22. Kap./1 * „Natürliche Religion“

Die „natürliche Theologie“, von David Hume, dem schottischen Philosophen der Aufklärung,   auch als „natürliche Religion“ (natural religion) bezeichnet, wollte Gotteserkenntnis durch die wissenschaftliche Erforschung der materiellen Welt gewinnen. Sie wird in der Fachliteratur üblicherweise der „Offenbarungstheologie“ gegenübergestellt, die sich direkt auf Quellen göttlicher Offenbarung, vor allem die Heilige Schrift, beruft.[1] Daraus resultiere, so der allgemeine Tenor, der Gegensatz von Glauben und Wissen oder Offenbarung und Vernunft. Dies klingt plausibel, trifft aber kaum den Kern der frühneuzeitlichen Situation, wenn wir vom Ansatz der magia naturalis ausgehen. Denn dort stehen bei aller vernunftgeleiteten Naturforschung immer auch Offenbarungen einer göttlichen Natur am Horizont der Erwartungen, die der menschlichen Vernunft übergeordnet ist und diese übersteigt. Gerade die Okkultisten und Alchemisten, die durch Experiment und Erfahrung ihre Naturforschung betrieben, vertraten nicht nur das Konzept der „natürlichen Magie“, sondern waren zumeist auch zutiefst davon überzeugt, dass sich ihnen die Natur nur durch göttliche Gnade offenbare, ja, die Naturforschung selbst eine Art Gottesdienst sei. Das Lesen in der „Bibel der Natur“ wurde zu einem gängigen Topos (Kap. 19). Viele technologischen Wunderwerke, die wissenschaftlich völlig erklärbar und insofern theologisch unbelastet schienen, vermittelten den Zeitgenossen dennoch den Eindruck, dass sich in ihnen Göttliches offenbare. Dies klingt heute paradox, war es seinerzeit aber nicht. Denn der Alchemist operierte in seinem Labor nicht nur im Sinne der „natürlichen Theologie“, sondern zugleich auch im Sinne der „Offenbarungstheologie“. Er achtete auf seine Träume und Visionen und begleitete sein Handwerk mit geistigen Übungen.

Wie Kurt Goldammer hervorhob, unterschied der „Inaugurator der deutschen Aufklärung“, der Hallenser Philosoph Christian Thomasius, „das natürliche Licht“ des Verstandes und „ein übernatürliches“ der göttlichen Offenbarung.[2] Die Vernunft habe das, was sie nicht beurteilen könne, dem übernatürlichen Licht zu überlassen, so dass sich die Dunkelheit des Verstandes und „Klarheit“ oder Erleuchtung durch Wissenschaft einander gegenüberstünden. Somit wurde nach Goldammer die alte Naturlicht-Symbolik in den Begriff der Aufklärung übergeleitet – „ein entmythisiertes und entmetaphysisiertes ‚Licht’ von rein anthropologisch-psychologischer Bedeutung, das nun als Glorie einer neuen Zeit verkündet wird“. Gegen dieses „Vernunftlicht“ protestierten freilich die Pietisten, die unmittelbar an die Licht-Symbolik des Paracelsus und Jakob Böhmes anknüpfen wollten.[3]

Der „Heiligenschein“ ist in der christlichen Tradition ein Attribut jener Gestalten, die mit göttlichem Charisma ausgestattet sind, allen voran die Heilige Familie und die Heiligen als Nothelfer. Er wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts gewissermaßen elektrifiziert. Denn durch die elektrischen Entdeckungen und Erfindungen im 18. Jahrhundert imponierten die elektrischen Phänomene zugleich auch als Geistesblitze oder als Austrahlungen der göttlichen Natur, die künstlich erzeugt werden konnten. Die Naturforschung hatte es in ihrem Selbstverständnis geschafft, eine „natürliche Theologie“ (theologia naturalis) zu entwickeln, die auf übernatürliche, metaphysische Annahmen verzichten wollte. Der Mensch konnte nun selbst mit bestimmten rationalen Techniken scheinbar Wunder wirken, die auch dann noch eine gewisse Faszination ausübten, nachdem ihr Mechanismus aufgeklärt worden war. So wurden einfallsreiche Zaubertricks auf öffentlichen wie akademisch eingegrenzten Schaubühnen vorgeführt, die je nach Arrangement beim Publikum wohligen oder gruseligen Schauer hervorriefen.

