19. Kap./3 * Transplantatio morborum – die Übertragung des Übels

Durch Dämonen bewirkte Krankheiten wurden bei den Ägyptern durch Zauberei bekämpft, Verwundungen und Verletzungen durch äußere Maßnahmen wie Schienen, Verbände und  Massagen behandelt. Bei inneren Krankheiten setzte der Arzt neben Arzneimitteln, Umschlägen und Klistieren auch Zaubersprüche ein. Vermutlich kombinierte der Heilkundige alle medizinischen Vorgänge mit Zauberpraktiken, auch wenn dies nicht ausdrücklich im jeweiligen Rezept bzw. Lehrtext vermerkt ist. Viele Heilverfahren basierten auf dem Prinzip des Entsprechungszaubers, wie er in reiner Form (ohne ärztliche Maßnahmen) in der ägyptischen Heilkunde praktiziert wurde: Dieser Zauber ging von Analogien aus, z. B. davon, dass zwischen einem Neugeborenen („Nestling“) und einer frisch geschlüpften Schwalbe eine Ähnlichkeit besteht. So konnte durch die Formel „Diese Krankheit gehört jetzt der Schwalbe“ eine Übertragung des Leidens vom Menschen auf das Tier bewirkt werden.[1]

In der magischen Heilkunde galt die transplantatio morborum als therapeutisches Prinzip. Gerade die magia naturalis beschrieb unzählige praktische Methoden der Krankheitsübertragung, wozu auch die Anwendung der „Waffensalbe“ zu zählen wäre (Kap. 32).[2] Die Auseinandersetzung mit diesem Prinzip lässt sich auch am Beispiel der brieflichen Kontroverse zwischen dem Kopenhagener berühmten Anatomen Thomas Bartholinus und dem norddeutschen Arzt Hermann Grube studieren.[3] In einem langen Brief über die Krankheitsübertragung (De Transplantatione morborum epistula), der einer Abhandlung von Grube vorangestellt war, bekannte sich Bartholinus zu magischen Behandlungsmethoden und empfahl u. a. die Anwendung von Amuletten. Dabei ging er von der Sympathie korrespondierender Naturdinge aus. So ziehe ein rotes Tuch das Blut nach außen und bestimmte auf den Leib gelegte Kräuter zögen entsprechende Krankheiten heraus. Werde einem Kolikkranken ein Hund ins Bett gelegt, so heile die Krankheit „auram ex corpore morbido extrahendo“.[4] Fresse der Hund Speisereste des Kranken, so werde dieser gesund, während der Hund erkranke. Grube setzte sich recht skeptisch mit diesen Lehrmeinungen auseinander und versuchte, sie im Versuch bzw. Selbstversuch zu widerlegen. Er leugnete die Fernwirkung der Waffensalbe und wies auf die Widersprüche in der Lehre von der transplantatio hin: Im Falle der Waffensalbe sollten die wirksamen Atome von der Waffe zum Kranken übergehen, bei den aufgelegten Kräutern dagegen vom Kranken auf das Kraut. Die gelobten arcana widersprächen der ärztlichen Erfahrung, vor allem was die Fernwirkung betreffe, und seien wissenschaftlich nach Aristoteles und Descartes nicht erklärbar. „Für die wissenschaftliche Medizin ist die Magia sympathetica gestorben, doch die Magie in der Krankenbehandlung ist darum nicht tot“, stellte der Münsteraner Medizinhistoriker Karl Eduard Rothschuh fest. Sie lebe nämlich als Heilzauber in der Volksmedizin fort.[5] Diese scharfe historische Grenzziehung ist allerdings problematisch, denken wir nur an die Blütezeit des Mesmerismus und der Homöopathie im 19. Jahrhundert, zwei wichtigen Erben der frühneuzeitlichen magia naturalis.

