23. Kap./1 * Dämonische Natur in einer „Revolutions-Geschichte“

Erst vor dem Hintergrund der natürlichen Harmonie, wie sie Caroline de la Motte Fouqué der ideal gebildeten Frau zuschrieb (Kap. 22), wurde die dämonische Natur als zerstörerische Verirrung sichtbar, als gewaltsame Zerreißung der Gott gewollten Ordnung. Im Folgenden wollen wir uns der Gegenüberstellung von harmonischer und dämonischer Natur in Carolines Roman „Die Magie der Natur“ zuwenden. Sie wird an den Zwillingsschwestern Marie und Antonie aufgezeigt, die den polaren Gegensatz von Hell und Dunkel, Göttlichem und Teuflischem verkörpern. Es ist bemerkenswert, dass dieser Gegensatz auf zwei Personen verteilt wurde. Dass er in ein und derselben Person verankert sein könnte, war dem romantischen Denken des frühen 19. Jahrhunderts – zumindest der Romanschriststellerin Caroline – eher fremd. Zwar kam es in Antonies somnambulen Zuständen ebenfalls zu einer Bewusstseinsspaltung – sie konnte sich dann daraus erwacht an nichts mehr erinnern –, aber sie hatte auch im normalen Leben eine unheimliche und gefährlich wirkende Ausstrahlung. Erst im Zeitalter des Hypnotismus, der Psychologie des Unbewussten und der wissenschaftlich sich begreifenden Parapsychologie rückte die Problematik der Bewusstseinsspaltung, des Doppel-Ich und der multiplen Persönlichkeit in den Mittelpunkt des Interesses (Kap 18). Das literarische Paradigma für Gut und Böse in ein und derselben Person lieferte der schottische Schriftsteller Robert Stevenson mit seiner Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, der in der Originalfassung 1886 erschien, dem Jahrzehnt also, in dem die (natur)wissenschaftliche Auseinandersetzung mit psychopathologischen und paranormalen Phänomenen einen ersten Höhepunkt erreichte. Just in dieser Zeit, nämlich 1882, wurde auch die Society for Psychical Research (SPR) gegründet, die erste Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung parapsychologischer Phänomene.

Carolines Roman „Die Magie der Natur“ ist für unsere Studie nicht nur wegen seines Titels von herausragender Bedeutung. Die Begriffe „Magie“ und „Natur“ werden hier in einer höchst kunstvollen Weise miteinander verknüpft und stellen einen markanten Knotenpunkt in der Ideengeschichte des Heilens dar. Es geht um die äußere und innere Natur des Menschen, um seine heilsamen und unheilvollen Einstellungen und Handlungen, um die magischen Fähigkeiten im Guten wie im Bösen und nicht zuletzt um die Frage nach dem Wert des Mesmerismus und dem Sinn der Revolution. Wir wollen uns vor allem mit den Leitbegriffen „Magie“ und „Natur“ im Roman auseinandersetzen, auf die Romanhandlung selbst und ihre literaturwissenschaftliche Bewertung kann hier nicht en detail eingegangen werden.[1]

