23. Kap./4 * Exorzismus bei „dämonisch-magnetischen“ Leiden

Kerners naturphilosophischen und theosophischen Metaphern lassen kabbalistische und pietistische Einflüsse erkennen. Inwieweit er sich auf den pietistischen Pfarrer Friedrich Christoph Oetinger bezog, der in den 1750er Jahren in Weinsberg gewirkt hatte, sei dahingestellt.[1] Folgendes Zitat belegt Kerners Selbstverständnis als Naturforscher recht schön: „Aber vergessen muß der Mensch nicht, daß seine Vernunft ein kleines Licht für ihn sey im Dunkel der Nacht, und daß sie, wenn sie im Buche der Natur und der höhern Offenbarung geforscht hat, ihre Schwäche fühlen, sich bescheiden zurückziehen, und die Strahlen gläubig auffassen müsse, die ihr das höhere Tageslicht, die Sonne göttlicher Offenbarung zusendet.“[2] Die öffentlichen Einlassungen eines praktizierenden Oberamtsarztes über Besessenheit und Exorzismus als ein ernst zu nehmendes medizinisches Problem wurden zum Teil mit Misstrauen von den ärztlichen Kollegen aufgenommen, wie die Auseinandersetzung über seine Verordnung eines Amuletts zeigt (Kap. 27). Andererseits bekam Kerner deswegen keine größeren Schwierigkeiten, geschweige denn auch nur andeutungsweise ein Berufsverbot.

Besonders interessant ist sein „Sendschreiben an den Herrn Obermedicinalrath Dr. Schelling in Stuttgart“ aus dem Jahr 1836.[3] Es handelte sich bei diesem Kollegen um Carl Eberhard Schelling, den jüngeren Bruder des Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Er war stark von der romantischen Naturphilosophie seines Bruders und vom tierischen Magnetismus beeinflusst und gehörte zu den bekanntesten Medizinern seiner Zeit.[4] Als Arzt sammelte er während seines Aufenthalts in Wien 1804/05 praktische Erfahrungen mit dem animalischen Magnetismus und führte auch selbst Experimente durch, worüber er ausführlich berichtete.[5] Vor allem interessierte ihn die „ungleiche Sympathie“ in der Arzt-Patienten-Beziehung und das problematischen Machtverhältnis zwischen Magnetiseur und magnetisierter Person. Justinus Kerner wollte mit seinem Sendschreibene dem naturphilosophisch versierten „Obermedicinalrath“ einen Gegenstand „aus dem Nachtgebiete der Natur“ vorstellen, nämlich „das häufig vorkommende dämonisch-magnetische Leiden, das sogenannte Besessenseyn.“[6] Er unterschied zwischen „rationellen“ und „irrationellen“ Ärzten. Letztere wandten die „magisch-magnetische“ Heilweise an, erstere nicht. Sein Anliegen war, dass auch die „rationellen“ Ärzte den Wert des animalischen Magnetismus anerkennen sollten. Dabei wollte Kerner „religiösen Boden“ vermeiden, um sich nicht den Widerwillen „in der jetzigen Zeit der sogenannten Bildung, wie des bestimmten Unglaubens“ bei Vielen, die er unterweisen wollte zuzuziehen.[7] Deshalb wolle er sich jeder Theorie enthalten und das Wort „Dämon“ nur „nach dem Vorbild der Alten“ benutzen. Seine Ausgangsthese war einfach: Dämonisch-magnetische Krankheiten sind nur magnetisch heilbar: „das Volk heißt sie unnatürlche Krankheiten, die nur auf magnetischem Wege (magischmagnetischem) nicht aber durch Medikamente der Apotheken geheilt werden können.“

