21. Kap./3 * Parapsychologie

Der Begriff „Parapsychologie“ wurde von dem Berliner Professor für Psychologie Max Dessoir in einem Aufsatz von 1889 eingeführt. Parapsychisch nannte er dort „aus dem normalen Verlauf des Seelenlebens heraustretende Erscheinungen“.[1] Das Wort „Parapsychologie“ sei nicht schön, „aber es hat meines Erachtens den Vorzug, ein bisher noch unbenanntes Grenzgebiet zwischen dem Durchschnitt und den abnormen, pathologischen Zuständen kurz zu kennzeichnen“.[2] Dessoir sah die „ausschließlich pathologische Auffassung der Parapsychologie“ als ungenügend an und kritisiert Lombrosos „phantastische Übertreibung der wirklich feststehenen Ergebnisse anthropologischer Forschung“.[3] In vier Hauptabschnitten steckte er in seinem Werk „Vom Jenseits der Seele“ das Terrain ab: Parapsychologie (die Traum und Hypnose, Telepathie und Hellsehen sowie seelischen Automatismus betrifft), Paraphysik, Geheimwissenschaften und magischer Idealismus. Er benutzte auch den Begriff des Überbewusstseins und erklärte, dass es „kein Jenseits der Seele im Sinne einer unsichtbaren Wirklichkeit“ gebe: „Das objektive Seelenjenseits darf als ein Überbewußtsein, niemals aber als ein räumlich außerhalb der Seele Existierendes betrachtet werden.“[4]

Dessoir, der Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Begriff des „Doppel-Ich“ einen wichtigen Beitrag zur Psychodynamik des Unbewussten leistete (Kap. 18), verstand sich als psychologischer Aufklärer des Okkultismus und seiner sektiererischen Ausprägungen im frühen 20. Jahrhundert. Für ihn waren alle diesbezüglichen Phänomene Überreste magischer Weltanschauung und letztlich subjektiv entspringende Projektionen. „Alle Wunder, Visionen und Versuchungen, von denen die Geschichte erzählt, waren und sind Erlebnisse von größter Gewalt. Die Betroffenen haben deshalb nie zugegeben, daß es sich um bloße Einbildungen handelt; vielmehr waren sie stets von dem nichtsubjektiven, übernatürlichen Ursprung ihrer Erfahrungen überzeugt.“[5] Somit sei der Spiritismus „als experimentelle Religion […] eine greuliche Mißgeburt, ein Wechselbalg, denn Glaubenschaft wird niemals zu Wissenschaft, Welt- und Gottesanschauungen lassen sich nicht handgreiflich demonstrieren.“ [6] In diesem Zusammenhang attackierte er neben den Spiritisten „Gesundbeter, Kabbalisten, Theosophen, Astrologen“ als Anhänger eines „halbwissenschaftlichen Aberglaubens“. [7] Aber die geschichtliche Entwicklung, so Dessoir, habe „zum Siege einer anderen Gesamtansicht“ geführt und die okkulten Vorstellungen marginalisiert. Die Okkultisten wollten die „Begrenzung des Geistigen“ trotz „Kepler und Descartes“ nicht anerkennen und strebten danach, „das Seelisch-Geistige überall hineinzumischen.“[8] Der Mensch aber habe den Wunsch, im moralischen wie physikalischen Sinne frei zu sein: „man glaubt es, weil man es so wünscht. Bei all den verschiedenen historischen Formen des Okkultismus, von den Trancemedien bis hin zu den Theosophen, bleibe „das Psychologische“ dasselbe. Die Betreffenden fühlten sich beglückt und begnadet wie gewisse Kranke, „gleich dem Träumenden oder dem vom Haschisch Berauschten […] oft nicht fähig, das Geschaute in Worte zu fassen.“[9] Dabei berief sich Dessoir auf die „Allgemeine Psychopathologie“ von Karl Jaspers. Die „Fehldeutungen“ des „magische Idealismus“ seien aber auf Grund ihrer urtümlichen und instinktmäßigen Verankerung im Menschen „unausrottbar“, wenngleich die „magischen Erscheinungen“, so Dessoirs wissenschaftliches Credo, „mit dem Fortgang der Erforschung auch in einem dämonenfreien Weltbild verständlich werden.“[10]

