21. Kap./1 * Exorzismus durch Mutter Natur

Der US-amerikanische Spiritist und Hellseher Andrew Jackson Davis entdeckte im Umgang mit mesmeristischen Verfahren seine eigenen medialen Fähigkeiten. In einem zeitgenössischen biographischen Abriss wurde er als ein von Hause aus wahrheitsliebender, liebenswürdiger „unverdorbener junger Mann“ vorgestellt, der „in Folge seiner besonderen physischen und geistigen Constitution mit Hülfe des Magnetismus fähig geworden [ist], sich von den groben Berührungen der äusseren Welt abzusondern und in den Zustand ausserordentlicher geistiger Erhebung und Seelenerweiterung einzutreten, der ihn fähig gemacht hat, das Buch, welches der Welt hier vorliegt, zu dictiren.“[1] Es handelte sich um sein 1847 publiziertes Hauptwerk “The principles of nature, her divine revelations and a voice to mankind”, das in rascher Folge viele Auflagen erlebte.[2] Angeblich hatten ihm drei „höhere“ Geister (darunter Swedenborg und Galen) 1844 die betreffenden Offenbarungen in Trance eingegeben, die er dann ein Jahr später in Trance zu diktieren begann.[3] Sein Buch erschien im selben Jahr, als in Hydesville erstmals rätselhafte Klopfzeichen spiritistisch gedeutet wurden. Davis wurde zum herausragenden Promotor der spiritistischen Wende in den 1840er Jahren

 Magnetismus und Elektrizität boten ihm eine scheinbar plausible technologisch-wissenschaftliche Erklärung für die Dominanz der Herrschaft des Menschen über die Tiere: „Der Magnetismus bildet die Sphäre – besser die Atmosphäre – von der jeder Mensch individuell umgeben wird. Und ausser diesem existiert ein Medium (die Elektrizität), das sich durch alle Dinge erstreckt und gerade den Menschen über die niedere thierische Schöpfung stellt. Denn die Thiere sind der Herrschaft des Menschen durch die positive oder zwingende magnetische Kraft unterworfen, die er besitzt; und nehmen diese in ihren Seelen durch dasselben Medium (die Elektrizität) wahr, welches zwischen einem Organ und dem Gehirn existirt. Da der Mensch positiv und alles Uebrige negativ ist, so muss Letzteres sich seiner Herrschaft unterwerfen.“[4]

Bei all seinen hellseherischen theosophischen Visionen war immer ein strikter Fortschrittsgedanke dominierend, vermischt mit naturphilosophischen Spekulationen. In ihnen verquickte Davis psychologische, spiritistische und bakteriologische Vorstellungen, die es ihm erlaubten, Krankheiten und Verbrechen gleichermaßen auf einen inhärenten „Keim“ (germ) zurückzuführen. Die Therapie bestand demnach in einer Austreibung dieser bösen Geister (evils), die letztlich teuflischen Ursprungs seien. Das Frontispiz “Mother nature casting […] evils out of her children”, das er seinem Buch “Mental Disorder” voranstellte, veranschaulicht sein Erlösungsprogramm nicht nur für Anstaltsinsassen, sondern für alle von Übeln geplagten Zeitgenossen. (Abb. [i]) Mutter Natur tritt hier als holde, ewig junge Frau auf, die in der linken Hand eine Schriftrolle als Symbol ihrer Wissenschaft hält und ihren rechten Arm ausstreckt, so dass alle verborgenen Übel fliehen müssen. In der Legende hierzu heißt es: „It is only by obedience to the high behests of Nature that these evils can be exorcised, and soul and body be restorend to the beauty and happiness of perfect health.“[5] Die Szene wird im Text blumenreich ausgemalt. Die sichtbar gemachten Übel (evils), die in der Theologie Teufel (devils) genannt würden, seien keine flüchtigen Luftgeister, sondern schrecklich mächtige Einflüsse, die auch den stärksten Mann und anmutigste Frau niederwerfen könnten: Alkohol, Leidenschaft, Wahnsinn und dergleichen könnten die Zitadelle der menschlichen Persönlichkeit zerstören, wenn man ihnen den Zutritt zu ihr erlaube. Die Insassen einer Anstalt, die im Hintergrund zu sehen ist, folgen Mutter Natur in die friedliche Umgebung. Einige von ihnen sind schon von den Dämonen der Dunkelheit (demons of darkness) befreit und freuen sich ihrer wieder gewonnenen jugendlichen Frische und Gesundheit. Andere, die noch besessen sind, schreiten ihrer Befreiung entgegen. So halten der leichtsinnige Trinker noch an seiner Flasche und der Geizhals noch an seinem Goldsack fest. Aber Mutter Natur, so wird versichert, warte auf alle und schenke ihnen schließlich Ruhe.

