21. Kap./5 * Mentalsuggestion [+ Audio]

Audio auf Youtube

Teil A: http://youtu.be/0baZbKUGNcU

Teil B: http://youtu.be/-LkvHsyXJlM

Teil C: http://youtu.be/itDVbZ0PEG0

Die „Gedankenübertragung“ war bei Vertretern des Okkultismus in der Renaissance ein gängiges Thema. So verfocht der Würzburger Humanist Johannes Trithemius die These, es könne Phänomene der Gedankenübertragung geben.[1] Diese stellte ein Standardthema der magia naturalis dar, bis hin zu deren mesmeristischen Ausläufern im 19. Jahrhundert und den daran anknüpfenden „parapsychologischen“ Forschungen. Dass ein Magnetiseur auch Entfernte „schlafwachend“ mache könne, galt als Erfahrungstatsache. Überhaupt habe „alles Leben, nicht blos das gehöhte, eine Wirkung in die Ferne“, meinte Joseph Görres, werde aber nicht wahrgenommen, „weil es in seiner Umgebung an Erregbarkeiten fehlt, an denen sie sichtbar werden könnte.“[2] Vor allem der Mesmerismus regte zur experimentellen Erforschung der Telepathie an, zusätzlich angeregt durch die aufkommende Telegraphie in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

1850 ereignete sich eine bizarre  Episode: Der französische Okkultist Jacques Toussaint Benoit verkündete seine vermeintliche Entdeckung, den „Schneckenkompass“. Er nahm an, das sich zwischen Schnecken, die einmal kopuliert hatten, besondere telepathische Kräfte entwickelten. Dieser „animalische Magnetismus“ sollte nach seiner Vision eine Alternative zum transatlantischen Telegraphen bieten. Er konstruierte eine Holzscheibe mit 24 Löchern, in denen jeweils eine Schnecke festgeklebt war. Am anderen Ende wurde ein analoger Apparat mit Schnecken installiert. „Wenn der ‚Sender’ nun einen Brief schrieb, indem er die Fühler der Schnecken bei den jeweiltigen Buchstaben berührte, sollten die jeweiligen sympathetisch verbundenen Schnecken im Gerät des ‚Empfängers’ reagieren und der Brief damit drahtlos durch den Raum übertragen werden.“[3] Bei einer öffentlichen Demonstration am 2.  Oktober 1851 mit dem Direktor eines Pariser Gymnasiums und einem Journalisten verschwand Benoit mitsamt Gerät. Er wurde noch verwirrt in den Straßen von Paris gesehen und verstarb mittellos im darauf folgenden Jahr. Analoge „Sympathie“-Versuche gab es in der frühen Neuzeit zuhauf, man denke nur an die berühmte „Waffensalbe“ (Kap. 32). Benoits „Schneckenkompass“ fiel als anachronistisches Experiment 1850 freilich aus dem Rahmen.

Der polnische Philosoph, Psychologe und Erfinder Julien Ochorowicz setzte sich seit den 1880er Jahren mit der Mentalsuggestion experimentell auseinander. Er gab praktische und in ethischer Hinsicht mitunter fragwürdige Ratschläge, wie sie im Alltagsleben nutzbringend angewandt werden könne. Es ist nun bezeichnend, dass er sich als Vertreter des polnischen Positivismus und als innovativer Weiterentwickler der Telefonie und Telegraphie für  okkulten Phänomene und insbesondere die Telepathie interessierte.[4] Charles Richet verfasste das Vorwort zu seiner populären Schrift „Die Mentalsuggestion“, deren französische Originalausgabe 1887 und deren deutsche Übersetzung in einer „aktualisierten“ Fassung1991 erschien, auf die ich mich im Folgenden beziehe.[5] Ochorowicz meinte, der Rapport sei spezifisch für den magnetischen Schlaf, während ein Hypnotisierter dagegen keinen Rapport habe. „Er hört alle oder niemanden, gehorcht jedem und kann von jedem geweckt werden.“ Bei dem sogenannten magnetischen Schlaf, den der Magnetiseur […] hauptsächlich durch Streichungen herbeiführt, ist dies nicht immer der Fall.“[6] Zur Erklärung der Mentalsuggestion nutzte Ochorowicz wie andere zeitenössische Autoren das Telefon als Metapher, das seinerzeit als technische Innovation Furore machte,. Die „Übertragung von Vibrationen“, die durch einen Gedanken ausgelöst würden und „in einen solchen zurückverwandelt werden können“, entspreche „etwa der Umwandlung der menschlichen Stimme in wellenförmige Impulse, die anschliessend wieder in Worte zurückverwandelt werden.“[7] Entscheidend für die Übermittlung des Gesprächs sei die richtige Einstellung: „Ein Telefon ist richtig eingestellt, wenn sich die Vibrationsplatte nahe, aber nicht zu nahe beim Magnetkern der Spule befindet. Doch wie kann ein Somnambule [sic] richtig eingestellt werden? […] Zum Glück ist dieses Problem im Hypnotismus nicht viel schwieriger zu lösen als im Fernsprechwesen, vorausgesetzt, die Versuchsperson ist einstellbar.“[8]

