22. Kap./3 * Elektrische Zauberkünste [+ Audio]

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Die als sensationell empfundene Elektrizität verlockte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu illustren Schauexperimenten vor einem staunenden Publikum. Auch in der Medizin fand die Elektrizität rasch Eingang in Forschung und Therapie, wie wir weiter unten sehen werden. Sie stimulier­te neurophysiologisches Denken und elektro­therapeutische Prozeduren gleichermaßen. Die Entstehung des „thierischen“ oder „animalischen Magnetismus“ ist ebensowenig ohne die Implikationen der „elektrischen Medizin“ denkbar wie der Galvanismus, der etwa ein Jahrzehnt nach dem animalischen Magnetismus in den 1880er Jahren auf den Plan trat. Die illustren Spiele mit dem „elektrischen Feuer“ spiegeln jene Mischung von Experimentierfreude, Faszination und Belustigung wider, womit Ärzte und Natur­forscher als Zauberkünstler auf die Bühne traten. Die Faszination der künstlichen Elektrizität verdankte sich einer religiösen Quelle: Der Mensch schien erstmals die göttlichen Kräfte der Natur hervorrufen und für seine Zwecke einsetzen zu können.

Um 1780 gab es eine Hochkunjunktur für Zauberkünstler aller Art. Bühnenshows, Salonkunststücke, Massenspektakel galten als Attraktion und fanden zumindest vorübergehend großen Zulauf. Über den schottischen Arzt und Gesundheitsapostel James Graham wird an anderer Stelle berichtet (Kap. 45). Der deutsche Zauberkünstler und Privatgelerte Gustav Katterfelto schlug zur selben Zeit wie Graham das Londoner Publikum in seinen Bann. Während einer grassierenden Grippeepidemie konnte er dem staunenden Publikum mit Hilfe seines Sonnenmikroskops die „seltsamen Insekten“ zeigen, die vermeintlich die Infektion auslösten.[1] Er bediente sich einer magischen Laterne, welche mikroskopische Objekte stark vergrößert auf eine Projektionsfläche projizierte und somit gleichzeitig für eine Menschenmenge sichtbar machte, was einen ungeheuren Eindruck hinterließ. In seinen Vorlesungen stellte Katterfelto eine ganze Reihe von Experimenten an: u. a. mathematische, optische, magnetische, elektrische, physikalische, chemische und pneumatische. Seine Auftritte garnierte er mit dem Schlachtruf: „Wunder! Wunder! Wunder!“ Katterfelto wollte die natürliche Magie voranbringen, „eine nützliche Disziplin, die einer sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft durch Aufdecken bislang verborgener Zusammenhänge praktisch verwertbares Wissen vermittelt.“[2] Für ihn waren die „Wonders of Nature“ ein Gegenstand des Entzückens und sicherlich auch des Triumphs. Denn er konnte die Wunderwerke der göttlichen Vorsehung (the wonderful works of Providence) sichtbar machen. Ein Bewunderer Katterfeltos dichtete 1790:

„Strange Wonders hid from human sight,

His Microscope can bring to light,

The works of God, unseen by eyes,

The means of seeing, this supplies,

All haste to him, whilst here he stayes.

Then sing, like me, the Doctor’s Praise.“[3]

Die Wunder der Natur sollten als Werke Gottes erkannt und anerkannt werden. Die Menschen auf Erden lebten in dieser Welt in Dunkelheit, wenn sie nicht „jene wundervollen Werke des Schöpfers“ (those wonderful works of our Maker) sehen könnten. Gerade die Zauberkünste sollten Licht in diese Dunkelheit bringen und Aufklärung schaffen. So sah sich Katterfelto in der Rolle eines göttliche Geheimnisse offenbarenden Künstlers, der wie ein Geistlicher seiner Gemeinde die Augen zu öffnen hatte. Die Zuschauer verhielten sich angeblich durchaus diesem Selbstbild entsprechend und hätten sich ihm genähert, „als ob es darum gegangen sei, zumindest den Saum seines Gewandes zu berühren.“

Was konnte dem Anspruch, die Wunder der Natur zu offenbaren, mehr entsprechen, als die Funken sprühenden Experimente mit der Elektrizität! Friedrich Schiller hat in seinem unvollendeten Schauerroman „Der Geisterseher“ (1787/88) die abgründige Nachtseite der Aufklärung, ihre Dialektik von Vernunft und Irrsinn, meisterhaft beleuchtet (Kap. 6). Es kam zu spektakulären Experimenten in kleineren Zirkeln und vor großem Publikum. Elektrische Demonstrationen, die nicht zu therapeutischen Zwecken dienten, umfassten Tierversuche, Selbstversuche und Versuche mit einzelnen oder mehreren Menschen. Die elektrischen Schläge konnten sehr heftig ausfallen, wie der Hallenser Medizinprofessor Johann Gottlob Krüger 1745 anmerkte: „Wer hätte es […] für [vor] einem Jahr dencken sollen, daß ein Electrischer Funcken vermögend wäre dem stärcksten Mann einen Degen aus der Hand zu schmeisen“.[4] Manche Naturforscher unternahmen Versuchsserien an Tieren, um die tödliche Dosis zu ermitteln. So berichtet der englische Naturforscher Joseph Priestley: „Am 19ten Junius [1766] brachte ich eine ziemlich große junge Katze, durch die Entladung einer Batterie von drey und dreyßig Quadratfuß, um das Leben […]. Am 21sten Junius tödtete ich eine kleine Spitzmaus, vermittelst der Entladung einer Batterie von sechs und dreyßig Quadratfuß“.[5]

Ein besonders spektakuläres Gruppenerlebnis bot die elektrisierte Menschenkette, die Priestley unter die „belustigendsten elektrischen Experimente“ einreihte: „Wenn eine einzige Person den erschütternden Schlag bekommt, so macht sich die Gesellschaft auf deren Kosten lustig; alle aber tragen zu dem Vergnügen mit bei, […] wenn die ganze Gesellschaft sich in einen Kreis stellet, indem sie einander anfassen, und alsdann der Elektrisirer denjenigen, der sich an dem einen Ende des Kreises befindet, eine mit dem Ueberzuge der [Leidener] Flasche communicirende Kette halten und unterdessen dem an dem anderen Ende des Kreises Stehenden den Draht berühren läßt. Da alle […] zu gleicher Zeit und von einerlei Kraft getroffen werden, so ist es oft ein Vergnügen, mit anzusehen, wie sie in ein und demselben Augenblicke plötzlich auffahren“.[6] Solche Spektakel der Überrumpelung und Belustigung, wie sie auch Schiller im „Geisterseher“ geschilderte hat, waren offenbar gesellschaftsfähig.


[1] Rawert, 2009. [2] Ebd. [3] Zit. n. Paton-Williams, 2008, S. 55. [4] Krüger, 1745, S. 9. [5] Priestley [1772], 1983, S. 429. [6] A. a. O., S. 372.

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