18. Kap./5 * Doppel-Ich und multiple Persönlichkeit

Der Begriff des Unbewussten erhielt erst im Zusammenhang von Somnambulismus, Hypnotismus und der zentralen Kategorie des Schlafs seine medizinanthropologische Bedeutung. Der Schlaf erschien als das sinnfällige Phänomen des Unbewusstseins. Freilich konnten sich im Schlafzustand die merkwürdigsten Dinge wie Traum und Schlafwandeln  ereignen, die zumindest teilweise ins Bewusstsein drangen. Der Schlaf war also kein radikaler Gegensatz zum Wachzustand, sondern in gewisser Weise nur eine andere Form des Wachens, ein veränderter Bewusstseinszustand, ein altered state of consciousness. In diesem konnten sich andere Persönlichkeiten herausbilden und zu Wort melden und die Einheit der Person und ihres Bewusstseins in Frage stellen. So wurden die psychologischen Forscher mit dem „Doppel-Ich“ (double personality) und der „multiplen Persönlichkeit“ (multiple personality) konfrontiert. Die Psychiatrie ordnete entsprechende Manifestationen der psychotischen Symptomatik zu, die religiöse Heilkunde der „Besessenheit“. Die wissenschaftliche Parapsychologie studierte sie in einschlägigen Versuchen, um das Wirken des Unbewussten in der menschlichen Psyche aufzuklären.

Vor allem der US-amerikanische Psychologe und Psychiater Boris Sidis setzte sich mit der Problematik der multiple personality“ – so der Titel des betreffenden Buches – experimentell auseinander.[1] Wir werden im Zusammenhang mit der Massensuggestion noch einmal auf ihn zurückkommen (Kap. 20). Sidis widmete die Studie seinem Lehrer William James, dem Begründer der US-amerikanischen Psychologie, der auch das Vorwort hierzu verfasste. Sidis erforschte die multiple Persönlichkeit im hypnotischen Zustand. Aufgrund seiner Erfahrungen mit Patienten nahm er eine psychopathische oder neuropathische Disposition als Ursache an. Die Neuronenkonstellationen und –bündel (constellations and clusters) – verantwortlich für das synthetische Moment des Selbstbewusstseins – seien nicht fest organisiert und befänden sich in einem labilen Gleichgewicht. Dieser Zustand tendiere unter bestimmten Bedingungen zur Aufspaltung und Desintegration. Ein auch nur mäßiger Reiz könne hierzu genügen: „A fall, a blow, a concussion, a strong emotion, any of them may produce ‚commition cerebri’ [sic], disintegration of the unstable neuron systems.”[2]  Aber auch mildere Reize könnten allmählich zu Phänomenen der Dissoziation und Desintegration führen. Fälle von „Doppelbewusstsein“ (double consciousness) entstünden in epileptischen „Dämmerzuständen“ wie überhaupt im normalen Schlaf durch lebhhafte Träume.[3] Multiples Bewusstsein setze jedoch entweder eine hochkomplexe Organisation oder ein instabiles neuronales Gleichgewicht voraus. Die Intensität eines normalen Reizes oder die Dauer einer schädlichen Irritation hätten denselben Effekt: Eine Attacke des Unbewusstseins setze dann ein, eine Desintegration, ein cerbral shock.[4] Bei allen Erschütterungen komme aber das Moment der Selbsterhaltung und des Überlebens zum Tragen: „The whole process is a struggle for existence among the many systems, among the many moments constituting man’s mental life. Only the fittest survive.“[5] Das zeitgenössiche darwinistische Denken à la Herbert Spencer, der die bekannten Parolen „struggle for existence“ („Kampf ums Dasein“) und „survival of the fittest“ prägte, macht sich hier bemerkbar.

Ein tiefer Schlaf oder ein Zustand des Unbewusstseins (state of unconsciousness) seien die Voraussetzungen für doppelte oder multiple Persönlichkeit und würden regelmäßig diesen vorausgehen. Immer seien sie, wie kurz ihre Dauer auch immer sein möge, zwischen den beiden Bewusstseinszuständen eingeschaltet. Diesen Übergang von dem einen zum anderen Zustand bezeichnete Sidis als „hypnoleptic state“, der ein wirklicher Anfall (true attack) sei.[6] Diesen unterteilte er in zwei Stufen: Die Stufe der Schläfrigkeit (drowsiness), auf der die Krise der Verwandlung beginnt, und die des Unbewusstseins (unsconsciousness), in der das andere Bewusstsein zum beherrschenden wird. Sidis entwickelte eine Methode der Synthese von beiden Zuständen, indem der Zwischenzustand, die Dauer des Umschaltens von einem zum anderen Zustand so verkürzt wurde, das beide zusammenfielen: „The two alternating moments separated by the hypnoleptic state, by having them appear simultaeously, came in close touch, perceived each other for the first time.“[7] Die erste Stufe sei zu verlängern, die zweite zu verkürzen, um die (therapeutische) Synthese zu erreichen. Letztlich begriff Sidis die Ausbildung der multiplen Persönlichkeit als eine posttraumatische Störung. Für ihn war der hypnoleptische Zustand die Reproduktion eines ursprünglichen Angriffs (original attack), der den Zustand des Doppel- oder multiplen Bewusstsein hervorgerufen hatte.[8]