Für den Okkultisten Davis war die Metapher des Tempels, die uns in anderem Zusammenhang schon mehrfach begegnete, zentral. Wenn um 1800 im Gefolge der Französischen Revolution insbesondere im Tempel der Natur und der Wahrheit der neue Weltgeist gefeiert wurde, war im ausgehenden 19. Jahrhundert vor allem vom „Tempel der Wissenschaft“ die Rede (Kap. 11). Davis prägte seinerseits den Leitbegriff „Akropanamede“, den er als Tempel des alles heilenden Berges (Temple of All-Healing Mountain), als einen Berg der universalen Gesundheit und Schönheit, als einen Platz allseitiger Vollkommenheit definierte.[6]Dieser “Temple of Akropanamede” ist ein Ort der Reinigung, Heilung, Gesundheit – ein heiliger Bezirk, in dem nach den Gesetzen der Natur die Krankheiten als Ausdruck böser Dämonen vertrieben und die gesunde Harmonie wieder hergestellt wird. Davis entwickelte eine Keimtheorie, wonach alle Krankheiten und Verbrechen als Keim (germ) angelegt seien, die sich dann im Laufe des Lebens entwickelten. Für ihn war evident: „germinally, all crime is insanity; and […] germinally, all insanity is disease.”[7] In Analogie zu Infektionskeimen thematisierte er die “Incubation of Crime Germs in Brain-Cells”.[8] Die Keime der Geisteskrankheit würden genau so wie die des Verbrechens in den Gehirnzellen nach göttlichen Gesetzen heranwachsen, „inkubieren“ und schließlich in Erscheinung treten.

Die Idee der Ausrottung allen Übels lag nahe: Man müsse nur die Wurzeln der Krankheit zerstören, dann habe man zugleich alle „Bäume des Übels“ (trees of evil) und deren schrecklichen Früchte, aus denen vielfältiges Leiden und Verbrechen hervorgehe, abgeschnitten. Davis wollte somit das Paradies auf Erden herstellen, eine Ära der Gesundheit und Gerechtigkeit, des Überflusses und des Glücks. In diesem Sinne forderte der die Errichtung eines Gesundheitstempels (Health Temple) “upon principles which all men of science and common sense acknowledge to be true, universal, and eternal. It must be the Temple of Akropanamede on earth.”  Dieses Gotteshaus (House of God) wurde als Utopie eines goldenen Zeitalters imaginiert. In ihm würden die glücklichen Mitglieder einer menschlichen Familie leben – mit allen Nationen, die dann von Ignoranz und Irrtum, von der Krankheit und insbesondere den Geistekrankheiten befreit seien, erhoben über alle Laster und Verbrechen, errettet zum ewig dauernden Heil.[9]

