22. Kap./5 * Die „Entdeckung“ des „thierischen Magnetismus“

Mesmer promovierte im Jahre 1766 an der Wiener Universität zum Doktor der Medizin. Seine Dissertatio physico-medica“ trug den Titel „De planetarum influxu in corpus humanum“.Ihr Inhalt sollte für die spätere Begründung des animalischen Magnetismus programmatische Be­deutung erlangen. Mesmer wies später selbst darauf hin, dass er mit der These von der gravitas animalis, der Annahme einer „belebten Schwerkraft“ oder „Anziehungskraft“, wie sie ins Deutsch übersetzt wurde,[1] die Entdeckung des tierischen Magnetismus theoretisch vorbe­reitet habe.[2] In der Tat legte sie den gedanklichen Grundstein für sein späteres „System der Wechselwirkungen“.[3] Mesmer begann seine Überlegungen mit den von Newton formulierten Naturgesetzen der Schwerkraft, deren Hauptsatz lautet: „omnia corpora in se mutuo gravia sunt“ (alle Körper sind zueinander wechselweise schwer). Er verwies sodann auf Keplers Entdeckung der gesetzmäßigen Bewegungen der Himmelskörper, in denen sich dieses wechselseitige Kraftverhältnis der Körper widerspiegle. Für das irdische Leben stehe der Einfluss des Mondes im Vordergrund, der nicht nur Ebbe und Flut, sondern auch Luft­bewegungen mit seiner Anziehungskraft verursache.

Im Prinizip waren nach der Auffassung Mesmers jedoch nicht nur die flüssigen Massen Wasser und Luft dem Einfluß des Mondes ausgesetzt, sondern alle Körper, also auch die belebten Organismen ein­schließlich des Menschen. In diesem Kontext führte er den Begriff der gravitas animalis ein: Neben der allgemeinen Schwerkraft nach Newton gebe es noch eine andere Kraft, „die durch den endlosen Himmelsraum verteilt, das tiefste Innere jedwedes Stoffes ergreift (afficit), die die ungeheuren Himmelskugeln in ihren Bahnen hält, sie in jeglicher Stellung von ihrem rechten Weg ablenkt und in Unordnung bringt. Diese Kraft ist die Ursache der allgemeinen Schwere und bildet sehr wahrscheinlich die Grundlage aller körperlichen Eigenschaften: denn in den winzigsten Teilchen, flüssigen wie festen, unseres Körpergefüges (nostrae machinae) setzt sie die Bindekraft (Cohaesionem) in Tätigkeit, die Federung (Elasticitatem), Erregbarkeit (Irritabilitatem), Anziehung (Magnetismum) und die Elektrizität (Electricitatem), oder lockert und zerstört diese: und unter solchem Gesichtspunkt könnte man sie nicht zu Unrecht auch die belebte Schwerkraft (Gravitas Animalis) nennen. Wem wäre es je entgangen, daß die bedeutendsten Gemütsbewegungen (affectiones) unseres Körpers durch solche Stoffteilchen zu­stande kommen, die wir wegen ihrer übergroßen Feinheit (subtilitate) fast nicht zur Klasse der Stoffe rechnen können?“[4]

Mesmer setzte die „belebte“ Schwerkraft in Analogie zur physikalischen („unbelebten“) Schwerkraft der Himmelskörper und sah sie zugleich als deren Wesenskern an. Die gravitas animalis erschien ihm somit als das innerste Wirk­prinzip der Natur schlechthin und bestand aus einem unstofflichen Stoff, einem „Lichtstoff“ (materia luminosa), einer Kraft, „die in alle Körper­teilchen eindringt und unmittelbar das ganze Nervengefüge, den Sinnes­apparat, sogar die Nervenflüssigkeit erfaßt“. Sie konnte demnach das Körpergefüge erschüttern, was jedoch nicht unterschiedslos für alle Körper in gleicher Weise gelte, „sondern so, wie bei einem Musikinstrument mit mehreren Saiten nur jener Ton rein wiederklingt, der mit einem gegebenen übereinstimmt, werden nur solche Körper bewegt, die nach Geschlecht, Alter, Gemütsart und besonderer Veran­lagung u.s.w. sicher und bestimmt im Einklang stehen mit einer gegebenen Stellung am Himmel.“[5]