Kerner war sich sehr wohl über den später sogenannten „Placebo-Effekt“ der ärztlichen Behandlung bzw. über die „Droge Arzt“ (Balint) im Klaren, wenn er meinte, dass der Arzt selbst auch Arznei sein müsse, wenngleich er dies im vorliegenden Zusammenhang explizit nur auf die „magische Heilungsweise“ des Exorzismus bezog. Bei dieser sei nämlich ein großes Hindernis, „daß der Arzt […] zugleich auch die Arzney sein muß, die Natur aber nicht Jedem gegeben hat, hier die Arzney seyn zu können.“[8] Denn es sei die „psychische Kraft des Glaubens in Verbindung mit der organischen Kraft erforderlich“. So könnten schlichte Glaubensmänner, die eine angeborene organische Kraft besitzen, zur Arznei werden, während Hochgelehrte „nicht einmal die Wirksamkeit eines Brodkügelchens zeigen“.[9] Gerade beim dämonisch-magnetischen Leiden des „Besessenseyns“ sei „zugleich die psychische Kraft des Glaubens erforderlich“. An diesem aber und an Naturgabe mangele es den „rationellen“ Ärzten, weshalb sie Heiler aus dem Volk anstellen müssten. Sie könnten eben in solchen Übeln „nicht Arzt und Arznei selbst sein“ – „unsre ganze Lebensweise, unsere von Jugend auf erlittene Dressur des Gehirns ist schon dagegen“. Deshalb sollen solche quasi verbildeten Ärzte „Männer aus dem Volk, die durch Glauben und Naturgabe Kräfte zu ihrer Heilung besitzen, dafür als Medicament verordnen, und solche, damit kein Mißbrauch geschehe, unter unser Augen auf diese Leidenden wirken lassen.“[10] Kerner hatte hier gesunde Männer wie einen gewissen Magnetiseur Meißner im Visier, der in Dresden von Ärzten bei „gichtischen und rheumatischen Krankheiten“ zu Rate gezogen wurde.[11] Andere Ärzte, wie Kerner selbst, bedienten sich somnambul kranker Frauen („Seherinnen“) quasi als Medien bei Diagnose und Therapie ihrer Patienten, wobei Kerner auch seiner „Seherin von Prevorst“ solche medialen Fähigkeiten zutraute (Kap. 26).   

Kerner legte Wert auf die differentialdiagnostische Abgrenzung des Bessenseins von Manie und Epilepsie, mit denen es von der „rationellen Medicin“ zumeist verwechselt werde. Es sei ein sehr häufiges Leiden und werde manchmal als „Monomanie“ der Manie zugewiesen. Es sei aber ein „dämonisch-magnetisches Leiden“ und können nur, „was bei Manie und Epilepsie nie der Fall ist, auf magisch-magnetischem Wege geheilt werden.“ [12] Kerner unterschied bei den Somnambulen strikt zwischen denen, die von einem guten Geist und denen, die von einem bösen beherrscht seien. Diese beiden Klassen von Menschen bezeichnete er als „Agathomagnetische“ bzw. „Dämonisch-magnetische“: „Wie  bei den Agathomagnetischen (Gutmagnetischen) die Uebernatur im Menschen hervortritt und sich in solchen schon durch die Mienen ein guter Geist vorherrschend zeigt, und wie sie alle in ihren Krisen einer Verbindung mit guten Geistern, von Seligen, die sie zu Führern haben, sprechen, auch in ihnen nur Heiliges, Göttliches entwickeln, so tritt bei diesen Dämonisch-magnetischen die Unnatur hervor, teuflisches Besessenseyn, Fluch und Spott gegen alles Göttliche und Heilige, und spricht schon aus ihren Mienen das Vorherrschen einer teuflischen Gewalt in ihnen.“[13] Damit unterschied Kerner kategorial zwischen den „Gut-Magnetischen“ und den „Besessenen“.    