Davis argumentierte selbstverständlich noch nicht auf dem Boden von Bakteriologie und Hygiene im ausgehenden 19. Jahrhundert, deren wissenschaftlicher Triumphzug erst nach Erscheinen seines zitierten Buches von 1871 begann. Aber dieser bescherte der ideologisch naheliegenden Argumentation von Davis große Popularität, wovon die zahlreichen Auflagen und Übersetzungen zeugen. So erschien beispielsweise die deutsche bersetzung der 35. Auflage des englischen Originaltextes in zweiter Auflage 1889 in zwei Bänden, so dass man von einem Bestseller sprechen kann.[10] Die Vorstellung eines Krankheitskeimes war vor allem in der paracelsisch-alchemistischen Tradition verankert und beeinflusste die theosophische Bewegung. Dem entsprach auch die naturphilosophische Idee der gezielten Bekämpfung des Krankheitssamens, der von Johan Baptista van Helmont als „idea morbosa“ bezeichnet wurde. Im Mesmerismus romantisch-spiritualistischer Prägung waren solche dämonologisch-parasitologischen Vorstellungen, die vor allem das „Besessensein“ betrafen, durchaus präsent – ein geeigneter Anknüpfungspunkt für Davis.

Davis sah sich in einen „Culturkampf“ verwickelt, in dem er als Prophet Stellung beziehen und die „Morgenröthe eines auftauchenden Zeitalters“ als frohe Botschaft verkünden wollte, wie Georg von Langsdorff, ein deutschen Arzt und Spiritist, im Vorwort zu Davis’ Buch darlegte.[11] Demnach seien erwiesenermaßen „fortschrittliche Zweige der Wissenschaft“: „Mesmerismus (Lehre vom thierischen und Lebensmagnetismus), Psychologie (Seelenlehre). Phrenologie (Lehre vom Bau der Gehirnorgane), und Clairvyoyance (Lehre vom geistigen Hellsehen).“[12] Man befinde sich nun an der Schwelle eines neuen Zeitalters und „ein höheres, erleuchteteres, ein elektrisch-magnetisches Zeitalter hat uns bereits seine aufgehende Morgensonne gezeigt.“[13] Der Magnetismus sei jetzt erst richtig verstanden worden, nützliche „zum Diener gemachte Naturkraft“, und der Spiritualismus habe die Mittel und Wege angegeben, „wie diese neu entdeckte Naturgewalt zum Nutzen der Menschheit zu verwerthen ist.“[14]

Davis’ mesmeristische Spekulationen fanden in den USA einen günstigen Nährboden, während sie um 1880 in Europa weithin als anachronisitsch galten. Der Erfolg des Spiritismus entsprang seiner technologisch-naturwissenschaftlichen Argumentation. Er orientierte sich weniger an traditionellen religiösen Vorstellungen, als vielmehr an angeblich naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten. „Die Katholiken glauben wohl an eine Auferstehung des Geistes nach dem Tode, bedingt durch den Verkehr mit den Heiligen und durch die Vergebung der Sünden. Wir Spiritualisten glauben aber an das Fortbestehen unseres Geistes, bedingt durch das Naturgesetz, den Verkehr mit den Sündern ebensowohl wie mit den Heiligen, d. h. den fortgeschrittenen Geistern“.[15] Davis wollte im Sinne des Erkenntnisfortschritts eine neue „harmonische [bzw. harmonistische] Philosophie“ als höchste Form der Religion entfalten: „Das religiöse Leben der Welt wird sich dann so gestalten, dass der Katholizismus am untern oder negativen Ende steht – der in der Mitte gestandene Protestantismus verschwunden ist,  – und die Harmonistische Philosophie am oberen positiven Pole thront.“ Er verstand sich insofern ausdrücklich als „Der Reformator“.[16]


[1] Zit. n. Davis, 1889, 1. Bd.,  S. LXXII. [2] Davis [1847], 1851. [3] Bonin, , 1981, S. 121. [4] A. a. O., S. 50. [5] Ebd, S. vii. [6] A. a. O., S. 479. [7] A. a. O., S. v. [8] A. a. O., S. 284-288. [9] A. a. O., S. v. [10] Davis, 1889. [11] Davis, 1881, S. X [„Vorwort von Langsdorff“ S. V-XI].  [12] A. a. O., S. V. [13] A. a. O., S. VIII. [14] A. a. O., S. IX. [15] A. .a. O., S. 140. [16] Davis, 1867.


[i] Jackson Davis, 1871; → Abb. Jackson Davis 1871 Frontispiz

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