23. Kap./2 * Das Unheimliche und Widernatürliche

Die Polarität von natürlich-harmonischem und widernatürlich-krankhaftem Charakter zeigt sich in dieser „Revolutions-Geschichte“ nicht nur zwischen den beiden Schwestern, sondern auch zwischen dem Marquis und der Baronin, der Schwester seiner verstorbenen Frau. Von einem marodierenden Haufen, der ihr Schloss in Brand gesteckt hatte, in die Flucht geschlagen, treffen der Marquis und seine Töchter zufällig die ebenfalls geflohene Schwester der verstorbenen Frau und Mutter, die so genannte „Baronin“. Sie macht sich zum Anwalt der vergewaltigten Natur und klagt den Marquis an, „denn sie dachte an die blühende Schwester, die ein Opfer jener vermessenen Versuche ward“.[1] Sie fühle es dem „unbezwinglichen Herzen“ an, dass es „die Abgründe der Zeit wie der Erde sprengen, der Natur ihr hohes Geheimniß und die Zügel der Weltherrschaft entreißen, sich aber zum Gott und Tyrannen der Welt hinaufmeistern möchte.“ Der „mystische Feuerblick“ des Marquis stehe im Gegensatz zu ihrem eigenen „Hineinempfinden in das Leben“, gibt die Baronin zu bedenken.[2] Und dieser entgegnet selbstkritisch: „Der Blick für das Maaß und die Verhältnisse des ganzen Außenwerkes ist mir verloren gegangen.“ Er möchte aber seinen Weg weiter verfolgen und seine Töchter in die Obhut der Baronin übergeben. Seine Welt müsse jedem verschlossen bleiben, „den nicht tiefe Nacht die flammenden Hieroglyphen entziffern lehrte.“[3] Und dann formuliert er eine Art von Hymnus an die Nacht: „Pauline, es ist etwas fruchtbar Heiliges um die Nacht; glauben Sie mir das! sie spinnt ihre Fäden durch Schlaf und Traum, wirkt und webt Bilder in die Seele, die aus Gräbern hinaufsteigen, die Decke von dem tiefen Grunde wegziehen und hinweisen auf das große Räderwerk des ewigen Weltmechanismus!“ Die Nacht wird hier zur schöpferischen Natur erklärt, die dem Menschen den Blick in den tiefsten göttlichen Grund freigibt. Nicht der Mensch enthüllt hier die Natur, sondern die Natur enthüllt dem Menschen in der Nacht das „große Räderwerk“.

Schon bei ihrer ersten Begegnung mit Antonie bemerkt die Baronin das Unheimliche in deren Person: „was liegt da für eine dunkle Welt? […] Du hast was Eigenes, Kind, sagte sie, was Fremdes! Ich muß Dich wider Willen ansehn!“[4] Antonie empfand Metalle, die sie berührte, als unangenehm. „Ganz besonders gaben ihr Kupfer und Eisen die größte Qual. Letzteres goß Todeskälte durch ihren Körper, da Ersteres durch bittere Säure ekelhaft auf Geruch- und Geschmacksnerven wirkt.“[5] Aber auch Gold irritierte sie und stach sie prickelnd „wie elektrische Fünkchen“. Einzig ein stählerner Dolch, den sie entwendet hatte und den sie verborgen am Körper hielt, ließ einen „wohlthätigen Strom durch ihre Adern rinnen.“ Die Baronin bildet auch einen Gegenpol zum Marquis, ihrem Schwager. Dieser erklärt ihr sein Vorhaben, die Kinder zu verlassen und nach Ägypten zu reisen, den „Quell der alten Weisheit“, um die verborgenen Schätze zu heben. Er möchte alte Zauberkünste wieder erlernen, die offenbar in der Familie einst durch eine „Stammmutter“, die „alte wunderliche Königin Giselbertha“ gepflegt und in einem alten Zauberbuch in unlesbarer Sprache festgehalten wurden, das dem Schlossbrand zum Opfer fiel.[6] Während der Marquis nostalgisch zurückblickt, vertritt die Baronin eine nüchtern-aufgeklärte Einstellung: „niemand kann jetzt absichtlich zaubern, niemand; das ist vorbei, das soll vorbei sein.“[7] Sie benutzt das Bild vom „Thor“, das dem „überwachsenen Kind“, das aus ihm herausgetreten sei und nun zurück wolle, nun zu klein geworden sei. Nun wolle es dieser Mensch einschlagen, anstatt leise anzuklopften: „es wächst mit seiner Demut und wird höher und höher bis er bequem hineintritt! Heilig nennt ihr die Natur, Ihr Neuerer, und wollt Ihr doch Gewalt anthun? – Nein Marquis, Heut zu Tage kann nur ein Kranker oder ein Teufel zaubern wollen!“ Gleichwohl ist der Marquis überzeugt, „einen Schatz geheimer Kräfte in sich zu tragen, welcher, trotz dem Dunkel der Zeit, sicher an das Licht treten werde.“[8] Er hofft, indem er seine äußeren Lebensumstände genauer beobachtet, „die Einflüsse seiner Natur zu belauschen“.

