24. Kap./1 * Das „unsichtbare Feuer“

Mesmers Terminologie erzeugte in der damaligen scientific community große Irritationen und führte rasch zu fundamentalen Missverständnissen. Der permanente Versuch, sein Konzept eindeutig und plausibel vorzu­tragen, scheiterte wohl vor allem daran, dass Mesmer zeitlebens an der physikalischen Auffassung der zu beschreibenden Phänomene festhielt. Wolfart, der beste Kenner, Übersetzer und Interpret des Mesmerschen Werkes gab als dessen Herausgeber wichtige Hinweise. In seiner Vorrede „An den Leser“ ging er auf die Problematik der Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche ein und unterstrich die unge­heuren Schwierigkeiten bei der Begriffsfindung. Der Leser solle beherzigen, „daß er es mit bildlich bedeutungsvollen Wirklichkeiten zu thun hat, welche die Sprache in ihm anregen soll“.[1] So stellte Wolfarts Übersetzung – wie jede Übersetzung – zugleich eine bestimmte Interpretation dar. Er übersetzte „influence“ nicht mit „Einfluss“, son­dern mit „Wechselwirkung“ und betonte dadurch das wechselseitige Kräfte­spiel, das durch den Magnetismus interpersonal zur Entfaltung kommen soll. „Fluide“ möchte er nicht mit „Fluidum“ oder dem Adjektiv „flüssig“ über­setzen, das ihm zu „stoffhaltig“ klinge, sondern mit „Flut“, „Flutstoff“, „Flutendes““, und „fluide universel“ mit „All-Flut“.[2] Insbesondere beim Begriff der „Wechselwirkung“ machte sich die romantische Naturphilosophie mit ihrem Sympathiegedanken bemerkbar, der Mesmer im Gegensatz zu Wolfart distanziert gegenüberstand. Freilich entstand die Übersetzung in enger Zu­sammenarbeit des Herausgebers mit Mesmer und wurde von Letzterem gebilligt.

Bereits in seiner Dissertation von 1766 hatte Mesmer analog zu Newton eine „gravitas animalis“ (lebendige Schwerkraft) postuliert, die er als eine „materia luminosa“ (leuchtende Materie) bezeichnete (Kap. 22).[3] Um das „Grundwesen“ des magnetisierten Körpers zu veranschaulichen, benutzte Mesmer später die Metapher des „unsichtbaren Feuers“.[4] An anderer Stelle sprach er auch von „Lebensfeuer“, ohne auf die Geschichte dieses Begriffes einzugehen, der in der frühneuzeitlichen Naturphilosophie insbesondere bei Paracelsus eine große Rolle spielte (Kap. 34).[5] Diese Aus­drücke illustrierten den theoretischen Kern und den praktischen Ansatz Mesmers am deutlichsten. Das „wirksame Grundwesen“ des tierischen Magne­tismus werde durch ein „unsichtbares Feuer gesetzt, deshalb unsichtbar, da es keinem der gewöhnlichen Sinne fühlbar wird“. Die betreffenden Passagen zeigen die naturphilosophische Ausrichtung Mesmers. Sie beruhte auf der magia naturalis und integrierte zugleich die zeitgemäßen physiologischen Theorien und die neuesten technologischen Errungenschaften. „Dieses Feuer ist seinem Ursprung nach ein künstliches Produkt, welches ich in meinem Individuum hervorgerufen und auf gewisse Weise entflammt habe, indem ich die Einwirkungsmittel des Natur-Magnetismus bis zu dem Grad vereinigte und konzentrirte, daß dieses Feuer dadurch hervorgebracht werden konnte. Die erwägende Erfahrung hat es bewiesen, daß dieses so eingesetzte Grundwesen etwas von der Natur des Feuers habe, es ist keineswegs eine Substanz, sondern eine Bewegung, gleich dem Ton in der Luft, gleich dem Licht im Aether, in einer gewissen Reihe der Gesammtflut modifizirt. Jedoch diese Flut oder diese Reihe ist nicht die des gewöhnlichen Feuers, noch die des Lichts, noch die im Magnet und bei der Elektrizität beobachtete: sondern sie ist von einer Ordnung, welche alle an Feinheit und Beweglichkeit übertrifft.“[6]

