22. Kap./2 * Theologie der Elektrizität

Mit der Erzeugung der künstlichen Elektrizität und ihren funkensprühenden Leuchteffekten schien nun das göttliche Licht für die Menschen greifbar zu werden. Kaum ein Wissenschaftshistoriker hat die theologischen Implikationen dieser neuen elektrischen Welt so eindrucksvoll herausgearbeitet wie der evangelische Theologe Ernst Benz, der damit vor allem auch die Vorgeschichte des Mesmerismus erläutern wollte. Er war ein Kenner der Mesmer’schen Lehre und ein Verehrer des Meisters (Kap. 24), was er zuletzt dadurch unterstrich, dass er sich selbst 1978 in unmittelbarer Nähe von Mesmers Grabmal auf dem Meersburger Friedhof beeerdigen ließ. Magnetismus und Elektrizität seien damals „als die sinnfälligste Darstellung der verborgenen Gegenwart der göttlichen Kraft in der Welt“ und als „ein neues Symbol Gottes“ erschienen.[1] Der Magnet symbolisierte mit seiner rätslehaften Anziehungskraft die göttliche Liebe, wobei bereits bei Athanasius Kircher die „persönlichen Elemente seines Gottesgedankens immer mehr zurücktreten und dafür die unpersönlichen Elemente der Auffassung Gottes als einer alles durchdringenden und alles belebenden, gestaltenden und erhaltenden Kraft und Strahlung sich mehr und mehr durchsetzten.“[2] Es habe sich also eine „pansophische Naturtheologie“ als „Übergang zu dem Evangelium Naturae Mesmers“ herausgebildet. Diesem bescheinigte Benz ein „intuitives Naturgefühl und eine ganz außergewöhnliche charismatische Begabung.“[3]

Ernst Benz illustrierte die „Theologie der Elektrizität“ vor allem an den „elektrischen Theologen“ Christoph Friedrich Oetinger, Johann Ludwig Fricker und Prokop Divisch (auch Diviš oder Diwisch). Der Theologe Oetinger war ein berühmter württembergischer Theosoph und Pietist, der den württembergischen Pfarrer Fricker beeinflusste, während der katholische Prister und Prämonstratenser Divisch in Mähren wirkte. Letzterer wurde durch Frickers Vermittlung mit Oetinger bekannt, woraus sich eine tiefe Freundschaft entwickelte. Oetinger war offenbar von Divischs Einsichten in die Geheimnisse der Elektrizität überwätligt, und„sah in ihm den wahren ‚Magier aus dem Orient’“.[4] Seit den 1740er Jahren führte er als Pfarrer einer kleinen Gemeinde meteorologische Experimente durch und erfand, unbeachtet von der Öffentlichkeit, noch vor Benjamin Franklin den Blitzableiter.[5] Als er 1755 Kaiser Franz den Vorschlag unterbreitete, auf der kaiserlichen Residenz, der Wiener Hofburg, Blitzableiter anbringen zu lassen, stieß er auf Ablehnung. Auch in seiner eigenen dörflichen Pfarrgemeinde erging es ihm nicht anders. Man hielt den auf dem Pfarrhof angebrachten Blitzableiter für Teufelswerk: „Als im Jahr 1755 eine große Dürre eintrat, wurde dies allgemein dem Blitzableiter des Pfarrers Divisch zugeschrieben, der alle Elektrizität aus der Luft in die Erde leite und so den Regen verhindere, und eines nachts wurde der pfarrherrliche Blitzableiter von unbekannten Tätern bis auf den Grund zerstört.“[6] Der Blitzstrahl insbesondere in Kirchtürme wurde traditionell als göttliche Warnung gedeutet. So entspann sich eine Diskussion, ob Blitzableiter, die ja in die Allmacht Gottes eingriffen, erlaubt seien. Im Zeitalter der Aufklärung konnte sich der nutzbringende Blitzableiter letztlich durchsetzen.