Antonie wendet sich durch Vermittlung der Baronin dem animalischen Magnetismus zu. Der Tod ihrer Mutter treibt sie um, sie will von ihrer Tante wissen, wie sie starb. Die Baronin erzählt ihr von jener geheimisvollen magnetischen Kraft, „welche einem Wesen über das Andere eine furchtbare Gewalt einräumt“ und weckt damit Antonies Interesse: „Magnetisch heißt die Kraft? fiel Antonie schnell ein.“[9] Worauf die Baronin das „menschliche Gemüth“ anklagt, das alles an sich reißen müsse und willkürlich die Tätigkeit der verborgenen Natur fehlinterpretiere, ohne sich – wie der Marquis – genügend Zeit zu nehmen, die „Hervorbringungen des Magnetismus“ zu prüfen.[10] Sie schildert die magnetische Manipulation im Einzelnen, die Striche mit der Hand, den magnetischen Schlaf, in dem der Schlafende in sich wie in Andere hineinsehe, denke, handle und Dinge rede, „welche er vielleicht wachend nicht zu sagen wüßte.“[11] So erfährt Antonie über die mesmeristischen Umtriebe in Paris, in die ihr Vater verwickelt war, und über die Funktion ihrer Mutter, deren Gemüt von ihrem Manne beherrscht worden sei. Diese Mitteilung bestärkt Antonie in ihrem dunklen Empfinden, sie spürt „die Gewalt tiefer, unergründlicher Liebe“, die sie als „geheimnisvolle Kraft“ aneinanderkettete. Noch einmal ergreift die Baronin Partei für den demütigen Umgang mit der Natur, die den Menschen dann aus den Händen entschlüpfe, wenn sie sie „nun in ihrer Gewalt zu haben glauben“. Dann gehe sie „groß und gelassen“ über sie hinweg.[12] Für die Baronin ist Krankheit „jedes Heraustreten aus dem Gleichgewicht der Natur“, wovor man sich zu hüten habe: „Und nun geh’, Du kleine Nachtwanderlin“, sagt sie zu Antonie, „wir kehren sonst auch die Naturordnung um, und das thut niemand gut.“

Adalbert, der Neffe der Baronin, wird zufällig auf einem Alpenpass von der weiterfliehenden Familie des Marquis schwer verwundet aufgefunden und von ihr gepflegt. Es kommt zu einer merkwürdigen Dreiecksbeziehung: Während sich Adalbert und Marie rasch ineinander verlieben, ist Antonie durch bestimmte Zeichen absolut davon überzeugt, dass Adalbert zu ihr gehöre. Angesichts der fröhlichen Schwester „durchschauerte sie [Antonie] etwas Unbegreifliches, es zog wie der zitternde Hauch eines warmen Luftstromes durch sie hin“.[13] Ihre magnetische Kraft machte sich bemerkbar: So oft sie sich dem schlafenden kranken Adalbert näherte oder ihn anschauen wollte, warf dieser sich hin und her „und sie mußte sich abwenden, aus Furcht, ihn zu erwecken.“[14] Adalbert steht zunehmend im Spannungsfeld zwischen den beiden Schwestern wie zwischen zwei Polen: Mariens „Engelswelt“ und Antonies „Gewalt“ – „und er flüchtete nicht selten vor der Gewalt ihrer Herrschaft, zu Mariens kindlicher, hellen Engelswelt.“[15] Antonies magische Gewalt wird immer wieder beschrieben: „ihr lautloses Erscheinen“, „ihr dunkelglühendes Auge“, dann plötzliche Gebärden, die manchmal „heiter wie elektrische Funken durchbrachen, alles an ihr übte die Magie des Unbegreiflichen, der selten ein Gemüth widersteht.“[16] Als sich plötzlich Marie und Adalbert als Paar zu erkennen geben und sich umgehend trauen lassen, wird Antonies Gewalt deutlich. Sie soll die verbundenen Trauungsringe mit einer Zange voneinander lösen. „Sie schien selbst nicht zu wissen, was sie thue, denn plötzlich brachen die Ringe entzwei“, und sie sinkt mit einem hellen Lachen bewusstlos auf die Erde nieder.[17]

