24. Kap./3 * Selbstmagnetisieren

Selbsttherapie als Initialzündung für die Entwicklung von Heilkonzepten ist in der Medizingeschichte ein bekanntes Phänomen, sei es die von Ärzten oder von medizinischen Laien. Es sei daran erinnert, dass sich der berühmte Massenexorzist Pfarrer Joseph Gaßner zunächst selbst exorzierte und damit von seinem Leiden befreite, ehe er den Exorzismus an anderen anwandte. Sich selbst magnetisieren, hypnotisieren, suggerieren und analysieren sind bekannte Methoden, die wir vor allem aus der Geschichte der Psychotherapie kennen, von den Mesmeristen bis hin zu Sigmund Freud (Kap. 18).[1] Wir wollen uns im Folgenden mit dem Selbstmagnetisieren, der magnetischen Selbstbehandlung, befassen.

Der Berliner Militärchirurg Karl Alexander Ferdinand Kluge ging in seinem umfassenden Lehrbuch über den animalischen Magnetismus beiläufig auch auf das Selbstmagnetisieren ein. Sein erstmals 1811 erschienes Standardwerk wurde in der Folgezeit dreimal aufgelegt und in fünf Sprachen übersetzt.[2] Durch bestimmte Manipulationen mit dem Daumen über die Augenlider, so genannte „Pollicar-Volar-Manipulationen“, könne der Kranke eingeschläftert werden, sich aber auch selbst in Schlaf versetzen.[3] Kluge berichtete vom Fall einer jungen Dame, der von dem Heilbronner Stadtphysikus Eberhard Gmelin mitgeteilt wurde, „welche ohne alle verhergegangene magnetische Behandlung ganz von selbst in einen magnetischen Schlaf verfiel, in welchen sie sich intinktmäßig durch fast diesselben Manipulationen [mit dem Daumen] versetzte und auch wieder daraus erweckte.“[4] Das Selbstmagnetisieren der Magnetiseure sollte vor allem ihre eigene magnetischen Kraft verstärken, bevor sie an anderen magnetische Manipulationen vornahmen. Kluge referierte hier unter anderem die Empfehlungen des französischen Mesmeristen Tardy de Monreval („Tardi“ bei Kluge), wonach der Magnetiseur „mit dem Baquet, mit einem magnetischen Baume, oder durch die magnetische Kette mit anderen Menschen“ zusätzliche Kraft gewinnen könne, oder dadurch, dass er sich selbst magnetisiere, um sein „Nervenfluidum“ in Bewegung zu bringen.[5] Letzteres hielt Kluge aus eigener Erfahrung für zweifelhaft. Wenn die „französischen Magnetisten“ glaubten, durch Enthaltung von „erhitzenden Getränken und Speisen“ sowie Tabak ihre Wirkungskraft zu steigern, so wollte Kluge ihnen widersprechen: „Ich glaube im Gegentheile mein Wirkungsvermögen verstärkt zu haben, wenn ich während der Manipulation ein Glas Wein trank.“[6]

Der Jenaer Medizinprofessor Dietrich Georg Kieser, ein Wortführer der wissenschaftlichen Verteidiger des Mesmerismus, ging in seinem Hauptwerk „System des Tellurismus“ auf das Selbstmagnetisieren genauer ein. Da der somnambule Mensch ein „tellurischer Mensch“ sei und deshalb eine „größere magnetische Kraft“ habe, wirke er kräftiger magnetisch.[7] Deshalb trete bei ihm auch das Selbstmagnetisieren zur „künstlichen Erregung des besonderen Lebens einzelner Organe“ leichter ein.[8] Es sei hier angemerkt, dass nach Kieser potenziell alle Naturkörper einander magnetisieren konnten, nicht zuletzt die einzelnen Körperorgane untereinander: „Wie im normalen Leben der Mond der Somnambul der Erde ist, und der Mensch in seinem Nachtleben der Somnambul der Erde, so ist im menschlichen Körper schon im normalen Zustande der bewegte Muskel der stete Somnambul des bewegenden Nervs oder der Willensthätigkeit, indem beide, Willensaction und Muskelbewegung nur besondere Thätigkeiten sind, von denen die letzte durch die erste erregt wird.“