Ochorowicz beschrieb viele Experimente, die ihn dazu führten, drei Phasen des Somnambulismus voneinader abzugrenzen: Die „Aideie“ [von griech. a und idea = ohne Gedanken, Leitbild] entspreche dem Tiefschlaf, bei der „Monoideie“ könne sich die Versuchsperson nur mit einem einzigen Gedanken auf einmal beschäftigen und bei der Polyideie, dem „eigentlichern Somnambulismus“, seien mehrere Gedanken gleichzeitig möglich.[9] Er verglich die Gedankenübertragung mit dem Hörprozess: „Man hört nichts, wenn man taub ist, wenn man sich in einer lärmigen Umgebung befindet oder wenn man zerstreut ist. Folglich ist man taub für Gedankenübertragung, wenn man tief schläft, sodass das Gehirn nicht arbeitet.“ [10] Demnach sei der optimale Zeitpunkt für die Mentalsuggestion „die Übergangsphase zwischen Aideie und der passiven Monoideie“ oder zwischen dem Tiefschlaf und dem „hellsichtigen Schlaf oder eigentlichen Somnambulismus“.[11] Diese Zwischenphase lasse sich am besten mit Hilfe von sogenannten „magnetischen Streichungen“ herbeiführen. Durch senkrechte Streichungen werde der Schlaf verstärkt, durch waagrechte vermindert.

Mesmer wurde nun als historischer Zeuge aufgerufen, für den die „Fernwirkung von Gedanken“ eine schlichte, physikalisch erklärbare Tatsache war. „Wahrscheinlich beruhte das, was seine Zeitgenossen am meisten schockierte (sein Weitblick, das universelle Fluidum usw.) hauptsächlich auf seiner festen Überzeugung, dass er jemanden auf Distanz beeinflussen konnte. Doch geraden diesen Teil seiner Studien sowie alles, was den Somnambulismus betraf, glaubte er verheimlichen zu müssen.“[12] Diese Festellung entspricht jedoch kaum den historischen Gegebenheiten, da Mesmer explizit auf die magnetische Fernwirkung und entsprechende persönliche Erfahrungen verwiesen hatte. Hierzu gehörte auch seine Demonstration des Wände durchdringenden magnetischen Fluidums auf dem Schloss des Barons Horetzky von Horka in Rochow (Ungarn).[13] Ein junger Jude mit einer Lungenkrankheit, einer von Mesmers „sensibelsten Patieten“, wurde in ein Nebenzimmer geführt, das „durch eine zweieinhalb Fuss dicke Wand getrennt war.“ Der Augenzeuge konnte Mesmer als Magnetiseur und den Patienten gleichzeitig von der Tür aus beobachten. Mesmer zeichnete u. a. ovale Kreise in die Luft. „Nun dreht sich alles in mir wie in einem Kreis“, soll daraufhin der Patient.gesagt haben. „Alles, was er sagte, stimmte nicht nur mit dem Zeitpunkt der Bewegungen und den Pausen genau überein, sondern auch mit der Art der Empfindung, die Mesmer hervorrufen wollte.“