Der behandelnde Arzt übernimmt jetzt die Rolle der besonnenen Baronin als Anwalt der Natur. Die Medizin verkehre vielleicht mehr als jede andere Wissenschaft „mit der geheimnisvollen, unerforschten Natur“. Deshalb habe er bescheiden in seiner Beurteilung von solchen Fällen wie der von Antonie zu sein. „Die heilige Ehrfurcht gegen das Wesen der Dinge erlaubt kein allzudreistes Hervortreten, und deshalb ist dem Arzt besonnenes Schweigen unerläßliche Pflicht.“[18] Der Mensch solle sich an die Entzifferung der Rätsel der Natur wagen, aber „mit Ehrfurcht und Bescheidenheit.“[19] Die Baronin reflektiert darauf hin über Sympathie und Antipathie. „Blick, Ton, Mienen und Geberdensprache, ja die bloße Atmosphäre eines Menschen“ könnten anziehende und abstoßende Gewalt über einen Dritten ausüben und so könnten Neigung und Abneigung „ein Gemüth beherrschen, ehe es sich selbst davon Rechenschaft zu geben wüßte.“[20] Antonie steigert sich in ihrem Wahn. Sie meint „Gottes Fingerzeig“ folgen zu müssen und ist überzeugt, „Adalberts Schutzgeist“ zu sein und das Band zwischen Adalbert und ihrer Schwester trennen zu müssen, „gegen welches Gott gesprochen hatte.“[21]

Im Grunde werden alle zeitgenössischen Phänomene des Mesmerismus im Gespräch der Romanfiguren angesprochen: „Ahndungen, Träume und Vorgefühle“, „die Möglichkeit wechselseitiger Einwirkung in die Ferne“, „die Nothwendigkeit unsichtbarer Verbindung durch alle Welten“, „das Ferngefühl“.[22] Auch die besondere Naturnähe der Frauen, die Caroline de la Motte Fouqué auch an anderer Stelle hervorhob (Kap. 22), wird vom Arzt ausführlich beschrieben. In ihnen wohne ein „Organ für jedes Verständniß“, das „sie augenblicklich in verwandtliche Berührung mit allem setzt, was ihnen nahe tritt. Sie erlangen dadurch eine geheimnißvolle Gewalt über Dinge und Menschen, welche der gesellschaftliche Sprachgebrauch zauberisch nennt. […] aber es gehört dazu das treueste Verharren in der eigenen Natur, […] in der Liebe, welcher der Frauen Wesen ist“.[23] Die Ausführugen des Arztes, insbesondere das Wort Zauberei, fällt „wie ein zündender Funke“ in Antonie, die sich sagt: „Und gäbe es einen Zauber, ihn an mich zu bannen, wie ich an ihn gebannt bin, weshalb sollte ich nicht?“[24] Tatsächlich versucht sie, ihn magnetisch an sich zu bannen. Sie nähert sich ihm durch eine „Blumenwand“ in der freien Natur, während er schläft, „legte ihre rechte Hand unter sein Herz und flüsterte, mit den Lippen fast seine Schläfe berührend: ‚Laß mein Bild in Dich eingehn, halte es fest, wie es der Traum Dir zeigt, werde mein für alle Ewigkeit.’“[25] Sie wiederholt diese Worte mehrmals, gegen die Adalbert im Traum vergeblich anzukämpen scheint, und verschwindet. Adalbert ist von nun an verwandelt, verzaubert, er bebt beim Anglick von Antonie, kann seine Augen nicht von ihr wenden, deren Blick „mit unbeschreiblicher Gewalt“ auf ihn nieder geht, während ihn „tödtliche Angst“ bei den Liebkosungen seiner Frau befällt.[26] Der Liebeszauber wirkt, Adalbert ist Antonie „rettunslos“ und „bis in alle Ewigkeit“ verfallen.[27] Er steht nun zwischen Marie, einem „Engel“ und Antonie, der „bösen Hexe“.[28] Adalbert flieht in diesem unlösbaren Konflikt in die Ferne. Seine Frau Marie zeigt Gottvertrauen: „so möge uns des Ewigen Hand aus diesem Labyrinthe führen.“[29]

