# 24. Kap. Mesmerismus: Heilmagnetismus als Universalmedizin

Werfen wir zunächst einen Blick auf die heutige Rezeption des Mesmerismus in der  Medizinhistoriographie. Sie ist aus meiner Sicht durch zwei Charakteristika geprägt. Zum einen erscheint der Mesmerismus als Vorstufe der modernen Psychotherapie, ja, als deren Beginn. So wird er gerne rückläufig durch den Vergleich mit der Hypnose plausibilisiert und als wissenschaftshistorisch ernst zu nehmende Vorgeschichte der modernen Psychotherapie legitimiert. Zum anderen wird seine naturwissenschaftliche und naturphilosophische Fundierung in der abendländischen Wissenschafts- und Kulturgeschichte ausgeblendet, insbesondere seine spezifische Fortschreibung der frühneuzeitlichen magia naturalis. Mesmeristische Ideen waren durchweg um 1900 unter dem Verdikt des „Okkultismus“ aus dem Diskurs der wissenschaftlichen Medizin exkommuniziert. Gerade die wichtigste Botschaft des Mesmerismus, dass nämlich die „Magie der Natur“ ein Schlüsselproblem für Theorie und Praxis der Medizin darstelle und deshalb grundlegend für deren Krankheitsbegriff und Menschenbild sei, wurde von der naturwissenschaftlichen Medizin ignoriert. Subversiv wirkte jedoch Mesmers Lehre außerhalb von dieser weiter und hinterließ vielfältige Spuren in Naturheilkunde, Alternativmedizin und Esoterik.           

Der Mesmerismus wurde in volkstümlichen bzw. volkstümelnden Kreisen gerne auch als „Heilmagnetismus“ bezeichnet, um seine Eignung als allgemeines Heilmittel hervorzuheben. Gerade die Romantiker stilisierten ihn als ein traditionelles Volksheilmittel, das schon immer von einfachen Leuten wie Schäfern und Landleuten eingesetzt worden sei. Es ist auffallend, wie stark der Mesmerismus seinerzeit gelehrte Ärzte ebenso wie Laienheiler fasizinierte. Als er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammen mit anderen Heilmethoden der naturwissenschaftlichen Medizin das Feld räumen musste, wanderte er in die Laienmedizin ab und erlebte dort, ähnlich wie die Naturheilkunde insgesamt, eine Renaissance. In der Laienmedizin fand die Ratgeberliteratur zum Mesmerismus und zur Hypnose, die zumeist in einem Atemzug genannt und häufig auch synonym verwandt wurden, im Kontext der Naturheilbewegung große Verbreitung (Kap. 8).[1] Manche Broschüren und Handbücher zum Hausgebrauch wiesen hohe Auflagen auf. Als Beispiel sei hier auf den österreichischen Militärbeamten und Okkultisten Gustav Albert Geßmann hingewiesen, der von den 1880er bis zu den 1920er Jahren zahlreiche populäre Sachbücher verfasste, darunter auch eines mit dem Titel „Magnetismus und Hypnotismus“.[2] Die Grundidee des Mesmerismus war einfach: Da angeblich alle Körper, auch der menschliche, in ein Fluidum eingetaucht schienen, das über die Nerven auch in den menschlichen Organismus eingeleitet werden konnte, bestand die ärztliche Kunst darin, dieses Fluidum zu bündeln und geziehlt auf den Kranken zu übertragen. Es gab unterschiedliche Methoden hierfür, die in der einschlägigen Literatur ausführlich dargestellt wurden: Magnetische Striche (passes) mit den Händen über die Körperoberfläche, Behandlung mit dem magnetischen Kübel (baquet) in der Gruppe oder auch einzeln, sonstige magnetische Manipulationen wie zum Beispiel das Trinken von „magnetisiertem“ Wasser.

Das Magnetisieren wurde vielfach mit anderen Heilmethoden kombiniert, um diese zu intensivieren, etwa mit Homöopathie, Phrenologie oder Galvanismus. Hierbei ging es weniger um „magnetischen Schlaf“ und Somnambulismus, als vielmehr um die organische Kräftigung bzw. Verstärkung der Heilwirkung der jeweiligen Methode. Zunächst soll aber Mesmers ursprüngliches Heilkonzept referiert werden, das selbst von professionellen Wissenschaftshistorikern noch heute leicht missverstanden wird. Immer noch wird, wie von Mesmers Zeitgenossen, der animalische Magnetismus mit dem mineralischen oder gar der Elektrizität verwechselt. So ist in einer wissenschaftlichen Biographie über den Botaniker Christian Gottfried Nees von Esenbeck, einen herausragenden Kenner der mesmeristischen Literatur (Kap. 28), zu lesen, Mesmer habe mit seinem baquet elektrische Ströme produziert und das „über die Elektrizität gewonnene, sogenannte Fluidum im Körper der Patienten“ weitergeleitet.[3] Es habe sich also „um eine Elektrotherapie, die unter falschem Namen als magnetische Therapie angewandt wurde“, gehandelt!     


[1] H. Schott, 1985 [b], S. 268-271. [2] Gessmann, 1887; http://wiki.astro.com/astrowiki/de/Gustav_Wilhelm_Ge%C3%9Fmann#Publikationen (15.12.2010). [3] Bohley, 2003, S. 53.

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