf den englischen Psychologen William McDougall meinte er, dass „das therapeutische Problem nicht in erster Linie im Abreagieren besteht, sondern in der Behebung der Dissoziation“.[14] Die bloße Wiederholung der Erfahrung besitze keine heilende Wirkung: „sie muß in Gegenwart des Arztes wiederholt werden.“[15] Anders als Freud, der durch die „psychische Arbeit“ des Arztes den Widerstand des Patienten überwinden wollte, sollte nach Jung dem Patienten eine „moralische Stütze gegen den sonst nicht zu bewältigenden Affekt“ gegeben werden, „um die Tyrannei der unkontrol­lierbaren Emotionen zu bekämpfen. Auf diese Weise wird sein Bewußtsein gestärkt, bis er den Komplex zu integrieren vermag“.[16] Für den heutigen Leser ist Jungs Abgrenzung wenig überzeugend, strebte doch Freuds „assoziative Korrektur“ im Sinne der später so genannten „Ich-Stärkung“ genau das an, was Jung hier anmahnte.


[1] Freud [1895], GW 1, S. 311. [2] A. a. O., S. 295. [3] Breuer / Freud [1893], in: Freud, GW 1,  S. 97. [4] A. a. O., S. 88. [5] A. a. O., S. 86. [6] A. a. O., S. 87 f. [7] Freud [1895], GW 1, S. 268. [8] A. a. O., S. 270. [9] A. a. O., S. 285. [10] A. a. O., S. 271. [11] A. a. O., S. 309. [12] A. a. O., S. 286. [13] Mitscherlich, 1975. [14] Jung [1921/1954], 1958, S. 139. [15] A. a. O., S. 140. [16] A. a. O., S. 140 f.

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