20. Kap./2 * Psychische Epidemie

Die Bildung einer „Masse“ wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der Französischen Revolution vor allem nach dem bakteriologischen Verständnis von Seuchenzügen gedeutet. Der französische Arzt und Sozialpsychologe Gustave LeBon erklärte mit seinem wirkmächtigen Buch „Die Psychologie der Massen“, dessen französische Originalausgabe 1895 erschien, den Mechanismus der Massenbildung quasi naturwissenschaftlich: Ein contagion mental, ein geistiger Ansteckungsstoff, pflanze sich ungehindert fort. [1] Auch Sigmund Freud, der LeBon wie viele andere Zeitgenossen rezipierte, konnte sich unter einer „Masse“ nur einen kulturlosen, enthemmten Haufen vorstellen. Allerdings drehte er die Blickrichtung um: Nicht die Infektion von außen war für ihn letzte Ursache, sondern eine bestimmte Projektion, nämlich die Identifikation der Individuen mit einem gemeinsamen Ich-Ideal: Eine primäre Masse ist demnach eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ich-Ideals gesetzt und sich infolgedessen miteinander identifiziert haben. (Abb. [i]) Die Richtung der Übertragung verläuft horizontal von rechts nach links, im Unterschied zur Ausgießung des Heiligen Geistes in vertikaler Richtung von oben nach unten. Die Massenbildung erschien bei Freud wie bei LeBon – und ähnlich bereits zuvor bei Nietzsche – als ein hypnotischer Vorgang. So sei die Hypnose, meinte Freud, eine „Massenbildung zu zweien“.[2] Diese Vorstellung und Ausdrucksweise war keineswegs neu, wie wir noch sehen werden. Die Massenbildung konnte im Kontext des kulturkritischen Diskurses Ende des 19. Jahrhunderts nur negativ als ein psychopathologischer Zustand gefasst werden, insbesondere als „Massenhysterie“ und Auswirkung des „Herdentriebs“.

Der US-amerikanische Psychologe Boris Sidis veröffentlichte 1898 das bedeutende Kompendium „The Psychology of Suggestion“. Im drittenTeil handelte er die crowd psychology ab. [3] Die Publikationen von LeBon und Bechterew, die ungefähr zur selben Zeit erschienen, kannte er offenbar noch nicht. Es ist lohnend, die Argumentation von Sidis im Einzelnen nachzuvollziehen, da sie jene anthropologischen Annahmen um 1900 widerspiegeln, die für Medizin, Psychologie und Soziologie maßgeblich waren. Die Gesetze des Darwinismus bewirkten nach Sidis die Suggestibilität in der Tierherde. Denn wenn ein Tier Gefahr wittere, übertrage es seine Erregung auf die Artgenossen in der Herde, die dieselben Emotionen empfänden, und nur so seien sie fähig „to survive in the struggle for existence.“ [4] Somit war die Suggestibilität in der Gruppe, in der Gesellschaft, von lebenswichtiger Bedeutung, denn sie war der einzige Weg der raschen Kommunikation geselliger Tiere. Darüberhinaus wurde sie durch die „natürliche Auslese“ bevorzugt und weitervererbt. „Natural selection seizes on this variation and develops it to its highest degree. Individuals having a more delicate susceptibility to suggestions survive, and leave a greater progeny which more or less inherit the characteristics of their parents.” Suggestibilität fungiere als der “soziale Kitt” (cement of the herd) und sei die eigentliche Seele der primitiven sozialen Gruppe: “No society without suggestibility. Man is a social animal, no doubt; but he is social because he is suggestible.[5]

Eine andere Position vertrat der Neurochirurg Wilfred Trotter, einer der ersten Anhänger Freuds in England. Er veröffentlichte 1916 sein populäres Buch über den „Herdeninstinkt“.[6] Darin erklärte er den Herdentrieb oder –instinkt als primär und stellte ihn auf dieselbe Stufe wie den Selbsterhaltungs- und den Geschlechtstrieb. Der Herdentrieb lasse sich demnach nicht von der Suggestibilität ableiten, wie Sidis behauptete. Freud schloss sich ausdrücklich der Position von Trotter an und hielt es für viel einleuchtender, „daß die Suggestiblität ein Abkömmling des Herdentriebs sei“.[7] Zugleich kritisierte er Trotters Theorie, da sie die Rolle des Führers bei der Masssenbildung vernachlässige: „es fehlt der Hirte zur Herde.“ Diesen Mangel glaubte Freud mit seiner „Formel für die libidinöse Konstitution einer Masse“ behoben zu haben, wonach sich die Individuen „ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt […] haben.“ (siehe oben)