Auf Initiative der Baronin kommt es zu einem pädagogischen Versuch, „Antoniens widerstrebendes Gemüth dem Gesetz und der Nothwendigkeit zu unterwerfen. […] Die Natur mußte zeigen, zu was sie hier Muth habe, zum Besiegen oder Zerstören!“[30] Schließlich erscheint die Schwangerschaft Mariens als Gottesurteil: „die Natur läßt sich nicht irren, sie hat ihr einfaches Wort gesprochen, Adalbert ist durch sie an mich gebunden, er ist Vater.“[31] Antonie versteigt sich noch weiter in ihrem Liebeswahn und zieht sich immer mehr von der Gesellschaft zurück. Der Roman endet mit der Rückkehr ins zerstörte Schloss, wo man ein erneuertes Gebäude bezieht. Antonie erschreckt die Mitwelt durch ihr „gespenstisches Erscheinen“, sie schleicht „wie ein Spuk an dem Schlossgemäuer dahin“.[32] Als Marie einen Knaben entbindet und dieser am Bett des totkranken Marquis getauft wird, gerät Antonie in eine verzweifelt Lage. Ihr Recht auf Adalbert war vernichtet, „der Natur geheimnißvolles Walten blieb ein unentworrenes Räthsel.“[33] Im somnambulen Zustand stößt sie sich einen Dolch, „sich an dem Stahle kühlend, in die kranke Brust hinein.“[34] Der aus der Fremde heimkehrende Adalbert trifft auf die Sterbende, die ihren Liebesbann mit den Worten auflöst: „ich gebe die frei, Adalbert!“ Kurze Zeit später stirbt auch der Marquis, der offenbar noch eine wunderbare, erlösende Vision erlebt, mit Gott versöhnt, während die tote Antonie im Nebenzimmer aufgebahrt liegt. Der Schluss ist märchenhaft: Antonie lebt „ohne Zauberei still und friedlich in Adalberts Seele“, während in Marie die „Magie ihres Familienstammes“ so reizend wieder aufblüht, „daß sie ihres Gatten Herz in stets unauflösicheren Banden an sich zog.“[35] Einen Schlüsselsatz des Romans formuliert die Baronin angesichts des Todes von Antonie: „Ein Ausrenken oder Verzerren der schönen Naturverhältnisse kann nur durch einen Stoß oder Schlag in seine Ordnung zurückspringen. Der Schlag ist erfolgt. Sieh nun auf die heitere Ordnung des Lebens!“[36]

Die hohe literarische Qualität des Romans wird in der Literaturwissenschaft vor allem damit begründet, dass Goethe ihn im Juni 1812 in Carlsbad gelesen und sich lobend über ihn geäußert habe.[37] Er schildere ähnliche „magnetische“ Phänomene wie Goethes „Wahlverwandtsschaften“, wobei Antonie als „eine gesteigerte Ottlilie“ erscheinen mag, sodass die Vermutung naheliege, dass Caroline von Goethe beeinflusst wurde – auch über die „Wahlverwandtschaften“ hinaus. Aus heutiger Sicht ist es Caroline meisterhaft gelungen, den gesellschaftlichen Umbruch durch die Französische Revolution, die hoch fliegenden Spekulationen der romantischen Naturphilosophie und die mesmeristischen Erfahrungen und Experimente in einem Roman miteinander zu verweben. Ihre „Magie der Natur“ folgt zudem einem Hauptmotiv der magia naturalis, nämlich der Verehrung der Natur als Vermittlerin göttlicher Weisheit. Die Warnung vor einer gewaltsamen Enthüllung ihrer Geheimnisse und Aneignung ihrer Zauberkräfte ist unüberhörbar. Insofern klingt der Problematik von Schillers Ballade „Das verschleierte Bild von Sais“ an, die dem romantischen Naturgefühl entsprach und die Caroline vermutlich kannte.


[1] A. a. O., S. 82. [2] A. a. O., S. 83. [3] A. a. O., S. 84. [4] A. a. O., S. 85 f. [5] A. a. O., S. 91. [6] A. a. O., S. 94. [7] A. a. O., S. 95. [8] A. a. O., S. 96. [9] A. a. O., S. 108. [10] A. a. O., S. 109. [11] A. a. O., S. 110. [12] A. a. O., S. 112. [13] A. a. O., S. 131. [14] A. a. O., S.  132. [15] A. a. O., S. 142. [16] A. a. O., S. 147. [17] A. a. O., S. 154. [18] A. a. O., S. 160. [19] A. a. O., S. 162. [20] A. a. O., S. 163. [21] A.. a. O., S. 170. [22] A. a. O., S. 166 f. [23] A. a. O., S. 178. [24] A. a. O., S. 180. [25] A. a. O., S. 185. [26] A. a. O., S. 186. [27] A. a. O.,   S. 191. [28] A. a. O., S. 194. [29] A. a. O., S. 196. [30] A. a. O., S. 204. [31] A. a. O., S. 212. [32] A. a. O., S. 224. [33] A. a. O., S. 227. [34] A. a. O., S. 229. [35] A. a. O., S. 234 f. [36] A. a. O., S. 232. [37] Wilde, 1955, S. 244 u. 249.

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