Der Dämon könne nur durch magnetische Mittel ausgetrieben werden, „Mittel der Apotheken, u. a. Blutegel, Blasenpflaster, Klystiere, zuletzt […] auch die Homöopathie“ seien wirkungslos und bringe ihn nicht zum Weichen: „Nur die Anwendung magisch-magnetischer Mittel verräth ihn und treibt ihn aus seinem Schlupfwinkel.“[14] Gegen diesen „geistigen Bandwurm im Menschen“ helfe nur „die Magie des Gebets.“ Ergreife man diese Heilungsweise, „so wird der Dämon meistens zu Sprechen gezwungen, und offenbart selbst, daß er es sey, der schon Jahre lang im Menschen da und dort seinen Sitz genommen und ihm die oder jene Leiden verursacht hat.“[15] Kerner kannte den Vorwurf gegen den Exorzismus, dass dieser nämlich nur jene Geister austreibe, die er zuvor eingegeben habe, und verwahrte sich vehement gegen ihn. Nur Unerfahrene oder Böswillige könnten meinen, die „magisch-magnetische Manipulation impfe solchen Leidenden erst die Meinung von einer zweiten bösen Individuaität in ihnen ein.“[16] In Irrenhäusern befänden sich viele Dämonische, die irrtümlicherweise für Wahnsinnige gehalten würden. „Ein rechter Magus, der Irrenhäuser durchginge, würde in ihnen gewiß merkwürdige Ausscheidungen treffen können.“[17]

Auch mehrere Dämonen könnten aus einem Mensch sprechen, die in verschiedenen Körperteilen ihren Sitz genommen hätten. Sie gäben sich als „in Menschen gebannte Geister unselig Verstorbener“ aus, genaus so, wie sich in Agathomagnetischen die „guten Dämonen (Führer) als Geister selig Verstorbener ankündigen.“[18] Manche Selbstmörder seien ohne ihren eigenen Willen von ihrem Dämon zur Tat getrieben worden.[19] Die magische Heilung geschehe durch „das Gebet und das Wort, und vor allem durch den im festen Glauben ausgesprochenen Namen Jesu.“ Hinzu kämen „magische wirkende Worte und Zeichen“, etwa in Form von Amuletten, die dem „Apothekersarzt“ allerdings als Lug und Trug erscheine.[20] Bei der Besprechung eines Dämons müsse das Wort zum Worte sprechen, „der Geist zum Geiste“. Kerner unterstrich, dass „fester Glaube“ Voraussetzung des Gelingens der Austreibung sei, auf Seiten des Arztes wie des Besessenen. Deshalb sei unter Umständen „ein einfältig glaubender Schäfer“ besser zum Heilen geeignet, als „ein Professor der Psychologie oder der Theologie, oder ein Oberamtsarzt.“[21] Gebet und Fasten seien Hauptbedingungen des Exorzierens. Kerner berief sich hier auf das Matthäus-Evangelium, Kapitel 17. Die psychische Kraft des Glaubens habe sich mit der „organischen Kraft […] durch magnetische Manipulation“ zu vereinen, die beim dämonisch-magnetischen Leiden „von unten nach oben“ geschehen müsse.

Die Behandlung der „Dämonisch-Leidenden“ erfordere mehr „organische Kraft“ als die der „Gut-Magetischen“. Denn ein „dämonischer Widerstand“ erfordere ein starkes Übergewicht der Gegenseite, sonst werde der Magnetisierende selbst „leicht vom dämonischen Pol überwältigt, erschöpft, ja gelähmt“.[22] Lebhaft schilderte Kerner die kräftezehrenden Prozeduren der Austreibung. Wenn diese erfolgreich durchgeführt worden sei, habe man den Leidenden vor der Rückkehr des Dämons zu „verwahren“, und zwar „magisch durch das Wort, durch Besprechung und Gebet.“[23] Wiederum bezog er sich aufs Neue Testament, das „durchaus genau und der Wahrheit gemäß“ das Besessensein in all seinen Äußerungen beschrieben habe. Aber Kerner war sich der Grenze seiner Heilmethode bewusst. Wenn das Leiden so stark dämonisch sei, dass die „magisch-magnetische Kraft des Behandelnden“ nichts ausrichten könne, scheitere die Austreibung. Für solche Fälle sehnte er sich nach einem „Mann mit der Kraft der Jünger Jesu“, ja, dem Erscheinen eines „zweiten Gaßners“! [24]

