20. Kap./4 * Trieb der Nachahmung

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts thematisierte vor allem der Berliner Medizinhistoriker und Begründer der historischen Pathologie Justus Hecker die Problematik der psychischen Epidemie. Freilich stand in der Zeit vor der Bakteriologie und der Etablierung des Hypnotismus nicht die „Suggestion“ zur Debatte, sondern „Psychopathie“, „Sympathie“ und „Trieb der Nachahmung“. Hecker habe einen Beitrag zur „historischen Pathologie“ geleistet und damit die Erkenntnis der Volkskrankheiten gefördert, meinte Heckers Schüler August Hirsch, der dessen Werk „Die grossen Volkskrankheiten des Mittelalters“ in gekürzter Form mit eigenen Ergänzungen herausgab.[1] Hecker stellte die „Psychopathien des Mittelalters“ wie Veits- und Taranteltanz neben die großen Epidemien wie die Pest.[2] Er erklärte jene Erscheinungen mit dem „Trieb der Nachahmung“, den er als „eine verwundbare Stelle des Menschen“ bezeichnete. Die Metaphorik der Krankheitsverbreitung ist aufschlussreich: „Es schien der Mühe werth, Krankheiten zu beschreiben, die sich auf den Strahlen des Lichtes, auf den Flügeln der Gedanken verbreiten, Krankheiten, welche durch sinnlichen Reiz den Geist erschüttern, und in die Nerven, die Wege seines Willens und seiner Gefühle, wunderbar ausstrahlen“.[3]

Hecker stand noch ganz unter dem Eindruck des Sympathiebegriffs. „Sympathie“ bedeutete für ihn eine allgemeine Regung des Nervenlebens und man könne sagen, „dass sie der elektrische Draht sei, der alle Geister vereint, der göttliche Hauch, der das Leben aller Einzelnen den höheren Zwecken des Ganzen zuwendet“.[4] Die Nachahmung sie „die Wiederholung der Handlung des Leidenden, der unser Mitgefühl angeregt hat.“[5] Die einfache, automatische Nachahmung sei bei Kindern und Jugendlichen auffällig, was am Kinderkreuzzug im Mittelalter, der „Kinderfahrt nach dem Heiligen Grabe“ von 1212, in eklatanter Form einer historischen Pathologie zu beobachten sei.[6] Er charakterisierte die jugendliche Sympathíe mit drei Merkmalen: „automatische kindliche Nachahmung, überspanntes, leidenschaftliches Gefühl und moralische Unselbstständigkeit.“[7]

In seiner Schrift über die „Tanzwuth“, die er Alexander von Humboldt gewidmet hatte, erläuterte er den Begriff der Sympathie, der kurze Zeit später aus der medizinischen Terminologie verschwinden sollte, mit der Metapher des „gemeinsamen Bandes“: „Nachahmng, Mitleidenschaft, Sympathie – dies sind unvollkommene Bezeichnungen für ein gemeinsames Band aller menschlichen Wesen, für einen Trieb, der den Einzelnen an die Gesammtheit bindet“. Er beschrieb – das Zeitalter der Hypnose und Bakteriologie war wie gesagt noch nicht gekommen – augenfällig die psychische Infektion als einen elektrischen Schlag und die Willenlosigkeit als ein Gebanntsein. Es gebe Abstufungen dieses Triebs von kindlicher Nachahmung bis zum seelenkranken Zustand, „wo der sinnliche Eindruck von einem Nervenübel den Geist fesselt, und durch die Augen unmittelbar seinen Weg in die erkankenden Gewebe findet, gleichwie der elektrische Schlag von Körper zu Körper durch Berührung sich fortpflanzt. Auf dieser höchsten Stufe gesellt sich dem Triebe der Nachahmung die Willenlosigkeit hinzu […], dem Zustande kleiner Thiere vergleichbar, wenn sie durch den Blick der Schlage gelähmt werden.“[8]

Heckers Einstellung lässt sich als eine Mischung aus ärztlichem Paternalismus, pädagogischer Aufklärung und protestantischer Willensethik begreifen. Im Hinblick auf den Hexenwahn merkte er mit Stolz an: „unsere Forschung ist es allein, die diesen Alp von der Menschheit genommen, die ein reineres Leben, eine reinere Anschauung des Göttlichen möglich macht, die der christlichen Religion ihre Milde wiedergegeben hat!“[9] Auf den merkwürdigen Umstand, dass der Hexenwahn gerade von den protestantischen Reformatoren wie Luther und Calvin bekräftigt wurde und in protestantischen Gebieten wahrscheinlich mehr Menschen der Hexenverfolgung zum Opfer fielen als in katholischen, ging er nicht ein. Den Somnambulismus schätzte er als krankhafte „Gefühlssympathie“ ein: „Die ganze Krankheit ist überhaupt eine vollständige Encyclopädie aller nur denkbaren Verirrungen und Nervenzufälle, in denen die völlige Gefangennehmung des Geistes durch die dämonische Gestalt der automatisch-krankhaften, der jugendlichen, wie der leidenschaftlichen Gefühlssympathie offenbar wird.“[10] Von einer romantischen Stilisierung des Somambulismus als höhere Schau oder gar göttlicher Offenbarung war er weit entfernt. Für ihn gab es nur eine legitime Nachahmung, welche die Erziehung der Menschheit betraf: „es ist die Nachahmung mit Ueberzeugung des Bessern, und macht sich die Gefühle und Leidenschaften unterthan.“[11]


[1] Hecker, 1865, S. VII. [2] A. a. O., S.119-192. [3] A. a. O., S. 121. [4] Hecker, 1846, S. 3. [5] A. a. O., S. 4. [6] A. a. O., S. 11. [7] A. a. O., S. 12. [8] Hecker, 1832, S. 63. [9] Hecker, 1846, S. 20. [10] A. a. O., S. 34. [11] A. a. O., S. 35.

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