20. Kap./6 * Grausamkeit der menschlichen Natur

Die moderne Suggestionslehre warf grundlegende philosophische und anthropologische Fragen auf: Wie können wir angesichts der in einem sozialen Prozess suggestiv erzeugten Wahrnehmung der Welt die Wahrheit erkennen? Was bedeutet Willensfreiheit? Wie können wir zwischen Gut und Böse unterscheiden? Der wohl bedeutendste Vertreter der Suggestionslehre im 20. Jahrhundert war Charles Baudouin, der eine philosophische Vervollständigung der modernen Naturwissenschaft anstrebte und dabei Afrikan Spir zitierte. Nach dessen Ausspruch „beherrschen wir die Natur nur von außen her, von innen her sind wir ihre Sklaven.“[1] Spir war ein ukrainisch-russischer Philosoph, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im gesellschaftlichen Abseits arbeitete und die gesellschaftskritische Debatte der Intellektuellen im ausgehenden 19. Jahrhundert, darunter auch Nietzsche und Tolstoi, beeinflusste. Nach Heirat einer deutschen Frau 1872 ließ er sich in Stuttgart nieder und publizierte seine wichtigsten Werke in deutscher Sprache. Es ist bemerkenswert, dass Spir bis heute weitest gehend unbekannt geblieben ist. Einer der wenigen, die auf seine aktuelle geistesgeschichtliche Bedeutung hinwiesen, war Baudouin. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs verfasste er zum 100. Geburtstag von Spir einen mir diesem sympathisierenden Artikel.[2]

Für Spir war die Natur, die physische Welt letztlich nicht erklärbar und enthielt Dinge, „die nicht sein dürfen“.[3] Sie sei eine Illusion, und wer sie als Schöpfung ansehe, unterstelle auch für das Böse einen Schöpfer. Die Vorstellung von Willensfreiheit, wie sie gemeinhin als freie Wahl zwischen Gut und Böse verstanden werde, die auf gleicher Ebene angesiedelt seien, wurde von Spir als skandalös zurückgewiesen. Denn das Böse gehöre zur empirischen Welt des Scheins, während das Gute zur „Norm“ gehöre. Wir wählen also nicht das Böse, wir fallen ihm lediglich anheim, wenn wir uns der Illusion der sinnlichen Welt überlassen. Der Mensch ist also nur insofern moralisch frei, als er sich zum Guten hält, und er verliert seine Freiheit, wenn er sich vom Bösen anziehen lässt.[4] Der nicht pejorativ gemeinte Begriff der „Norm“ war für Spir maßgeblich. Die Realisierung der Norm im Namen der Gerechtigkeit bedeutete für ihn Freiheit. Spir sah die Menschheitskatastrophen heraufziehen, eine schreckliche Barbarei, die alle Errungenschaften der Vergangenheit vernichten könnten und die sein Laudator Baudouin 1938 unmittelbar vor Augen hatte.[5]

Ein Exkurs zu diesem weithin unbekannten Philosophen kann uns ein Stück weit zeigen, wie die Idee der „Magie der Natur“ im Zeitalter des naturwissenschaftlich-technischen Fortschritts originell aufgegriffen und im Unterschied zu monistischen und biologistischen Ansätzen philosophisch ausgeformt wurde. Dies zeigen seine „Bemerkungen über die individuelle Unsterblichkeit“.[6] Freilich sei nur der „höhere Teil“, etwas, was über die empirische Natur hinaus gehe und ihr mangele, unsterblich. Dieser aber „ist es nicht individuell, ist nicht ein Bestandteil der Individualität als solcher, sondern vielmehr der Teil des Göttlichen, d. h. des wahrhaft eigenen, normalen Wesens der Dinge in uns, dem alle Vielheit und Individualität der empirischen Objekte fremd ist. […] die ungöttliche empirische Welt und namentlich die Menschheit wird durch die Betätigung des höheren Strebens in ihr zum Teil dem Göttlichen assimiliert und der Ewigkeit gewonnen. Unsere wahre Unsterblichkeit besteht eben in diesem unvergänglichen, der Menschheit gemeinsamen Teil, wonach alle dem Höheren zugewandten Menschen trotz ihrer örtlichen und zeitlichen Trennung eine Einheit ausmachen.“ [7]

Spir ging von einem radikalen Gegensatz zwischen „empirischer“ und „normaler Natur“ aus, der den Menschen dazu zwinge, sich für die Täuschung oder die Wahrheit zu entscheiden, für die empirische Abnormität oder der göttlichen Norm. Der Verzicht auf den Unsterblichkeitsglauben erscheine den meisten als Ungeheurlichkeit. „Allerdings hat die Wahrheit ein strenges, teilweise furchtbares Antlitz. Darum ist es natürlich, daß die Menschen sich nur schwer entschließen, derselben ins Antlitz zu schauen, sondern sie lieber mit dem Schleier der Illusion umgeben.“[8] Dies kann als Anspielung auf das „verschleierte Bild zu Sais“ und das Motiv der Wahrheitssuche verstanden werden (Kap. 4). Im Grunde folgte Spir dem anthropologischen Modell der Doppelnatur des Menschen, in dem – wie Paracelsus formulierte – „Viech“ und „Engel“, Erde und Himmel, sich vereinigen (Kap. 33). In seiner Schrift „Von dem Endzweck der Natur“ erklärte er noch einmal, warum das „Normale“ (Gott) im absoluten Gegensatz zum „Anormalen“ (Natur, Mensch) stünde, das immer das Unvollkommene sei.[9] Sein Schlüsselsatz, der sich gegen jede teleologische Bestimmung der Natur richtete, lautet: „Nicht weil sie irgendeinem Zwecke dienen soll, ist die Natur so beschaffen, wie wir sie sehen, sondern umgekehrt, weil die Natur einmal so beschaffen ist, hat sie einen Zweck außer sich.“[10] Spir war ein ausgesprochener Skeptiker jeder evolutionären Forschrittsgeschichte, die für ihn der Rückfall der Menschheit von „außerordentlicher Höhe“ in das „Gemeine und Unbedeutende“ anzeigte.[11]

