20. Kap. 1 * Religiöser Enthusiasmus

Die Mystik zeugte in all ihren Spielarten – von der christlichen und jüdischen Mystik im hohen Mittelalter bis hin zur Naturmystik der frühen Neuzeit und der Romantik – vom Erleben einer unio mystica, des Einswerdens mit göttlichen Mächten. Die Berichte darüber waren häufig von einem überwältigenden Lichterleben geprägt und markierten einen Wendepunkt im Leben des betreffenden Menschen (Kap. 28). Diese Lichtmetaphorik der religiösen Erleuchtung hat jedoch über das individuelle Ergriffenwerden hinaus noch eine weitere Dimension: Sie kann mehrere Menschen gleichzeitig erfassen und dadurch eine Gemeinschaft zwischen ihnen stiften. Das neutestamentliche Modell des Pfingsterlebnisses zeigt eindrucksvoll, wie dies funktioniert. Es wurde auf zahlreichen Illustrationen immer wieder nach demselben Grundmuster dargestellt: Menschen werden durch ein übermächtiges Feuer, das von einem strahlenden Brennpunkt ausgeht, gleichzeitig entflammt, angezündet, und erleben dadurch eine gemeinsame Erleuchtung. Im Neuen Testament heißt es: „Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ [1] Mit dem „Pfingstwunder“, dem Beginn der christlichen Kirche, schien die „Babylonische Sprachverwirrung“ aufgehoben: Eine geistige Gemeinschaft der Menschen, ihre spirituelle Solidarität, war gestiftet.

Der Enthusiasmus, was wörtlich Gottbesessenheit bedeutet, war eine Sonderform frommer Ergriffenheit, Begeisterung, Inspiration, die von Dichtern und Propheten besungen wurde. Vor allem das neutestamentliche Pfingsterlebnis, die Ausgießung des Heiligen Geistes, wurde in der Kunstgeschichte immer wieder als eine Ausgießung von Himmelsflammen auf die Menschenhäupter dargestellt, wie beispielsweise auf einem Gemälde von Giotto di Bondone in der Cappella Scrovegni in Padua, das Pentecoste“ (Pfingsten) betitelt ist und um 1305 entstand. (Abb. [i]) Diese Darstellung macht sinnfällig, wie der Heilige Geist im Pfingsterleben die Gemeinde stiftete. Ähnlich wird es in der Miniatur einer Florentiner Handschrift, dem Rabbula-Evangeliar, dargestellt. (Abb. [ii]) Maria steht dort inmitten der Apostel mit Flammen über ihren Häuptern, während der Heilige Geist als Taube über ihr erscheint.

Der religiöse Enthusiasmus konnte große Menschenmassen erfassen und zu ungeheuren Aktionen antreiben. Die moderne Psychiatrie diagnostizierte solche Bewegungen als „psychische Epidemie“ oder „Massenwahn“. Der russischen Psychiater Wladimir Bechterew nahm insbesondere die Kreuzzüge des Mittelalters ins Visier. Sie seien „zweifellos eine Folge der eingeimpften oder suggerierten Idee von der Notwendigkeit der Befreiung des heiligen Grabes“ gewesen, welche die „Gemüter unwiderstehlich fortriss“.[2] Für ihn war das ein Beweis für die Gewalt von „Suggestion und Wechselsuggestion“, die auf den „fruchtbaren Acker der herrschenden religiösen Verirrungen“ gefallen sei. Der Gipfel solcher Verirrungen erblickte Bechterew im Kinderkreuzzug von 1212, der als eine „Kreuzzugepidemie“ eine große Masse „hypnotisierter Kinder“ in seinen Bann schlug.[3]


[1] Apostelgeschichte 2,1-4 (http://de.wikipedia.org/wiki/Pfingsten; 12.01.2008). [2] Bechterew, 1905, S. 124. [3] A. a. O., S. 126.


[i] http://www.google.de/images?client=firefox-a&rls=org.mozilla%3Ade%3Aofficial&hl=de&source=imghp&q=giott+pentecoste&gbv=2&aq=f&aqi=&aql=&oq=&gs_rfai (13.11.2010) → Abb. Giotto Pentecoste [ii] Folio 14v of the Rabula Gospels (Florence, Biblioteca Mediceo Laurenziana, cod. Plut. I, 560); http://de.wikipedia.org/wiki/Rabbula-Evangeliar (7.01.2010); → Abb. Rabbula-Evangeliar

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