Mesmer formulierte hier bereits die Vorstellung einer spezifischen Wechsel­wirkung, an der er zeitlebens festhielt: Die gravitas animalis übe nicht nur einseitig einen Einfluß auf den menschlichen Körper aus, vielmehr könne sie überhaupt nur wirken, wenn dieser Körper auf sie abgestimmt sei bzw. sich auf sie abgestimmt habe. Mesmer sprach in diesem Zusammenhang die Vermutung aus, daß es etwas in der Natur gebe, das imstande sei, „das Gleichgewicht im Haushalt des menschlichen Körpers zu stören und zu verändern und für viele Krankheiten die Ursache oder die Heilung zu bieten“. Die gravitas animalis erschien dem zukünftigen Arzt Mesmer als Ursache von Gesundheit und Krankheit, von Harmonie und Disharmonie. Mit dieser Idee einer Naturkraft antizipierte er seinen späteren „animalischen“ oder „thierischen Magnetismus“ und suchte in seiner ärztliche Praxis nach em­pirischen Anhaltspunkten für die gravitas animalis. Die „Entdeckung des thierischen Magnetismus“, die er etwa acht Jahre später machte, war also kein blinder Zufall, sondern die Antwort auf eine konsequent verfolgte Fragestellung.[6]

Mesmers Suche nach einem allgemeingültigen Lebensprinzip stand ganz in der wissenschaftlichen Tradition des 18. Jahrhunderts. Medizin und Naturforschung fahndeten nach einem materiellen Sub­strat für den geistigen Beweggrund des Lebens. So erblickte der Leidener Arzt und Botaniker Herman Boerhaave im „Nervenfluidum“ des Gehirns das Grundprinzip des Lebens, der Hallenser Medizinprofessor Friedrich Hoffmann sah es im „Äther“ be­gründet und sein örtlicher Kollege Georg Ernst Stahl identifizierte es mit der anima“, der lebensspendenden Seele. Der Heidelberger Arzt und Botaniker Friedrich Kasimir Medicus nahm eine „Lebenskraft“ außerhalb der organisierten Materie und Seele an, als eine „einfache Substanz […], die der Schöpfer allen organischen Körpern als belebende Kraft mitgeteilt hat“.[7] Doch Mesmers Prinzip der gravitas animalis unterschied sich von den animistischen und vitalistischen Ansätzen seiner Zeit dadurch, daß er von physikalischen Begriffen wie Schwerkraft und Anziehungskraft ausging, womit er sein späteres „System der Wechselwirkungen“ begründete.

Mesmer beschrieb 1781 in einem von ihm als vorläufig deklarierten Forschungsbericht sehr anschaulich seine „Entdeckung des thierischen Magnetismus“. Er wollte seine Leser direkt mit seinen praktischen Erfahrungen konfrontieren, die er bei seinen „magnetischen Curen“ gesammelt hatte. Dieser Bericht solle „nur ein Vorläufer meiner Theorie seyn“, schrieb er zu Anfang.[8] Die mitgeteilten Erfahrungen sollten „die höchste Wahrheit in das vollste Licht setzen: Die Natur bietet dem Menschen-Geschlecht ein allgemeines Heil- und Verwahrungsmittel gegen alle Krankheiten an.“ [9] Damit meinte Mesmer, die These seiner Dissertation empirisch eingelöst zu haben. Noch einmal referierte er die Grundzüge seiner Dissertation von 1766 und gab sie als die theoretische Grundlage seiner Entdeckung aus. Durch die Beobachtung des Krankheitsverlaufes bei einer Patientin, der „29-jährigen Jungfer Oesterlin“, die er 1773 und 1774 in seinem Haushalt behandelte, zeigten sich ihm die „Ebbe und Flut“ im Krankheitsgeschehen sowie „heilsame Crisen“, die eine Erleichterung des Leidenszustandes herbeiführten.[10] Er beobachtete also eine natürliche Periodizität im Verlauf der Krank­heit, eine natürliche Tendenz zur Selbstheilung des Organismus und postu­lierte eine ärztliche „Kunst, die periodische Ebbe und Fluth […] nachzu­ahmen“.[11]