Der Marquis von Villeroi lebt um die Zeit der Französische Revolution auf seinem Schloss an der Rhône: „Ein Schüler Mesmers, rang er mit durstiger Seele nach dem geheimnißvollen Zusammenhang der Dinge. Von dämmernder Ahndung getrieben, dem Wunderbaren ganz rücksichtlos offen, ohne Sinn für das größte Wunder der Welt, Gott in den Dingen, ja ohne Ehrfurcht vor dem Gesetzlichen in der Wissenschaft, und deshalb ohne ruhiges Entfaltungsvermögen, griff er rasch in das aufgerollte Netz, dessen Schlingen sich eben so plötzlich über ihm zusammenhakten und ihn gefangen hielten.“[2] Der Marquis wollte „das große Rätsel mit einem Schlage lösen“ und selbst Mesmer übertreffen. Im Jahre 1779 starb seine Frau im Wochenbett nach der Geburt der Zwillingsschwestern, nachdem er sie mit dem Magneten behandelt hatte, was möglicherweise ihre Lebenskraft „gewaltsam zerbrach“.[3] Im weiteren Verlauf der Erzählhandlung berichtet „die Baronin“, die Schwester der verstorbenen Mutter, ihrer Nichte Antonie über die Verstrickungen ihres Schwagers in die mesmeristischen Umtriebe im vorrevolutionären Paris. „Er beherrschte das Gemüth seiner Frau, und hielt ihr Herz in Händen. Sie war froh, seine leidenschaftliche Zweifel stillen zu können, und öffnete ihm in Stunden der Crisen willig ihr reines Innre.“[4] Bereits der Blick des Marquis habe seine schwangere Frau in „convulsivische Zuckungen und dann in jenen unnatürlichen Schlaf“ versetzt. Als sie, die Tante, einmal anwesend gewesen sei, habe sie das Gefühl gehabt, zwischen dem „todten Leib und der geschiedenen Seele“ ihrer Schwester zu stehen.[5] Alle Forderungen der Baronin, von diesen magnetischen Experimenten abzulassen, fruchteten nichts: Ihre Schwester „wollte so wenig von ihm [dem Marquis], als er von ihr lassen, ja sie war in dem Maaße an ihn gebannt, als sein Nähern zerstörend auf sie wirkte.“ In einer dieser Krisen habe sie dann die Zwillingsschwestern geboren: „Die Natur aber ward durch den doppelten Kampf zerrissen, sie starb wenige Stunden darauf.“

Antonie zieht jedoch aus der gehörten Geschichte gänzlich andere Schlüsse als ihre Tante. Letztere entlarvt die Vergewaltigung der Natur als Ursache des Übels: Wenn Menschen die Natur „recht derb anfassen und sie nun in ihrer Gewalt zu haben glauben“, entschlüpfe diese plötzlich ihren Händen und gehe „gelassen ihren gemessenen Gang“ über sie hinweg.[6] Die Natur heiße die Menschen, „sie geschichtlich begleiten, wenn wie im freundschaftlichen Verkehr mit ihr bleiben wollen.“ Demgegenüber zeigte sich Antonie fasziniert von der geheimnisvollen Kraft, sie fühlte „die Gewalt tiefer, unergründlicher Liebe. Sie konnten nicht von einander lassen, sagte sie sich leise“. Hier deutet sich schon ihr späterer Entschluss an, ihre Liebe zu Adalbert gewaltsam, auf magische Weise, durchzusetzen.

Die „Revolutions-Geschichte“ lebt von der Spannung zwischen zwei gegensätzlichen Magien: Die Magie der Natur bedeutet Harmonie und kreatives Schaffen, die Magie des Menschen dagegen Gewalt und Desktruktion. Dies betrifft sowohl die persönliche Ebene, auf der der Marquis und seine Tochter Antonie gewaltsam die Natur bezwingen wollen, als auch die kollektive Gewalt in der Revolution, die auf den Umsturz der Herrschaftsverhältnisse abzielt. In beiden Fällen zeigt sich aber die Magie der Natur stärker als die der Menschen: Antonie begeht Selbstmord, die Revolution beruhigt sich. Gewalt und Destruktion finden ein Ende. Wir wollen nun die unheimliche Magie näher beleuchten, die von Antonie und ihrem Vater ausgeht. Der Marquis entwickelte zurückgezogen auf dem Schloss ein „fremdartiges Wesen“.[7] Er scheute die Gesellschaft, wurde zu einem „immer verborgenerem Umgang mit dem Geheimnisvollen“ getrieben und gab „seinem Tun und Erscheinen ein fremdes, ja unheimliches, Ansehn“.[8] Sein Kleidung war exotisch, um den Hals trug er etwas in einem Beutelchen „nach Art geweiheter Amulete“, er führte stundenlange Selbstgespräche und strafte seine Leute, die sich nach seinem Befinden erkundigten, „mit einem fürcherlichen Blick […], den er aus dem glühenden Augenpaar auf  sie niederschoß“.[9] Auch später wird von seiner merkwürdigen Sprechweise berichtet: schnell und leise „mit kaum geöffneten Lippen“, so dass sein Reden einem „fernen Säuseln“ glich, einem eigentümlich wogenden „Strom der Rede“ mit prophetischem Inhalt.[10] Eine Szene in der Abenddämmerung veranschaulicht die Spannung zwischen dem magischen Bestreben des Marquis und der magischen Erhabenheit der Natur: Das weiße Gewölk wallte wie ein weiter Schleier auf, „hinter welchem der Vollmond in seiner ganzen, wunderbaren Herrlichkeit heraufstieg, und gleichsam auf dem schwarzen Throne Platz nahm. Dem Marquis war es, als sähe die strenge Naturgöttin strafend auf ihn nieder. Er schauerte unwillkürlich zusammen, und schloß die geblendeten Augen.“[11] Auch hier kam das Motiv der Enthüllung der Isis, das um 1800 in seinen unterschiedlichen Varianten aktuell war, zur Darstellung. Das Schaudern des Betrachters resultierte aus der Blendung, die durch die Selbstenthüllung der Göttin beim gewaltsam Suchenden bewirkt wurde. „Ihm werde, dachte er, jetzt gegeben, was er früher der Natur abzutrotzen meinte. Doch leider sollte er nur immer tiefer in die alte Verwirrung hineingerathen!“[12]