Der deutsche Psychologe Max Dessoir, der den Begriff der Parapsychologie prägte, setzte sich in seinem Buch „Das Doppel-Ich“, das bereits 1890 in der Erstauflage erschien, schon vor Sidis mit der Problematik der multiplen Persönlichkeit auseinander. Er beklagte, dass Deutschland gegenüber England und Frankreich in der Erforschung abnormer Seelenerscheinungen im Rückstand sei und nannte hierfür drei Gründe: „Die niedere Herkunft“ von Gauklern, Spiritisten, Phantasten; die Angst vor der „Gefährlichkeit der Hypnose“; und die Frage von Wissenschaftlern, „ob die Untersuchung an Hypnotisierten“ sich überhaupt lohne. Letzteres bejahte Dessoir „unbedingt“.[9] Er stützte sich wesentlich auf Pierre Janets grundlegendes Werk „L’automatisme psychologique“, das ein Jahr zuvor erschienen war.

Nach Dessoir besteht das Doppel-Ich außerhalb von Bewusstsein und Erinnerung des Individuums. Denn unsere Persönlichkeit sei zusammengesetzt „aus zwei mehr oder minder unabhängig voneinander operierenden Bewusstseinshälften, die man bildlich als Ober- und Unterbewusstsein bezeichnen könnte.“[10] Die Hypnose bestehe darin, dass das Unterbewusstsein planmäßig und künstlich geweckt wird und ein „Übergewicht des sekundären Ich“ herbeigeführt wird.[11] Dessoir unterschied ein absulutes von einem relativen Unbewussten: „Absolut unbewusst nennen wir alle Daseinsäusserungen der nichtthierischen Welt, indem wir von einem bloss metaphysisch zu begründenden Panpsychismus absehen; […] Nun nenne ich jedoch innerhalb der thierischen Welt relativ bewusst einen verhältnismässig kleinen Abschnitt der nervösen Processe und schreibe den weitaus grösseren Rest dem (realtiv) Unbewussten zu.“[12] In ein und demselben Organismus könne eine „Mehrheit von Persönlichkeiten“ entstehen. Er zitierte – freilich in erheblicher Abweichung vom Original – zustimmend Leibniz, der in den Nouveaux Essais“ angeblich geschrieben habe: „Wenn wir voraussetzen könnten, dass zwei unterschiedene und getrennte Bewusstseinsvermögen wechselweise in demselben Körper handeln, das eine während des Tages, das andere während der Nacht, so frage ich, ob in diesem Fall der Mann des Tages und der Mann der Nacht nicht zwei ebenso verschiedene Personen wären, wie Sokrates und Plato.“[13] Dabei unterschlug Dessoir die interessante Überlegung von Leibniz, dass ja auch eine Person in zwei verschiedenen Körpern denkbar sei.

Es lohnt sich, das Originalzitat in voller Länge zu lesen. Leibniz schrieb: „Könnten wir entweder voraussetzen, daß zwei verschiedene und miteinander nicht in Verbildung stehende Bewußtseinsvermögen abwechselnd in demselben Körper tätig sind, das eine beständig während des Tages und das andere während der Nacht, oder daß dasselbe Bewußtsein in Zwischenräumen in zwei verschiedenen Körpern tätig wäre, frage ich, oh im ersteren Falle der Tagesmensch und der Nachtmensch, daß ich mich so auszudrücken wage, nicht zwei ebenso verschiedene Personen wären, wie Sokrates und Plato, und ob er nicht im zweiten Fall eine einzige Person in zwei verschiedenen Körpern ist?“[14] Dessoir schloss daran an: „Nun, der homo duplex der Hysterischen liefert eine bejahende Antwort auf diese […] Frage.“ [15] Das Doppel-Ich konnte seiner Meinung nach künstlich durch wiederholte Hypnose geschaffen werden, wenn sich eine zweite Persönlichkeit entwickele. Diese „Schöpfung eines zweiten Persönlichkeitskomplexes“ könne als therapeutisches Mittel gegen „nervöse Leiden“ eingesetzt werden.[16]


[1] Sidis [1904], 1968. [2] Ebd., S. 447. [3] A. a. O., S. 448. [4] A. a. O., S. 449. [5] A. a. O., S. 450. [6] A. a. O., S. 451. [7] A. a. O., S. 454. [8] A. a. O., S. 456. [9] Dessoir, 1896, S. 3. [10] A. a. O., S. 13. [11] A. a. O., S. 32. [12] A. a. O., S. 37 f. [13] Zit. n. Dessoir, 1896, S. 80. [14] Leibniz, 1904, S. 237 [2. Buch, Kap. 27, § 23]. [15] Dessoir, 1896, S. 80. [16] A. a. O., S. 81 f.