Es ist bemerkenswert, wie sehr sich Ochorowicz auf Mesmers Fluidumtheorie als Grundlage für seine eigene Lehre berief. Im allgemeinen werde Mesmer „für den Erfinder der Theorie des nervösen, vitalen oder magnetischen Fluidums gehalten, das sich von unserem Körper löst, sich aus ihm hinausprojiziert, wenn nötig den Raum durchquert usw. Das ist ein Irrtum, dem diejenigen unterliegen, die Mesmer nicht gelesen oder nicht verstanden haben.“ Diese Auffassung sei von einigen „indirekten Schülern“ ausgearbeitet und dann von dem Pariser Naturforscher und Mesmer-Anhänger Joseph Philippe François Deleuze propagiert woden.[14] Tatsächlich sei Mesmers „universelles Fluidum“ eine „alles auffüllende Flüssigkeit“: „Da das universelle Fluidum flüchtig par excellence ist, überträgt es insbesondere die Bewegungen, die noch subtiler sind als die, die durch andere, bekanntere Fluida übertragen werden. Das Wasser kann eine Mühle in Bewegung setzen, die Luft übermittelt Schallwellen, der Äther Lichtwellen; das universelle Fluidum überträgt die Schwingungen des Lebens.“[15] Ochorowicz ging von einer Hierarchie der Energien aus: Die psychische Energie, dieses alleine dem Menschen zukommende „wunderbare Geschenk der Natur“ gebe das Gefühl, „Wunder vollbringen zu können!“[16] Wie solche Wunder im Alltagsleben gezielt zu bewerkstelligen seien, erläuterte er an konkreten Beispielen. Als erstes Experiment empfahl er, eine „Versuchsperson“ (die von ihrer Rolle nichts weiß) z. B. im Theater mit den Augen im Nacken und dem festen Gedanken „Ich will, dass er (oder sie) sich umdreht“ zu fixieren, sodass sie diesem tatsächlich folgt.[17]

Ochorowicz setzte sich auch mit dem Problem der schädlichen Nutzung der psychischen Energie auseinander. Seine praktische Frage war, wie man sich vor gefährlichen Suggestionen schützen könne. So stellte er „vier goldene Regeln der psychischen Selbstverteidigung“ auf, allgemeine Ratschläge für den Alltagskampf: (1) Man solle die „Vorräte an psychischer Energie“ niemals ausgehen lassen; (2) man solle „ehrlich mit sich selbst“ sein und „die Achtung vor sich selbst“ bewahren; (3) man solle keine Angst haben, da diese „negative Schwingungen“ anziehe; und (4) man solle sich „von Gefühlen des Hassses und der Abneigung“ freimachen, die diese sinnlos am „psychischen Energievorrat“ zehren.[18] Im Vordergrund standen freilich praktische Fallbeispiel der nützlichen Telesuggestion im Alltagsleben, wenn beispielsweise eine Mutter ihren jungen Sohn vom gefährlichen Motorrad-Fahren abbringen möchte.[19] Ochorowicz gab auch praktische Ratschläge, wie wir selbst als Durchschnittsmenschen die Mentalsuggestion zu Heilzwecken einsetzten könnten, „indem wir unsere psychische Energie regelmässig auf den Kranken übertragen.“[20] Die psychische „Bestrahlung“ setzte „genügend Reserven an psychischer Energie“ voraus.[21] Eine Grundregel für die Heilung durch Telesuggestion lautete, dass man Patienten immer als Gesunde visualisieren solle: „Lassen Sie es auf keinen Fall zu, dass sich die Krankheit zwischen seinen und Ihren Geist stellt!“[22]

Das Interessante, ja Faszinierende an der Gestalt von Ochorowicz ist, dass sich ein positivistischer Wissenschaftler und innovativer Fernmeldetechniker mit Okkultisums, Mediumismus und Mentalsuggestion auseinandersetzte, um deren Phänomene im Sinne anerkannter naturwissenschaftlicher Gesetze aufzuklären. Letztlich sollte die Parapsychologie in die wissenschaftliche Psychologie überführt werden. Der positive Rekurs auf Mesmers Fluidumtheorie bedeutete zugleich eine Absage an alle Spekulationen der romantischen Naturphilosophie mit ihren spiritualistischen, dämonologischen Anklängen; die Telefonmetapher und der Energiebegriff sollten die fraglichen Phänomene erklären. Somit schlossen also wie bei Mesmer physikalistische Reduktionen keineswegs die Anerkennung und Inszenzierung parapsychologischer Phänomene aus, ganz im Gegenteil!

