21. Kap./4 * Der psychologische Automatismus

Der französische Psychologe Pierre Janet, ein Zeitgenosse und bedeutender Antipode zu Sigmund Freud, prägte Ende der 1880er Jahre den Begriff des psychologischen Automatismus (l’automatisme psychologique). Dieser bot der (wissenschaftlichen) Parapsychologie (psychical research) ein wichtiges Erklärungsmodell. Er wollte sowohl die Phänomene des Mesmerismus als auch die des Spiritismus wissenschaftlich erklären, wobei er deren Protagonisten als den Wegbereitern der Psychologie Respekt zollte: „nous [ne] moquons pas nos ancêtres.“[1] Vor allem würdigte er den Mesmerismus als eine wichtige Zwischenstufe in der „Evolution der Psychotherapie“, die von den traditionellen magischen Behandlungen (traitements magiques) zu den modernen psychologischen Therapien (thérapeutiques psychologiques) geführt habe.[2] Seine Auseinandersetzung mit dem Mesmerismus blieb jedoch eher an der Oberfläche, die Quellenangaben sind spärlich. Mit der Person von Franz Anton Mesmer, den er „à Vienne ou à Mersbourg“ geboren werden lässt, hat er sich wohl kaum beschäftigt.

Janets dreibändige Werk zur Geschichte und Aktualität der Psychotherapie „Les Médications Psychologiques“ weist Besonderheiten auf. So zitierte er häufig Liébeault und Bernheim, überging jedoch weitgehend Coué und Baudouin, die Repräsentanten der „neuen Schule von Nancy“. Die Begriffe „magie“ und „imagination“ kommen im Register nur jeweils einmal vor, obwohl sie in der vormodernen Ideengeschichte der Psychotherapie eine herausragende Rolle spielten. Beiläufig zitierte er den Mesmer-Schüler Deslon, der den Meister einmal einen „medecin d’imagination“ genannt habe.[3] Janet wollte vor allem den Automatismus bei der Suggestion (l’automatisme dans la suggestion) herausstellen und die Suggestionslehre von Bernheim (l’école de Nancy) korrigieren. Man müsse die Phänomene der Suggestion als eine Handlung betrachten, aber als ein unvollständige.[4] Überhaupt könne man wissenschaftliche Psychologie nur betreiben, wenn man die geistigen Phänomene als Handlungen oder Abstufungen einer Handlungen (des degrès de l’action) betrachte.[5] Ähnlich wie Bernheim wollte Janet die Psychotherapie auf ein explizit „wissenschaftliches“ Fundament stellen und damit deren „unwissenschaftliche“ Vorgeschichte überwinden. Auf diesem Weg erschien die hypnotische Suggestion nicht als ein „vager Theriak“, sondern als ein „traitement déterminé“, die zur wissenschaftlichen Psychotherapie übergeleitet habe. Die von ihm dargestellten Charakterzüge der Suggesstion sollten diese neue Ära einleiten : « ils nous font sortir de la période religieuse et moral pour nous faire entrer dans la période proprement scientifique de la psychothérapie. »[6] Die hypnotische Suggestion sei eben die erste exakte psychologische Behandlungsmethode gewesen. Auch in anderen Publikationen hob er immer wieder die Wissenschaftlichkeit der „psychologischen Medizin“, wie er sie verstand, hervor, um die Psychotherapie seiner Zeit von ihren religiösen und magischen Vorläufern abzugrenzen.[7]

Janet würdigte die Freud’sche Psychoanalyse und hob insbesondere die Bedeutung der Verdrängung (refoulement) für deren Verständnis hervor.[8] Freilich hatte er Vorbehalte. Denn die Psychoanalyse suche immer einen Schuldigen und ihr Verfahren ähnele einem Verhör (enquête criminelle): « La psycho-analyse n’est pas une analyse psychologique ordinaire que cherche à découvrir des phénomènes quelconques et des lois des des phénomènes, l’est une enquête criminelle qui doit découvrir un coupable, un événement passé responsable des troubles actuels, qui le reconnait et qui le poursuit sous tous les déguisements. »[9] Grundsätzlich teilte er aber Freuds therapeutische Zielvorstellung der „Nacherziehung“, die ja auch von anderen Schulen der Psychotherapie propagiert wurde. So formulierte Janet schließlich sein therapeutisches Postulat: Der Psychiater solle seine Patienten lehren, ihre Kärfte zu stärken und ihren Geist zu bereichern (à augmenter leurs ressources, à enrichir leur esprit).[10]

Janet, dessen zentrale Bedeutung für die Geschichte der dynamischen Psychiatrie zuerst von Henri Ellenberger herausgearbeitet wurde[11], ging von einer engen Beziehung (rapport étroit) zwischen psychologischen und physiologischen Phänomenen, insbesondere zwischen den Gedanken und den Bewegungen, aus.[12] Wahrnehmungen und Bilder würden immer von Bewegungen begleitet, wenn erstere verschwänden, würden auch die letzteren unterdrückt, so dass gewisse Lähmungen auch als Amnesien aufgefasst werden könnten. Janet interessierte sich insbesondere für die Phänomene der Gewohnheit und der Ideenassoziation. Der Automatismus schaffe keine neue Synthesen, sondern bringe nur die bereits bestehenden zum Vorschein, die organisiert wurden, als der Geist (esprit) stärker war.[13] Ausdrücklich definierte er die Suggestion als eine „automatische Handlung“ (l’action automatique), die er zu den „unterbewussten Handlungen“ (actions subconscientes) zählte: « C’est une réaction particulière à certaines perceptions, cette réaction consiste dans l’activation plus ou moins complète de la tendance èvoquée ».[14]

