22. Kap./4 * Elektrische Medizin, magnetische Kuren

Als Begründer der Elektrotherapie wird heute der deutsche Naturforscher Christian Gottlieb Kratzenstein angesehen, ein Schüler des seinerzeit in Halle wirkenden Medizinprofessors Johann Gottlob Krüger. Kratzenstein empfahl in seiner kämpferischen „Abhandlung von dem Nutzen der Electricität in der Arzneywissenschaft“ von 1744 die „Electrification“ der Kranken ausdrücklich als ein Allheilmittel („Panacee“).[1] Ihre Heilwirkung beruhe darauf, dass sie die Stauungen der Körpersäfte, vor allem die des Blutes, auflöse, indem sie Schwefel und Salzteilchen austreibe. Somit sei die „Electrification“ angezeigt bei „Dickblütigkeit“, „Kongestionen“ (das heißt Säftestauungen) aller Art, wie zum Beispiel Kopfschmerz, Schnupfen und Brustbeschwerden sowie bei Fieber und sogar der Pest.

Der Regensburger Arzt Johann Gottlieb Schäffer fasste in seinem Lehrbuch „Die Electrische Medicin“ den theoretischen und praktischen Stand der zeitgenössischen Elektrotherapie zusammen.[2] Wie Kratzenstein hielt er die „Kongestionen“ des Blutes durch die elektrische Kur für heilbar. Hauptindikation seien jedoch die „gelähmten Glieder“. Angriffspunkte des Elektrisierens seien Muskeln und Nerven, welche alle Körperbewegungen verursachten. Diese Erkenntnis hatte der Naturforscher und Univeralgelehrte Albrecht von Haller seinerzeit mit dem Begriffspaar „Irritablität“ und „Sensiblität“ tierexperimentell begründet.[3] Dabei verhalte sich, so Schäffer, der Muskel zum Nerven wie das Rad einer Maschine zur Antriebskraft, welche dem „Nervensaft“ oder „Nervengeist“ entspreche. Die Elektrotherapie wurde somit neurophysiologisch begründet: „Was der Nervensaft natürlicherweise durch seinen Einfluss in die Muskeln thut; das verrichtet die Electricität auf eine künstliche Art, und dieses alles um so mehr, weil die electrische Materie in vielen Stücken mit dem Nervensaft viele Aehnlichkeit und fast einerlei Eigenschaft zu besitzen scheint.“[4]

Schäffer schilderte, wie er durch Elektrotherapie einer 56-jährigen Frau „cholerischen Temperaments“ helfen konnte, die durch einen „Schlagfluss“ auf einer Seite gelähmt war: „Ich wickelte die, an die drey Flaschen gewundene, und im Wasser sich befindende, meßingene Kette um den gelähmten Fuß; den gelähmten Arm aber brachte ich an die vor dem Bette in seidnen Schnüren schwebende metallene Röhre. Jedesmalen ließen sich nicht nur die Funken sehr lebhaft sehen, und mit einem dicken Knalle hören; sondern auch bey jedem Schlage eines erregten Funkens bewegte sich der lahme Fuß. Diese electrische Erschütterung nahm ich fast täglich eine 4telstunde lang vor […]. Nach der ersten Woche merkte man […], daß die Empfindung in den gelähmten Gliedern sich wieder einstellete.“[5] Das Frontispiz der Publikation zeigt das betreffende Arrangement dieser Behandlung. (Abb. [i]) Schäffers Vorschlag ist bemerkenswert, elektrisierte Substanzen als „electrische Arzney“– wie in einer Trinkkur – zu verabreichen: Wasser, Wein und Tee könnten leicht elektrisiert und dem Patienten dargereicht werden, wobei der elektrisierte Wein „einen viel stärkeren Geruch von sich giebt, auch eher berauschet, als ein unelektrisirter“.[6] Ähnliche Praktiken waren im Mesmerismus und Galvanismus üblich, wo im Allgemeinen „magnetisiertes“ beziehungsweise „galvanisiertes“ Wasser als heilkräftig galt und vielfach als Lebenselexier angepriesen wurde. In Analogie zur äußeren Anwendung des Wassers erfand man „galvano-elektrische“ Wasserduschen und das „elektrische Bad“, das in den 1780er Jahren in einer Buchillustration dargestellt wurde.[7] (Abb. [ii])