Die transplantatio morborum durch die Zauberkraft des Wortes, rituelle Handlungen oder magische Praktiken hat sich vor allem in der Volksmedizin bis heute erhalten. Beispielhaft lässt sich dies an der Tiroler Volksmedizin, deren traditionelle Wurzeln auch heute noch lebendig sind, beobachten.[6] Am Beispiel der magisch-sympathetischen Behandlungsformen der Gelbsucht  sei aufgezeigt, wie sehr man sich deren Heilung als Krankheitsübertragung vorgestellt hat. In der Rezeptsammlung eines Südtiroler Apothekers des 20. Jahrhunderts findet sich die Anweisung: „Man schlinge ein gelbes Fehlerband (Weidenrute) um den Hals, eines um das rechte und eines um das linke Handgelenk, ebenso eines um den rechten und eines um den linken Fußknöchel und in 3 – 4 Tagen ist man geheilt, weil das Fehlerband die Gelbsucht anzieht.“[7] Der gelbe Weidenzweig befreit demnach gemäß dem simile-Prinzip den gelbsüchtigen Menschen von seinem Übel. Eine Tiroler Handschrift aus dem 16. Jahrhundert gibt eine analoge Methode an, um die Gelbsucht kleiner Kinder zu heilen: „So nimm Schellkraut und leg es dem Kind in sein Bett und leg ihm das Schellkraut auch in die Schuhe und häng ihm die Wurzeln um den Hals. Du magst ihm auch drei Tage hinterinander Schellkrautwasser zu trinken gegen. Es soll eine gute, bewährte Kunst sein.“[8] Auch hier schien die vermutete Heilwirkung plausibel zu sein. Denn dieses Kraut, u. a. auch „Schöllkraut“, „Goldwurz“, „Gilbwurz“ oder „Warzenkraut“ genannt, hatte gelbe Wurzeln, enthielt gelben Saft und zeigte gelbe Blüten, so dass man ihm das Herausziehen der Gelbsucht zutraute. Es gab auch eine Anweisung, wie man die Gelbsucht unter sich lassen könne: Vor Sonnenaufgang solle an drei Freitagen hintereinander der Urin des Kranken auf das Schöllkraut gegossen werden, wobei die Worte zu sprechen seien: „Schöllkraut, ich tränke dich, / Gelbsucht, ich senke dich, / in den Boden.“[9] Eine 45-jährige Frau aus dem Zillertal berichtete (im Jahr 2001) in einem Interview ein entsprechendes Sympathiemittel zur Behandlung der Gelbsucht: „in einem Ei ein Loch machen, dasselbe in Urin kochen und dann in einem Ameisenhaufen vergraben“.[10]

Die transplantatio morborum war auch auf Tiere möglich, ohne dass der Vorgang von einer exorzistischen Behandlung begleitet wurde, wie wir dies vom Neuen Testament kennen. Dort erlaubte Christus den „unsauberen Geistern“, „in die Säue“ zu fahren (Kap. 39).[11] In der Volksmedizin hielt man sich beispielsweise Vögel in einem Käfig im Krankenzimmer und hoffte somit, dass diese die Krankheit an sich ziehen würden – auch um den Preis, dass die Vögel dann verendeten. So heißt es in der einschlägigen Materialsammlung des Tölzer Arztes und Volkskundlers Max Höfler: „Die Turteltaube hielt sich der Gichtkranke; auch weil sie Rotlauf anziehen sollte. Der Kreuzschnabel sollte die Krankheiten des Menschen anziehen, vornehmlich die Gelbsucht, das wussten schon die Römer.“[12] Die rötlich bzw. rötlich-braune Färbung der Turteltaube ließ sie besonders wirksam bei entzündeten Gichtknoten und beim „Rotlauf“ erscheinen. Beim Kreuzschnabel, der zur Familie der Finken gehört, gibt es bestimmte Arten, die gelbes Gefieder aufweisen („Gelbfink“) und deswegen die Gelbsucht an sich ziehen sollten.