Caroline schilderte diese „Verwirrung“ anhand merkwürdiger Ereignisse. Ein heftiger Donnerschlag zerbricht die Scheiben und „wie durch einen elektrischen Schlag entzaubert“, tritt nun ein mechanischer Vogel aus einer alten Uhr. Der Marquis glaubt, die „Stunde seiner Wiedergeburt“ habe geschlagen und er sei zu einem „höchst wundervollen Berufe“ bestimmt.[13] Er sieht in einer Figur, der „Bildung eines Mannes mit großem Buch und goldenem Schlüssel“ einen verborgenen Hinweis, findet dazu passend einen „Folianten“ in unbekannter Sprache sowie einen Schlüssel und „träumte sich im Besitz vom Steine der Weisen, ohne diesen jemals zu finden“.[14] So baut er sich eine „eigene Magie“ zusammen, „in welcher er sich selbst als Herr und Meister feierte.“ Er ist nun davon überzeugt, dass die Natur „in jeder ihrer Offenbarungen“ eine Stimme habe, die zumeist unverständlich bleibe, der „entbundenen Seele“ aber durch einen „Rapport mit der geheimnißvollen Innenwelt “ verständlich gemacht werden könne: „Das große Phänomen  des Somnambülismus und der Clairvoyance schwebte ihm hierbei vor Augen.“[15]

So entwickelt der Marquis ein „verzücktes Wesen“ und „stillen Wahnsinn“. Konfrontiert mit revolutionären „Bürgern“ erlitt er einen Krampfanfall „und fiel, wie die überreitzte Natur sich jetzt oft so in ihm zerriß, in Haaransträubenden [sic] Zuckungen zur Erde.“[16] Trotz herannahender revolutionärer Gewalt blieb er in seinem Schloss, doch sein Inneres wurde bereits von ihr ergriffen: „Unwillkürlich schloß Frankreichs Boden díe Welt in sich, das eigene, enge Dasein umfaßte die große Angelegenheit der Menschheit“.[17] Als ihn die Nachricht erreichte, dass seine Töchter in einem entfernt liegenden Kloster nicht mehr sicher seien und er sie abholen solle, war es mit seinem Stillhalten vor Ort vorbei: „Die Luft im Schlosse schien ihm das Herz zusammenzudrücken, überall, was er anfaßte, traf es ihn wie mit elektrischen Schlägen!“[18] Die erste Begegnung mit seinen Töchtern im Kloster machte ihm deren Unterschied sofort deutlich – Marie: „ein überaus zartes, fast kindisches Wesen, mit blondem Lockenköpfchen und schmeichelndem Augenpaar“; Antonie: „eine hohe Gestalt von überaus großer Schönheit, blendendem Auge und strenger Regelmäßgkeit in Wuchs und Gang“.[19] Der sich treffende Blick des Vaters und Antonies „brannte in stummen [sic] schauervollem Erkennen ineinander.“[20] Diese geheime Sympathie zwischen beiden zeigte sich auch etwas später, als ein marodierender Haufen das Kloster heimsuchte, in dessen Kellergewölben sich die Gesellschaft versteckt hatte. Auf ein „lautes Commandowort“ dicht neben ihnen zogen die bedrohlich näher kommenden Kumpane ab. Wer es ausgesprochen hatte, blieb unklar. Antonie und ihr Vater traten vor, „und als nun alles ruhig war, standen sich Vater und Tochter nahe und reichten einander die Hände.“[21]

