# 19. Kap. Übertragung: Ein medizinhistorischer Schlüsselbegriff

Der Übertragungsbegriff, wie er heute im Bereich der medizinischen Psychologie und Psychotherapie verwendet wird, wurde wesentlich von Sigmund Freud geprägt. Er definiert einen psychologisch zu verstehenden Vorgang einer besonderen Projektion: „Übertragung“ und „Gegenübertragung“ werden in der Psychoanalyse als entscheidender Hebel des Arzt-Patienten-Verhältnisses verstanden und bieten eine Erklärung für dessen Dynamik. Die Begriffsgeschichte ist freilich komplexer. Sie verweist nämlich auf magische, naturphilosophische und religiöse Implikationen, die das moderne Verständnis in einem anderen Licht erscheinen lassen. Es geht nämlich nicht nur um psychische Projektion, um das projizieren von subjektiven, inneren Komplexen auf äußere Objekte, die davon selbst nicht weiter substanziell affiziert werden, sondern auch um psychische Infektion, um das Infizieren äußerer Objekte. Indem solche Objekte als Empfänger einer Botschaft infiziert werden, stellen sie zugleich eine innere Verbindung mit dem Sender her, was im Zeitalter des Mesmerismus als „Sympathie“ oder „Rapport“ bezeichnet wurde (Kap. 26). Im frühneuzeitlichen Konzept der magia naturalis wurde die Natur insgesamt als Überträgerin göttlicher Kräfte verstanden, die der Mensch dankbar und demütig zu empfangen habe. Gerade im Begriff der imaginatio wird die Idee der Übertragung deutlich: Ein Bild wird von der Außenwelt ins Innere des Organismus übertragen, etwa eine „krankhafte Idee“, eine idea morbosa, wie es Johan Baptista van Helmont im 17. Jahrhundert formulierte (Kap. 31). Diese Ein-Bildung kann dann tief in den Lebensprozess eingreifen, ihn umbilden oder gar zerstören. Im dämonologischen Konzept von Besesssenheit und Exorzismus spielte die „Übertragung“ als tranplantatio morbi eine dezidierte Rolle: Die Heilung eines besessenen Kranken durch Übertragung der Krankheitsdämonen auf andere Naturdinge, insbesondere Tiere. Allen medizinischen Vorstellungen von „Übertragung“ gemeinesam ist die Annahme, dass eine (krankmachende oder heilende) Übertragung nur gelingen kann, wenn sie genügend Kraft besitzt, um den betreffenden „Widerstand“ zu überwinden. Mit anderen Worten: Die Übertragung einer Kraft von einer äußeren Quelle, einem Sender, auf einen Empfänger kann nur dann gelingen, wenn der innere Widerstand im Empfänger überwunden werden kann – oder aber ohnehin Tür und Tor offen stehen. Dies gilt allgemein für pathogene Angriffe auf die Integrität des Organismus ebenso wie für therapeutische Eingriffe zur Stärkung des geschwächten Organismus oder zur Entfernung eines „Fremdkörpers“.

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