Kerner war völlig offen gegenüber nicht-ärztlichen Heilern eingestellt, die er in die ärztliche Praxis einbeziehen wollte. Wenn es schon unter den Gebildeten einschließlich den Ärzten kaum jemanden gebe, der die psychische Kraft des Glaubens mit der organischen Kraft in sich vereinige, so gebe es „im Verborgenen“ manche Menschen, die zu solchen Heilungen berufen seien. Er erwähnte den Bürstenmacher Meißner, der durch Zufall die Naturkraft bemerkt habe, die seinen Händen entströmte, als ihn seine an Gesichtsschmerz leidende Mutter bat, seine beiden Hände aufzulegen.[25] Freilich komme diese Kraft nicht aus einem so begabten Menschen selbst, sondern aus Gott. Stolz und Eitelkeit brächten sie zum Verschwinden. Kerner wünschte sich, dass sich „fromme Brüdergemeinden“ um die „Dämonisch-magnetischen“ kümmerten, da diese bei ihren Geistlichen nicht den nötigen Glauben fänden. Er geißelte das „in den höchsten Dingen sehr bornierte“ 19. Jahrhundert, das den beschriebenen Leidenden keine Zuflucht und Heilung mehr biete und die segnende Hand des Priesters nicht mehr die heilende sei, da aller Glaube von der Mehrzahl der Priester gewichen sei.[26]

Romantische Mesmeristen wie Kerner erklärten zeitgenössische „Besessene“ oder historische „Hexen“ also nicht einfach zu Somnambulen oder Nervenkranken, sie ersetzten nicht einfach die Dämonologie durch die Lehre des animalischen Magnetismus. Vielmehr waren sie selbst noch faszniert von der handgreiflichen Realität der Phänomene und ihrer religösen Deutung. Im Hinblick auf die „Besessenen und Hexen aller Nationen, Sekten und Confessionen in allen Zeitaltern“ meinte der mesmeristische Arzt und Schriftsteller Joseph Ennemoser: „Der mesmerische Patient gleicht oft völlig einer Hexe, und er ist entweder eine solche, oder die Hexe ist nichts weiter als ein mesmerischer Patient. […] Der magnetische Arzt ist durch das Aufregen der ungewöhnlichen Erscheinungen aus den unterdrückten oder gestörten Bewegungen des Nervensystems der magische Zauberer; er ist durch die gewandte Leitung derselben der Teufel austreibende Exorcist“.[27] Eine solche Haltung war typisch für diese Generation romantischer Ärzte und Magnetiseure. So wollten einerseits mit Hilfe ihrer mesmeristischen Lehre dämonologische oder magische Erscheinungen wissenschaftlich aufklären, andererseits aber hielten sie immer noch an deren ursprünglicher Bedeutung fest bzw. hatten große Sympathien für sie. Deshalb spielten religiöse Motive eine wichtige Rolle bei ihnen. So meinte Ennemoser in diesem Zusmmenhang, dass Theologen bei ihren Krankenbesuchen „mit ihrem geistlichen Troste durch das mesmerische Handauflegen Leib und Seele“ augenblicklich erquicken könnten und „Missionäre würden als Sendboten ihre Gotteskraft mittelst ihrer wohlthätigen Hände bei den Heiden durch Heilung der Krankheiten überzeugender beweisen, als durch ihre räthselhaften Bibelsprüche.“[28]


[1] Breymayer, 1990. [2] A. a. O., S. 52. [3] J. Kerner, 1836 [b]. [4] Gerabek, 2005. [5] Nübling, S. 84-93; C. E. Schelling, 1806; 1807. [6] J. Kerner, 1836 [b], S. 1. [7] A. a. O., S. 2. [8] A. a. O., S. 4. [9] A. a.O., S. 5. [10] A. a. O., S. 6. [11] Lutheritz, 1835. [12] J. Kerner, 1836 [b], S. 7. [13] A. a. O., S. 8. [14] A. a. O., S. 9. [15] A. a. O., S. 10. [16] A. a. O., S. 11. [17] A. a. O., S. 12. [18] A. a. O., S. 14. [19] A. a. O., S. 15. [20] A. a. O., S. 18. [21] A. a. O., S. 20. [22] A. a. O., S. 21. [23] A. a. O., S. 24. [24] A. a. O., S. 25. [25] A. a. O., S. 66 f.[26] A. a. O., S. 69. [27] J. Ennemoser, 1852, S. 6. [28] A. a. O., S. 7.