Die Äbtissin, die bislang die Mädchen betreute hatte und sie nun dem Vater übergibt, schildert Antonies Krankengeschichte. Sie stehe allen Menschen fern, ihre Nähe ängstige − am Tag träumend und in der Nacht umherschweifend und merkwürdige Dinge tuend, an die sie sich nicht mehr erinnerte, wenn man sie weckte. Durch strenge Züchtigungen auf ärztlichen Rat habe man zwar ihren krankhaften Schlaf heilen können, aber sie falle „zu Zeiten, am Tage, in jenen dem Nachtwandeln ähnlichen Zustand“.[22] Bei der Weihung einer Novizin habe, wie die Äbtissin berichtet, Antonie hellseherische Fähigkeit gezeigt: Sie verfiel in Somnambulismus, „sank wie todt zu meinen Füßen“ und sprach mit einer Stimme „tief wie aus dem hohlen Innern einer Maschine: heißt ihr das Bildnis wegwerfen, das sie an goldner Kette im Busen trägt, es drückt mir das Herz entzwei!“[23] Sie forderte, das Bild wegzuwerfen, „es ist eines Mannes Bild, ich ertrage den Schmerz nicht länger!“ Tatsächlich trug die Novizin ein Bild auf der Brust, das, wie sich später herausstellen wird, Adalbert, den späteren von Antonie geliebten und von ihrer Schwester Marie geheirateten Mann, darstellte. Man habe daraufhin Antonie, die sich später an nichts erinnern konnte, „wie eine Heilige auf ihr Zimmer getragen.“

Der Vater kehrt mit den Töchtern spät am Abend in sein Schloss zurück. Marie und Antonie durchstreifen die Gemächer „in ungewohnter Vertraulichkeit“. Die „tiefe Ruhe der Natur“ wirkt auf sie ein, „Antoniens Herz war wunderbar erweicht.“[24] Sie gibt ihr Innerstes der Schwester preis. Was sie liebe, flöße ihr plötzlich Schauder und Entsetzen ein, „und fast muß ich glauben, die Natur habe ein unglücklich weissagend Gefühl in meine Brust gelegt, und diese solle sich strenge dem verschließen, was die Welt schön und freundlich nennt. Denn wie leicht, daß ich nur zerstörend lieben könnte!“ An dieser Stelle wird noch eine andere, dunkle Magie der Natur deutlich: Eine Veranlagung, ein Drang im Menschen, das zu zerstören, was er liebt. Caroline de la Motte Fouqué ließ somit die Schwarz-Weiß-Malerei hinter sich: Hier weiße Magie im harmonischen Einklang mit der Natur, dort schwarze Magie als gewaltsame Aneignung der Natur. Antonie kann ihre innere Natur nicht beherrschen, sondern wird von ihr beherrscht, sie ist krank. Auch wenn ihr Vater ähnlich krankhafte Züge aufweisen mag, so verkörpert er doch den aktiven, gewaltsamen Magier und nicht wie seine Tochter eine dämonisch besessene Somnambule.   


[1] Hoffmeister, 1989. [2] Motte Fouqué, 1812, S. 4. [3] A. a. O., S. 5. [4] A. a.O., S. 110. [5] A. a. O., S. 111. [6] A. a. O., S. 112. [7] A. a. O., S. 9. [8] A. a. O., S. 7. [9] A. a. O., S. 8. [10] A. a. O., S. 37. [11] A. a. O., s. 10. [12] A. a. O., S. 11. [13] A. a. O., S. 13. [14] A. a. O., S. 15. [15] A. a. O., S. 16. [16] A. a. O., S. 21. [17] A. a. O., S. 23. [18] A. a. O., S. 25. [19] A. a.  O., S. 34. [20] A. a. O., S. 35. [21] A. a. O., S. 43. [22] A. a. O., S. 39. [23] A. a. O., S. 40 f. [24] A. a. O., S. 63.

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