Sidis erklärte, dass die normale Gesellschaft grundsätzlich wie die Masse während einer psychischen Epidemie funktioniere. Das soziale Herdenselbst sei das suggestible unbewusste Selbst. Voraussetzung für eine soziale Aktion sei eine Spaltung zwischen der differenzierten Individualität und dem undifferenzierten Reflexbewusstsein (undifferentiated reflex consciousness). Blinder Gehorsam gelte als soziale Tugend, aber gerade er sei das Wesen der Suggestibilität, die Verfassung des ausgegrenzten unterwachen Selbst (the constitution of the disaggregated subwaking self).[8]Das unterwache soziale Selbst (the subwaking social self) entpuppes sich als „Volksdämon“ (demon of the demos). Von hier aus gelangte Sidis zu einer beachtlichen Gesellschafts- und Zivilisationskritik. Sein Hauptvorwurf war, dass die zivilisierte Gesellschaft die Individualität zermalme. Wenn immer jemand seinen Kopf über das durchnittliche Alltagsniveau erhebe, beginne die soziale Schraube zu arbeiten und ihn in die Mittelmäßigkeit zurückzupressen versuchen, „frequently crushing him to death for his bold attempt.”[9] So sei das zivilisierte Indiviuuum zu einem Automaten, einer bloßen Marionette abgerichtet worden. Für Sidis waren gesetzlich reglementierte Gesellschaften und psychische Epidemien zwei Seiten ein und derselben Medaille: Wenn die Gesellschaft in einen hypnoiden Zustand verfällt, taucht der Volksdämon an der Oberfläche des sozialen Lebens auf und versetzt den politischen Körper in Krämpfe und Raserei.[10]

Angesichts der Turbulenzen auf den Finanzmärkten unter dem Vorzeichen der Weltwirtschaftskrise im frühen 21. Jahrhundert sind Sidis’ Ausführungen erhellend. Spekulationsrausch und panische Angst waren für ihn epidemisch: „Men think in crowds, and go mad in herds.”[11]So ordnete er die Spekulationsräusche des 17. und 18. Jahrhunderts in die psychischen Epidemien der Kulturgeschichte ein, die ihm als eine ununterbrochene Kette von den Kreuzzügen bis zu den wirtschaftlichen bubbles im zeitgenössischen Amerika erschien. Spekulationsepidemien würden sich zum „highest bliss“ erheben, um dann zur
„lowest depth of misery“ zu fallen. In dieser Doppelform des sozialen Wahnsinns (folie à double forme) enthülle sich die extreme Suggestibilität des Herdenmenschen.[12] Bei den religiösen Epidemien von Erweckungsbewegungen in den USA im 19. Jahrhundert (revivalism) erblickte Sidis dieselben Phänomene wie im Mittelalter: „the contagion spreads, and thousands upon thousands prey wildly in churches and chapels, rave furiously, and fall into convulsions in camp meetings.”[13] So erzeugte der Baptistenprediger William Miller, der Mitbegründer der Adventbewegung, um 1840 eine „Miller mania“, wie Sidis sie bezeichnete.[14] Die industrielle Panik, die auf fieberhafte Spekulationen und anschließenden crash folgte, bot religiösen Bewegungen wie den Revivalists und den „Siebenten-Tags-Adventisten“ günstigen Nährboden. Zahlreiche religiöse Gemeinschaften oder Sekten gingen  aus dieser Erweckungsbewegung hervor. Am spektakulärsten war die Oneida Community, die im Geiste des „great religious revival“ von John Humphrey Noyes gegründet wurde (Kap. 49).[15] Die Metaphorik der Bakteriologie lag für skeptische Wissenschaftler nahe. So sprach Sidis etwa von „toxic germs of religious mania“ und von „poisonous microbes of the revival pest“.[16]

Die amerikanische Gesellschaft wurde als krank empfunden und mit psychiatrischen Diagnosen versehen: Sie oszilliere, so meinte Sidis, zwischen finanziellem Wahn und Anfällen von religiösem Irrsinn (attacks of religious insanity) wie zwischen Scylla und Charybdis. Sidis benutzte den vom französischen Psychiater Jean-Pierre Falret bereits 1851 eingeführten Begriff des zirkulären Irreseins (la folie circulaire)[17], um diesen dauernden Wechselzustand zwischen Manie und Depression zu charakterisieren: „American society seems to suffer from circular insanity. […] The germs of religious insanity require for their development a diseased and exhausted body politic.” [18]Sein Fazit: Solche geistigen Verirrungen stammten aus der innersten Seele (inmost soul) der Gesellschaft. Das Herden-Selbst oder Banden-Selbst (the mob self) und das suggestible unterbewusste Selbst seien identisch.[19]


[1] Lebon, 1895/1982. [2] A. a. O., S. 126. [3] Sidis, 1898, S. 297-364. [4] Ebd., S. 309. [5] A. a. O., S. 310. [6] Trotter, 1916. [7] Freud, 1921, S. 131 f. [8] Sidis, 1898, S. 311. [9] A. a. O., S. 312. [10] A. a. O., S. 313. [11]A. a. O., S. 343. [12] A. a. O., S. 349. [13] A. a. O., S. 350. [14] A. a. O., S. 356. [15] G. W. Noyes (Hg.), 1923. [16] Sidis, 1898, S. 360. [17]http://en.wikipedia.org/wiki/Jean-Pierre_Falret (9.03.2010). [18] Bechterew, 1905, S. 362. [19] A. a. O., S. 364.


[i] Freud, 1921, S. 128; → Abb. Freud Massenpsychologie

Advertisements