22. Kap./6 * „Magie der Natur“ als weibliches Schaffen

Im frühen 19. Jahrhundert beschäftigten sich Dichter und Schriftsteller unter dem Vorzeichen von romantischer Naturphilosophie, Mesmerismus und Französischer Revolution ausgiebig mit unheimlichen und abgründigen Seiten des individuellen wie sozialen Lebens. Dämonische, teuflische, zerstörerische Kräfte im Seelenleben des Einzelnen wie des Kollektivs wurden in Schauerromen (gothic novels) dargestellt. Dabei dienten die Phänomene des animalischen Magnetismus als Katalysator, um die unheimliche Natur der menschlichen Seele, ihre dämonischen Abgründe, aufzudecken. Die betreffenden Erzählungen von E. T. A. Hoffmann und Edgar Allan Poe wären hier an erster Stelle zu erwähnen, die sich explizit mit den teuflischen Verstrickungen durch magnetische Manipulationen befassten.[1] Im Folgenden wollen wir uns jedoch einer weniger beachteten Schriftstellerin zuwenden, die für die Thematik der vorliegenden Studie von überragender Bedeutung ist: Caroline de la Motte Fouqué. Ihr Name wird heute fast nur noch im Zusammenhang mit ihrem weitaus bekannteren Schriftstellergatten Friedrich de la Motte Fouqué genannt. Ihr umfangreiches Werk, darunter 20 Romane, zeigt, das man sie nicht als „dilettierende“, sondern als eine „Berufsschrifstellerin“ bezeichnen kann, wie die Germanistin Petra Kabus zur Ehrenrettung dieser Autorin bemerkte.[2] Vor allem beklagte sie Arno Schmidts Geringschätzung von Caroline, der sie nur als Frau von Friedrich de la Motte Fouqué wahrgenommen und ihre Diffamierung durch den Schrifsteller und Diplomaten Karl August Varnhagen von Ense übernommen habe, der sie aufgrund seiner moralischen Bewertung und nicht aufgrund ihres Werkes verurteilt hatte.[3] So ergab sich für Kabus eine plausible Erklärung für ihre Ausgrenzung: „Zur Aufwertung Friedrichs […] gesellt sich immer wieder die Abwertung Caroline Fouqués“Und: „Sie ist als Frau und folglich auch als Schriftstellerin nichts wert.“ [4] Inzwischen kann man von einer Ehrenrettung oder Rehabilitierung Carolines sprechen, wie ein neues Sammelwerk zeigt.[5] Darin unterstrich die Germanistin Julia Bertschik noch einmal, dass Caroline zu Unrecht in Vergessenheit geraten sei.[6]

Der Haupttitel unserer Studie „Magie der Natur“ ist bei (deutschsprachigen) Sachbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts äußerst selten, wenngleich das Konzept der „natürlichen Magie“ (magia naturalis) durchaus noch präsent war.[7] Die heutige Nutzung des Titels geschieht – abgesehen von der „grauen“ Literatur der Esoterik – zumeist losgelöst von der Ideengeschichte der Naturphilosophie auf recht unterschiedlichen Gebieten.[8] So sticht es ins Auge, dass dieser Buchtitel in der (deutschsprachigen) Literaturtgeschichte nur ein einziges Mal auftauchte – und zwar zeigte er 1812 „eine Revolutions-Geschichte“ in Romanform von Caroline de La Motte Fouqué an.[9] Sie war mit Friedrich de la Motte Fouqué von 1803 bis zu ihrem Tode 1831 verheiratet. In den Wintermonaten verkehrte sie in der höfischen Welt Berlins, in den Sommermonaten gestaltete sie ihr Schloss Nennhausen etwa 70 Kilometer westlich von Berlin zu einem intellektuellen Zentrum, das eine Reihe von Literaten besuchte, unter ihnen Chamisso, Eichendorff, Varnhagen von Ense, A. W. Schlegel und E. T. A. Hoffmann.[10] Wie der Herausgeber von „Magie der Natur“ Gerhart Hoffmeister feststellt, setzte sich Caroline darin „auf seriöse Weise mit Mesmer auseinander, ohne die Phänomene des ‚thierischen Magnetismus’ allein dem Spuk blosser Trivialromane zu überlassen und noch bevor E.T.A. Hoffmann sie – aus heutiger Sicht! – in seinen Erzählungen zu Märchenmotiven mit psychoanalytischer Signifikanz umwandelte.“[11]