Der französische Physiologe und Pionier der Parapsychologie Charles Richet, der 1913 den Nobelpreis für Medizin erhielt, prägte 1905 den Begriff „métapsychique“, der  im Deutschen „Parapsychologie“ und  im Englischen „psychical research“ hieß.[11] In seinem umfassenden, ins Deutsche übersetzten Handbuch grenzte er die Parapsychologie von der Parapsychophysik (Telekinese und Spuk) ab.[12] Merkwürdigerweise sparte er in dieser Schrift das Thema der Telepathie und Mentalsuggestion aus, an deren Erforschung er stark interessiert war.[13] Es ist bezeichnend, wie Richet als führender Repräsentant der naturwissenschaftlichen Forschung in der Medizin die Geschichte der Parapsychologie periodisierte. Er beschrieb sie entsprechend der evolutionistischen Geschichtsauffassung als den Weg vom Mythos zur Wissenschaft. Richet ließ vier geschichtliche Epochen aufeinander folgen: (1) die mythische Periode (vom Dämon des Sokrates bis zu Levitationen von Heiligen); (2) die magnetische Periode (u. a. Mesmer, Seherin von Prevorst, Reichenbach); (3) die spiritistische Periode (von den Klopfgeräuschen in Hydesville bis Allan Kardec); und schließlich (4) die wissenschaftliche Periode, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Gründungen von wissenschaftlichen Gesellschaften, insbesondere derjenigen der Society for Psychical Research 1882 in London, einherging.

Mitbegründer dieser Gesellschaft war der bedeutende US-amerikanische Philosoph und Psychologe William James, der 1894-95 ihr Präsident war. Bereits 1872 hatte er zusammen mit dem Richter Oliver Wendell Holmes, Jr., und dem Philosophen Charles Sanders Pierce den „Metaphysical Club“ gegründet, „eine Art intellektuelle Keimzelle des Pragmatismus“.[14] James setzte sich insbesondere mit der religiösen Erfahrung des Wunders auseinander, das er als Psychologe nüchtern erforschen wollte. Der US-amerikanische Religionswissenschaflter Robert C. Fuller brachte dies auf den Punkt: „James carved out a kind of middle ground between scientific positivism and revealed religion.“[15] Damit habe er die Tür zur Religion in einer Zeit offengehalten, als die wissenschaftliche Methode sie für alle persönlich-religiösen Weltanschauungen verschließen wollte und als die Kirchen alle jene Suchenden ausschließen wollte, die ihnen nicht angehörten. Übrigens begegnete Sigmund Freud 1909 während seiner Amerikareise, die er zusammen mit C. G. Jung unternommen hatte, William James ein Jahr vor dessen Tod. Die einzige Stelle in Freuds „Gesammelten Werken“, die James erwähnt, lautet: „Ich kann nicht die kleine Szene vergessen, wie er auf einem Spaziergng plötzlich stehen blieb, mir sein Handtasche übergab und mich bat vorauszugehen, er werde nachkommen, sobald er den herannahenden Anfall von Angina pectoris abgemacht habe. Er starb eine Jahr später am Herzen; ich habe mir seither immer eine ähnliche Furchtlosigkeit angesichts des nahen Lebensendes gewünscht.“[16]

Einen strikt naturwissenschaftlichen Ansatz vertrat der oben erwähnte Charles Richet, der 1905 Präsident der Society for Psychical Research war und die vollständige Entzauberung des „thierischen Magnetismus“ propagierte. James Braid habe den Hypntoismus „weder seines mystischen Schleiers entkleidet, noch von seinen unglücklichen therapeutischen Bestrebungen befreit.“[17] Angesichts der zahlreichen Experimente, die Braid durchführte, und seiner scharfen Abgrenzung des „nervösen Schlafs“ vom „magnetischen“, die er öffentlich zur Debatte stellte, ist Richets Diktum kaum nachvollziehbar. Erst nach seiner eigenen Abhandlung „Du somnambulisme provoqué“ von 1875, so meinte Richet selbstbewusst, seien zahlreiche Experimente gemacht worden, „und der tierische Magnetismus hatte aufgehört ein Bestandteil der okkulten Wissenschaften zu sein.“[18] Die Beobachtungen von Charcot und Bernheim seien offenbar durch sie inspiriert gewesen. Aber: „Die interessante Geschichte der Suggestion gehört nicht zur Parapsychologie.“ Richet sah die Parapsychologie als eine induktive Naturwissenschaft: „es handelt sich um eine Experimentalwissenschaft, welche Theorien verachtet und in ihrer gewollten Präzision ebenso genau ist wie die Chemie, Physik oder Physiologie.“