Die Phänomene der Elektrizität regten den Erfindungsgeist der Naturforscher und Ärzte an. Das spektakulärste Konzept schuf der vom Bodensee stammende Wiener Arzt Franz Anton Mesmer: Sein „animalischer“ oder „thierischer Magnetismus“ (Mesmerismus) gilt heute als Wegbereiter der modernen Psychotherapie einschließlich der Psychoanalyse und wird weiter unten genauer vorgestellt (auch Kap. 24). 1786 glaubte der italienische Arzt und Naturforscher Luigi Galvani mit seinen „zuckenden Froschschenkeln“ eine „thierische“ oder „animalische Elektrizität“ nachweisen zu können. Das Rätsel des „Nervengeistes“ oder „Nervenfluidums“ schien gelöst. Doch erst die darauf folgende Entdeckung der Kontaktelektrizität zwischen zwei sich berührenden verschiedenartigen Metallen durch den italienischen Physiker Alessandro Volta ermöglichte es, klar zwischen der Elektrizität des lebendigen Organismus und derjenigen der Metalle zu unterscheiden. Letztere wurde nun in der Voltaschen Säule, der ersten Batterie, gespeichert und konnte durch Elektroden („Konduktoren“) auf kranke Organe – insbesondere gestörte Sinnesorgane – abgeleitet werden. In einer Schrift zur medizinischen Anwendung des Galvanismus bei Nervenlähmungen wurden die elektrische Behandlung einer blinden jungen Frau (Abb. [iii]) und die eines jungen tauben Mannes (Abb. [iv]) illustriert. Der Autor dieser Schrift war der Arzt Christian Heinrich Ernst Bischoff. Er gehörte zu jenen Naturforschern in Jena − allen voran Johann Wilhelm Ritter −, die unter dem Vorzeichen der romantischen Naturphilosophie um 1800 elektrische Experimente durchführten. 1818 wurde Bischoff als Professor für Pharmakologie und Staatsarzneikunde an die neugegründete Bonner Universität berufen, die als preußische Reformuniversität Medizin und Naturforschung im Geist der romantischen Naturphilosophie voranbringen sollte.[8]

Der Galvanismus beflügelte um 1800 nicht nur romantische Naturforscher – wie etwa den erwähnten Physiker Ritter – in ihren naturphilosophischen Spekulationen, sondern auch praktizierende Ärzte. So setzte der amerikanische Arzt Elisha Perkins 1795 seine „metallic tractors“ ein, die aus einer hufeisenförmigen Gabel aus Messing und Eisen bestanden. Sie sollten direkt die animalische Elektrizität, die sich in den kranken Körperteilen aufzustauen schien, ableiten und entladen. Die Begründung des Elektromagnetismus durch den englischen Naturforscher Michael Faraday um 1830 löste schließlich den Galvanismus ab und initiierte unter anderem die moderne Elektrotherapie („Faradisieren“), wie sie der französische Neurologe Duchenne de Boulogne um 1850 begründete.[9] Die therapeutische Anwendung der Elektrizität umfasst heute eine Vielzahl von anerkannten Verfahren, unter anderem die Diathermie (zum Beispiel Kurzwellenbehandlung) oder die Elekrokrampftherapie, worauf hier nicht näher einzugehen ist.

