23. Kap./5 * Im „Reich der Unnatur“

Die Dichotomie von Gut und Böse war, wie wir oben gesehen haben, für Kerners Unterscheidung zwischen Somnambulismus sowie anderen seelischen oder körperlichen Störungen einerseits und Besessensein andererseits grundlegend. Das Böse, das sich als böser Dämon bemerkbar machte, entsprang der „Unnatur“. Dieser Begriff war nun für Kerners Freund Carl August von Eschenmayer, den Tübinger Arzt und Philosophen, von zentraler Bedeutung. Im Anhang zu Kerners „Geschichten Besessener neuerer Zeit“ legte er hierzu seine „Reflexionen über Besitzung und Zauber“ dar.[1] Die Lehre von der „Besetzung“, wie der die Besessenheit nannte, sah Eschenmayer „durch und durch von dem Evangelium sanctionirt.“ Er berief sich nachdrücklich auf die ein Jahr zuvor von Kerner verfasste, anonym erschienene Abhandlung „Ueber das Besessenseyn“ (siehe oben).[2] Die Besitzung gehöre zum „Reich der Unnatur“, das sich in drei Momente zerlegen lasse: „1) Von der Unnatur überhaupt. 2) von der Gestaltung derselben als Act der Besitzung; 3) vom Exorcismus.“ Die menschliche Natur sei „als Mittelglied zwischen eine Uebernatur und Unnatur“ gestellt.[3] Zu ihr gehörten drei „große Proportionen“: die physische, die organische und die moralische Ordnung, die im normalen Falle ineinandergreifen und einen „Zusammenhang von Vernunft- und Naturgesetzen“ herstellen würden. Wenn dieser Zusammenhang aufgelöst werde, wenn einzelne Glieder ihre Grenzen überschritten, werde die menschliche Natur „in fremde Richtungen hineingezogen“ und müsse sich „fremder Gewalt“ beugen.[4] Wird die „Schwere“ so mächtig, dass „Wärme und Licht in ein Kleinstes übergehen“, dann zerfällt die Einheit in eine „Differentialwelt“ und sinkt „unter die Gränze unserer Natur“: Sie wird zur „Unnatur“, zu dem was das Evangelium „das Reich der Finsterniß“ nennt. Werde dagegen das Licht übermächtig, so würden „alle Naturen aetherisch werden“ und es komme zur „Uebernatur“, was das Evangelium „Licht- oder Himmelreich“ nenne.

Eschenmayer argumentierte gewissermaßen vom Standpunkt einer „dynamischen Philosophie“, die aufgrund der Kräfteverhältnisse drei Sphären unterschied: Die „menschliche Natur“ als ausgeglichene Mittelwelt, die „Unnatur“ unterhalb einer bestimmten Grenze in Beziehung zur „Schwere“ und die „Uebernatur“ oberhalb einer bestimmten Grenze in Beziehung zum „Licht“.[5] Dementsprechend seien die Eigenschaften der Wesen der Unnatur „Kälte und Finsterniß“, während die „Integralwesen des Lichts“ „nichts als Aether und Licht“ seien. Diese Polarität von Licht und Finsternis, Gut und Böse, Übernatur und Unnatur macht das  Spannungsfeld zwischen den Extremen aus, in das die menschliche Natur hineingestellt ist: „Wie der gute Wille sich durch Reinigung und Läuterung zur Liebe Gottes verklären kann, so kann der böse Wille durch Laster und Sünden sich zur satanischen Selbstsucht vertiefen.“[6] Wesen, die einen „persönlich-bösen Willen“ haben, der zur absoluten Selbstsucht hinstrebt, und die „im Reich der Finsterniß“ leben, seien die Dämonen.[7] Wesen dagegen, die einen „persönlich guten Willen“ haben, zur absoluten Liebe hinstreben und im Himmelreich leben, seien die Engel. Dämonen würden von denen wahrgenommen, die dem „Reiche der Unnatur“ angehörten, während die „Lichtkörper der Genien oder Schutzengel“ nur den verklärten „Somnambülen“ sichtbar seien.[8] Eschenmayer wollte die Kraft, die von Dämonen und Engeln ausgehe, mit der „magnetischen, electrischen Kraft“ erklären, die umso größer sei, je weniger sie von der Masse absorbiert werde.

