20. Kap./3 * Sektiererischer Wahn

Sidis’ brilliantes Werk beeinflusste nachhaltig den Diskurs über die Massenpsychologie um 1900. Dies traf vor allem auf den russischen Psychiater Wladmir Bechterew zu, der bei Jean Martin Charcot in Paris und Wilhelm Wundt in Leipzig gelernt hatte. Seine Monographie „Die Bedeutung der Suggestion im sozialen Leben“ stellte einen markanten Abriss der Massenpsychologie dar. Es ist zudem eine Fundgrube zu sektiererischen Volksbewegungen im zeitgenössischen Russland, mit deren psychiatrischen Begutachtung Bechterew von der zaristischen Regierung mehrfach beauftragt worden war. Im Kapitel über „Suggestivwirkungen bei sektiererischen Selbstvernichtungen“ schilderte Bechterew die Selbstvernichtung einer Sekte, deren Mitglieder in der Gewissheit, unmittelbar in das ewige Leben einzugehen, sich selbst einmauerten, sich buchstäblich selbst begruben und erste Monate später tot aufgefunden wurden.[1] Offizielle Volkszählungen wurden als „Verschreibungen an den Antichristen“ aufgefasst, die zu ewiger Verdammnis führen würden.[2] Gerade unter den russischen „Raskolniki“, einer großen religiösen Sekte von Altgläubigen, die sich bereits im 17. Jahrhundert von der russisch-orthodoxen Kirche abgespalten hatte, waren solche Ängst verbreitet.

Der von Bechterew geschilderte Fall betraf eine bestimmte Untersekte (Tiraspoler Bespopowzy), die Priester ablehnte und unter „dem suggestiven Bann“ einer gewissen „Nonne Vitalia“ stand. Diese malte den Sektenmitgliedern den in wenigen Tagen bevorstehenden Weltuntergang mit dramatischer Geste an die Wand. Der Tod der Lebendigbegrabenen sei das bessere Los: Sie würden noch ein bis drei Tage leben „und dann sogleich ins Himmelreich kommen. Zwei bis drei Tage, sagte sie, sind nichts im Vergleich zu ewiger Hölle. Kannst du die Regentropfen zählen? So viele Jahre Höllenqualen gibt es. Und nach wenigen Leidenstagen in der Grube hast du das himmlische Reich!“[3] Die Auserwählten zogen Totengewänder an, hielten mit den Zurückbleibenden gemeinsame Leichenfeiern ab und begaben sich dann in die bereit stehende Kellergruft, „alle mit brennenden Kerzen in der Hand, mit Büchern, Heiligenbildern.“ Als etwa 4 Monate später die Gruft geöffnet wurde, fand man noch tiefe Brandspuren auf dem Tisch, woraus zu schließen sei, dass die Lebendigbegrabenen gestorben seien, „noch ehe das letzte Licht verlosch“.[4] Es gab nach diesem Vorbild noch drei weitere „Massenbestattungen“. Auch die oben erwähnte Anführerin Vitalia selbst ließ sich zum Schluß lebendig mitbegraben und gab persönlich den Befehl, die Gruft von außen mit Steinen zu verschließen. Diese „selbstvertilgerischen Vorgänge“, die sich Ende Dezember 1896 „in den Ternoffschen Bauernhöfen abspielten“, konnten nach Bechterew nicht anders gedeutet werden „als durch einseitige und gegenseitige Suggestion auf den [sic] Boden tiefwurzelnden Aberglaubens“. Übrigens erwähnte Lev Ljwowitsch Tolstoj, der Sohn des berühmten Schriftstellers, in der Schrift „Ein Präludium Chopins“, die als Reaktion auf die „Kreutzersonate“ seines Vaters in deutscher Übersetzung 1898 erschien, diese „Sekte der ‚Einmaurer’“, die ein Mittel gefunden hätte, „gegen die Gelüste des Fleisches anzukämpfen.“[5]