In den 1920er Jahren war das Interesse am Okkultismus besonders ausgeprägt und erreichte breite Bevölkerungskreise. Vor allem die Popularisierung mesmeristischer und hypnotischer Techniken ist zu erwähnen, die sich in der „grauen“ Ratgeberliteratur niederschlug. Insbesondere zogen Telepathie und Mentalsuggestion die Aufmerksamkeit auf sich. So publizierte der siebenbürgische Schriftsteller Robert Sigerus 1923 eine „gemeinverständliche Studie“ zu dieser Thematik, in der alle möglichen Quellen (zum Teil fehlerhaft) referiert werden, welche die Tatsache der Telepathie belegen sollten.[23] Er stellte seinem Buch ein markantes, jedoch verkürztes und verändertes Goethe-Zitat aus dem Gespräch mit Eckermann vom 7. Oktober 1872 als Motto voran: „Es kann eine Seele auf die andere durch bloße stille Gegenwart endscheidend einwirken. Wir haben alle etwas von elektrischen und magnetischen Kräften in uns.“ Eckermann zitierte Goethe jedoch folgendermaßen: „wir tappen alle in Geheimnissen und Wundern. Auch kann eine Seele auf die andere durch bloße stille Gegenwart entschieden einwirken.“ Und der Satz mit den magnetischen und elektrischen Kräfte wird durch folgende Erklärung ergänzt: „und [wir] üben wie der Magnet selber eine anziehende und abstoßende Gewalt aus, je nachdem wir mit etwas Gleichem oder Ungleichem in Berührung kommen.“[24]

Der wichtigste Bezugspunkt für Sigerus war aber nicht Goethes Naturverständnis, sondern die zeitgenössische Technik der drahtlosen Telegraphie, mit der er die Telepathie verglich. Im Telepathieexperiment über weite Entfernung könnten Perzipienten mit „außerordentlicher Veranlagung […] unversehens ungewollten akustisch-telepathischen Einwirkungen von dritter Seite zugänglich werden.“ [25] Und erläuternd fügte er in einer Fußnote ein „technisches Gegenstück“ als Beispiel ein: „Ende September 1912 wurde eine drahtlose telegraphische Nachricht, die von der österreichischen Marinestation Sebeniko an ein in der Adria kreuzendes Kriegsschiff gegeben wurde, über die ganze Alpenkette versehentlich auch von einer auf einem Züricher Observatorium errichteten drahtlosen Empfängerstation empfangen.“

Drei Schlüsselfragen standen für Sigerus im Zentrum seines Erklärungsversuchs: (1) Erfolgt die telepatische Kommunikation „ausschließlich und direkt von Gehirn zu Gehirn“? (2) Welches Medium ermöglicht diese „auf sehr große Entfernungen vorkommende Kommunikation“? (3) Wie kommt es zur telepathischen Kommunikation zwischen einzelnen Menschen, zum „telepathischen Rapport“?[26] Seine Antwort stützte sich auf die Annahme, dass der „Weltäther“ das Medium der Telepathie ist und die geistige Tätigkeit im Gehirn „besondere Arten von Ätherschwingungen“ hervorruft, die iherseits wieder „im Gehirn anderer“, hierzu „disponierter Personen“ telepathische Eindrücke bewirkt.[27] Solche „intensive spezifische Ätherschwingungen“ bedeuten „Ausstrahlungen des menschlichen Gehirnes“, meinte Sigerus. Angesehene Forscher, insbesondere der Physiker René Blondlot und der Physiologe Pièrre Charpentier, beide Professsoren der Universität Nancy, glaubten im frühen 20. Jahrhundert, solche Ausstrahlungen tatsächlich nachweisen zu können. Ersterer prägte den Ausdruck „N-Strahlen“ (N von Nancy), Letzterer sprach von „Körper-Radioaktivität“.[28] Letztlich waren solche unbeweisbaren Annahmen nichts anderes als Analogieschlüsse von der Technik auf die menschliche Natur, eine Art Technisierung des Menschen. Wenn schon die telegraphische Kommunikation einem Wunder glich, warum sollten nicht auch „Organismen“ ähnliche Leistungen vollbringen können oder jene sogar übertreffen? „Die Technik ist ja nur die (bewußte oder unbewußte) Nachahmung der Natur!“[29] In einer näher liegenden Analogie erklärte Sigerus den telepathischen Rapport als „fast identisch mit dem hypnotischen Rapport“, ja, sogar mit dem im Alltagsleben vorkommenden eingeengten Bewusstseinszustand beim intensiven Nachdenken.[30] Kommunikation und Rapport setzten, so Sigerus, „ein suggestives Verhältnis zwischen Agent und Perzipient“ voraus.[31] Sie setzten eine „außergewöhnliche Intensität der Ätherschwingungen“ von seiten des Agenten und eine „außergewöhnliche Reizempfänglichkeit“ von seiten des Perzipienten voraus, die bei beiden durch eine hochgradige Erregbarkeit gewisser Gangliengruppen der Großhirnrinde bei gleichzeitiger Hemmung anderer Hirnteile veranlasst würden.