Die „Suggestion“ wurde von Janet grundsätzlich als ein pathologisches Phänomen begriffen, das nur in krankhaften Zuständen deutlich hervorträte: „un fait très réel et très important, mais anormal“.[15] Sie hänge von einer Veränderung des geistigen Zustands ab, einer zumindest momentanen psychischen Schwäche, mit der man auch das Eindringen des Wahnsinns erklären könne. Eine geistige Zerstreuung (distraction), die zu einer Einengung (rétrécissement) des Bewusstseins und einer Lähmung der Beweglichkeit führt, seien Voraussetzung für die Wirksamkeit der Suggestion. Janet gab zu Bedenken, dass auch kriminelle Akte unter dem Einfluss von Suggestionen während des Somanmbulismus gebahnt werden könnten. Aus eigener Anschauung erwähnte er einen Ehebruch und eine Abtreibung. Allerdings habe es sich um Kranke mit so schwachem Willen gehandelt, dass man sie vielleicht auch im Wachzustand hätte dazu überreden können.[16] Also: keine wundersame Verwandlung durch die Suggestion, sondern lediglich eine Missbrauch Geisteskranker (aliénés). Kriminelle Akte durch Suggestion seien nur bei Schwachsinnigen möglich. Die Einengung des Bewusstseins führe zu gänzlich unbewussten Phänomenen, es bilde sich eine zweite psychologische Existenz, eine zweite Persönlichkeit (seconde personalité) heraus, die sich gleichzeitig neben der normalen manifestiere. Diese sei extrem suggestibel, könne lernen und bestimmte Gewohnheiten annehmen und mit der normalen Persönlichkeit zusammenarbeiten.[17] Das automatische Schreiben, das von William James bereits 1890 genauer studiert wurde, gehöre zu solchen unbewussten Fähigkeiten der zweiten Persönlichkeit.[18] Die anatomische Ableitung der „zweiten Persönlichkeit“ aus den zwei Hirnhälften und die entsprechende Erklärung des Spiritismus, wie sie der englische Parapsychologe Frederic Myers vertrat, lehnte Janet als unplausibel ab. Er stand der Lokalisation psychischer Vorgänge skeptisch gegenüber, wie seine triviale Feststellung deutlich macht: „nous avons, tous, deux cerveaux, et nous ne sommes ni fous, ni somnambules, ni médiums.“[19]

Janet nahm auch generell Bezug auf die Trennung von Leib und Seele in der neuzeitlichen Philosophie im Anschluss an Descartes. Diese Unterscheidung sei wissenschaftlich zwar fruchtbar gewesen, das reiche aber nicht aus. Man müsse die Begriffe dann wieder vereinigen, synthetisieren (réunir, synthétiser).[20] Man stelle dann fest, dass auch im Denken Aktivität und selbst Bewegung stecke. Eine Theorie der reinen Intelligenz unabhängig vom Organismus und seiner Bewegung sei heutzutage nicht mehr möglich, ebensowenig wie eine Theorie des reinen mechanischen Organismus ohne Eingreifen des Bewusstseins. Janet formulierte hier eine Wechselwirkung zwischen Leib und Seele, die später Viktor von Weizsäcker in seinem „Gestaltkreis“ als als eine von „Wahrnehmen und Bewegen“ näher definierte (Kap. 5).[21] Er unterstrich die „vollständige Einheit“ von Körperlichem und Seelischem als Errungenschaft dieser modernen Theorie: « nous avons essayé de montrer l’union complète, l’insérabilité absolue des phénomènes de sentiment et de pensée et des phénomènes de mouvement physique chez des êtres organisés. »[22] Denken und Handeln seien nicht zwei getrennte Fähigkeiten (facultés), sondern ein und dasselbe, was sich nur auf unterschiedliche Weise manifestiere. Das physiologische Studium der äußeren Bewegung dürfe nicht mit dem psychologischen Studium des begleitenden Denkens identifiziert werden. Denn sie studierten ein und dasselbe Objekt von zwei unterschiedlichen Gesichtspunkten aus. Im Augenblick habe sogar die Psychologie den Vorrang vor der Physiologie. Denn die Physiologen müssten zugeben, dass man das Handeln (les actes) der Somnambulen nur mit psychologischen Gesetzen erklären könne.[23]


[1] Janet, 1921, S. 376. [2] Janet, 1925, Bd. 1, S. 19. [3] A. a. O., S. 146. [4] A. a. O., S. 207. [5] A. a. O., S. 208. [6] Janet [1919], 1925, 1. Bd., S. 343. [7] Janet, 1924. [8] Janet, 1919, 2. Bd., S. 214-225. [9] Ebd., S. 224. [10] Janet, 1919, 3. Bd., S. 470. [11] Ellenberger, 1970, S. 331-417. [12] Janet, 1921, S. IX. [13] A. a. O., S. X. [14] Janet [1919], 1925, Bd. 1, S. 212. [15] Janet, 1921, S. XI. [16] A. a. O., S. XV. [17] A. a. O., S. XVI. [18] A. a. O., S. XVII. [19] A. a. O., S. 414. [20] A. a. O., S. 480. [21] Weizsäcker [1940], 1997. [22] Janet, 1921, S. 481. [23] A. a. O., S. 483.