Das Magneteisen in Form des Stahlmagneten war nun für Mesmer das geeignete Mittel, die Natur „nach­zuahmen“. Ihm waren die zeitgenössischen therapeutischen Versuche mit dem Magneten durchaus bekannt. So besorgte er sich von dem mit ihm befreundeten Wiener Hofastronomen Pater Maximilian Hell einige von diesem fabrizierte Stahlmagnet­e, mit denen er die „Jungfer Oesterlin“ behandelte. Seine erste magnetische Kur schilderte Mesmer folgendermaßen: „Den 28ten Julius 1774 bekam die Kranke aufs neue einen ihrer gewöhnlichen Anfälle, und ich brachte bey ihr drey künstliche Magnete, einen auf dem Magen, zween auf den beyden Füssen an. Diß verursachte ihr, in sehr kurzer Zeit, ausser-ordentliche Empfindungen. Sie fühlte, innerlich, ein schmerzhaftes Ströhmen einer sehr feinen Materie, welches sich bald da, bald dorthin, endlich aber in die unteren Theile des Körpers zog, und sie 6 Stunden von allen fernern Anfällen befreyte.“[12] Die erfolgreiche Behandlung dieser Patientin ermutigte Mesmer zur „Cur verschiedener Krankheiten“. So berichtete er von der magne­tischen „Cur“ der 18jährigen „Jungfer Paradis“, einer in früher Kindheit erblindeten Pianistin. Sein Heilerfolg wurde von den Autoritäten der Wiener medizinischen Fakultät in Frage gestellt. Es kam über diesen Fall zu einer aufsehen­erregenden Auseinandersetzung, man warf Mesmer Scharlatanerie vor, so dass sich dieser schließlich gezwungen sah, Wien gegen Ende 1877 fluchtartig zu verlassen und im Frühjahr 1778 seinen Wohnsitz in Paris zu nehmen. Diese entscheidende Wende in Mesmers Lebensweg hat die bildende Künstlerin und Schriftstellerin Alissa Walser sehr einfühlsam in ihrem Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ geschildert.[13] Die Krankengeschichte der „Jungfer Paradis“ – von deren Vater für Mesmer niedergeschrieben[14] – erinnert in manchen Zügen an die Krankengeschichte der „Anna O.“ (Bertha Pappenheim), die rund ein Jahrhundert später der Wiener Arzt Josef Breuer einer kathartischen Behandlung unterzog.[15]

Mesmer teilte 1775 die Grundzüge des „thierischen Magnetismus“ der Fachwelt mit und verschickte seine „Sätze“ an zahlreiche wissenschaftliche Akademien.[16] Als einzige antwortete ihm die „einige Berliner Akademie“. „Weil sei aber die Eigenschafften des von mir beschriebenen thierischen Magnetimus, mit den Eigenschafften des gewöhnlichen Magnets, den ich doch nur als einen Leiter angebe, verwechselte, so gerieth sie in verschiedene Irrthümer, und erklärte sich: Ich müßte mich selbst getäuschet haben.“[17]  Mesmer fühlte sich grund­sätzlich missverstanden. Seine Kritiker hätten „den thierisch [sic] und mineralischen Magnetismus“ miteinander verwechselt, „ohngeachtet ich in allen meinen Schrifften ausdrücklich gezeigt hatte, daß der Gebrauch des letztern zwar nützlich, aber doch ohne die Theorie des erstern immer unvollkommen seye“. Um solche Irrtümer ein für allemal auszuschließen und „die Wahrheit ins gehörige Licht zu setzen“, entschloss sich Mesmer 1776, von der Elektriztät und dem „gewöhnlichen Magneten“ keinen Gebrauch mehr zu machen.[18] Terminologisch sei hier angemerkt, dass die Ausdrücke „animalischer“, „thierischer“ und „Lebensmagnetismus“ sowie (seit 1814) „Mesmerismus“ – wie schon von Mesmer selbst – synonym verwandt wurden. Meines Wissens war der aus Tirol stammende Arzt und Magnetiseur Joseph Ennemoser der Einzige, der den „menschlichen Magnetismus“, die „Wechselwirkungen des Menschen“, als „Mesmerismus“ definierte und unter dem „thierischen Magnetismus“ die „unmittelbaren Wechselbeziehungen der Thiere mit der Natur und mit dem Menschen“ verstand, also den Mesmerismus „im Gegensatz des thierischen Magnetismus“ sah.[19]

