# 20. Kap. Massensuggestion: Religiöse, magische, psychologische Aspekte

Die Französische Revolution, das historische Paradigma der Massenpsychologie, hatte der Welt vor Augen geführt, wozu eine Menschenmasse unter bestimmten Umständen in der Lage war. Der dabei zu Tage getretene Terror (terreur), der blindwütig die Gemüter erfasste und die Menschen zu brutalen Gemeinschaftstaten anstachelte, führte viele, zumeist konservative Gelehrte zu der Frage, wie solche Schreckensszenarien möglich werden konnten. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Frage führte zur Entstehung der modernen Massenpsychologie. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts dienten Bakteriologie und Hypnotismus gleichrmaßen als Erklärungsmodelle für „Massenhysterie“ und Massenwahn. Im Grunde ging es um die Frage, wodurch eine Menge von vernünftigen Individuen zu einer blutrünstigen Horde zusammengeschweißt wurde. Bevor wir die Theorien um 1900 – von Gustave LeBon bis Sigmund Freud – ins Auge fassen, die mit dem Schlüsselbegriff der Suggestion operierten, mag es erhellend sein, überhaupt einmal nach der Herstellung eines „Gemeinschaftsgeists“ in der Kulturgeschichte zu fragen. Immerhin gehört die Bildung einer gleichsinnig fühlenden und handelnden Gruppe von Menschen zu den großen Rätseln der Kulturanthropologie. Die Massenbildung der modernen Industriegesellschaft mag aufgrund der neuen Massenmedien eine stärkere Intensität erreicht haben, aber die Phänomene mental gleichgeschalteter Menschengruppen oder -massen sorgten in der Menschheitsgeschichte schon immer für Unruhe.

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