Solche Spekulationen waren bereits vor Erfindung und Nutzung der künstlichen Elektrizität im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts schon vielfach angestellt worden. Der „Magnetismus“ diente als Schlüsselbegriff der magia naturalis, wobei besonders Athansius Kircher zu erwähnen wäre. Interessanterweise erschien 1723 die deutsche Übersetzung eines Buches über „magisch-magnetische Heilkunde“, das  Ferdinand Santanelli, Medizinprofessor in Neapel, verfasst hatte. [7] Dieser antizipierte ein Stück weit die Mesmer’sche Lehre. Ob Mesmer eventuell direkt von Santanelli beeinflusst wurde, sei dahingestellt. In einem Schreiben vom 8. Mai 1723 hatte Santanelli sein Buch der Royal Society („Der hohen Königl. Englischen Gesellschaft!“) gewidmet. Er wollte die Magie als eine Naturwissenschaft verteidigen, gehe es doch um die „unbestreitbare Natürlichkeit und die Wirkungsweise der Magie“, wie er in der Überschrift zum zweiten Kapitel formulierte: „Daß es ein solche Wissenschaft gebe, daß sie natürlich sei und nach der einfachen Ordnung der Natur wirke, wird hoffentlich Niemand bestreiten“.[8] Santanellis „einleitenden Sätze“ erinnern an Mesmers „Lehrsätze“ zur Fluidumtheorie.[9] Der erste Satz stellte die fluidale Weltseele vor: „In der Welt existirt etwas allen Körpern Gemeinschaftliches, in welchem sie Bestand haben, und von dem sie beständig afficirt und durchdrungen werden; man nennt dasselbe im Allgemeinen Weltseele, und es ist das feinste geistige Fluidum, das alle Wirkungen leitet, die in der Welt stattfinden und zum Vorscheine kommen.“[10] Der fünfte Satz beschrieb die geistige Feinheit der „Theilchen“: „Diese geistigen Theilchen stehen wegen ihrer außerordnetlichen Feinheit und möglichsten Körperlosigkeit der vernünftigen Seele am nächsten, welche der wahre immaterielle, unsterbliche Geist ist, der den menschlichen Körpern vorsteht und sie regiret.“ Soweit Santanellis Antizipation der Idee des animalischen Magnetismus.

Das „unsichtbare Feuer“ war für Mesmer die „tonische Bewegung“ schlechthin, die „sich mittheilen und alle beseelten und unbeseelten Körper, so zu sagen, entflammen“ könne. Mesmers Grundproblem ergab sich aus der Bestimmung des Verhältnisses von natürlichem (mineralischem) und tierischem (animalischem) Magnetismus, dem springen­den Punkt seiner Theoriebildung. Mesmer bestimmte dieses Verhältnis zu­nächst analogisch. Die Analogie zwischen beiden wies zwei verschiedene Ebenen auf: Zum einen wurde der tierische Magnetismus mit dem natürlichen insofern gleichgesetzt, als beide als reale physikalische Wechselwirkungen begriffen wurden, unterschiedlich nur in ihrer „Feinheit“. Zum anderen aber diente der natürliche Magnetismus nur als Gleichnis, als Modellvor­stellung für den tierischen, war von diesem kategorial unterschieden wie das „unsichtbare“ Feuer vom sichtbaren. Jenes sei „keinem der gewöhnlichen Sinne fühlbar“, dieses dagegen direkt sinnlich wahrnehmbar. Die Kritiker und Feinde des Mesmerismus hätten sich, so Mesmers Vorwurf, immer nur an der zuerst genannten Ebene der Analogie festgemacht und den tierischen mit dem natürlichen Magne­tismus „verwechselt“. Wenn er an dieser direkten Analogie gleichwohl festhielt, so wollte er die Realität des tierischen Magne­tismus als unumstößliche Tatsache darstellen, an der keinerlei Zweifel be­stand. Zu diesem Zwecke benutzte er die ihm geläufige Sprache der Naturwissenschaft und entwickelte sein System ganz im Dienste der Auf­klärung, deren Denken er bereits als Student in Dillingen und Ingolstadt erfahren hatte.[11] Der aufklärerische Charakter des Mesmer’schen „Systems“ ging anschaulich aus dem Verhältnis der beiden Hauptteile seiner Schrift hervor: „Physik“ und „Moral“. Der physi­kalische Teil sollte die Natur als Lehrmeisterin darstellen, von der man „den Plan einer allgemeinen Erziehung“ lernen könne, so daß man die Moral und insbesondere die „wahren Grundsätze der Erziehung […] einzig und allein durch das Studium der Natur kennen lernen“ könne.[12]