Caroline hatte vermutlich die seinerzeit höchst einflussreiche Schrift „Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft“ des Naturphilosophen Gotthilf Heinrich Schubert studiert, die bereits 1808 erschienen war.[12] Freilich ist es fraglich, inwieweit sie tatsächlich hieraus Material für die dämonische Antonie im Roman gewann, wie Hoffmeister behauptet, der sich auf Schuberts angebliche Meinung beruft, dass besonders an „unheilbaren Nervenkrankheiten“ leidende Frauen „zum Magnetisieren [sic] am schicklichsten“ seien.[13] Dieser meinte jedoch ganz im Sinne der zeitgenössischen Ärzte nicht deren Auftreten als „Magnetiseusen“ wie im Falle von Antonie, sondern deren Magnetisiert-Werden! Das Originalzitat lautet: „Reizbare oder kränkliche Personen vom anderen [d. h. weiblichen] Geschlecht, besonders solche, welche an unheilbaren Nervenrkankheiten leiden, sind zum Magnetisiren am schicklichsten, weil dieses zugleich heilsamer auf sie wirkt als alle Mittel“.[14] Somnambulismus und magnetische Szenen kommen auch bei Heinrich von Kleist vor, man denke nur an „Das Käthchen von Heilbronn“ oder „Prinz Friedrich von Homburg“. Letzteres Stück lag 1810 im Manuskript vor und Kleist gehörte zum Bekanntenkreis der Fouqués.[15] Doch während Caroline ihre negative Romanheldin, nämlich Antonie, als Kranke darstellte, erschienen die Kleist’schen Somnambulen als sympathetisch sensitive Personen ohne dämonisch-destruktive Züge. Eines wird man jedoch sagen können: Im frühen 19. Jahrhundert bildeten gerade in Deutschland die Phänomene des Mesmerismus in Verbindung mit der romantischen Naturphilosophie eine wichtige Grundlage für die Literarisierung von Magischem, Geheimnisvollem und Unheimlichem.

1811, ein Jahr vor Erscheinen der „Magie der Natur“, veröffentlichte Caroline ihre „Briefe über Zweck und Richtung weiblicher Bildung“.[16] Es liegt nahe, ihre Ideen unter „literarische Weiblichkeitsentwürfe um 1800“ zu subsumieren.[17] Was war das Besondere an Carolines Entwurf? Zum einen die Darstellung der „harmonischen“ Frau als Inkarnation der alles Einzelne umfassenden Natur. Zum anderen die von dämonischen Kräften getriebene Frau, also die Personifizierung der zerstörerischen, zerrissenen Unnatur. In den „Briefen“ zeichnete Caroline das Idealbild der im Einklang mit der Natur stehenden Frau. Im Roman wurde dieses Idealbild in Gestalt der Marie von deren Schwester Antonie als der femme fatale konterkariert, wie noch zu zeigen ist.

Schauen wir uns zunächst das Idealbild an, wie es in den „Briefen“ vorgestellt wird. Weibliches Schaffen und Naturgesetz erscheinen identisch: „Unumstößlich, in sich beschlossen wie die Natur selbst, deren Gesetz sie ist, steht die Form weiblichen Schaffens und Wirkens über der Zeit und ihren wechselnden Erschütterungen hinaus.“[18] Diese Naturnähe und Naturhaftigkeit zeichneten das weibliche Geschlecht ein für allemal vor dem männlichen aus. Denn sie bedeudeten zugleich eine bevorzugte religiöse Stellung zu Gott. Somit ergibt sich eine überraschende Ähnlichkeit mit der Argumentation von Agrippa von Nettesheim knapp 300 Jahre früher (Kap. 38). Während die Männer „mit Blut und Eisen die Gränzen der Weltherrschaft ziehn […], so läuft hier, wie bei ihren Geweben, der rechte Lebensfaden leicht und gefällig durch die Hände der Frauen“.[19] Die Mutter und „weise Hausfrau“ strahle im glücklichen Familienkreis „als Mittelpunkt, als Sonne“, um welche herum Kinder und Hausgesinde gleich Trabanten kreisten. Was aber aus einer Mitte heraus gleichmäßig wirke und in sich aufnehme, sei die „Gesammtheit, Harmonie“, der jede Einseitigkeit fremd sei. Eine solche freie, harmonische Tätigkeit ergieße sich „wie das Licht“ in der Reinheit und Fülle. Die vollendete Weiblichkeit erscheine dann als „reine, selige Liebe.“[20] Da die Frau ausersehen sei, „die unmittelbaren Eingebungen der Natur zu verstehen“, wie könnte ihr da irgendein Gebiet von Wissenschaft und Kunst fremd bleiben?[21] „Nichts steht höher als die Natur, und dies spiegelt ihr göttliches Wesen unmittelbar in der Bestimmung der Frauen ab.“[22] Die Liebe zu Gott trage die Frauen „zu dem Urquell alles Seins und Wissens“, so dass sie ihn „im Lichte erhöheten Gefühls wahrhaft schauen“.[23] Sie werden „in Mitten eines reinen Lichtstromes gehalten, der unmittelbar von Gott ausgehend, sie und die sie umgebende Welt durchleuchtet.“ Diese Positionierung der Frau entsprach derjenigen der Natura in der frühneuzeitlichen Naturphilosophie (Kap. 36). Die Frauen seien „eins mit der Ordnung der Dinge“: „Eingeboren und von der Natur eingebildet ist ihnen daher das Maaß aller Verhältnisse“.[24]