Wollen und Glauben (handelnder Glaube)“ des Magnetiseurs rufen nach Kieser den „tellurischen Pol“ des psychischen und somatischen Lebens im Somnambulen hervor. Er lehnte sich hier offenbar an die Parole „croyez et veuillez“ des bedeutenden Mesmer-Schülers Marquis de Puységur an, den er in seinem Werk jedoch kaum erwähnte und dessen Namen er auch in diesem Zusammenhang verschwieg. Dieselbe Wirkung könne aber auch erzeugt werden, „wenn der eigne Wille und Glaube des Menschen auf den Menschen selbst zurückwirkend tellurisches Leben erzeugt, welches im wissenschaftlichen Ausdruck nur psychisches Selbstmagnetisiren genannt werden kann“.[9] Kieser berichtete von Manipulationen somnambuler Personen, die sich – „auf organische Weise“ – „nach vergeblichem Magnetisiren durch andere“ selbst mit Erfolg magnetisieren oder auch selbst durch „Gegenstriche“ wecken konnten.[10] Auf „psychische Weise“ geschehe das Selbstmagnetisieren durch die „Wirkung einzelner psychischer Organe auf andere“, durch den eigenen Willen oder eigenen Glauben des Kranken. „Tellurische Potenzen des Hirnlebens“ würden dann den eigenen Körper und dessen Organe beeinflussen und dort „tellurisches Leben erzeugen“.[11] Kieser zählte dann die erstaunlichen Phänomene eines solchen willkürlichen Selbstmagnetisierens auf: „Paralysierung des Herzens und Stillestehen des Pulses und Athmens“ bis hin zum Scheintod. Historische Beispiele, wie etwa die Kunst der indischen Braminen und Fakire, subsumierte er somit dem (psychischen) Selbstmagnetisieren.[12] Überhaupt wurden mit diesem Begriff nun alle möglichen dämonischen, magischen und religiösen Phänomene früherer Zeiten erklärt: die Hexen und Bezauberten, die Wunderheilungen durch Reliquien der Heiligen, die „Convulsionnairs“ in Paris und schließlich die Wundmale Christi sowie andere Zeichen bei der Nonne und Mystikerin Anne Katharina Emmerich aus Dülmen, die durch Clemens Brentanos  einschlägige Schriften berühmt wurde und zur Zeit der Veröffentlichung von Kiesers Werk noch lebte.

Ärzte magnetisierten sich häufig auch selbst, um sich von ihren Leiden, insbesondere Schmerzen, zu befreien. Ein gewisser Dr. Carl Bursy, „ausübender Arzt in Kurland“, schilderte im „Archiv für den thierischen Magnetismus“ seine eigene Selbsttherapie.[13] Er berief sich auf einschlägige Berichte über Selbstmagnetisieren von Gall, Gmelin, Tardi [d. i. Tardy] und Kluge. Die Natur habe dem Menschen die Fähigkeit verliehen, „sein eigner Arzt zu seyn“. Der Autor litt wegen des kurländischen Klimas unter „rheumatischem Kopf- und Zahnschmerz“. Bei heftigem Zahnschmerz suchte er Zuflucht beim animalischen Magnetismus, und wandte ein Baquet, das zur Patientenbehandlung diente, bei sich selbst an: „Den Leitungsstab brachte ich an die äußere Wangenseite des schmerzhaften Zahnes.“ Nach einer halben Stunde entwickelte sich plötzlich „ein kritischer Schnupfen“ und der Zahnschmerz war nach einer Stunde dauerhaft überwunden. Damit sei ein „Beispiel für die Möglichkeit und Wirksamkeit des Selbstmagnetisirens“ gegeben, meinte der Autor. Den heilsamen Schnupfen erklärte er damit, dass Krankheiten am Kopf bei magnetischer Behandlung „auch meistentheils ihre Krisen am Kopfe“ fänden. In einem „Zusatz des Herausgebers“ widersprach Kieser dem Autor: Die “Massen des Baquets” hätten wohl selbstständig die Wirkung erzeugt, nicht die dem Baquet mitgeteilte Kraft des Magnetiseurs (worüber der Autor freilich nicht explizit berichtete). Ähnlich habe man in den 1780er Jahren mit künstlichen Magneten geheilt und die Heilkraft dem mineralischen Magnetismus zugeschrieben, „übersah aber ebenfalls die allgemeinere Kraft des Eisens, wie sie sich höchst wahrscheinlich im Baquet zeigt.“[14]