Mesmer bestimmte jedoch das Verhältnis von tierischem und natürlichem Magnetismus nicht nur analogisch, wie oben dargelegt, son­dern sah in Ersterem zugleich eine komplementäre Ergänzung unserer Lebenskraft. Unsere natürliche Lebenskraft könne nämlich, so Mesmers Annahme, durch eine künstliche gestärkt werden. „So wie […] der natürliche Magnetismus das wahre Grundwesen unsrer Erhaltung ist, so ist der thierische Magnetismus, wohl geleitet, das allgemeine Mittel die ge­störte Harmonie in allen möglichen Fällen wieder herzustellen. Auf diese Weise wird zugleich unter dem thierischen Magnetismus eine neue ärztliche Wissenschaft, oder die Kunst Krankheiten zu heilen und zu verhüten, verstanden.“ [13] Als Heilmittel des tierischen Magnetismus sah Mesmer jenes „unsichtbare Feuer“ an, das den verfestigten Körper, den Organismus im Zustand der Disharmonie, wieder in Bewegung bringe. Wir werden im Folgenden auf Mesmers Theorie und Praxis des Magnetisierens näher eingehen, wollen zuvor jedoch noch einen Blick auf seine Persönlichkeit werfen.

Er wurde von Anhängern seiner Lehre immer wieder als eine lautere, Freundlichkeit ausstrahlende Gestalt geschildert, die seit frühester Kindheit von einer starken Naturverbundenheit geprägt war. In dieser Perspektive erschien er – von Justinus Kerners erster Mesmer-Biographie[14] bis hin zu Mesmers ideengeschichtlicher Einordnung durch Ernst Benz[15] – als weiser und gelehrter Naturarzt, der voller Güte und Bescheidenheit auftrat und heilte. Man verlieh im gerne den Ehrentitel eines „Magiers“, wie es der katholische Dichter Reinhhold Schneider getan hat, der selbst aus der Mesmer’schen Familie abstammte und seinem berühmten Verwandten die Erzählung „Der Stein des Magiers“ widmete.[16] Der Mesmer-Biograph Ernst Florey setzte dem „Magier vom Bodensee“ ein literarisches Denkmal –[17] ein markanter Topos, der auf den von vielen als magisch empfundenen Bodensee abgestimmt war. Nach allem, was wir wissen, blieb sich Mesmer bis ins hohe Alter treu und hielt an der naturphilosophischen Begründung seiner Fluidumtheorie fest. Er verkünde „das Evangelium der Natur“, schrieb er an Lorenz Oken am 22. Oktober 1811.[18] Im hohen Alter erfuhr er von romantisch inspirierten Ärzten und Naturforschern wie Lorenz Oken, der ihn 1811 in Frauenfeld besucht hatte, Anerkennung und Bewunderung. Karl Christian Wolfart, der Herausgeber von Mesmers Hauptwerk, schrieb über seine Begegnung mit dem alten Meister 1813 in Meersburg mit zeittypischer hagiographischer Stilisierung, wie sehr ihn u. a. „das Umfassende, Helle und Durchdringende seines Geistes“ sowie „die Feinheit seiner Sitten, die Liebenswürdigkeit seines Umgangs“ beeindruckt habe.[19] Hinzu komme „eine noch überaus thätige, fast wunderbare Kraft der Einwirkung auf Kranke mit dem durchdringenden Blick oder blos still erhobenen Hand, und alles dieses durch eine edle, Ehrfurcht einflößende Gestalt gehoben“. Mesmer besaß offenbar eine charismatische Ausstrahlung, die nicht an ein prachtvolles Ambiente gebunden war, worüber er in seiner Wiener und Pariser Praxis verfügte. Auch als seine publikumswirksame Glanzzeit mit Ausbruch der Französischen Revolution zu Ende ging und er dann vorwiegend im Bodenseeraum an verschiedenen Orten der Schweiz und Vorderösterreichs mit einer stattlichen Staatsrente, die ihm die französische Regierung zugestanden hatte, lebte, war er im Stillen immer wieder bis wenige Wochen vor seinem Tod am 14. Februar 1815 als Magnetiseur tätig.[20] Ähnlich wie Wolfart schilderte der Meersburger Seminarist Heinrich Schreiber in Rückerinnerung an Mesmers Beerdigung dessen „ehrfurchgebietende Gestalt […] mit dem durchdringenden Blicke und der still gehobenen Hand, aus der eine wundervolle Kraft auszuströhmen schien“.[21]

