# 22. Kap. Elektrizität und Magnetismus: Wunder der manipulierten Natur

Die Erzeugung künstlicher Elektrizität mit Maschinen und das technische Einfangen himmlischer Elektrizität in Gestalt des Blitzableiters symbolisierten in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein neues Zeitalter der Naturforschung. Diese Konjunktur der Elektrizität sorgte im Zeitalter der Aufklärung für empfindliche Erschütterungen, wobei die elektrischen Phänomene der Überlieferung entsprechend auf den Magnetismus bezogen und mit ihm identifiziert wurden. So schien bereits in der Antike die anziehende Kraft des geriebenenen Bernsteins (griechisch: elektron) der des Magneteisensteins (griechisch: magnetis lithos) zu entsprechen. Doch erst zu Beginn des 17. Jahrhundert konnten Elektrizität und Magnetismus wissenschaftlich voneinander abgegrenzt werden. In seinem wegweisenden Buch „De magnete“ (1600) gab der englische Naturforscher William Gilbert eine Methode zur Herstellung von Dauermagneten an und diskutierte die „elektrische Kraft“ (vis electrica) als Anziehungskraft, die durch Reibung bestimmter Körper hervorgerufen werde. Mit der Konstruktion zweier Apparate gelang schließlich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der technologische Durchbruch: Ab circa 1730 konnte mit einer Elektrisiermaschine, die aus einem rotierenden Glaszylinder bestand und mit einem Schwungrad angetrieben wurde, relativ einfach Reibungselektrizität mit einem Lederkissen erzeugt werden: Die „Kleistsche“ bzw. „Leidener Flasche“, die fast gleichzeitig von dem deutschen Naturforscher Ewald Georg von Kleist bzw. dem holländischen Physiker Pieter van Musschenbroek 1745 erfunden wurde, diente im Verbund mit der Elektrisiermaschine als Kondensator und Verstärker bei der elektrischen Behandlung. „Blitz“, „Funken“, „Erleuchtung“, „Strahl“ oder „Erschütterung“ beschrieben nicht nur die sinnliche Wahrnehmung der künstlich erzeugten Elektrizität, sie dienten zugleich als Metaphern für die „Aufklärung“ schlechthin, die bezeichnenderweise im Englischen Enlightenment, im Französischen Lumières und im Italienischen Illuminismo heißt.

Für manche Naturforscher, insbesondere aus dem Umfeld des Pietismus, bedeutete Elektrizität eine Art religiöse Erleuchtung, da es dem Menschen zum ersten Mal offenbar gelungen war, magische, ja, göttliche Kräfte der okkulten Natur hervorzulocken und gleichsam himmlische Geistesblitze – analog zu dem von Benjamin Franklin erfundenen Blitzableiter – einzufangen und abzuleiten. Der Religionshistoriker Ernst Benz bezeichnete diese Einstellung zutreffend als „Theologie der Elektrizität“, welche die „Physikotheologie“ oder „natürliche Theologie“ jener Epoche widerspiegelte.[1] Vor diesem Hintergrund ist die „Entdeckung“ des „animalischen Magnetismus“ von Franz Anton Mesmer zu sehen, der nicht nur von der Idee der magia naturalis durchdrungen war, sondern diese konsequent an den neuesten Stand der von Newton’scher Physik und Elektrizitätslehre geprägten (Experimental-)Wissenschaft anpassen wollte. Mit anderen Worten: Mesmer wollte die Magie der Natur nun mit Hilfe der Technik des Magnetisierens erforschen und sie Ärzten wie Laien als ein natürliches Allheilmittel zur Verfügung stellen.


[1] Benz, 1970.

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