Im frühen 19. Jahrhundert nahm der Begriff der natürlichen Magie eine besondere Färbung an. Mit Hilfe innovativer technologischer Vorrichtungen konnten einerseits magisch erscheinende Effekte künstlich produziert werden, andererseits dienten solche technischen Inszenierungen wiederum als Enthüllungsinstrumente und sollten das staunende Publikum über die tatsächlichen Zusammenhänge aufklären. So verfasste der schottische Physiker und Erfinder des Kaleidoskops David Brewster „Briefe über die natürliche Magie“ (Letters on Natural Magic). Sie enthielten zahlreiche erläuternde Kupferstiche und waren an seinen Landsmann, den Dichter Sir Walter Scott, gerichtet.[10] Es handelte sich um ein regelrechtes Aufklärungsbuch, das Magie auf Zaubertricks zurückführte. So beschrieb Brewster alle möglichen Sinnestäuschungen, die mit Hilfe von technischen Erfindungen hervorgerufen werden konnten: Gespenster, Automaten, mechanische Tiere, wie etwa Vaucasons „künstliche Ente, welche […] noch fressen, saufen und sich bewegen“ konnte.[11] Auch chemische Experimente, wie etwa Gasexplosionen erzeugt werden konnten, schilderte Brewster ausgiebig. Interessant ist seine Darstellung einer klassischen „kataleptischen Brücke“, wie sie im späteren Hypnotismus bezeichnet wurde, auf den er sich selbstverständlich noch nicht beziehen konnte. (Abb. [v]) Vielmehr bezog er sich auf die legendäre Gestalt des Firmus, eines bärenstarken römischen Kaufmanns in Ägypten, der im 3. Jahrhundert lebte und dessen Beweise seiner Stärke bestimmte „Künstler“ im frühen 18. Jahrhundert zur Nachahmung anregten. So berichtete Brewster von einem gewissen Johann Carl von Eckeberg, der als „Simson“ in Europa umherreiste und seine Stärke demonstrierte.[12] Im besagten Experiment konnten sich ein oder zwei Mann auf seinen Bauch stellen oder ein Stein konnte auf seinen Bauch gelegt und mit einem Schmiedehammer zertrümmert werden. Die Kunststücke konnten angeblich von einer englischen Untersuchergruppe, darunter der bekannte Arzt Sir John Pringle, mit mechanischen Grundsätzen erklärt und reproduziert werden. Die Magie entpuppte sich somit als „natürlich“, nämlich mechanisch erklärbar. Aufklärung, d. h. Zurückführung der Phänomene auf wissenschaftlich erklärbare Gesetztmäßigkeiten, war das Ziel solcher Bücher über natürliche Magie, die in den Jahrzehnten um 1800 ein großes Lesepublikum erreichten.[13] Sie boten Literaten von Friedrich Schiller bis Edgar Allen Poe phantastischen Erzählstoff.[14]


[1] Kratzenstein, 1744; W. Kaiser, 1977. [2] J. G. Schäffer [1752], 1766. [3] H. Schott, 1993, S. 212. [4] J. G. Schäffer [1752], 1766, S. 76. [5] J. G. Schäffer [1752], 1766, S. 57. [6] A. a. O., S. 78. [7] Berneveld, 1787. [8] Schott (Hg.), 1993. [9] http://en.wikipedia.org/wiki/Duchenne_de_Boulogne (20.11.2010). [10] Brewster [1833], 1984. [11] Ebd., S. 313. [12] A. a. O., S 292. [13] Krätz, 1984, S. 440. [14] A. a. O., s. 448 f.


[i] Schäffer [1752], 1766: Frontispiz; → Abb. Schäffer Electrische Medicin [ii] Barneveld, 1787: Tafel 1; → Abb: Barneveld 1787  [iii] Bischoff, 1801, Tab. I;  → Abb. Bischoff 1801 blinde Frau  [iv] Bischoff, 1801, Tab. II, Fig. 4; → Abb. Bischoff 1801 tauber Mann [v] Brewster [1833], 1984: Tafel XV, Abb. 54; → Abb. Brewster kataleptische Brücke