Die „gegenseitige Suggestion“ sei, so Bechteres, jedoch nicht nur auf solche pathologischen Erscheinungen beschränkt, obgleich dort am eindrucksvollsten beobachtbar, sondern entfalte ihre Wirksamkeit „überall im gewöhnlichen Leben.“[6] Unbewusst machten wir uns Empfindungen, Vorurteile, Gedanken und selbst Charaktereigentümlichkeit von Personen in unserer nächsten Umgebung zu den unsrigen. „Ein solche Überimpfung bestimmter seelischer Zustände ist zwischen nahestehenden Personen oft wechelseitig.“ Es gehe hier um einen psychischen Austausch, der nicht nur „Gefühle, Gedanken und Handlungen, sondern bis zu einem gewissen Grade auch die körperliche Erscheinung betrifft.“[7] So solle es in „glücklichen Ehen“ vorkommen, dass die Ehegatten eine „ausgesprochene Ähnlichkeit der Gesichtszüge“ aufweisen – „bedingt durch eine auf dem Wege gegenseitiger Beeinflussung entstandene psychische Assimilation.“

Bechterew hob den historischen Tatbestand hervor, dass in Seuchenzeiten die Massen immer auch für psychische Epidemien anfällig seien. Das gelte nicht nur in Zeiten der wütenden Pest in Spätmittelalter und Renaissance, als vor allem Juden als „Brunnenvergifter“ verfolgt wurden, sondern auch noch während der Choleraepidemien im 19. Jahrhundert. Ausdrücklich verwies er auf „den tragischen Tod des Arztes Moltschanoff, der den wütenden Massen zum Opfer fiel.“[8] Das Misstrauen gegen Ärzte, die vermeintlich die Armen vergiften oder riskante Menschenversuche an ihnen durchführen wollten, war in Europa groß, wie der Medizinhistoriker Michael Stolberg festgestellt hat: „So kam es vielerorts in Europa zu Gewalt und Ausschreitungen gegen die Krankhäuser. Krankentransporte wurden angegriffen, in Rußland Krankenhäuser niedergebrannt und Ärzte getötet.“[9]

Bechterew argumentierte psychobiologisch und behauptete, dass Leben und Psyche untrennbar seien und jeder lebende Organismus als Subjekt anzusehen sei, der an eine „besondere“ oder „latente Energie“ gebunden sei: „Man wird […] nothgedrungen zu dem Schlusse kommen, dass die lebende Substnaz, indem sie die ihr nothwendigen Stoffe aus der Aussenwelt schöpft und ihre Ausscheidungen nach aussen hin abgiebt, in ihrer Existenz bedingungslos gebunden ist an eine besondere Energie, welche ihrerseits die Grundlage der psychischen Vorgänge bildet. [/] Von diesem Standpunkte aus muss jeder lebende Organismus uns als Subject erscheinen. Allein dieser Begriff darf keineswegs in einen Gegensatz zu dem Begriffe der todten Materie gebracht werden, bildet vielmehr nur eine Ergänzung desselben, denn auch auf lebende Wesen finden sämmtliche Gesetze der Physik und Chemie Anwendung“.[10] Der Schlüsselbegriff für das Leben schlechthin war die „latente Energie“: „Denn das Leben selbst, jenes unfassbare Etwas, […] ist nichts anderes, als beständige Umsetzung äusserer Naturenergien in latente Energie des Organismus, die bei den höheren Thieren zu Anhäufung dieser letztern in besonderen Centralorganen führt, und zugleich beständige Abgabe dieser Energie an die Umgebung bei activem Verhalten des Organismus zur Aussenwelt.“

Bechterew orientierte sich allgemein an der Suggestionslehre Bernheims und insbesondere an der Definition der Suggestion von Boris Sidis: „Suggestion ist Eindringen irgend einer Idee in den Geist, wobei sie unter geringerem oder stärkerem Widerstand seitens des Individuums schliesslich ohne Kritik aufgenommen wird und ohne Überlegung fast automatisch zur Ausführung gelangt.“[11] Für psychische Epidemien auf militärischem Gebiet machte er die Wirksamkeit von gewaltsamen Suggestionen verantwortlich. So habe das Verfahren von Faria auf Befehlen beruht. „Zu der gleichen Art Suggestionen gehört auch das Kommandowort, das stets nicht so sehr auf Furcht vor Strafe des Ungehorsams und auf Erkenntnis der Zweckmäßigkeit freiwilliger Unterordnung rechnet, als vielmehr auf wirliche Suggestion gegründet ist, die im vorliegenden Falle gewaltsam und unvermittelt in das Bewusstsein eintritt und, da es zum Nachdenken und zur Kritik keine Zeit gibt, automatisch ihre Verwirklichung findet.“[12]