Der aus Tirol stammende Arzt und Magnetiseur Joseph Ennemoser, der von 1819 bis 1837 als „Professor für Thierischen Magnetismus“ an der Universität Bonn mit wenig Erfolg lehrte, betrieb ab 1841 eine anerkannte eigene Praxis in München und veröffentlichte 1852 sein umfassendes Lehrbuch „Anleitung zur Mesmerischen Praxis“. Darin stellte der in einem Kapitel auch das „Selbstmagnetisiren“ dar.[15] Er verwies auf einen gewissen Magnetiseur Birot, der in den Annales du Magnetisme animal 1814 über diese Art der Selbsttherapie berichtete. Er konnte seinen chronischen Knieschmerz heilen, indem er sich selbst magnetisierte. Auch habe er sich oft „das Wasser magnetisirt zum eigenen Gebrauch, wodurch ich mir die Verdauung beförderte.“[16] Aubin Gauthier, ein namhafter Experte für die Geschichte des Mesmerismus, unterschied bei der „ipsomagnétisation“ die direkte und die indirekte Behandlung.[17] Erstere geschah vor allem durch Handauflegen, letztere durch „Zwischenkörper“ wie einen Baum, „eine gefüllte magnetische Flasche oder ein Baquet“. Ennemoser gab detaillierte Anweisungen zum Selbstmagnetisieren: „Das magnetisirte Wasser gebrauche man unter Tags öfter als Getränk und äußerlich bei örtlichen Leiden.“ Er erwähnte auch „Hellsehende, die sich die Kur selbst verordnen“, ohne freilich Justinus Kerners „Seherin von Prevorst“ zu erwähnen, die er selbst aus der Nähe miterlebt hatte (Kap. 26).

Die Möglichkeit des Selbstmagnetisierens war für Ennemoser selbstverständlich gegeben, was seine rhetorische Frage zum Ausdruck bringen sollte: „Besitzt nun der Mensch wirklich eine strömende Kraft − ein Fluidum, das er in bestimmten Richtungen von sich geben, concentriren etc. kann − warum soll er es nicht auch auf seine eigene Leibesprovinzen richten können?“[18] Die Einwirkung auf sich selbst sei das Gleiche wie die auf andere, und man müsse sich wundern, „warum man ein so natürlich eingepflanztes Vermögen nicht einmal für sich persönlich zu benützen versteht.“ Die magnetische Selbstbehandlung durch Handauflegen oder Trinken des „magnetischen Wassers“ sei bei gewissen Beschwerden, die durch „gastrische Unterleibsanhäufungen“ verursacht würden, wohlfeiler als alle möglichen „Brech-, Laxir- und Schweißmittel“ abgesehen von der Behandlung durch den Doktor oder Bader. Insbesondere pries Ennemoser das Selbstmagnetisieren als Porphylaktikum in „Zeiten ansteckender Krankheiten“, etwa „bei der Cholera und beim Nervenfieber“.[19] „Ein Eßlöffel voll alter Rheinwein in einem Glase magnetisirten Wassers, Morgens und abends, ist eine Panacee dazu und ein paar Wachholderbeeren gekaut und eingenommen läßt nichts Böses einnisten. Probatem est!“[20] Ennemoser empfahl die „Selbstkur“ mit einer Reihe von praktischen Ratschlägen. So solle man „magnetisches Wasser“ bei „örtlichen Entzündungen, Schmerzen, Wunden“ immer bereit halten, zur „Concentration der [magnetischen] Kraftwirkung“ sollte man bei der „Handbehandlung“ alle Finger in eine Spitze zusammenstellen und sie beispielsweise über eine Geschwulst halten. „Magnetisirte Wolle, Tücher, Flaschen und Baquete kann sich Jeder im Nothfalle selbst verschaffen.“


[1] H. Schott, 2006/2007. [2] Mielich, 2009, S. 117. [3] Kluge, 1811, S. 422. [4] A. a. O., S. 423. [5] A. a. O., S. 485; Tardy, 1786. [6] A. a. O., S. 486. [7] Kieser, 1822, 1. Bd., S. 68. [8] A. a. O., S. 70. [9] A. a. O., S. 246. [10] A. a. O., S. 247. [11] A. a. O., S. 248. [12] A. a. O., S. 251. [13] Bursy, 1818. [14] Ebd., S. 166. [15] J. Ennemoser, 1852, S. 230-237. [16] Ebd., S. 231. [17] A. a. O., S. 232. [18] A. a. O., S. 233. [19] A. a. O., S. 234. [20] A. a. O., S. 345.