Es ist hier zu fragen, ob nicht Mesmer selbst mit seiner physikalischen Beschreibung des tierischen Magnetismus den von ihm beklagten Missver­ständnissen Vorschub leistete, ja, inwieweit er nicht einem Selbstmissverständnis aufsaß. Denn er kennzeichnete seine Auffassung des animalischen Magnetismus nicht als eine metaphorische Redeweise, als Modellvorstellung, sondern ver­stand diesen als eine reale Entsprechung des gewöhnlichen (mineralischen) Magnetismus. So war für ihn der Eisenmagnet weniger ein gegenständliches Modell, eine Anschauungshilfe für eine abstrakte Sache, sondern vielmehr ein augenfälliges Gegenstück zum subtilen magnetischen Fluidum. In dem er schließlich den Gebrauch des Magneteisens aufgab, wollte er die völlige Unabhängigkeit des animalischem vom mineralischen Magnetismus demonstrieren. Damit behauptete er die Eigenständigkeit seines Heilverfahrens und distanzierte sich endgültig von der „Electricität“ und dem „gewöhn­lichen“ Magneten.

Mit der Entwicklung eines magnetischen Kübels (baquet) bereicherte Mesmer schon bald nach der Abkehr vom Magneteisen, das er aber auch weiterhin bei Gelegenheit einsetzte, seine magnetische Technik. Er glaubte, das Fluidum in einem Behälter konzentrieren und es dann vermittels Eisenleitern seinen Patienten mitteilen zu können. Die Patienten gruppierten sich um die Fluidumquelle, mit dieser durch Eisen­stangen und untereinander durch Seile verbunden, was die Wirkung er­höhen sollte. Das setting dieser Art von Gruppentherapie ähnelt sowohl hypnotischen Gruppensitzungen, als auch spiristischen Séancen ein Jahrhundert später.[20] In zahl­reichen, zumeist satirisch zugespitzten zeitgenössischen Abbildungen wurden die mesmeristischen Gruppensitzungen, die bei einzelnen Teilnehmern „Krisen“ auslösten, dargestellt. Mesmers theoretische Annahmen ermöglichten unterschiedliche Verfahren der Behandlungstechnik und ließen eine Reihe individueller Modifika­tionen durch die Therapeuten zu.[21] Die diesbezüglichen Angaben, etwa zur Konstruktion des baquet, seien keineswegs als „Axiome“ anzusehen, da sie „doch eigentlich nur, man möchte sagen, Beispiels halber gegeben sind, und auf mannigfaltige Weise, selbst oft scheinbar widersprechend, modifizirt werden können“, schrieb der Herausgeber von Mesmers Hauptwerk Karl Christian Wolfart in einem Kommentar.[22] Mesmer veröffentlichte in seiner Pariser Zeit programmatische Texte, in denen er vor allem die Geschichte seiner Entdeckung (Mémoires ) und die Grundsätze des tierischen Magnetismus (Aphorismes) darlegte.[23] An späterer Stelle wollen wir uns seinem systematisch aufgebauten Spätwerk, dem „System der Wechselwirkungen“, im Einzelnen zuwenden, dem er eine „vorläufige Einleitung“ vorausgeschickt hat (Kap. 24).[24]


[1] Bertsche, 1942, S. 13. [2] Mesmer, 1781, S. 8 f. [3] Mesmer, 1814. [4] Zit. n. Bertsche, 1942, S. 12 f. [5] Zit. n. Bertsche, 1942, S. 17. [6] Mesmer, 1781. [7] Zit. nach Seidler, 1963, S. 136. [8] Mesmer, 1781, S. 4. [9] A. a. O., S. 5. [10] A. a. O., S. 13. [11] A. a. O., S. 14. [12] A. a. O., S. 15. [13] Walser, 2010. [14] A. a. O., S. 56-64. [15] Breuer / Freud, 1895, S. 20-40; Hirschmüller, 1979, S. 348-382. [16] Mesmer, 1781, S. 50-54; Mesmer 1779, S. 42-47. [17] Mesmer, 1781, S. 29. [18] A. a. O., S. 30. [19] J. Ennemoser, 1852, S. 223-230. [20] Bauer, 1986 [Abb. S. 104]. [21] Mesmer, 1814, S. 115 ff. [22] Wolfart 1814, XXXXI. [23] Mesmer, 1779 [a]; 1781; 1785 [a]; 1785 [b]. [24] Mesmer, 1812; 1814.

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