Bechterew hatte nicht nur historische Beispiele von psychischen Epidemien wie Französische Revolution, Napoleons Russlandfeldzug, Jeanne d’Arc oder die amerikanischen Befreiungskriege vor Augen, sondern auch die sozialrevolutionären Bewegungen seiner russischen Heimat. In diesen äußere sich „die magische Gewalt der Suggesion, die auf vorbereitetem Boden die Massen bei dem geringsten Anlass zu gleichartigen Handlungen bewegt. Ein zündender Funke, ein pathetisches Wort in einer Volksversammlung oder in einer gelehrten Körperschaft, ein bedrucktes Blatt Papier mit revolutionärem Text reicht hin, um in der Umgebung eine Welle von Erregung auszulösen “.[13] Die Novemberrevolution zeichnete sich damals am Horizont ab. Wahrscheinlich musste Bechterew seine skeptische Haltung gegenüber revolutionärer Gewalt mit dem Leben bezahlen. Angeblich soll er 1927 auf Befehl Stalins vergiftet worden sein, nachdem er bei diesem kurz zuvor eine Paranoia diagnostiziert hatte.[14] Angesichts der seit 2008 ausgebrochenen Finanzmarkt- und Weltwirtschafskrise sind Bechterews Bemerkungen über „epidemisches Spekulantentum“ aufschlussreich. Man könne hier zwischen psychischen Epidemien von aktivem oder sthenischem und passivem oder asthenischem Charakter unterscheiden. Zu letzteren würde er den heute so genannten bank run rechnen: „Zu den asthenischen Finanzepidemien gehören die sog. Börsenpaniken, wie sie jetzt überall so zahlreich sind. Dass bei diesen Epidemien das Gift psychicher Impfungen eine grosse Rolle spielt, werden alle, die den Hergang bei Geldspekulationen näher kennen, wohl nicht bezweifeln.“ Überhaupt kämen bei allen Glücksspielen Leidenschaften zur Entfaltung, die durch den „psychischen Mikroorganismus der Suggestion und Gegensuggestion“ unterhalten und angefacht würden.[15]

Die Massensuggestion führte demnach also zur psychischen Epidemie und ließ sich insofern als eine Infektionskrankheit begreifen, die von einem ansteckenden Erreger verursacht wird und rasch um sich greift. Der Begriff „psychischer Mikroorganismus“ bzw. contagion mental verwies auf die Macht der Ein-Bildung, der imaginatio, auf welche die Ärzte der frühen Neuzeit ausführlich higewiesen haben (Kap. 31). Verständlicherweise griffen die Psychiater um 1900 auf die erfolgreiche zeitgenössische Bakteriologie zurück, um die Psychologie der Massen als psychische Epidemie zu charakterisieren. Bei einer Epidemie steckten sich die Individuen massenweise mit einem bestimmten Keim gegenseitig an und erlitten dieselbe Krankheit. „Massenhysterie“ oder „Massenwahn“ erschienen somit als Ergebnis einer Massenhypnose. Diese konnte auch Formen eines religiösen Kultes oder einer sektiererischen Bewegung annehmen, etwa in Verbindung mit Glaubensheilungen. Bechterew schilderte eindrücklich die Entstehung einer fanatischen Masse, die von einem Führer beeinflusst werde. Die Einschränkung der Willkürmotorik führe zur erhöhten Aufmerksamkeit, die sich ganz auf den Redner konzentriere: „Die Aufmerksamkeit ermüdet dabei mit der Zeit und es kommt ein Augenblick, wo sich für Suggerierung ein weites Feld eröffnet. Die anfangs ruhige Menge wird erregt und nun genügt ein einziges unbedacht hingworfenes Wort, um blitzartig nicht mehr aufhaltbare Flammen zu entfachen.“[16]