In den 1870er und 1880er Jahren forderten eine Reihe von Wissenschaftlern und mit ihnen verbundene Intellektuelle die naturwissenschaftliche Erforschung jener (später „parapsychologisch“ oder „paranormal“ genannten) Lebensphänomene, die wie Mystik oder Geistersehen dem religilösen oder spirituellen Erleben zugerechnet wurden und sich der wissenschaftlichen Objektivierung bisher entzogen hatten. Manche überzeugte Naturwissenschaftler, die sich mit Fragen des Mesmerismus, Spiritismus oder der Theosophie auseinandersetzten und dem neuen materialistischen Zeitgeist misstrauten, verbanden ihre  Interesse an parapsychologischer Grundlagenforschung mit dem Versuch, das naturwissenschaftliche Weltbild zu erweitern und eine dem entsprechend neue Anthropologie zu begründen. Eine spektakuläre Position vertrat der Leipziger Astrophysiker Karl Friedrich Zöllner, ein Freund Gustav Fechners, der in den 1770er Jahren mediumistische Experimente anstellte und den Spiritismus naturwissenschaftlich einholen wollte, wie er in seiner Schrift „Die Transcendentale Physik“ (1879) darlegte: Der Naturforschung gehe es nur darum, „die Realität eines Zusammenhanges unserer Körperwelt mit einer anderen, unter gewöhnlichen Umständen unsichtbaren Geisterwelt zu beweisen.“[19] Zöllners vehementes Eintreten für den Spiritismus und seine Attacken gegen die seiner Meinung nach ignoranten Naturwissenschaftler wurden seinerzeit als Skandal wahrgenommen und isolierten den Kämpfer gegen den modernen Wissenschaftsbetrieb. Seine deutschnationale und antisemitische Einstellung passten zu dem allgemeinen Ressentiment bestimmter Intellektueller gegenüber der wissenschaftlich-technischen Umwälzung der Gründerzeit, so dass sich wie im Falle Zöllners eine Kluft zur offiziellen „Wissenschaftskultur“ auftat, die in  anderen Ländern wie vor allem England, nicht so tief war, wo sich etablierte Naturwissenschaftler offensiv mit den Phänomenen des Mediumismus und Spiritismus auseinandersetzten. Möglicherweise war seinerzeit, wie der Regensburger Wissenschaftshistoriker Christoph Meinel anmerkte, die „Grenzlinie zwischen der Wissenschaftskultur und ihrer Gegenkultur“ in Deutschland schärfer und weniger durchlässig als in anderen Ländern.[20]


[1] Dessoir 1889, S. 342. [2] Ebd.; Dessoir 1931, S. VII. [3] Dessoir, 1889, S. 344. [4] Dessoir, 1931, S. 556. [5] A. a. O., S. 5. [6] A. a. O., S. 6. [7] A. a. O., S. 7. [8] A. a. O., S. 11. [9] A. a. O., S. 24. [10] A. a. O., S. 28. [11] http://fr.wikipedia.org/wiki/M%C3%A9tapsychique (5.1.2013). [12] Richet, 1923. [13] Ochorowicz, 1991; Vorwort von C. Richet. [14] http://de.wikipedia.org/wiki/William_James (15.05.2012). [15] Fuller, 2006, S. 79. [16] Freud, 1925, S. 178. [17] A. a. O., S. 32. [18] A. a. O., S. 33; Richet, 1875. [19] Zit. n. Meinel, 1991, S. 41. [20] Meinel, 1991, S. 56.