Die Natur (das „Abnorme) ist nach Spir widerspruchsvoll, da in ihr gegenläufige Tendenzen wirken:  das Streben nach Vollendung und das nach Selbsterhaltung. „Das Abnorme ist innerlich unhaltbar und strebt mit Naturnotwendigkeit über sich selbst hinaus nach seinem Gegenteil, dem Gut. Soweit aber dasselbe bestehen soll, muß es eben erhalten werden, und dies kann nur durch eine von Natur eingepflanzte Täuschung bewirkt werden, welche dem fühlenden Wesen seine eigene Erhaltung, die Erfüllung der Bedingungen seiner Existenz als das anzustrebende Gut erscheinen läßt. So wird das Streben der fühlenden Wesen naturnotwendig in eine ihrem wahren Endzweck entgegengesetzte Richtung verkehrt.“[12] Das Abnorme enthält in sich also den „inneren Widerspruch“, dass es seinen eigenen wahren Zielen entgegenwirken muss, weil es sich sonst selbst aufheben würde.[13] Gleichwohl wirkt in der Natur „ein innerer Trieb nach Vervollkommnung“: „In der Tat kann man sich das von der Norm Abgefallene, also sich selbst Entfremdete gar nicht denken ohne den Trieb, zu der Norm, d. h. zu seinem wahrhaft eigenen Wesen wieder zurückzukehren. Im Menschen erzeugt dieser Trieb Moralität und Religion, Wissenschaft, Poesie und Kunst“.[14]

Die Natur ist grausam und „Grund aller Übel“, stellte Spir fest, ja sie entwickele „einen wahren Luxus an Grausamkeit und Verkehrtheit, wie es viele Natureinrichtungen zeigen, am auffallendsten die, daß einige Tierarten nur auf Kosten anderer leben können.“ Dennoch klagte er nicht die Natur an, die den Menschen Leiden zufügt, sondern die Menschen, die ihresgleichen malträtieren: „Nichts kann trauriger und entsetzlicher sein, als die Geschichte der Menschheit. Aus derselben ersieht man, daß die Leiden, welche dem Menschen von der Natur beschieden sind, fast wie ein Tropfen im Meere erscheinen gegenüber den Leiden, welche die Menschen einander selbst zugefügt haben.“[15] Die Grausamkeit der Natur finde sich im eigenen Inneren des Menschen wieder: „Kein Tier und kein Naturagens hat an Grausamkeit und Verkehrtheit den Menschen je erreicht, geschweige denn übertroffen. Ihr höchstes Streben haben die Menschen selbst in der größten Plage zu verkehren gewußt, wie es die religiösen Kriege und Verfolgungen zeigen. Aber wie im Schoße der Menschheit trotz aller Verirrungen der höhere Trieb lebendig und wirksam sich erhielt, so auch im Schoße der Natur.“ Dies erinnert unmittelbar an Nietzsche, für den jedoch, wie dieser in der „Genealogie der Moral“ darlegt, die „höhere Kultur“ nur auf einer „Vergeistigung und Vertiefung der Grausamkeit“ beruhte.[16] Mehr noch: Der Mensch wende die „Lust an der verfeinerten Grausamkeit“ gegen sich selbst, wo er sich zum „puritanischen Bußkrampfe, zur Gewissensvivisektion und zum Pascalischen sacrifizio dell’intelletto“ überreden lasse und „durch jene gefährlichen Schauder der gegen sich selbst gewendeten Grausamkeit“ gelockt und vorwärt gedrängt werde.[17] In der „Morgenröte“ vertiefte er diesen Gedanken unter der Überschrift: „Die verfeinerte Grausamkeit als Tugend“.[18]


[1] Baudouin, 1926, S. 434. [2] Baudouin, 1938. [3] Ebd., S. 68. [4] A. a. O., S. 71. [5] A. a. O., S. 73. [6] Spir, 1909 [a]. [7] Ebd., S. 144. [8] A. a. O., s. 145 f. [9] Spir, 1909 [b], S. 279. [10] A. a. O., S. 281. [11] A. a. O., S. 287. [12] A. a. O., S. 288. [13] A. a. O., S. 295. [14] A. a. O., S. 297. [15] A. a. O., S. 285 f. [16] Nietzsche, 1930, S. 53 [7. Hauptstück, 94]. [17] Nietzsche, 1930, S. 53. [18] http://www.textlog.de/19723.html (5.11.2011).

Advertisements