Wie im Begriff der Suggestion war auch in dem der Massensuggestion ein magisches bzw. dämonisches Moment enthalten. Dieses wurde jedoch psychologisch nivelliert, indem es an die Reflexlehre gekoppelt war. Wie es dazu kommen kann, dass Menschenmassen von ein und demselben „Geist“ ergriffen werden können, konnte nur mit Hilfe bestimmter Metaphern wie Ansteckung, Infektion oder Epidemie erklärt werden. Massensuggestionen haben einen magischen Charakter, weil sie Menschen über Entfernungen hinweg gleichsinnig manipulieren, in ihren Wahrnehmungen und Bewegungen gleichschalten. Sie haben aber auch einen dämonischen Charakter, weil sie einen kollektiven psychischen Zustand hervorrufen, die als Besessenheit einer Masse durch ein und dieselbe dämonische Macht erscheint – im Guten („Enthusiasmus“) wie im Bösen („Massenwahn“). Wir werden sehen, wie Paracelsus die diabolische Krankheitsursache geschildert hat: nämlich als magisch-dämonischen „Eingriff“ unter die Haut, ohne diese zu verletzen (Kap. 37). Im Zeitalter von Bakteriologie und Hygiene verwarf man selbstverständlich solche Vorstellungen als obsoleten „Okkultismus“ früherer Zeiten. Die Suggestionstheoretiker wahrten ihren wissenschaftlichen Anspruch, indem sie anerkannte (neuro)physiologische Modelle heranzogen, um mit diesen die objektiv nicht fassbaren Vorgänge zu erklären. Die „Suggestion“ sollte die früheren magischen Prozeduren psychologisch entzaubern und mit der „Massensuggestion“ sollten die mehr oder weniger zerstörerischen Volksbewegungen erklärt werden. Bechterew, LeBon und die anderen Massenpsychologen um 1900 nahmen dabei Zuflucht zur Hilfskonstruktion der „psychischen Infektion“.

Bechterew fragte: „Was schweisst jene Massen einander fremder Individuen zusammen, was bedingt das gleichzeitige Erzittern aller Pulse, was lässt sie nach einem Plane vorgehen und sich für einen Wunsch begeistern?“ Es sei eben die eine Idee, welche die Versammelten zu „zu einem verwickelten und mächtigen Organismus verkettet.“[17] Die Einschränkung der Beweglichkeit ermögliche die Massensuggestibilität, indem sie die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand lenke.[18] Es komme dann wie bei der Hypnose zur Ermüdung und zur erhöhten Empfänglichkeit für Suggestionen, wo ein einziges unbedachtes Wort genüge, „um blitzartig nicht mehr aufhaltbare Flammen zu entfachen“.[19] Dieselbe Metaphorik kommt im Ausdruck „flammende Rede“ zum Vorschein. Sie erinnert an die geistige Feuersbrunst, die als „feurige Zungen“ des Pfingsterlebnisses in der Kunstgeschichte vielfach illustriert worden ist (siehe oben). Und Bechterew fragte weiter: „Warum bewegen sich die Massen unaufhaltsam, auf einen blossen Wink des Führers, warum kommt der gleiche Ruf aus aller Munde, warum strebt alles wie auf Kommando zu dem gleichen Ziele?“ Wiederum wird etwas Rätselhaftes mit etwas nicht weniger Rätselhaftem erklärt: Es handele sich eben die „gegenseitige Suggestion“, die zu „einer Art ‚elektrischer Ladung’ des Einzelindividuums“ führe. So werde die Masse zu einem „mächtigen Wesen“.


[1] A. a. O., S. 47-55. [2] Ebd., S. 47 f. [3] Zit. n. Bechterew, 1905, S. 50. [4] A. a. O., S. 51.  [5] http://gutenberg.spiegel.de/buch/4045/6 (17.11.2011). [6] Bechterew, 1905, S. 35. [7] A. a. O., S. 36. [8] A. a. O., S. 137. [9] Stolberg, 1993, S. 98. [10] Bechterew, 1902, S. 69. [11] Zit. n. Bechterew, 1905, S. 4. [12] A. a. O., S. 9. [13] A. a. O., s. 127. [14] http://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Michailowitsch_Bechterew (3.02.2010). [15] Bechterew, 1905, S. 129. [16] A. a. O., S. 132. [17] A. a. O., S. 130. [18] A. a. O., S. 131. [19] A. a. O., S. 132.

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