21.Kap./2 * Wunder – natürlich oder übernatürlich?

Es gibt kein Ereignis im Leben von Individuen oder Kollektiven, das eine solche Faszination ausübt, wie ein „Wunder“: etwa die wunderbare Heilung eines dem Tode geweihten Kranken oder die wunderbare Rettung bei einem Flugzeugabsturz durch die geglückte Notlandung. Wunder werden im Gegensatz zu Träumen und Visionen durch ihre erlebte Faktizität zu solchen, sie geschehen in der Wirklichkeit – aber worin besteht diese? Die traditionelle Kontroverse ergibt sich aus gegensätzlichen Interpretationen. Für die einen ist das Wunder ein Ausdruck des Eingreifens übernatürlicher göttlicher Mächte, für die anderen dagegen nur ein (noch) undurchschautes natürliches Geschehen. Beide Positionen machen sich anheischig, das Wunder nach ihrem je eigenen Denksystem erklären zu können. Von der frühneuzeitlichen hierarchischen Trias Gott – Natur – Mensch (Kap. 36) könnte man drei Erklärungen des Wunders ableiten: Entweder ist das Wunder übernatürlich oder natürlich oder es ist, ausgehend vom Menschen, schlichtweg Ergebnis von Schwärmerei und Betrug. Die Auseinandersetzung über die Erklärung des Wunders vor allem im Hinblick auf biblische Geschichten entspann sich im 19. Jahrhundert. Die Kritiker der religiösen Deutung des Wunders beriefen sich zumeist auf Mesmerismus und Hypnotismus.

Vor allem der Theologe und Philosoph David Friedrich Strauß prägte mit seinem Werk „Das Leben Jesu“ die Debatte.[1] Er meinte, die neuttestamentlichen „Seeanekdoten“ könnten nicht als „Bild der ursprünglichen Herrschaft des Menschen über die äussere Natur, zu deren Wiedererlangung er bestimmt ist […] betrachtet werden“. Denn der „Werth dieser Herrschaft“ bestehe darin, dass sie eine „durch das fortgesetzte Nachdenken und die vereinigte Anstrengung von Jahrhunderten der Natur abgerungene“ sei, nicht aber eine unmittelbar magische, „welche nur ein Wort kostet.“[2] Der animalische Magnetismus diente Strauß wie manch anderem psychologisch interessierten Zeitgenossen als Interpretament für die Wunderheilungen Jesu. Es ist sehr interessant, wie Strauß die Grenzen des animalischen Magnetismus bestimmte, um Fernheilungen Jesu als unerklärbares übernatürliches Wunder darstellen und infolgedessen als Mythos entlarven zu können. Während andere Autoren, wie z. B. der evangelische Theologe Hermann Olshausen diese Fernheilungen in Analogie zur Fernwirkung im „thierischen Magnetismus“ gesehen hätten, verwies Strauß darauf, dass dieser „immer eine unmittelbare Berührung vorausgegangen sein muß, was in dem Verhältniß Jesu zu den Kranken unserer Erzählungen nicht gegeben ist; theils besitzen […] ein solches Wirkungsvermögen die Somnambülen selbst oder andere in zerrüttetem Nervenzustande befindliche Menschen, was auf Jesum entschieden keine Anwendung findet.“[3] Da Jesus weder die Kranken zuvor berührt hätte, noch selbst somnambul oder nervenkrank gewesen sei, so Strauß, werde Jesu zu einem „übernatürlichen Wesen“ stilisiert. Somit stellte sich die Frage, wie solche Wundererzählungen entstehen konnten, auf welchem „historischen Grund“ sie beruhen. Die Antwort war klar: Die Wundermacht der Propheten musste auch Jesus als einem ausgezeichneten Propheten zugesprochen werden. „So zeigen sich unsere N.T.lichen[neutestamentlichen] Erzählungen als nothwendige Gegenbilder jener A.T.lichen [alttemstamentlichen]. […] beidemale gelingt hier Jesu wie dort den Propheten auch dieser besonders schwierige Wunderact.“[4]

Strauß bediente sich insofern der gängigen Kritik am Mesmerismus, als er dessen Wirkungen auf die Einbildungskraft zurückführte. Jesus habe die Wunder tun können, „wenn er nur verstand, bei den Zeitgenossen sich Glauben zu verschaffen. Diese Bewandtniß hat es, wenn man sich, wie neuere Theologen gerne thun, die Heilkraft Jesu nach Art der thierisch-magnetischen denkt“.[5] Heilungen in die Ferne seien aber nicht möglich, da „eingekörperte Geister“ nach außen nur durch ihren Körper wirken könnten. Somit sei also „die Berufung auf die Natur des Geistes, um eine Heilung in die Ferne zu erklären, eine bloße Redensart ohne allen wirklichen Gedankengehalt.“[6]