Der Pietist Oetinger identifizierte das Licht des ersten Tages mit dem Spiritus mundi oder dem „electrischen Feuer“. Dieses sei in allen Dingen verborgen, ein feuriges Lebenselement, das von Gott in diese hineingegossen worden sei. „Alle körperlichen Wesen haben Geisteskräfte in sich, welche erregt werden können, daß sie von ihnen ausfliessen und sich mittheilen.“[7] Fricker sprach von einer „Selbstbewegung in der Natur“, die „im electrischen und elementarische Feuer“ sei.[8] Es lag auf der Hand, dass dieses „Feuer“ mit seinen theologisch-spirituellen Konnotationen gerade Pietisten faszinierte: Es gab der Materie Geist und Leben. Oetinger merkte an, dass schon „die alten Weltweisen“ diesen Naturgeist erkannt und ihm verschiedene Namen gegeben hätten: „ignis elementaris“, „ignis electricus“, „Archaeus“ oder „Spiritus mundi“.[9] Jetzt aber sei eine neue Zeit angebrochen: „Nun aber, da Gott seine wunderbahre und erstaunliche Geheimnisse der Natur, vermittelst der electrischen Experimente und der Wissenschaft derselben, der Welt etwas näher geoffenbahret hat, so kan man viele Ding in der Natur, die vorhin verborgen waren, gewisser abmessen und deutlicher erklären.“ Oetinger deutete den göttlichen Feuerblitz (Chasmal), den Prophet Ezechiel in seiner Vision vom Thron Gottes als glänzender Feuerwolke wahrgenommen hatte, als elektrisches Feuer. War dieses selbst Ausdruck des Wesens Gottes oder war es eine geschaffene Kraft? Oetinger habe sich hier, wie Ernst Benz meinte, „in den gefährlichen Bereich der Emanationslehre [begeben], in der der Unterschied zwischen Schöpfer und Schöpfung verwischt wird.“[10] Er zog sich aus der Affäre, indem er zwei Stufen in der „Herrlichkeit Gottes“ unterschied: die „gloria Dei primitva“ ist der in Gott selbst beschlossene Lichtglanz, während die „gloria dei derivata“ dessen Ausstrahlung, Abglanz betrifft.

Die „Theologie der Elektrizität“ hatte tief greifende Folgen für die Anthropologie. Nicht die Seele, sondern das „Naturfeuer“ als „elektrisches Feuer“ war das primär belebende Element. Deshalb habe man dieses Naturfeuer, wie Fricker es formulierte, „dessen die Arzneyen in gewisser Masse theilhaftig sind, für den allgemeinen Lebensbalsam, oder die höchste Tinktur zu halten“.[11] Ernst Benz stellte vor diesem ideengeschichtlichen Hintergrund heraus, dass Oetinger „der erst deutsche Gelehrte von Rang“ gewesen sei, der die frühen Veröffentlichungen Mesmers kannte und sie mit seiner Theorie der Elektrizität, des „Naturbalsams“, in Verbindung brachte.[12] Es ist interessant, dass bereits Divisch die Elektrizität als „Lebenskraft“ benutzte, um Kranke zu behandeln. Insbesondere setzte er sie gegen Lähmungen ein. Seine Methode erinnert an die „Electrische Medicin“ von Johann Gottlieb Schäffer (siehe unten): „Es ist oft geschehen, daß ich in einer halben Stunde, oder auch nach Beschaffenheit der Umstände in einer längeren Zeit einen paralytischen Kranken durch meine Elektrisation gesund gemacht habe, welches die ordinaire Medicamenten [sic] nicht ausrichten konnten. […] Weilen nun die kranke und fast todte Glieder ihr Leben durch die Electrisation, worinn das natürliche Feuer besteht, bekommen, so folget der natürliche Schluß, daß dieses Feuer das Leben des irdischen Menschen und nicht die geistliche Seele seye“.[13] Das „electrische Feuer“ werde, wie Oetinger anmerkte, zum „wahren Balsam der Natur“, das dem Kranken „eingeblasen“ werden könne, um sein dahinschwindendes Lebensfeuer zu verstärken. Der „grosse Divisch“ habe „in der Electricité erreicht, was in der Chemie von dem Alcahast [sic], als dem höchsten solvente erreicht werden kan“.[14] Alkahest galt in der Alchemie als universales Lösungsmittel, das auch mit dem aus dem Stein der Weisen gewonnenen „Lebenselixier“ identifiziert wurde.