Als Musterbeispiel sei hier auf die Erzeugung eines künstlichen „Heiligenscheins“ durch Elektrizität, die sogenannte „Beatifikation“, hingewiesen. (Abb. [i]) Der Wittenberger Arzt und Physiker Georg Mathias Bose, seit 1738 Professor der Physik an der Leucorea in Wittenberg, führte zahlreiche elektrische Versuche durch und demonstrierte diverse elektrische Phänomene an isolierten menschlichen Körpern, die er zuvor „elektrifiziert“ hatte, wie zum Beispiel den „elektrischen Kuss“.[4] In einem barocken Lehrgedicht schilderte er die Entdeckung der Elektrizität in rosigen Farben und feierte die großen Forscher. Mit Bedauern stellte er fest, dass Otto Guericke zwar auf der rechten Spur gewesen sei, aber doch nicht ganz „bis zur Natur“ vorgedrungen sei: „Doch grossser Guericke hier liessest du es seyn? / Drangst nicht in der Natur verborgnen Tempel ein?“[5] Er forderte die Geistesgrößen seiner Zeit, namentlich den Philosophen Christian Wolff und den Mathematiker Leonhard Euler, dazu auf, die rätselhaften elektrischen Phänomene wissenschaftlich aufzuklären: „Auf o du grosser Wolff, auf wundervoller Euler, / […] Ihr kennet die Natur. Ja Eurer Seelen Witz / Dringt biß zu selbiger verborgnen heilgen Sitz. / Wollt Ihr, Ihr Helden, Euch nicht an die Arbeit wagen, / So wird uns niemand nicht die wahre Ursach sagen.“[6] In den 1740er Jahren beschrieb Bose ein Aufsehen erregendes Experiment, das zu einer Kontroverse führte: den künstlichen Heiligenschein durch Elektrizität. In seinem Lehrgedicht schilderte er, freilich ohne genaue technische Anleitung, wie man es bewerkstelligt, dass „der Mensch vom Kopff zur Scheitel glüht.“[7] Man könne einen Schein bis an Herz und Kopf erzeugen: „Wie man die Heiligen, ja selbst die Engel mahlt, / Wie das gemeine Volck von einem Irrwisch prahlt, / So steht mein Held alsdenn in einem Schimmer-Glantze, / In einem feurigen, fast fürchterlichen Krantze.“

Der englische Naturforscher Joseph Priestley schilderte Boses elektrisches Verfahren, womit man das Haupt der betreffenden Person „mit einem hellen Scheine, oder einer sogenannten Glorie, umgeben würde, so derjenigen gewisser maßen gleich­kommt, welche die Mahler bei Verzierung der Köpfe derer Heiligervorzustellen pflegen.“[8] Dieses Experiment habe „alle Elektrisirer in Europa“ in Bewegung gesetzt, ohne dass ein einziges gelungen wäre. Der Verdacht des Betruges sei aufgetaucht und Bose habe gestanden, dass er sich „eines ganzen Harnisches […] mit verschiedenen stählernen Zierathen“ bedient hätte und so mit sehr starker „Elektrisation“ Strahlen am Helm erzeugt hätte, „welche mit denenjenigen, die man um die Köpfe der Heiligen zu mahlen pflegt, einige Aehnlichkeit gehabt. Und hierinn bestand seine ganze so sehr gerühmte Beatification.“[9] Dieses Beispiel lässt sich in zwei Richtungen interpretieren. Zum einen: Elektrische Erscheinungen bedeuteten mehr als nur rein physikalische Ereignisse; sie wurden unwillkürlich mit göttlichem Charisma assoziiert. Zum anderen: Göttliche Ausstrahlungen wie die Gloriole konnten künstlich nachgeahmt und damit ein Stück weit in die technisch verfügbare Welt eingeordnet werdern. Technik wurde gewissermaßen religiös potenziert, religöse Symbolik dagegen mit technischen Mitteln depotenziert. Die technische Entzauberug des Numinosen bedeutete zugleich, dass die Technik selbst numinose Qualitäten annahm. Gerade die Illustrationen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts Ende des 19. Jahrhunderts verrieten vielfach die Kehrseite der modernen Apparaturen: die magia naturalis, verkörpert in mächtigen und prächtigen Frauengestalten (Kap. 14).