Mesmer schilderte 1779 zum ersten Mal die Geschichte seiner Entdeckung (Mémoires) und gab einen systmeatischen Überblick über deren Tragweite in thesenartiger Form (Aphorismes).[22] Die 334 Aphorismen waren in Hauptkapitel unterteilt, wobei das letzte die medizinische Anwendung der magnetischen Behandlung (notions générales sur le traitement mangétique) darstellte. Darin empfahl er unter anderem magnetisiertes Wasser gegen Tumoren und Geschwüre.[23] Bei Krankheiten der Gebärmutter, Dysmenorrhö oder Gebärmutter- und Vaginalvorfall empfahl Mesmer sogar, mit der Hand die Vulva zu magnetisieren: „la paume de la main appliquée sur la vulve hâte le flux menstruel et remédie aux pertes; cela doit être utile dans le relâchement et les chutes de la matrice et du vagin.“[24] Bei Mesmer finden sich meines Wissens darüber hinaus keine weiteren Hinweise zum Handauflegen auf die Vulva. Dass er solche Behandlungen vorgenommen hat, liegt nahe, spricht er doch in diesem Zusammenhang von „ces obervations“. Die Übergänge zu sexualmagischen oder -therapeutischen Verfahren, wie sie später explizit diskutiert wurden (Kap. 47 u. 49), waren beim Mesmerismus fließend.

Im Anhang zum soeben referierten Buch wurde der Brief eines Arztes, eines „élève de Mesmer“, abgedruckt, der ein Licht auf die erotisch aufgeladene Behandlungsatmosphäre wirft.[25]Darin machte er eine interessante Anmerkung zur „sympathischen Vereinigung von Magnetisierten“ (De l’union sympathique des magnétisés): Wenn sich zwei Magnetisierte in der Krise vereinigen wollten, sollte man sie nicht daran hindern und die Süße ihrer sympathetischen Verbindung nicht unterbrechen (en faisant cesser la douceur et le charme de leur union sympathique).[26] Freilich beschrieb der dies „sympathische Vereinigung“ nicht konkret. Eine gegenüber der zu magnetisierenden Person feindlich eingestellte sollte aus dem Zimmer gehen, denn „son intention malfaisant pourrait contrarier l’action du fluide magnétique et son effet deviendrait inverse ou nul.“ Der Autor schilderte auch seine Erfahrungen mit dem Fernmagnetisieren (Magnetisation à distance)“ und dem Magnetisieren mit Hilfe von Reflektoren sowie der Verstärkung durch Luft und Ton.[27] Es sei nicht nötig, die Kranke (cette dame) zu berühren, anatomische Kenntnisse und Konzentration des Willens seien zum Magnetisieren ausreichend: „supposant toujours que le magnétisant connaisse l’anatomie, il dirige son intention vers cette dame, de manière qu’il se représente le viscère malade tel qu’il serait à decouvert s’il était disséqué, et doit envisager non seulement d’idée, la partie qu’il magnétise, mais même diriger sa vue sur l’objet que sa pensée contemple en opposition“.[28]


[1] Wolfart, 1814, S. XXXV. [2] A. a. O., S. XXX f. [3] H. Schott, 1982, S. 197. [4] Mesmer, 1814, S. 18; 110. [5] Mesmer, 1814, S. 163. [6] A. a. O., S. 110. [7] Santanelli [1723/1855]  1978. [8] Ebd., S. 24. [9] A. a. O., S. 50-56; Mesmer, 1785 [b]. [10] Santanelli [1723/1855]  1978, S. 50 f. [11] Kupsch, 1985. [12] Mesmer, 1814, S. LXX. [13] A. a. O., S. 19. [14] J.  Kerner, 1856. [15] Benz, 1977. [16] R. Schneider, 1949. [17] Florey, 1995. [18] Zit. n. Benz, 1977, S. 8. [19] A. a. O., S. 9; Wolfart, 1814, S. XIX. [20] Florey, 1995, S. 250-252. [21] A. a. O., S. 253. [22] Mesmer, 1779 [b]. [23] Ebd., S. 170: Aph. 320. [24] A. a. O., S. 172: Aph.    32. [25] Zit. a. a. O., S. 175-206. [26] Ebd., S. 188. [27] A. a. O., S. 194-196. [28] Ebd., S. 195.