Eschenmayer hatte eine durchaus räumliche Vorstellung davon, wie „Besitzung und Zauber“, „das häßliche Zwillingspaar“, aus der Unnatur aufsteigen und sich in die „Menschen-Natur“ fortpflanzen.[9] Dieser böse „Magismus“, der aus der Unnatur entspringt, „ist nichts anders als die an der negativen Gränze der Körperwelt sich erzeugende Polarkraft, welche, durch einen dämonischen Willen beseelt, in die Körperwelt aufsteigt und selbst unter gewissen Bedingungen die menschliche Natur zu ergreifen im Stande ist.“[10] Dabei ging Eschenmayer vom freien Wille des Menschen, seiner „relativen Wahlvollkommenheit“ aus, dem Guten oder dem Bösen zu folgen. Lässt sich der Mensch vom Wissen und Glauben „ziehen, so öffnet er sich den Einflüssen des guten Engels und verschließt sich dem Bösen.“ Lässt er sich „durch den Satan und die Sünde ziehen“, so öffnet er sich den „Einflüssen des bösen Engels und verschließt sich dem Guten.“[11] Besessenheit und (böser) Zauber waren für Eschenmayer „Wirkung der Unnatur“, in welcher „unreine Geister“ in den Menschleib eindringen und sich seiner Organe bemächtigen.[12] Den „Zauber“ begriff Eschenmayer sehr traditionell analog der Hexerei als Ausdruck eines Teufelspakts. Gehe der Mensch ins „negative Extrem über, wo die Natur umbeugt in die Unnatur, dann wird er ein Eigenthum des Satans. Er übergibt sich ihm in förmlichem Bunde“.[13] Solche Personen ließen sich „zu Werkzeugen des Satans gebrauchen“. Einwände gegen seine Theorie von „Besitzung und Zauber“ und ihre Ableitung aus „Simulation“ oder „Nervenanomalien“ wies Eschenmayer zurück und kritisierte insbesondere Hegel: „Er verlegt den Himmel des Jenseits in das Diesseits, und dadurch entschlägt er sich auch der Hölle mit einem Federzug. Denn wer keinen Himmel hat, braucht auch keine Hölle.“[14] Den Himmel hätten solche wie Hegel wohl gerne, „aber ohne die Mühe des Kampfes, der Hölle zu entgehen.“[15]

Das Hypochondrium und seine Organe erschienen den Romantikern als zwielichtige Körperregion. Einerseits konnte die somnambule Person durch die Konzentration ihrer Lebenskraft im Bauchgangliensystem außergewöhnlich Leistungen bis hin zum Hellsehen zuwege bringen, andererseits war diese Region besonders anfällig für pathogene Einflüsse, „krankmachende Ideen“ (ideae morbosae), wie sie Johan Baptista van Helmont nannte (Kap. 31). So wurde die „Milzsucht“ (engl. spleen) auf den bösen Einfluss des Saturn zurückgeführt. Dieser ambivalenten Einschätzung des „Bauchs“, d. h. der Bauchorgane, hing auch Justinus Kerner an. So sagte er im Hinblick auf die drohende Cholera, diese treffe gerade den Bauch, den „Urquell so vieles Bösen“, das „Tier im Menschen“.[16]


[1] Eschenmayer, 1834. [2] Kerner [1833], 1847. [3] Eschenmayer, 1834, S. 121. [4] A. a. O., S. 122. [5] A. a. O., S. 123. [6] A. a. O., S. 126. [7] A. a. O., S. 127. [8] A. a. O., S. 128.  [9] A. a. O., S. 131. [10] A. a. O., S. 132. [11] A. a. O., S. 133. [12] A. a. O., S. 136. [13] A. a. O., S. 165. [14] A. a. O., S. 170. [15] A. a. O., S. 169. [16] Kerner, 1822, S. 367.

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