20. Kap./5 * Massenverbrechen

Boris Sidis veröffentlichte 1898 „The Psychology of Suggestion“ (siehe oben). Für Bechterew war dieses Buch die wichtigste Quelle für seine eigene sozialpsychologische Studie. Er bezog sich vor allem bei seiner Schilderung von verbrecherischen Massenhandlungen darauf. Die vom Anführer gegebene Suggestion verbreite sich wie ein „Lauffeuer“, sie wachse in der Menge und bringe sie „zum rasenden Handlen, zu sinnloser Erregung. […] Auf jeden neuen Anfall folgt ein noch stärkerer Paroxysmus rasend-dämonischer Wut. Die Menge ist wie eine Lawine: je mehr sie sich wälzt, desto drohender und gefährlicher wird sie.“[1] Gerade in Kriegen seien suggestive Faktoren für den Sieg entscheidend. Zwar vereinigen Disziplin und Pflichtgefühl die Truppen „zu einem einzigen mächtige Riesenkörper“, aber um seine volle Kraft zu entfalten, bedarf es der „Begeisterung durch eine suggerierte Idee“. So kann ein „suggestiver Funke“, wie etwa ein Trompetensignal oder die Marseillaise, zu Heldentaten und Selbstaufopferung führen. Und wie die Suggestion sowohl zu Heilzwecken als auch zu schädlichen Zwecken eingesetzt werden könne, so könne die Massensuggestion „zu historischen Heldentaten, wie zu den grausamsten und verwerflichsten Verbrechen“ führen.[2] Denn eine Masse mit erhabenen Zielen könne unter suggestivem Einfluss zur „wilden Bestie“ mutieren. Das klassische Anschauungsmaterial für die modernen Massenpsychologen bot die Französische Revolution, die reich an Massenverbrechen war, d. h. an Verbrechen, welche die Masse an Einzelnen beging. Der französische Kriminalpsychologe Gabriel de Tarde schilderte zahlreiche historische Beispiele.[3] Bechterew zog daraus den Schluss: „Ein hingeworfenes Wort, ein lautgewordener Gedanke, ja nur eine Handbewegung kann ausreichen, um in den Haufen die Furien der ungeheuerlichsten Verbrechen zu entfesseln, die Raum und Mord weit hinter sich lassen.“[4] Ein medizinhistorisches Beispiel, das zeigt, wie biologische und psychische Epidemien zusammengehen können, sind die Volksunruhen während der Choleraepidemien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert, bei denen Ärzte als Seuchenbringer verdächtigt und zum Teil massakriert wurden – ähnlich wie die Juden als vermeintliche Brunnenvergifter bei der Pest im ausgehenden Mittelalter.

Die Handlungsweisen der Massen widerholen sich „mit auffallender Gleichförmigkeit zu allen Zeiten und in allen Ländern“. Der plötzliche Niedergang der Moral führt dann zu „äusserster Rücksichtslosigkeit“. Die Reaktion der Massen auf eine Sugestion ist ambivalent, denn sie kann „je nach dem Inhalte der suggerierten Ideen sowohl zu erhabenen und edlen Taten, wie umgekehrt zu niederen und rohen Instinkten geleitet werden. Das ist Massenart.“[5] Der psychische Verschmelzungsprozess führe dazu, dass die Masse „wie ein Mensch“ handle: „sie bewegt sich dann wie ein ungeheurer sozialer Körper, der durch die allen gemeinsame Stimmung die Gedanken und Gefühle aller in sich vereinigt.“[6] Aber die Suggestionen wirken ähnlich, wenn sie physisch voneinander getrennte Individuen erreichen, die auf Grund gemeinsamer kultureller Eindrücke in „geistiger Verbindung“ miteinander stehen. Es komme dann zu einer „langsamen Infektion“: „aber diese langsame Infektion setzt sich umso sicherer in den Gemütern fest, während die Infektion der Menge oft nur so lange anhält, bis diese sich zerstreut.“

Bereits Bernheim hatte darauf hingewiesen, dass jede menschliche Kommunikation auf Suggestion beruhe, die somit als Normalfall zu gelten habe. Bechterew übertrug diese Einsicht auf die Massenpsychologie: Deren Phänomene kehrten „in jedem sozialen Milieu, in jeder grösseren Gesellschaft“ wieder.[7] „Zwischen den Einzelelementen solcher sozialen Sphären gehen ununterbrochene psychische Infektionen und Gegeninfektionen vor sich. Je nach der Natur der aufgenommenen Infektionsstoffe fühlt sich der Einzelne bald zum Erhabenen und Edlen, bald zum Niederen und Tierischen hingezogen.“ Dies war von kriminalpsychologischer Relevanz. Denn Bechterew betonte ausdrücklich in Anlenhung an Tarde, dass kaum Verbrechen ohne Mitwirkung Dritter begangen würden, so dass gewissermaßen Massenverbrechen eher zu finden seien, als Verbrechen ohne Beteiligung der Umgebung. „Auch in organisierten Gesellschaften führt ein blosser Wink des Oberhaupts oft mit magischer Gewalt zum Verbrechen.“

Die Bedeutung der Suggestion für die Bildung einer Masse lag nach Bechterew in zwei Faktoren: zum einen in der „Vereinheitlichung der Individuen“, zum anderen in der „Erhöhung der Aggressivität“.[8] Die Folgen von Kriegen, d. h. psychischen Epidemien, seien nicht weniger schlimm als die von Seuchen, d. h. physischen Volksepidemien. „In gewissen Fällen wirken suggestive Gifte ebenso verderblich, wie körperliche Miasmen, treiben die Völker zu verheerenden Kriegen und zur Selbstvernichtung“. Abhängig vom Milieu könnten „physische Mikroben“ nutzbringend oder schädlich sein, ebenso wie der „psychische ‚Bazillus’ der Suggestion“. Das Verhältnis von Führer und Volk, das zu weltgeschichtlicher Bedeutung gelangen könne, wurde von Bechterew eindringlich dargestellt. In den großen Demagogen, Volkslenkern, Feldherren ruhe eine innere Gewalt, „die die Massen zusammenschweißt zum Kampfe um ein Ziel, sie hinreisst zu Heldentum und sie anfeuert zu Taten, die dauernde Spuren in der Menschheitsgeschichte hinterlassen.“[9]


[1] A. a. O., S. 134. [2] A. a. O., S. 136. [3] Tarde, 1890; 2003. [4] Bechterew, 1905, S. 137. [5] A. a. O., S. 138. [6] A. a. O., S. 139. [7] A. a. O., S. 140. [8] A. a. O., S. 141. [9] A. a. O., S. 142.

 
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