Der aufblühende Okkultismus im frühen 20. Jahrhundert popularisierte entsprechende Techniken, wie beispielsweise das „Lehrbuch zur Entwicklung der okkulten Kräfte im Menschen“ von Karl Brandler-Pracht, eines aus Wien stammenden theosophischen Astrologen.[32] Es offenbart die ungebrochene Attraktivität des Mesmerismus für alle, die sich für Theosophie, Okkultismus und Spiritismus interessierten. Die Hypnose war demgegenüber von geringerer Relevanz. Sie mache „willensunfrei“, während es dem Okkultismus um „unvergängliche Werte für die geistige Ebene“ gehe: „Von dem durch die Hypnose Errungenen aber hat der innere Mensch […] keinen Nutzen.“[33] Das „Lehrbuch“ beschrieb  die einzelnen Stufen der zu entwickelnden okkulten Kräfte: vom „Lehrling“, über den „Gehilfen“ bis zum „Meister“ − vom „magnetischen Blick“, über die „heilmagnetische Kraft“ bis zu „höheren magischen Fähigkeiten“. Entscheidend war die Aufwertung des Mesmerismus gegenüber dem Hypnotismus, die Brandler-Pracht scharf voneinander abgrenzte. Der „Heilmagnetismus“ habe „mit Hypnose und Suggestion nichts gemein“: „Suggestion kann nur von Gehirn zu Gehirn gehen, aber nicht von odisierten Stoffen auf das Gehirn. Die Hypnose wirkt nur durch die Willenskraft allein, besteht also in einem rein psychischen Vorgang, während der Magnetismus materieller Natur ist und ein, durch einen Willensakt geleitete Uebertragung eines feinen Stoffes vorstellt, der als die Lebenskraft aufzufassen ist.“[34] Hypnotisieren könne man nur Menschen oder Tiere, „magnetisieren aber alles.“ So habe ja schon Mesmer „Wolle, Leder, Holz, Steine, Metalle, Wasser und Brot zu Heilzwecken“ magnetisiert.[35]

Das vom Jugendstil geprägte Titelblatt des ersten Bandes seiner „Astrologischen Bibliothek“, der 1907 erschien, impliziert die religiös tingierte „Magie der Natur“. (Abb. [i]) Eine engelhafte Frau vor einer astrologischen Scheibe hält ein Kind in die Höhe, das Profil ihres Gesichts zeichnet sich vor einer hellen Sonne ab, die an einen Heiligenschein erinnert und doch in gewisser Unabhängigkeit von ihr leuchtet. Die Hierarchie Gott (Sonne) − Natur (Frau) − Mensch (Kind), die ihre christliche Analogie in der Gestalt der Madonna hat, wird in dieser Illustration ersichtlich. Wir werden uns später ausführlich mit der naturphilosophischen Bedeutung dieser Konstellation befassen (Kap. 34).

Der höchst spekulative Diskurs auf dem sich überlappenden Feld von Elektrizitätslehre, Hirnforschung, Hypnotismus und Mediumismus um 1900 spiegelte sich auch in der Literatur wider, wo er zu fiktiven und utopischen Erzählungen und Romanen anregte. Ein Beispiel hierfür ist der Roman „Dr. Heidenhoff’s Process“ des seinerzeit sehr bekannten US-amerikanischen Schriftstellers Edward Bellamy, der 1880 erschien und dessen deutsche Übersetzung mehrere Auflagen erlebte.[36] Er schilderte darin die Methode, mit Hilfe der elektrischen Durchströmung des Gehirns schmerzliche Erinnerungen zu löschen, so dass sich die so Behandelten wieder wohl fühlen.[37] Henry, die Hauptfigur des Romans, überredet seine Geliebte Madeleine, sich einer solchen Kur zu unterziehen, nachdem sich diese mit einem Rivalen eingelassen hatte und an dieser Erinnerung litt. Die Kur wird durchgeführt – bis Henry allmählich erwacht und merkt, dass er die Behandlung des Dr. Heidenhoff nur geträumt hatte. Da wird ihm ein Abschiedsbrief von Madeleine überreicht, die inzwischen Selbstmord begangen hat, weil sie ihre qualvolle Scham nicht überwinden konnte. Übrigens hatte Sigmund Freud die deutsche Übersetzung dieses Romans kurz nach dessen Erscheinen zur Kenntnis genommen und Dr. Heidenhoffs Kur mit der elektrotherapeutischen Behandlung eigener Patientinnen in seine Praxis verglichen. So schrieb er am 20. Juli 1891 an seine Schwägerin Minna Bernays: „Verschaffe Dir ‚Dr. Heidenhoff’s Cur’ von Bellamy […] Es ist in phantastischer Form dasselbe, was ich tatsächlich […] mache“.[38]