In der Aufklärung wurden sichtbares und unsichtbares Licht, äußerliche Erhellung und innerliche Erleuchtung zu einem wichtigen Motiv in Theologie, Naturforschung und Literatur. Im Unterschied zu denen, die eine Verobjektivierung des Lichts im Sinne von John Locke vertraten, gab es viele um 1750, die an der „ancient magic power“ des Lichts festhielten, wie der englischen Theologe William Law, ein wichtiger Exponent von Jakob Böhmes „mystical philosophy“.[10] Die sichtbare Natur erschien bei Law nur als Manifestation des göttlichen Geistes, der sich in ihr manifestiere.[11] Auch er setzte die Buchmetapher ein: Die Wahrnehmung der Natur sei “a Volume of holy instruction to us”.[12]Nach dem Sündenfall werde die sichtbare Welt aus der unsichtbaren geschaffen und der Mensch müsse sich entscheiden, ob er in dieser Welt bleiben oder aber zur unsichtbaren Welt zurückkehren wolle, dem verlorenen Ursprung – allerdings nicht durch die Vernunft (reasoning), sondern durch die „magic power […] the Working of the Will“. Hier sei nun das Licht der Erlösung entscheidend: „the necessity of opening the heart of God’s light and love”. Es gehe darum, dem ewigen Licht zu erlauben, “to reenter and transport man back to his original pure and harmonious state.”[13] Eine Verdinglichung des Lichts würde sein göttliches Wesen verleugnen. So erschien Law die Sonne nicht nur als ein Partikel ausstrahlendes Gestirn, nicht nur als ein physikalischer Himmelskörper, wie etwa dem evolutionistisch gestimmten Kulturhistoriker Norbert Elias (Kap. 4).[14] Vielmehr fasste er sie als zentrales Symbol auf, nämlich als Gegenstück zu Gottvater im physikalischen Bereich.[15]

Gerade bei religiösen Erlebnissen der Erleuchtung und Erweckung spielte die Lichtmetaphorik eine besondere Rolle. So beschrieb der Hallenser Pietist August Hermann Francke seine Bekehrung vom Unglauben zum Glauben im Jahre 1687 als ein plötzliches Erwachen: „Denn es war mir, als hätte ich in meinem Leben gleichsam in einem tiefen Schlaf gelegen und als wenn ich alles nur im Traum getan hätte und wäre nun erstlich davon aufgewacht.“[16] Er spürte „Ströme des lebendigen Wassers“ und zitierte aus dem 36. Psalm: „Denn bei dir ist die lebendige Quelle, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“[17] Genauere Angaben zu dieser Bekehrung fehlen, sie geschah wohl von heute auf morgen. In seiner Predigt „Das kündlich große Geheimnis der Gottseligkeit“ am dritten Weihnachtsfeiertag 1698 im Ausgang vom Johannesevanglium malte er die Erscheinung des göttlichen Lichts aus. Dabei knüpfte er an den Schlüsselsatz an „Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht begriffen.“[18] Die verblendeten Menschen, die „in der Blindheit ihres Sinnes“ dahingingen, würden in der „ewigen Finsternis“ verderben, wenn sie nicht das Licht Gottes, nämlich Jesus Christus, fänden.[19] Es gebe „außer Christo“ keine Erleuchtung.[20] „Er ist das Licht, das in die Welt kommen ist, alle Menschen zu erleuchten, und in einer solchen niedrigen Gestalt erscheint, daß die Welt ihn nicht kennt.“[21] Das göttliche Licht, das ewige Wort Gottes, habe „die menschliche Natur von der Jungfau Maria“ zur Hütte genommen.[22] Dies erinnert an Paracelsus, der vom „Licht der Natur“ und „Licht Gottes“ sprach und damit allerdings eine Hierarchie meinte, deren Instanzen grundsätzlich nicht im Widerspruch zueinander standen (Kap. 33). Francke dagegen stellte dem „herrlichen Licht“ Jesu Christi das Licht der „verderbten Natur“ gegenüber, welches nicht „auf den rechten Weg“ leite.[23] Er war Theologe und kein Naturforscher. Die Idee der magia naturalis lag nicht in seinem Blickfeld.


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Nat%C3%BCrliche_Theologie (6.01.2011). [2] Zit. n. Goldammer, 1960, S. 681. [3] A. a. O., S. 682. [4] http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:FwZx19OriLUJ:www.worldlingo.com/ma/dewiki  /de/Georg_Matthias_Bose+mathias+bose+beatification&cd=1&hl=de&ct=clnk&gl=de&client=firefox-a (24.01.2011). [5] Bose, 1744. [6] Ebd. S. XXXVI. [7] A. a. O., S. XXXIII. [8] Priestley [1772], 1983, S. 101. [9] A. a. O. S. 102. [10] Cantor, 1985, S. 76. [11] A. a. O., S. 78 f. [12] Zit. a. a. O., S. 79. [13] Zit. a. a. O., s. 81. [14] Elias, 1996, S. 1036. [15] Cantor, 1985, S. 90 ff. [16] Selbstzeugnisse […], S. 23. [17] A. a. O., S. 24. [18] http://l12.bibeltext.com/john/1.htm (14.01.2010): Johannes 1,5. [19] Selbstzeugnisse […], S. 46. [20] A. a. O., S. 47. [21] A. a. O., S. 48. [22] A. a. O., S. 49. [23] A. a. O., S. 51 f.


[i] Rackstrow, 1748; Schott (Hg.), 1998, S. 223; → Abb. Beatifikation

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