An die Stelle des alchmistisch herzustellenden „Lebenselixiers“ ist nun der „Balsam der Natur“ (balsamum naturae) als elektrisches Feuer getreten. Oetingers Begeisterung für Divischs Elektrizitätslehre kommt auch in einem Registereintrag zum Ausdruck: „Divisch, ein grosser Electricus, macht die Magie klar“.[15] Dieser positive Magiebegriff im Diskurs der Theologen bezieht seine Legitimation aus der Religionsgeschichte. Es ging ihnen um die Wiederentdeckung der „wahren Magie“, wie sie die Könige David und Salomon noch besaßen und die „durch Entartung des christlichen Glaubens“ verloren gegangen sei. Durch die Elektrizität sahen sie die Chance, die Magie als eine „Wissenschaft der verschiedenen Feuer“ neu zu begründen. So schrieb Oetinger in einem Brief an Divisch: „Der Name Magie kommt vom arabischen Wort Magasch, das Anzündung bedeutet. Du also bist der, der die Geheimnisse der Entzündung, das ist der Magie besitzt.“[16]

Der Münchner Arzt und Philosoph Franz von Baader griff um 1800 auf die Metaphorik von Licht, Feuer und Blitz zurück, die er weniger auf die zeitgenössiche Elektriztätslehre als vielmehr auf die Theosophie Jakob Böhmes bezog. Mit seinem Schreiben „Ueber den Blitz als Vater des Lichts“ richtete er sich „an den geheimen Hofrath von Jung“, also den Augenarzt und pietistischen Schriftsteller Johann Heinrich Jung-Stilling, der seinerzeit in Karlsruhe von einer Pension des Badischen Großherzogs lebte.[17] Baader wollte aufzeigen, wie das innere Leben der Menschen zugleich mit einem kosmischen verbunden sei, auch wenn dies zumeist vergessen werde. Er erinnerte daran, „daß doch auch dieses ihr innres Leben nicht minder jeden Augenblick das Geschöpf von gewissen Elementaraktionen höherer Ordnung […] ist“, wovon er sich „keinen Augenblick losmachen“ könne.[18] Baader nahm ausdrücklich auf Jakob Böhme Bezug: „auch in einer längst vergessnen oder vielmehr nie verstandnen Feuer- und Lichttheorie eines alten deuschen Schriftsteller“ gebe es einen auffallenden Parallelismus „dieser inneren Elementaraktionen höherer Ordnung mit denen der äussern“. Er entwarf ein Modell der Interaktion zwischen drei Instanzen: zwischen der „Signatur des dunklen Brennens (finstern Feuers)“, der des „Lichts, stralend (stille durchdringend […])“, und der des „Blitzes […] gebrochen und zakigt“.[19] Baader wollte zeigen, „daß im Finsterfeuer ein zur freien Offenbarung Strebendes noch gehemmt, im Blitz kämpfend durchbricht, und erst im (als) Licht seine freie und eben darum ruhige und stille Offenbarung […] erreicht hat.“[20] Aber man habe „den Bliz, als den Vater des Lichts“ übersehen, der dieses „aus der Finsterniß in sich gebiert, und durch welchen selbes wieder erlischt“. Er zitierte Böhmes Festellung, dass „nur das Zweit- oder Wiedergeborne Leben, wahres, vollendetes (ewiges) Leben ist“.[21] Mit den Ausdrücken „innewohnen“ und „durchwohnen“ wollte Baader auf den merkwürdigen Umstand verweisen, dass Gott oder der Geist dem Leibe des Menschen zwar innewohne, aber zugleich „als unbegreifliche, unfassbare Macht“ ihn „frei und unbeschränkt“ durchwohne.[22] Als „bildendes Licht“ habe dann „der Bliz oder Vater“ eine Stätte zu seiner „Inwohnung“ gefunden, „daher nun sein stilles, befriedigtes Bleiben (Innebleiben)“.[23]


[1] Benz, 1970, S. 7 (691). [2] A. a. O., S. 14 (698). [3] A. a. O., S. 16 (700). [4] A. a. O., S. 31 (715). [5] A. a. O., S. 32 (716). [6] A. a. O., S. 36 (720). [7] Zit. a. a. O., S. 47 (731). [8] Zit. ebd. [9] A. a. O., S. 49 (733). [10] A. a. O., S. 52 (736). [11] Zit. a. a. O., S. 59 (743). [12] A. a. O., S. 69 (753). [13] Zit. a. a. O., S. 75 (759). [14] Zit. a. a. O., S. 80 (764). [15] Zit. a. a. O., S. 92. (776). [16] Zit. a. a. O., S. 93 (777). [17] F. v. Baader, 1815; http://de.wikipedia.org /wiki/Johann_Heinrich_Jung-Stilling (12.05.2012). [18] F. v. Baader, 1815 [Vorspann]. [19] A. a. O., S. 3. [20] A. a. O., S. 7. [21] Zit. a. a. O., S. 8. [22] A. a. O., S. 10 f. [23] A. a. O., S. 15.