Die Mentalsuggestion wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch experimentelle Untersuchungen sowjetischer Forscher in Moskau, Kiew und an anderen Orten zu einem international beachteten Diskussionsgegenstand, wobei vor allem der Leningrader Physiologe Leonid Wassiliew, ein Schüler des berühmten Neurophysiologen und Psychiaters Wladimir Bechterew, zu erwähnen ist. Das nach diesem benannte Leningrader Universitätsinstitut für Hirnforschung hatte bereits 1932 von den Sowjetbehörden den Auftrag erhalten, „die experimentelle Erforschung der Telepathie mit dem Ziel zu beginnen, nach Möglichkeit ihre physikalische Natur zu erklären“.[39] Wassiliew übernahm die wissenschaftliche Leitung. Seine späteren Publikationen, darunter auch ein 1965 in deutscher Übersetzung veröffentlichter Forschungsbericht, stießen auf großes Interesse.[40] Wie Hans-Volker Werthmann und Hans Bender in ihrem Vorwort hervorhoben, hatte Wassiliew in einem früheren Buch die Frage aufgeworden: „Gibt es ein Radio des Gehirns?“[41] Durch seine Untersuchungsergebnisse sei jedoch die „elektromagnetische Erklärungshypothese“ widerlegt.

Wassiliew unterschied zwischen der spontanen Telepathie, wobei ein Mensch etwas empfindet, was in einem anderen weit entfernten vor sich geht, und der experimentellen Telepathie, die allgemein als „Mentalsuggestion“ bezeichnet wird.[42] Charles Richet hatte 1884 als Erster versucht, „die Realität der Mentalsuggestion mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu beweisen.“[43] Dabei wurden die Forscher mit dem Problem der Unfassbarkeit der Telepathie konfrontiert, einem Phänomen, das „umso schwerer zugänglich wird, je mehr es erforscht wird.“[44] Wassiliew hob seinen Lehrer Bechterew als Pionier auf dem Gebiet der elektrophysiologischen Hirnforschung hervor, der bei telepathischen Phänomenen „als erster russischer Gelehrter die elektromagnetische Hypothese zu ihrer Erklärung benutzte.“[45] Für Wassiliew diente die „Lehre der elekromagnetischen Strahlung des Gehirns“ als Arbeitshypothese seiner Forschungen. Analog hierzu hatte der Jenaer Neurologe Hans Berger, der Begründer des EEG, angenommen, dass die elektrischen Gehirnprozesse in „psychische Energie“ transformiert würden, welche die telepathische Information übertrage. Er stützte sich auf persönliche Erlebnisse und 200 Experimente mit Mentalsuggestion.[46] Der englische Parapsychologe Frederic Myers vertrat eine „Metaäther-Hypothese“. Sie besagte, dass der so genannte metaätherische Stoff mit physikalischen Vorrichtungen nicht erfasst werden und nur von einem „lebenden Detektor“, nämlich dem „Gehirn des Rezipienten“ wahrgenommen werden kann.[47] Diese und ähnliche Theorien ließen sich jedoch nicht beweisen. Die Suche nach der geheimnisvollen Energie, so Wassiliew, gehe weiter. Seine Hoffnungen richteten sich auf die moderne Physik.