Was zunächst als bürgerliche Rollenfixierung der Frau als Hausfrau erscheinen mag, entpuppt sich bei Caroline de la Motte Fouqué als naturphilosophische Erhöhung der Frau, die nicht nur der Natur, sondern auch Gott näher stehe als der Mann. In der Ehe komme es zu einer komplementären Arbeitsteilung: Der Mann habe zu erspähen, erringen zusammenzutragen, während allein die Frau „in Liebe das Gesammelte begreifen und umfassen kann.“[25] Dies werde ihr dadurch ermöglicht, dass sie weniger von der „Außenwelt“ beeinflusst werde. Vielmehr gehe ihr die Natur als „fromme, liebe Gespielin und Lehrerin“ zur Seite und „so ist es ihnen nicht sonderlich schwer, sich in der Vereinigung mit Gott zu erhalten“.[26] Ja, die Frauen „sehen durch Gott“ – „durch das Auge Gottes“, wie es an anderer Stelle heißt[27] – und so ist ihnen [den Frauen] nichts in Kunst und Wissenschaft fremd. Diese seien ja nur Abbild schaffender Natur, mit der sie selbst so innig verwandt seien. Caroline kam immer wieder auf ihre Schlüsselbegriffe „Religion“, „Bildung“ und „Harmonie“ zu sprechen, um das Idealbild der Frau zu umreißen. „Und Göttlich ist das Thun der Frauen in ihrer einfachen, nothwendigen Bestimmung, umfassend und allwirkend wie die unsichtbar schaffende Natur. […] es ist das reine Maaß der Verhältnisse fühlen und in ihnen seinen Standpunkt wie von selbst finden, harmonischer Tact, ein von der Natur Gegebenes, allein sich und durch sich die Verhältnisse in ihrem Einklange erkennen, Bildung.“[28]

Die Nähe zur Natur, das „innige Einverständiß“ mit ihr, schafft den Frauen auch ein „geheimnißreiches Wissen, wundersame Gewalt über das Verborgene“.[29] Der Topos der „weisen Frau“, den Agrippa bereits in den Mittelpunkt seiner Abhandlung gestellt hatte, wurde auch von Caroline aufgegriffen. Dieser betraf nicht nur medizinisches und magisches Wissen, sondern auch germanische Mythologie und christliche Religion. Sie verwies auf den Kult des Hertha-Festes und auf das Erscheinen Marias, in dem sie das einmalige Sichtbarwerden der geheimnisvoll schaffenden Natur erblickte. „Das reine Bild Maria ist wieder veschwunden, und seitdem sucht sie der Forscher nur in den Tiefen der Dinge.“[30] Hier wird in romantischem Stil noch einmal jene Mischperson gezeichnet, die sich in Renaissance und früher Neuzeit erstmals zeigte: Natura und Maria, miteinander verschmolzen zu einer mütterlichen Vermittlerin göttlicher Weisheit, die den Naturforschern als Leitfigur vorschwebte (Kap. 40).


[1] E. T. A. Hoffmann [1814], 1825; Poe [1845], 1947; G. Müller, 1986, S.77-81; Müller-Funk, 1986. [2] Kabus, 2003, S. 2. [3] A. a. O., S. 20. [4] A. a. O., S. 15 bzw. 31. [5] Bruyn / Gribnitz (Hg.), 2011. [6] Bertschik, 2011, S. 69. [7] Halle, 1783. [8] Feininger, 1977; Hornbostel, 2006. [9] Motte Fouqué, 1812. [10] Hoffmeister, 1989, S. 6. [11] A. a. O., S. 44. [12] Wilde, 1955, S. 244. [13] A. a. O., S. 45. [14] Schubert [1808], 1835, S. 289 f. [15] Hoffmeister, 1898, S. 34. [16] Motte Fouqué, 1811. [17] Wägenbaur, 1996. [18] Motte Fouqué, 1811, S. 9. [19] A. a. O., S. 10. [20] A. a. O., S. 12. [21] A. a. O., S. 13. [22] A. a. O., S. 14. [23] A. a. O., S. 18. [24] A. a. O., S. 23. [25] A. a. O., S. 25. [26] A. a. O., S. 29. [27] A. a. O., S. 36. [28] A. a. O., S. 40 f. [29] A. a. O., S. 43. [30] A. a. O., S. 45.

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