Strauß stellte die provokanten Alternativen auf, dass Jesus entweder Wundertäter oder Schwärmer oder Betrüger gewesen sein müsse. Im Hinblick auf die Fernheilung des Sohnes bzw. Knechtes („Dein Sohn lebt“) müsse Jesus „entweder gewußt haben, daß er eine solche Heilung zu bewirken vermochte, d. h. er muß ein Wundertäter im Sinn des entschiedensten Supranaturalismus gewesen sein; oder wenn er soche Wundermacht sich ohne Grund zutraute, war er ein vermessener Schwärmer; schrieb er sie sich aber gar mit dem Bewußtsein zu, daß er sie in Wahrheit nicht besaß, so war er ein frecher Schwindler und Betrüger.“[7] Die Lösung sei indes einfach und liege jenseits dieser schlechten Alternativen: Es handele sich nämlich hier um „keine Geschichte, sondern einen messianischen Mythus, der aus dem alttestamentlichen Prophetenmythus herausgewachsen ist.“ Man könnte diese Interpretation auch auf die Formel bringen: Supranaturalismus minus Naturalismus ist gleich Mythos. Mit anderen Worten: Der Mythos sollte die Wirksamkeit des angeblich Übernatürlichen erklären, das über das Natürliche, das etwa durch den animalischen Magnetismus noch erklärbar erschien, hinausging.

Was Strauß „Mythus“ nannte, wurde von klerikalen Zeitgenossen den „Wundern des Christenthums“ zugerechnet.[8] Sie stimmten mit Strauß darin überein, dass Wunder nicht durch Magnetismus zu erklären seien und waren sich insofern mit ihm einig, als die Wirkung des animalischen Magnetismus nicht mit den „Wundern des Christenthums“ verglichen werden dürfe.[9] Aber über den Charakter des „Übernatürlichen“ gingen die Meinungen radikal auseinander: Was für Strauß „Mythus“ war, galt seinen Kritikern als unmittelbarer „göttlicher Glanz, der unsere heilige Religion umstrahlt“.[10] Auch die Kritiker bezogen sich auf den Mesmerismus, nur in gegenläufiger Blickrichtung. War für Strauß das Übernatürliche gerade nicht mit dem Mesmerismus belegbar, so war für seine römisch-katholischen Kritiker dessen begrenzte gesellschaftliche Anerkennung gerade der Beweis, dass er nichts mit den biblischen Wundern zu tun hatte: „Hätten Mesmer und seine Schüler die Macht gehabt, 5000 Menschen mit fünf Broden und fünf Fischen [Matth. XIV, 17] zu sättigen, ihre Lehre würden ohne Zweifel mit größerem Applause aufgenommen worden sein und mehr Anhänger gefunden haben, als bis jetzt geschehen ist.“[11] Ein wesentliches Merkmal von Wundern sei ihr plötzliches Eintreten, eine sofortige Heilung ohne „Krise“: „Aber gewiß keiner der mächtigsten Magnetiseure hat je die Krankheit eines Aussätzigen mit den einfachen Worten gehoben: ich will sei rein [Matth. VIII, 3]; keiner je einen Gichtbrüchigen geheilt mit einem ‚Es geschehe’, das nur zu dem Herrn des Kranken gesprochen wurde [Matth. V, 13] […]. Diese Art, durch Befehl zu heilen, verkündet offen die Macht des Herrn der Natur.“[12]

Wer an der der Realität der Wunder im Sinne von Religion und Frömmigkeit festhalten wollte, musste gegen die mythologische bzw. naturalistische Erklärung der Wunder zu Felde ziehen. Vor allem wehrte man sich gegen „deutsche Rationalisten“, welche die heilige Schrift ihres übernatürlichen Charakters entkleiden wollten: „Sie setzen dabei die Nichtexistenz der Wunder a priori voraus, weßwegen jedes derselben nur eine Fabel oder eine natürliche Wirkung sein kann.“[13] Speziell gegen Strauß gewandt attackierte man dessen teilweise Gleichsetzung von Wundern mit den Erscheinungen des Magnetismus. Er sei „weit mehr geneigt, den Wundern des animalischen Magnetismus Glauben zu schenken, als denen Christi (über dessen Leben er eine kritische Untersuchung zu schreiben wagte)“.             Auch wandten sich die religiösen Kritiker gegen die allgemeine Ansicht, Besessene seien nur Somnambule.[14] In einer Art ironischen Retourkutsche bemerkten sie, dass „die magnetisirten Somnambülen […] wie wirklich von ihren Magnetiseuren Besessene“ erschienen.[15] Was war ihr Motiv, am Wunder festzuhalten und alle mythologischen oder naturalistischen Erklärungsversuche abzuwehren? Die Antwort ist einfach: Das Wunder bewies für sie Gottes Liebe. Es stehe in Gottes Hand, über die sichtbare und unsichtbare Welt unumschränkt zu gebieten. Er habe diese Macht angewendet, um so seine unendliche Liebe zu offenbaren: „wir erkennen sie in den Wundern des Christenthums.“[16]


[1] Strauß, 1836. [2] Ebd., S. 175. [3] Strauß, 1839, S. 130. [4] A. a. O., S 132. [5] Strauß, 1877, S. 174. [6] A. a. O., S. 175. [7] A. a. O., S. 181. [8] Magnetismus 1853. [9] Ebd., S. 3. [10] A. a. O., S. VII. [11] A. a. O., S. 62. [12] A. a. O., S. 85. [13] A. a. O., S. 101. [14] A. a. O., S. 151. [15] A. a. O., S. 154. [16] A. a. O., S. 218.

Advertisements