23. Kap./3 * „Besessenseyn“ und „kakomagnetische“ Behandlung

Besessenheit und Exorzismus waren in der romantisch inspirierten Medizin ein ernsthaft diskutiertes Thema. Der Mesmerismus bezog die betreffenden Phänomene auf bestimmte somnambule Zustände. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür bot der schwäbische Arztdichter Justinus Kerner, der sich als praktizierender Arzt und Magnetiseur mit dämonologischen Fragestellungen befasste. Auf seine berühmte Krankengeschichte „Die Seherin von Prevorst“ (1829) wollen wir an anderer Stelle näher eingehen (Kap. 26). Hier soll uns lediglich das Thema Besessenheit und Exorzismus beschäftigen. Theobald Kerner stellte den Umgang seines Vaters mit „Besessenen“ ausführlich in seinen Lebenserinnerungen dar und führte anschauliche in dessen Theorie und Behandlung des Besessenseins ein.[1] Auch Theobald behandelte besessene Patienten in seiner ärztlichen Praxis: „Nach dem Tode meines Vaters bekam ich zwei kakodämonisch behaftete Patienten in Behandlung, die ich durch kakomagnetisches Verfahren zu heilen vermochte.“[2] Nur manche Somnambule, so hatte Justinus Kerner hervorgehoben, kommunizierten mit der Geisterwelt. Dabei seien sie jedoch mit guten Dämonen verbunden, mit „Geistführern“ und „Schutzengeln“, die sie leiteten. Diesen gutartigen „dämonisch-magnetischen Erscheinungen“, welche die „Übernatur“ des Menschen anzeigten, stellte Kerner 1834 in seinen „Geschichten Besessener neuerer Zeit“ „kako-dämonische Zustände“ des „Besessenseyns“ gegenüber, in denen seine „Unnatur“ zum Ausdruck komme. Die Geschichte des „Mädchens von Orlach“ zeigte das Selbstzerstörerische dieses Leidens.[3] Der schwarze Geist eines Mönches, der Hunderte von Jahren zuvor zum Mörder geworden war, umlauerte nun als böser Dämon in wechselnder Maskerade das Mädchen, um immer wieder von ihm Besitz zu ergreifen. „Er hielt sich nun nicht länger mehr, sich verstellend, außer ihr auf, sondern bemächtigte sich von nun an bei seinem Erscheinen zugleich ihres ganzen Innern, er ging in sie selbst hinein und sprach nun aus ihr mit dämonischen Reden“, schrieb Kerner.[4] Eine eindrucksvolle Besessenheitssymptomatik bildete sich aus, was zu dramatischen Szenen führte. Es kam zu einem Kampf zwischen der „weisen Geistin“ und dem „schwarzen Geist“, dem guten und dem bösen Dämon im Seelenleben des Mädchens, dessen Dynamik sich in den beiden Körperhälften widerspiegelte: „Die rechte Seite blieb während der tobenden Anfälle warm und ruhig, indessen das linke Bein eiskalt vier volle Stunden hindurch ununterbrochen mit unglaublicher Gewalt auf und nieder flog und auf den Boden schlug.“[5]

Kerner verglich das Besessensein mit einer Vergiftung, einer ansteckenden Krankheit. Die „geängstigte Imagination“ könne sich eine dämonische Krankheit zuziehen „wie die Pest, Cholera und andere Seuchen“.[6] Die „produktive Imagination“ dagegen erschien als eine heilsame Potenz des Somnambulismus.[7] Hier griff Kerner – vermutlich eher intuitiv als bewusst – auf die paracelsische Imaginationslehre zurück, wonach die „Verzweiflung“ des Menschen die Pest hervorrufen könne (Kap. 31). Zugleich antizipierte er auch jene moderne Suggestionslehre Bernheims, die gegen Ende des Jahrhunderts die Gegensätzlichkeit von heilsamen und pathogenen Autosuggestionen zum Angelpunkt der medizinischen Psychologie und Psychotherapie machte (Kap. 15).

Nach Kerners Auffassung trat im Somnambulismus die „Übernatur“, im Besessensein die „Unnatur“ des Menschen zutage. Insofern seien die Krankheiten der Besessenheit keine natürlichen des gewöhnlichen Lebens, die nur mit der „rationellen Medizin“ allein zu heilen seien, etwa durch Aderlass, Wurmkur oder Bäder. Vielmehr handele es sich um spezifische Krankheiten des magnetischen Lebens, die eine ganz andere Behandlungsmethode, nämlich die „sympathetische“, erforderten. Während die Therapie der somnambulen Kranken auf eine Rückbildung des „entbundenen Nervengeistes“ ausgerichtet war, auf eine Aufladung des geschwächten Organismus mit Lebenskraft, zielte die Therapie der Besessenen auf eine Austreibung der bösen Geister, einen Gegenzauber, eine Entladung der Seele von fremder Spannung. Magnetische Striche in die Gegenrichtung – von unten nach oben, von der „Herzgrube“ zum Gehirn, Handauflegen und Gebet als „geistige Mittel“ – sollten austreiben; Amulette, „Glaube“ und „Gottvertrauen“ sollten die drohende „Besitzergreifung“ abwehren und die Widerstandskraft erhöhen. Kerner übertrug hier offensichtlich seine diätetischen Vorstellungen – im Hinblick auf seine früheren Studien über die „Wurstvergiftung“ – auf den seelischen Bereich. Die Abwehrmaßnahmen gegen „Wurstvergiftung“ (Botulismus) und die Cholera fanden so ihr psychologisches Gegenstück in der Abwehr geistiger „Besitzergreifung“. Die Vergiftung sollte bekämpft, die Ansteckung gebannt werden.[8]