Die Übertragung der Heilkraft auf einen kranken Organismus einerseits und die Übertragung (im Schweizerischen gibt es den ordnungspolitischen Begriff der „Ausschaffung“) des pathogenen Krankheitskeimes nach außen im Sinne des Exorzismus andererseits stellen traditionelle Leitideen der Heilkunde dar. Das Eingreifen eines Krankheitskeimes etwa in Form einer krankmachenden Idee durch die imaginatio wurde als Infektion begriffen, vor der man sich zu schützen hatte. Der Übertragungsweg sollte blockiert werden. Hierfür gab es zwei Hilfsmittel: das geistige des „Gottvertrauens“ und das materielle in Form eines Amuletts (Kap. 23). Beide wurden als Schutzschild vor dem Bösen begriffen, als Verschließen einer Eingangspforte, durch die der Feind sonst eindringen könnte.

Joseph Görres bezeichnete als „dämonische Mystik” jenen großen Bereich des Bösen, aus dem Krankheiten aller Art entspringen könnten: „Der Mensch […] innerlich zur Erkenntniß des Guten, die er gehabt, auch die des Bösen in sich aufnehmend, und dasselbe durch eine äußerliche Handlung auch in sein Äußeres übertragend, hat eben darin den Gegensatz des moralisch Guten und Bösen in sein Inneres den Zugang gestattet, und nun auch dem Eingange des physischen Übels in sein Leibliches nicht zu wehren vermocht“. Görres sprach hier von einem Rapport, einer Übertragung bzw. Ansteckung oder Infektion des Bösen von einem zum anderen. „Wie um den Rapport zum physischen Übel, so wird es nun auch um den zum radical Bösen beschaffen seyn. Er kann nämlich entweder in die Persönlichkeit hinein, oder aus ihr hinaus gerichtet stehen; im ersten Falle hat er seinen aktiven Grund außer ihr und der Einschlag desselben in sie kann nun ohne ihr bewußtes Zutun in einem bloß leidenden Verhältnis, und insofern ohne ihre Schuld […] geschehen. Im anderen Falle ist der thätige Grund in ihr selbst gegeben, die directe Wirkung geht also aus ihr hervor, und das äußere Böse wird nur zur Mitwirkung herausgefordert […]. Ein Rapport auf dem ersten Wege einfallend, ist aber die Besessenheit […] auf dem anderen [Weg] aber von der Persönlichkeit ausgehend, und in das äußere Böse einschlagend, um es in Wirksamkeit zu setzen, begründet er den Zauber […] die Zaubersünde.”[13]

Anmerklung vom 28.10.2015

Görres‘ „Christliche Mystik“ (1840) ist bis heute kaum in ihrem Kontext von romantischer Naturphilolsophie und Mesmerismus verstanden worden. In einem 2009 veröffentlichten Artikel habe ich versucht, diesem Unverständnis ein Stück weit abzuhelfen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich eine Typologie der (psychologischen) Übertragung aufstellen: (1) die interpersonelle Übertragung einer heilsamen Kraft im Sinne therapeutischer Suggestionen; (2) die intrapersonelle Übertragung einer heilsamen Kraft im Sinne positiver Autosuggestionen; (3) die Übertragung krankhafter Komplexe durch den austreibenden Einfluss eines Therapeuten von innen nach außen; und (4) die Übertragung krankhafter Komplexe durch eine bestimmte Art der Selbstüberwindung, indem diese nach außen abgeleitet werden, quasi als Fremdkörper herausgezogen werden. In den „Studien über Hysterie“ (1895) von Josef Breuer und Sigmund Freud finden sich prägnante Schilderungen dieser selbsttherapeutischen Prozedur von Hysterikerinnen. Das Zauberwort hieß „Abreagieren“.[14]


[1] Schott, 1993 [a], S. 22; Westendorf, 1999. [2] Rothschuh, 1980, S. 52. [3] A. a. O., S. 57 f. [4] Zit. ebd. [5] Ebd. [6] Volksmedizin, 2001. [7] Ebd., S. 74. [8] A. a. O., S. 98; Abraham / Thinnes, 1995, S. 199. [9] A. a. O., S. 122. [10] Volksmedizin, 2011, S. 609. [11] Mk 5, 8 u. 11-13. [12] Zit. n. Volksmedizin, 2001, S. 836; Höfler, 1888, S. 154 ff. [Das Geflügel]. [13] Görres, 1840,  S. 501 f. [14] Breuer / Freud [1895], 1970; Schott, 1980.