Der deutsche Okkultist Karl Spiesberger, Mitglied der Fraternitas Saturni (Kap. 49) und Förderer des nordisch-germanischen Neuheidentums, war ein Kenner der magischen Riten und insbesondere des Runenzaubers. Er gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den wenigen Vertretern dieser durch den Nationalsozialismus diskreditierten Thematik. Es ist merkwürdig, das in Wikipedia zwar ein englischer, aber kein deutscher Artikel über Spiesberger existiert.[48] Er verfasste u. a. die Schrift „Praktische Telepathie“, die er Interessierten als einen Ratgeber für den Alltag an die Hand gab.[49] Unter Stichwort „Magneto-Telepathie“ beschrieb er die Technik der Fernbehandlung und zitierte einen praktischen Arzt: „Bei der Fernbehandlung nimmt der Heiler zunächst geistige Fühlung mit dem Kranken und führt dann in Gedanken dieselben Handgriffe und Streichungen (wie bei der magnetischen Direktbehandlung) an ihm aus.“[50] Zur Untersützung der „geistigen Fühlungnahme“ werde ein „Odträger“ – Bild, Handschrift, Kleidungsstück, Haare – des Behandelten benützt. Auch dieser könne einen „Odträger“ des Behandlers zur Verstärkung der Telepathie gebrauchen. Ähnliche Möglichkeiten der Fernheilung böte die „Runen-Telepathie“, bei der „Heilrunen“ über weiteste Entfernungen hinweg zur Wirkung kämen.[51] Die neuheidnische Magie mit ihren Methoden des Heilzaubers hat gegenwärtig viele Gesichter. Sie beruft sich insbesondere auf keltische und nordisch-germanische Traditionen. Oft ist nicht zu unterscheiden – wie etwa bei Wicca –, was einer bestimmten historischen Überlieferung und was einem neu konstruierten religiösen Synkretismus entspringt (Kap. 13).


[1] Kieckhefer, 1992, S. 169. [2] Görres, 1836-1842, 3. Bd., S. 303. [3] Suhr / Seifert, 2009, S. 104. [4] http://en.wikipedia.org/wiki/Julian_Ochorowicz#Bibliography (24.07.2010). [5] Ochorowicz, 1887; 1991. [6] Ebd, S. 18. [7] A. a. O., S. 48 f. [8] A. a. O., S. 65 f. [9] A. a. O., S. 51. [10] A. a. O., S. 59. [11] A. a. O., S. 64 bzw. 67. [12] A. a. O., S. 115. f. [13] A. a. O., S. 116 ff. [14] A. a. O., S. 135. [15] A. a. O., S. 136. [16] A. a. O., S. 174. [17] A. a. O., S. 175. [18] A. a. O., S. 214 ff. [19] A. a. O., S. 244 ff. [20] A. a. O., s. 263. [21] A. a. O., S. 265. [22] A. a. O., S. 273. [23] Sigerus [1923], 2006. [24] http://gutenberg.spiegel.de/buch/1912/277 (5.1.2013). [25] Sigerus [1923], 2006, S. 116. [26] Sigerus, 1911, S. 130. [27] A. a. O., S. 132. [28] http://www.radionik.info/haege/Lichtabstrahlung.pdf (29.07.2010). [29] Sigerus, 1911, S. 136. [30] A. a. O., S. 144 f. [31] A. a. O., S. 147. [32] Brandler-Pracht, 1907. [33] Ebd. S. I f. [Vorwort]. [34] A. a. O., S. 156. [35] A. a. O., S. 157. [36] Bellamy [1880], 1890. [37] http://en.wikipedia.org/wiki/Dr._Heidenhoff%27s_Process (8.05.2012). [38] Zit. n. Maciejewski, 2006, S. 137. http://books.google.de/books?id=TQXepdxnohkC&pg=PA137&lpg=PA137&dq=dr+heidenhoff%27s+kur&source=bl&ots=rUJmB9hVIY&sig=rXiTuM118lxMr2ZFKxTXS1RTkyw&hl=de&sa=X&ei=K_GoT4L0N47ntQbEndy5BA&ved=0CFsQ6AEwBg#v=onepage&q=dr%20heidenhoff%27s%20kur&f=false (28.06.2012). [39] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41784055.html (29.06.2010). [40] Wassiliew, 1965 [41] Ebd., S. 5. [42] A. a. O., S. 15. [43] A. a. O., S. 16. [44] A. a. O., S. 17. [45] A. a. O., S. 19. [46] A. a. O., S. 158. [47] A. a. O., S. 159. [48] http://en.wikipedia.org/wiki/Karl_Spiesberger (21.07.2010). [49] Spiesberger, 1966. [50] Zit. ebd., S. 118.[51] A. a. O., S. 119.


[i] Brandler-Pracht, 1907: Titelblatt; → Abb. Brandler-Pracht 1907 http://wiki.astro.com/astrowiki/de/Datei:Brandler-Pracht_Astr-Bib.jpg (1.08.2012)