Der Freiburger Psychologe und Vertreter der wissenschaftlichen Parapsychologie Johannes Mischo hat Kerners Diagnostik und Therapie bei Fällen von Besessenheit genauer analysiert und seine „Pioniertat“ hervorgehoben, nämlich die Trennung zwischen Beobachtung und Interpretation.[9] Kerner antizipierte demnach Modellvorstellungen der modernen Psychodynamik, etwa das Konzept der „multiplen Persönlichkeit“ oder die psychotherapeutisch-kathartischen Behandlungsmethode im Gewande des Mesmerismus. Erwähnenswert sei außerdem Kerners Auseinandersetzung mit Spukphänomenen, die in seiner Schrift „Eine Erscheinung aus dem Nachtgebiete der Natur“ (1836) dokumentiert ist.[10] Auch hier zeigte sich seine kritische Einstellung: Er wollte „Naturtatsachen“ von Betrug und Halluzinationen unterscheiden.[11]

Kerner interpretierte das Besessensein freilich auf der Grundlage einer religiösen Heilkunde, wie sie ihm vor allem im Neuen Testament begegnete. Im Zentrum standen natürlich die exorzistischen Heilungen durch Jesus Christus. Die „alte Zeit“ waren für ihn nicht vergangen, sondern auch heute, in der „neuen Zeit“, präsent. Die alten Dämonen, Quälgeister, lebten demnach immer noch und insofern war auch der Exorzismus angesagt. 1847 erschien eine anonyme Schrift, deren Titel schon auf den ersten Blick Kerner als Autor verrät: „Ueber das Besessenseyn oder das Daseyn und den Einfluß des bösen Geisterreichs in der alten Zeit. Mit Berücksichtung dämonischer Besitzungen der neuen Zeit.“[12] Mit einem Kunstgriff ließ er die Identität des anonymen Autors bereits im Vorwort durchblicken. Er verwies darin auf zwei besessene Personen, die er „im Hause seines ihm so theuern Freundes, des Dr. Kerner in Weinsberg“ habe beobachten können.[13] Er halte es für seine Pflicht, „dem Geiste des Unglaubens und der Gewaltthätigkeit gegen das Evangelium nach Kräften entgegenzuarbeiten und diejenigen, denen es um Wahrheit zu thun ist, in derselben zu stärken.“ Wegen der Angabe unzähliger Bibelstellen und weitschweifiger theologischer Auslassungen über die Sünde könnte man zunächst an Kerners Autorschaft zweifeln. Immer wieder berief er sich auf Jesus, auch auf die Tatsache, „daß Jesus selbst an die Existenz und den Einfluß des Teufels geglaubt habe, und daß Er und seine Apostel ihn als solches Wesen bezeichnet haben.“[14] Zugleich finden sich Textpassagen, die der naturphilosophischen Überzeugung Kerners entsprachen und die durchgehend zwischen dämonologischer und tiefenpsychologischer Deutung der Phänomene oszillierten. Die Grundfrage, ob das Böse von außen oder von innen kommt, war für ihn zweitrangig, ging es ihm doch um die Befreiung durch Selbstverantwortung: „Es ist freilich der Mensch sehr geneigt, die Ursache seiner Sünde und seines Verderbens ausser sich zu suchen […]. Sicherer ist’s, wenn er mit Paulus sagt: die Sinnlichkeit, das eigene Fleisch hat mich gereizt, als: ein böser Geist hat mich verführt.“[15] Es sei für den Christen einerlei, „ob er durch das Böse ausser ihm oder in ihm verführt und gereizt wird“, jedenfalls seien ihm Mittel zur Überwindung des Bösen gegeben: „Sei heißen Glaube an Christus, Wachsamkeit, Gebet, Mäßigkeit.“[16]


[1] T. Kerner, 1894, S. 272-340. [2] Ebd., S. 283. [3] J. Kerner, 1934, S. 20-58. [4] Ebd., S. 35. [5] A. a. O., S. 38. [6] A. a. O., S. 58. [7] A. a. O., S. VIII. [8] H. Schott, 1990, S. 447. [9] Mischo, 1990. [10] J. Kerner, 1836 [a]. [11] E. Bauer, 1990. [12] Kerner, 1847. [13] A. a. O., S. III. [14] Ebd., S. 48. [15] A. a. O., S. 72. [16] A. a. O., S. 73.