# 21. Kap. Geist und Geister: wissenschaftlich-experimentelle Beschwörungen

Der Begriff des Geistes spielte in der neuzeitlichen Medizingeschichte eine schillernde Rolle. Er betraf auf der einen Seite die unmittelbar die göttliche Instanz („Heiliger Geist“) und ihr korrespondierender Widerpart im menschlichen Intellekt, auf der anderen Seite eine Vielzahl von „Geistern“ unterschiedlicher Qualität. Die verschiedenen Dimensionen des Geistes waren für die „natürliche Magie“ von fundementaler Bedeutung. Zunächst ist die physiologische Dimension zu beachten: „Lebensgeist“ (spiritus vitae) und „Nervengeist“ (spiritus nervosus) wurden noch um 1800 in der medizinischen Fachsprache benutzt und als lenkende Impulsgeber im menschlichen Organismus gedacht. Die makrokosmische Dimension des Geistes betraf zunächst die elementarische Natur. So unterschied Paracelsus vier „Elementargeister“, was noch im 19. Jahrhundert, etwa bei Gustav Fechner, gewisse Nachklänge hervorrief. Die bösen, krankmachenden Geister wurden insbesondere in der Romantik diskutiert. Die „kakomagnetischen“ Phänomene waren nach Justinus Kerner durch Exorzismus behandelbar. Daneben imponierten den Romantikern aber auch die „Schutzgeister“, Geister Verstorbener, die manchen somnambulen „Seherinnen“ erschienen. Für den Spiritisten Andrew Jackson Davis traten die widernatürlichen Laster (evils) als Plagegeister in Erscheinung, gegen die mit Hilfe der „Mutter Natur“ angegangen werden sollte. Indem der „Geist“ bzw. die „Geister“ im Laufe der Geschichte Gott, dem Teufel, der Natur oder dem menschlichen Nervensystem zugeschrieben wurden, schienen sie ein Netzwerk zu begründen, das Irdisches und Außerirdisches, Diesseits und Jenseits, Gutes und Böses miteinander verband. Während die Romantiker noch Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem die „Hieroglyyphensprache der Natur“ entschlüsseln wollten, interessierten sich die Spiritisten eher für das Jenseits. Diese seit Menschengedenken unzugängliche Welt sollte nun mit Hilfe der „Medien“ eröffnet und gleichsam ins Diesseits übersetzt werden. Die seinerzeit modernen Telkommunikationsmittel wie Telegraphie und Telephonie standen als technologische Vorbilder Pate, um die jenseitige Geisterwelt zugänglich zu machen, zu naturalisieren. Für unsere Thematik ist die Episode der Parapsychologie mit naturwissenschaftlichem Anspruch höchst aufschlussreich, zeigt sie doch eine erstaunliche Anstrengung, das Irrationale zu rationalisieren, die flüchtigen Geister mit technischen Mitteln, nach Möglichkeit sogar fotografisch, zu bannen.

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