23. Kap./6 * „Heilung durch Schläge“

Die Idee der Austreibung des Bösen war für die medizinische Therapeutik wohl zu allen Zeiten und in allen Kulturkreisen fundamental. Insofern gehört der Exorzismus im weiteren Sinn zum Grundbestand medizinischen Denkens und Handelns. Das exorzistische Gebaren mancher Mesmeristen im 19. Jahrhundert erscheint dann nur als ein, wenn auch besonders illustrer, Spezialfall. Die Austreibungsmethoden waren je nach dem zugrunde liegenden Konzept vielfältig. Nach dem Leitsatz „Bös’ muss bös’ vertreiben!“ konnte eine Verwundung, ein künstliches Trauma, auch als Heilfaktor gelten. Am plausibelsten war dies bei der chirurgischen Operation, die bekanntermaßen als therapeutische (und damit erlaubte) Körperverletzung definiert werden kann. In der Medizingeschichte tauchen jedoch zahlreiche unterschiedliche Behandlungsmethoden auf, die ebenfalls eine Traumatisierung beinhalten, ohne jedoch chirurgische Eingriffe im engeren Sinn darzustellen. Zwei gegenläufige Grundvorgänge sind voneinander zu unterscheiden: (1) Das Eingeben von z. T. schmerzhaften Impulsen, die eine „Krise“ erzeugen und mittelbar heilsam sein sollen; hierzu zählen Methoden der „Umstimmung“. (2) Das Herausziehen des Übels (oder des Bösen) nach dem Vorbild der Fremdkörper-Entfernung; hierzu zählen Methoden der Ableitung und Austreibung, insbesondere des Exorzismus. Zu den „traumatischen“ Eingebungen zum Zwecke der Heilung können wir z. B. alle möglichen Schock- und Schrecktherapien in der frühen Psychiatrie um 1800 zählen, etwa das plötzliche Werfen in kaltes Wasser (und das Herausziehen des Kranken erst kurz vor dem Ertrinken), womit u. a. die Befreiung von einer fixen (wahnhaften) Idee erzwungen werden sollte.

Auf eine eklatante Methode des „Exorzismus“  an der Schwelle zur Aufklärung sei hier eigens hingewiesen: die „Flagellation“, das Auspeitschen zu Heilzwecken, das sowohl medizinisch („physisch“) als auch pädagogisch („moralisch“) begründet wurde. In der Kinderaufzucht, bei der Disziplinierung der Soldaten und dem Gefügigmachen der Zuchthäusler setzte es ohnehin allenthalben Hiebe. Die Medizin verschloss sich diesem Trend keineswegs, wie verschiedene Publikationen namhafter Autoren belegen.[1] Es sei hier an das Büchlein des Eisenacher Stadtphysicus Christian Franz Paullini „Flagellum salutis oder Heilung durch Schläge in allerhand schweren Krankheiten“ von 1698 erinnert.[2] Diese „curieuse Erzählung“ ist als eine Karikatur der Medizin zu Beginn der Aufklärung zu lesen, welche Erziehungsmittel zu Heilmitteln erklärte und umgekehrt. So berichtete Paullini, wie ein Kind mit Brennnesseln geschlagen wurde, um die in ihm steckenden „Blattern“ hervor- und auszutreiben. Das Schlagen als heilsame Züchtigung ließe sich einordnen in die Szenarien der Teufelsaustreibung, der mehr oder weniger blutigen Ableitungen und der verschiedenen Schocktherapien in den Irrenanstalten, Behandlungsmethoden, deren Begründung durchaus rational klang und mit der Erziehungsidee der Aufklärung harmonierte. Gerade in der Tradition der antiken Humoralpathologie war die Reinigung bzw. Regulierung der Körpersäfte an die Prozeduren der Ableitung geknüpft: Aderlass, Blutegel,. Schröpfen, Erbrechen, Schwitzen, Abführen („Purgieren“) etc. Der Eiter galt nicht als Störung (z. B. der Wundheilung), sondern als Zeichen der Heilung, da hier die schädigende Materie scheinbar abfloss (pus laudabile, löblicher Eiter). Das künstliche Eitern wurde deshalb als Behandlungsmethode eingesetzt, etwa in Form eines Haarseils, das unter der Haut durchgezogen und lange Zeit liegengelassen wurde, so dass an den frei liegenden Ende des Seils der Eiter abfließen konnte. Noch in der Psychiatrie um 1800 wird das Haarseil unter der Nackenhaut von „Irren“ durchgezogen, um so eine Ableitung der schädlichen Stoffe aus dem Gehirn zu bewirken (insbesondere bei der angenommenen „Phrenitis“).

In dieser humoralpathologischen Tradition findet sich ein besonders illustres Beispiel für die künstliche Traumatisierung als Heilmethode. Der Lehrer und Mechaniker Carl Baunscheidt erfand 1847 in Bonn ein sog. Naturheilverfahren, das er selbst „Baunscheidtismus“ – so der Titel seines in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen erschienenen Hauptwerks – nannte.[3] Durch Reizung von bestimmten Hautbezirken sollten die “Krankheitsstoffe“ von den „Lebenssäften“ abgesondert und die jeweils angesteuerte Organfunktion angeregt werden. Mit Hilfe eines „Lebensweckers“, eines Instruments mit feinen kurzen Nadeln und einem Federzugmechanismus, wurden bestimmte Stellen der Oberhaut oberflächlich (1-2 mm tief) gestichelt und durch Auftragen eines „Original Baunscheidt-Öles“ bis zu einer schwachen Pustelbildung gereizt. Der Baunscheidtismus gehörte somit zur Gruppe der ableitenden Maßnahmen. Der „Lebenswecker“ wurde als Allheilmittel – selbst gegen die Cholera  – angepriesen und war – auch international – eine voller Verkaufserfolg.

Und in gewisser Weise ließe sich auch das schmerzhafte Erinnern traumatischer Erlebnisse während einer Psychoanalyse und überhaupt die künstlich erzeugte „Übertragungsneurose“ ideengeschichtlich in die historische Reihe „heilsamer Traumen“ einordnen, bei der erklärtermaßen das Moment der Austreibung oder Auflösung des fixierten psychischen Traumas („Abreagieren“, „Abfuhr“ deuten auf die Idee der Ableitung hin) im Mittelpunkt der Therapie stand. Psychokathartische Methoden zeigen große Ähnlichkeit mit Phänomenen exorzistischer Behandlungen: Das Aufsuchen des krankmachenden Komplexes, etwa eines traumtisierenden Erinnerungsbildes, das Hervorlocken und schließlich das Austreiben dessselben. Die Methode der „Hypnoanalyse“, die hypnotische und psychoanalytische Techniken miteinander verbindet, kann als eine moderne Anverwandlung des Exorzismus begriffen werden.[4]


[1] Schwarz, 1963. [2] Paullini, 1698. [3] Baunscheidt, 1851. [4] http://de.wikipedia.org/wiki/Hypnoanalyse (6.07.21012).

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